Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Bassewitz, Basewitz, Marie (Luise Agnes), Maria von, verh. Natterer, Natterer von Bassewitz, Natterer-von Bassewitz

* 2. Juni 1860 in Waltershausen/Thüringen, † August 1929 in Coburg, Pianistin und Klavierlehrerin. Ihre Eltern waren Klara geb. Töpfer (1832–1899) und der Herzoglich Sächsisch-Coburgische und Gothaische Regierungsrat Friedrich von Bassewitz (1817–1892). Die pianistische Ausbildung erhielt sie bei dem Theodor-Kullak-Schüler Hermann Tietz (1844–1901), der seit 1886 in Gotha ansässig war, 1869 dort Hofpianist wurde und 1880 ein privates Konservatorium gründete. Zwischen 1883 und 1886 ergänzte sie ihr Studium durch „einen Cursus bei Professor [Julius] Epstein in Wien“ (NZfM 1886, S. 140).

Marie von Bassewitz’ erstes in der Fachpresse belegtes Konzert fand am 1. Mai 1880 im Gothaischen Musikverein unter der Leitung von Hermann Tietz statt: „Frl. v. Bassewitz riß mit Weber’s Concertstück [f-Moll op. 79] die Zuhörerschaft zu rauschendem Beifall hin. Schöner kräftiger Anschlag und bewunderungswürdige Sicherheit der Technik im Verein mit zarter, seelenvoller Auffassung gewannen dem Spiel der talentvollen, jungen Künstlerin alle Sympathie“ (NZfM 1880, S. 248). Am 8. Okt. 1881 und am 12. Okt. 1882 spielte sie in demselben Rahmen Beethovens 3. Klavierkonzert c-Moll op. 37. Die Musikerin blieb mit regelmäßigen Auftritten im Gothaischen Musikleben präsent, vor allem durch häufige Teilnahme an den Konzerten des von Tietz 1868 gegründeten Musikvereins, wobei immer wieder ihr „korrektes, elegantes und feinsinniges Spiel“ (NZfM 1883, S. 523) hervorgehoben wurde. Neben Solo-Kompositionen von Beethoven, Chopin, Schumann, Leschetizky, Anton Rubinstein und Liszt übernahm sie auch Klavierbegleitungen, so bei einem Wohltätigkeitskonzert am 21. Okt. 1897: „Fräulein Marie von Bassewitz von hier, bekannt durch ihre meisterhafte Technik, verstand es vorzüglich, in anschmiegsamer Weise die Gesangs- und Violinpiecen zu begleiten“ (NZfM 1897, S. 554).

Spätestens seit 1893 war Marie von Bassewitz als Klavierlehrerin am Gothaischen Konservatorium tätig. Der Anstellungszeitraum lässt sich zurzeit nicht ermitteln.

1902 begann in der Karriere der Pianistin eine neue Phase: Sie wurde Mitglied der Frankfurter Trio-Vereinigung, der der Geiger Joseph Natterer (1880–?) und der damals am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt lehrende Violoncellist Hugo Schlemüller (1872–1918) angehörten. Den vorliegenden Presseberichten zufolge widmete sich Marie von Bassewitz fortan fast ausschließlich der Kammermusik. 1902 veranstaltete sie mit Joseph Natterer in Eisenach, Gotha und Coburg Beethoven-Zyklen, in denen alle Sonaten für Violine und Klavier zur Aufführung kamen. 1905 spielten sie in Gotha die drei Violinsonaten von Brahms.

Am 31. Juli 1905 heiratete Marie von Bassewitz ihren Kammermusikpartner Joseph Natterer, der anschließend nach Gotha zog. 1907 veranstaltete das Paar dort drei historische Sonatenabende mit Violinsonaten von Joh. Seb. Bach, Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und Richard Strauss. Die Frankfurter Trio-Vereinigung hatte bei einer Konzertreise nach Regensburg, Augsburg und Nürnberg 1904 das 2. Klaviertrio C-Dur op. 87 von Brahms im Repertoire und musizierte in Gotha 1905 mit dem Leipziger Hornisten Friedrich Gumpert (1841–1906) Brahms’ Horntrio Es-Dur op. 40. In der Wintersaison 1913/14 sind Konzerte eines „Natterer-Trios (Bach-Jahrbuch 1914, S. 191, 194) in Bayreuth, Erfurt, Mühlhausen und Arnstadt nachgewiesen; am 3. Nov. 1914 gaben Marie und Joseph Natterer in Eisenach einen Kammermusikabend als Wohltätigkeitskonzert für die Kriegsangehörigen-Fürsorge.

1912 trat die Pianistin mit der Gothaischen Orchestervereinigung unter Alwin Anschütz nochmals solistisch auf, mit einem nicht näher bezeichneten Klavierkonzert von Mozart.

Für ihre Verdienste um das Musikleben im Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha wurde Marie Natterer-von Bassewitz 1910 zur Hofpianistin ernannt, ihr Mann wurde um 1909 Konzertmeister der Gothaischen Hofkapelle, erhielt 1914 die Medaille für Kunst und Wissenschaft in Silber und 1917 die Verdienstmedaille in Gold des Sachsen-Ernestinischen Hausordens. 1920 findet sich ein letztmaliger Eintrag im Gothaer Adressbuch. Anschließend zog das Paar anscheinend nach Coburg: Beide nahmen mit der Herkunftsangabe „Coburg“ Pfingsten 1926 am 2. Historischen Musikfest in Rudolstadt teil.

 

LITERATUR

Standesamtlicher Eheeintrag Natterer u. v. Bassewitz, Gotha Nr. 173/1905

Schreiben des Stadtarchivs Gotha vom 15. Okt. 2012 an die Verf.

Schreiben des Thüringischen Staatsarchivs Gotha vom 18. Okt. 2012 an die Verf.

Bach-Jahrbuch 1914, S. 191, 194, 203

FritzschMW 1909, S. 236; 1910, S. 174

Jahrbuch der Musikbibliothek Peters 1929, S. 80

Die Musik 1904/05 III, S. 446; 1908/09 IV, S. 61; 1911/12 IV, S. 178, 181

NZfM 1880, S. 248; 1881, S. 431; 1883, S. 441, 523; 1886, S. 149f., 1888, S. 319; 1890, S. 558; 1893, S. 200; 1895, S. 518; 1897, S. 554

Signale 1882, S. 828; 1904, S. 1172; 1905, S. 614; 1907, S. 640

Julius Schuberths Musikalisches Conversations-Lexikon (Art. Tietz, Hermann), hrsg. von Emil Breslaur, Leipzig 11. Aufl. [1890].

Ernst Wollong, 2. Historisches Musikfest in Rudolstadt und auf Schloß Heidecksburg. Pfingsten 1926, Rudolstadt 1926.

 

Freia Hoffmann

 

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