Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Folville, Juliette (Eugénie Emilie)

* 5. Jan. 1870 in Lüttich, † 28. Okt. 1946 in Dourgnes, Violinistin, Pianistin, Cembalistin, Klavierlehrerin, Komponistin und Dirigentin. Ersten Unterricht in Klavier und Solfège erhielt sie ab 1874 von ihrem Vater Jules Folville (Lebensdaten unbekannt), einem Anwalt und ehemaligen Schüler von Antoine Jalheau, Klavierlehrer am Lütticher Konservatorium, und ihrer Mutter Emilie-Joséphine-Eugénie geb. Ansiaux, einer späteren Bürgermeisterin (Ort unbekannt). Ab 1883/84 studierte Juliette Folville am Lütticher Konservatorium bei César Thomson (1857–1931) Violine und bei Jean-Théodore Radoux (1835–1911) Komposition. 1887 erhielt die Musikerin für eine Fugenkomposition den ersten Preis und beendete ihr Examen mit Auszeichnung. Spätere Violinlehrerer waren der Pariser Violinist und Komponist Charles-Théodore Malherbe (1853–1911) und Ovide Musin (1854–1929). In Paris wurde sie, wahrscheinlich Mitte der 1880er Jahre, auf dem Klavier von Charles Delaborde (Lebensdaten unbekannt) ausgebildet. Seit ihrer Kindheit betätigte sie sich als Komponistin.

Ab 1879 sind öffentliche Auftritte Juliette Folvilles überliefert. Im Jahr 1882 trat sie bei einem Konzert unter der Schirmherrschaft des Gouverneurs der Provinz Lüttich auf. Im folgenden Jahr gastierte sie auf Einladung Ferdinand Hillers beim Gürzenich-Konzert in Köln. Vor 1885 lernte Juliette Folville die Comtesse Louisa de Mercy-Argenteau (1837–1890) kennen, welche sich später in Briefen an Folvilles Eltern als Patin der Musikerin bezeichnet. Durch ihre Förderung kam Juliette Folville in Kontakt mit den Komponisten César Cui und Alexander Porfirjewitsch Borodin. „Letzterer bot sich ihr als künstlerischer Mentor an“ (MGG 1). Nach Abschluss des Studiums folgten größere Konzertreisen durch Belgien, die Niederlande, Frankreich, Deutschland und England. Konzerte sind in Paris (1887), London (1888, 1914), Antwerpen (vor 1891), Brüssel (vor 1891), im belgischen Ostende (1891, 1893, 1895), in Lille (1891, 1892), Rouen (1893) und Bournemouth (1922) überliefert. Bei den meisten Auftritten präsentierte sie sich als Künstlerin in mehreren Disziplinen, überwiegend als Pianistin, Violinistin und ab ungefähr 1890 auch als Dirigentin. Weitere Konzerte erfolgten u. a. in Lüttich um 1906 mit dem Violoncellisten Maurice Dambois. Im Mai 1914 trug sie zusammen mit der Geigerin Beatrice Langley und dem Cellisten Warwick Evans in London Ravels Klaviertrio vor.

Von 1898 bis 1920 wirkte Juliette Folville als Professorin für Klavier am Lütticher Konservatorium und leitete dort eine jährliche Konzertreihe mit Alter Musik. Neben ihrem Ruf als ausgezeichnete Pianistin und Violinistin profilierte sich die Musikerin bei Konzerten zunehmend auch als Cembalistin. Während des 1. Weltkriegs lebte sie im südenglischen Bournemouth, wo sie ebenfalls eine Konzertreihe mit Musik des 17. Jahrhunderts veranstaltete. Ab 1920 wohnte sie vermutlich in London. Zwischen 1925 und 1932 sind in einigen niederländischen Zeitschriften Radiokonzerte von Juliette Folville auf den Sendern Daventry und Chelmsford angekündigt, sodass anzunehmen ist, dass sie sich noch bis 1932 in England aufhielt. Um 1932 kehrte sie nach Belgien zurück und unterrichtete im Kloster Saint-Augustin (Jupille bei Lüttich) Violine, Klavier und Gesang. Hier entstanden einige ihrer Kompositionen. Anschließend lebte sie bis zu ihrem Tod in Dourgnes (Frankreich).

Schon ihre ersten Auftritte 1886 in Paris zeigen ihre vielfältigen musikalischen Fähigkeiten: „Dans le but de nous présenter et de nous faire entendre Mlle Juliette Folville, pianiste, violiniste et compositeur de musique, M. Oscar Comettant nous conviait jeudi dernier, dans ses salons du faubourg Montmartre, à une soirée musicale des plus intéressantes. Nous ne pouvons faire moins que constater la phénoménale organisation de cette fillette de quinze ans qui, pendant deux heures d´horloge, a su tenir sous le charme de son merveilleux talent un auditoire où l´on pouvait remarquer MM. Ambroise Thomas, Benjamin Godard, Marmontel, G. Pfeiffer, Maréchal, de Bériot, R. de Boisdeffre, Sivori, Dolmetsch, Paul Collin, Masset, Hasselmans, M. et Mme Viguier, L. Broche, etc. Parmi les compositions de la jeune artiste qui nous ont le plus particulièrement frappé [sic], nous devons citer une suite de cinq petites pièces pour piano, intitulée Scènes de la Mer, d´une fraicheur [sic] et d´une distinction charmantes, une Aubade, poésie de M. Paul Collin, chantée avec talent par M. Bosquin, et une Berceuse, soupirée par Mlle Rosa Bonheur. Le grand attrait de la soirée a été l´audition du Concerto romantique pour violon de M. Benjamin Godard, exécuté par l´auteur et Mlle Folville. Véritable régal musical“ („In der Absicht, uns die Pianistin, Geigerin und Komponistin Mlle. Juliette Folville vorzustellen, hat M. Oscar Comettant uns vorigen Donnerstag in seine Räumlichkeiten im Faubourg Montmartre eingeladen, zu einer musikalischen Soiree von höchstem Interesse. Wir können nichts weniger als die phänomenale Begabung dieses 15-jährigen Mädchens feststellen, welches mit seinem wunderbaren Können zwei Stunden lang ein Publikum bezauberte, in dem man folgende Persönlichkeiten wahrnehmen konnte: MM. Ambroise Thomas, Benjamin Godard, [Auguste] Marmontel, G[eorges]. Pfeiffer, [Henri] Maréchal, [Charles-Auguste] de Bériot, R[ené]. de Boisdeffre, Sivori, Dolmetsch, Paul Collin, [Jules] Masset, [Alphonse] Hasselmans, M. und Mme Viguier, L. Broche, usw. Unter den Kompositionen der jungen Künstlerin, die uns besonders erstaunt haben, müssen wir eine Suite von fünf kleinen Stücken für Klavier mit dem Titel Scènes de la Mer nennen, von entzückender Frische und Originalität, und eine Aubade nach einem Gedicht von M. Paul Collin, die von M. Bosquin ausgezeichnet gesungen wurde, und eine Berceuse, dahingeseufzt von Mlle Rosa Bonheur. Der große Reiz der Soiree aber war der Vortrag  des Concerto romantique für Violine von M. Benjamin Godard, das vom Komponisten selbst und von Mlle Folville ausgeführt wurde. Ein wirklicher musikalischer Genuss“, Le Ménestrel 1886, S. 14).

Zu Folvilles Repertoire zählten u. a. das Violinkonzert Nr. 2 in g-Moll op. 35 (Concerto romantique) von Benjamin Godard, das 4. Klavierkonzert von Henry Littolf (1818–1891), Klavierwerke von Schumann, Chopin, Mendelssohn und Raff sowie eigene Kompositionen. Auch wenn sie in der Literatur für ihr Bemühen um die Alte Musik gelobt wird, lassen sich dazu nur spärliche Rezensionen finden. Ihre Würdigung als Cembalistin erfolgte anscheinend nachträglich.

Als Dirigentin erregte sie besonders in den 1890er Jahren große Aufmerksamkeit: Im Dez. 1890 leitete sie als erste Frau das Concertgebouw Orchestra bei der Aufführung ihrer Orchestersuite Scenes Champetres [sic]. 1892 dirigierte sie die vielfach in der Presse gelobte Premiere ihrer zweiaktigen Oper Atala (beruhend auf dem Text von Paul Collin) im Grand-Théâtre von Lille.

Im Jahr 1889 erwähnt die französische Presse die Absicht Juliette Folvilles, am Prix de Rome teilzunehmen. Möglicherweise ist der belgische Ableger des berühmten französischen Kompositionswettbewerbs gemeint. Nähere Informationen liegen nicht vor.

 

WERKE FÜR KLAVIER

2 Sonatines pour le piano, 1881/1882; Berceuse, Liège, Muraille 1884; Musique de scène pour Jean de Chimay, um 1905

 

WERKE FÜR VIOLINE

Triptyque für Violine und Klavier; Mazurka für Violine und Klavier; Concertstück für Violine und Orchester

 

LITERATUR

L´art moderne 1893, S. 7

Chronique artistique. Journal hebdomadaire illustré 1893, S. 83, 158

L´Echo d´Ostende 1893, 7., 10. Sept.; 1895, 19. Sept.

L´Europe artiste 1892, 13. März, 10. Apr.

La Feuille d´Ostende 16. Juli 1891

FritzschMW 1891, S. 77, 96

Le Guide musical 1906, S. 14

Het Nieuws van den Dag. Kleine Courant [Amsterdam] 1. Jan. 1891

Leeuwarder courant 1925, 2. Jan.; 1931, 14. Apr.

Limburgsch dagblad 1931, 14. Apr.; 1932, 5. Apr.

Le Ménestrel 1886, S. 14; 1887, S. 176; 1889, S. 229; 1890, S. 93303; 1891, S. 231247; 1892, S. 88112; 1922, S. 270

Le Monde artiste 1893, S. 26

MusT 1916, S. 515

La Saison d´Ostende 1891, 12., 15. Aug.; 1893, 7., 9. Sept.; 1895, 12., 18. Sept.

MGG 1, Baker 4, MGG 2000

Charles Bergmans, Le Conservatoire royal de musique de Gand, Gand 1901.

Marcel Florkin, Un prince, deux préfets: Le mouvement scientifique et médico-social au Pays de Liège sous le règne du despotisme éclairé (1771–1830), Liège 1957.

Arthur Elson, Woman’s Work in Music, Boston 1904, Repr. Portland 1976.

Eliane Gubin [u. a.] (Hrsg.), Dictonnaire des femmes belges. XIXe et XXe siècles, Brüssel 2006.

Friedrich Frick, Kleines biographisches Lexikon der Violinisten. Vom Anfang des Violinspiels bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Norderstedt 2009.

Georges Hansotte, Inventaire des archives du Conservatoire royal de Musique de Liège: http://search.arch.be/BE-A0523_701514_705942_FRE.ead.pdf, Zugriff am 15. Mai 2013.

Silke Wenzel, „Beatrice Langley“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/beatrice-langley, Zugriff am 15. Mai 2013.

 

Jannis Wichmann

 

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