Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Tardieu de Malleville, Charlotte (Marie-Elisabeth), geb. d’Arpentigny de Malleville, Amédée Tardieu, de Malleville-Tardieu, de Malleville

* 9. Sept. 1829 in Roncherolles (heute R.-sur-le-Vivier/Dep. Seine-Maritime), † 20. oder 29. Mai 1890 in Paris, Pianistin, Klavierlehrerin und Komponistin. Ihre Ausbildung erhielt sie in Rouen, der Hauptstadt des Departements Seine-Maritime, bei dem Pianisten, Komponisten und Musikgelehrten Jean-Amédée Le Froid de Méreaux (1802−1874), mit dem sie in Paris später auch gemeinsam auftrat.

Charlotte Tardieu de Mallevilles Wirken als Pianistin konzentrierte sich auf Paris und erstreckte sich über einen Zeitraum von 33 Jahren. Mit ihrem ersten Konzert am 1. März 1849 in der Salle Sax formulierte die 19-jährige Pianistin bereits ein ästhetisches Programm, das lebenslang kennzeichnend für sie blieb: die Pflege von instrumentaler Kammermusik. In dieser ersten „Séance de musique de chambre“ musizierte sie u. a. mit dem Geiger Jean-Pierre Maurin, dem Violoncellisten Olive-Charlier Vaslin und dem Klarinettisten Adolphe Leroy ein Klaviertrio von Beethoven, das Kegelstatt-Trio von Mozart KV 498 und das Klavierquintett op. 87 von Johann Nepomuk Hummel. Die Kammermusikreihe, die die Musikerin damit eröffnete (bestehend aus je vier Konzerten in der ersten Jahreshälfte), wurde bis 1869 durchgeführt und fand in den Konzertsälen von Sax, Pleyel und Erard statt. Zur Aufführung kamen Werke im „style classique“; ab 1852 wurden gelegentlich auch Kompositionen im „style moderne“ einbezogen. Das Verdienst dieser Reihe bestand darin, das Publikum auch mit selten gespielten Kompositionen und älterer Musik von Couperin, Rameau, Scarlatti, Händel und Joh. Seb. Bach bekannt zu machen. 1858 schreibt die „Revue et Gazette musicale“: „Mme Amédée Tardieu (Charlotte de Malleville) est entrée dans sa dixième année de propagande de musique instrumentale et de chambre. En artiste conscienscieuse, elle entretient le culte de l’art classique, et soit qu’elle joue Bach, Rameau, Haydn, Couperin, Mozart, Beethoven ou Weber, elle continue à se montrer la pianiste sage, correcte et passionnée pour les traditions du grand style“ („Mad. Amédée Tardieu (Charlotte de Malleville) geht mit ihrem Einsatz für Instrumental- und Kammermusik jetzt ins zehnte Jahr. Als gewissenhafte Künstlerin widmet sie sich der Pflege der klassischen Kunst und − ob sie Bach, Rameau, Haydn, Couperin, Mozart, Beethoven oder Weber spielt − zeigt sich immer als tüchtige, korrekte und für die Traditionen des klassischen Stils engagierte Pianistin“ , RGM 1858, S. 74). Auch in der Wahl ihrer Kammermusikpartner war sie anspruchsvoll. Viele von ihnen wirkten als Lehrer am Konservatorium, wie der Flötist Vincent Dorus (1812−1896), die Oboisten Louis Verroust (1814−1863) und Charles-Louis Triébert (1810−1867), der Klarinettist Adolphe Leroy (1827−1880), der Geiger Jean-Pierre Maurin (1822−1894) und der Violoncellist Olive-Charlier Vaslin (1794−1889). Mehrfach war ihr Klavierpartner Camille Saint-Saëns; 1864 bildete sie mit dem Paganini-Schüler Camille Sivori und dem Cellisten Alfredo Piatti ein festes Klaviertrio, und in demselben Jahr musizierte sie mit dem Geiger Pablo de Sarasate.

Am 1. März 1853 heiratete Charlotte de Malleville den Geographen Amédée Tardieu (1822−1893), der zu dieser Zeit im Außenministerium beschäftigt war und 1874 Bibliothekar am Institut de France wurde. Am 18. Febr. 1854 kam ihr Sohn André Léon zu Welt, was die Karriere der Mutter aber nur kurzzeitig unterbrach: „Après une heureuse et douce excursion dans le domaine de la maternité, Mme Amédée Tardieu (Charlotte de Malleville) a quitté son appartement pour reprendre ses séances de musique de chambre chez Pleyel“ („Nach einem kurzen und angenehmen Ausflug in die Welt der Mutterschaft hat Mad. Amédée Tardieu (Charlotte de Malleville) ihr Heim verlassen, um bei Pleyel ihre Kammermusikveranstaltungen wieder aufzunehmen“, RGM 1854, S. 111). 1861 kam ein zweiter Sohn, Jacques, zur Welt.

Neben Tardieus eigener Reihe, in der sie gelegentlich auch eigene Kompositionen zu Gehör brachte, veranstaltete sie hin und wieder „soirées supplémentaires“, wirkte in Konzerten Anderer mit und wurde häufig als Pianistin zu namhaften Kammermusikvereinigungen zugezogen, so zu der „Société Maurin & Chevillard“ („Société des derniers quatuors de Beethoven“) und dem „Quatuor Lamoureux“. Auch als Solistin trat sie auf, vorzugsweise mit Klavierkonzerten von Mozart und Beethoven (1864 im Concert Populaire im Cirque Napoléon, 1868 in der Société des Concerts du Conservatoire). Auswärtige Konzerte sind in Boulogne-sur-mer (1854), Bordeaux (1862) und Le Havre (1864) belegt.

Bei durchgehender Anerkennung für ihre glänzende Technik und texttreue Interpretation klingen nur selten kritische Töne an, wenn etwa die „Revue et Gazette Musicale“ schreibt, man wünsche sich, sie möge „colorer d’un peu de fantaisie et de chaleur son exécution si nette et si brillante“ („ihre so exakte und glänzende Interpretation mit ein wenig Fantasie und Wärme schmücken“, RGM 1852, S. 59). Aufschlussreich ist ein Vergleich mit Louise Mattmann, den Henri Blanchard in der „Revue et Gazette Musicale“ anstellt: „Mlle de Malleville s’en tient au texte pur; Mlle Mattmann le passionne. La première fait sortir de la touche une belle sonorité; la seconde l’interroge avec sensibilité et la lui communique en la réveillant aussi dans l’âme de ses auditeurs. Quoique frèle, Mlle de Malleville pose largement de ses dix doigts les masses harmoniques qu’elle fait résonner avec pompe et vigueur. Son émule, non moins frèle et délicate, aborde aussi les effects grandioses; mais, à la contraction de ses épaules qui se soulèvent, on voit qu’elle en paraît comme accablée. La pensée de l’une s’identifie tout naturellement à la science rétrospective, […] à cette grâce un peu raide du XVIIIe siècle; l’autre parle, rit, pleure, chante, dit au clavier tout ce qu’elle sent („Mlle. de Malleville hält sich an den reinen Text, Mlle. Mattmann füllt ihn mit Leidenschaft. Die erstere lässt unter ihrem Anschlag Schönklang entstehen, die letztere befragt ihn mit feiner Empfindung und vermittelt ihn auch in die Seele ihrer Zuhörer. Wenngleich zart, erzeugt Mlle. de Malleville mit ihren zehn Fingern Klangmassen, die sie mit Pracht und Kraft entfaltet. Ihre Konkurrentin, nicht weniger zart und fein, nimmt ebenfalls grandiose Effekte in Angriff; aber an der Anspannung ihrer Schultern, die sich heben, sieht man, dass sie damit fast überfordert scheint. Das Denken der einen widmet sich ganz natürlich der historischen Aufführungspraxis, […] der etwas steifen Anmut des 18. Jahrhunderts; die andere spricht, lacht, weint, singt, teilt dem Klavier alles mit, was sie fühlt“, RGM 1851, S. 114).

Georges Onslow widmete Charlotte Tardieu de Malleville sein Septett für Klavier und Bläser op. 79.

Ein letztes Konzert von Charlotte Tardieu de Malleville ist 1882 belegt. In der Salle Erard spielte sie den Klavierpart im Quartett g-Moll von Mozart KV 478 und „plusieurs morceaux de Rameau, Beethoven, Schumann et Chopin, en faisant preuve de qualités solides qu’on a fort appréciées“ („mehrere Stücke von Rameau, Beethoven, Schumann und Chopin und stellte solide Fähigkeiten unter Beweis, die außerordentlich geschätzt wurden“, Le Ménestrel 1882, S. 135).

Einem Nachruf zufolge scheint sie auch als Lehrerin sehr erfolgreich gewesen zu sein (Le Ménestrel 1890, S. 192). Bemerkenswert ist die Ankündigung eines Kurses, den man in Anbetracht der prominenten Musizierpartner heute als „Meisterkurs“ bezeichnen würde: ein „cours de piano, spécialement consacré […] à l’étude des auteurs classiques […]. Les élèves y interpréteront la musique pour piano seul et la musique avec accompagnement. Les accompagnateurs seront MM. Maurin, Dorus, Casimir Ney, Lebouc et Gouffé. Mlle de Malleville a donc lieu d’espérer que ce cours sérieux sera pour les élèves le complément d’une éducation musicale“ (ein „Klavierkurs, der sich speziell dem Studium der klassischen Meister widmet. Die SchülerInnen werden dabei Solo-Literatur für Klavier und Klaviermusik mit Begleitung interpretieren. Die Mitspieler werden die Herren Maurin, Dorus, Casimir Ney, Lebouc und Gouffé sein. Mlle. de Malleville geht von der Annahme aus, dass dieser anspruchsvolle Kurs für die SchülerInnen eine Ergänzung ihrer musikalischen Ausbildung sein wird“, RGM 1852, S. 463).

 

WERKE FÜR KLAVIER

Grande Valse brillante op. 2

Romance sans paroles op. 3

Préludes op. 4 u. 5

Carillon op. 6

Variationen über Ah! Vous-dirai-je, maman

 

LITERATUR

L’agent dramatique du Midi 1851

AmZ 1864, S. 211

Bock 1852, S. 47; 1853, S. 70, 95; 1854, S. 39; 1855, S. 71; 1858, S. 126; 1868, S. 15, 25; 1869, S. 30, 148

FM 1855, S. 43; 1864, S. 33

Le Ménestrel 1855, S. 3f.; 1857, S. 3f.; 1860, S. 191, 207; 1861, S. 111; 1862, S. 31, 151, 191; 1863, S. 38; 1864, S. 63, 79, 87, 95, 103f., 110f., 128, 135, 192; 1867, S. 31; 1868, S. 54; 1870, S. 151; 1874, S. 159, 174; 1875, S. 119,176, 200, 262, 415; 1876, S. 11, 128, 214; 1877, S. 116; 1878, S. 183; 1880, S. 191; 1881, S. 144; 1882, S. 135f.; 1890, S. 184, 192

Le Moniteur des Pianistes 1868, S. 5

NZfM 1852 I, S. 288

Les Petites affiches de la mode März 1868, S. 10

RGM 1849, S. 63, 68f.102, 133, 261f.; 1850, S. 67, 286, 398, 428f.; 1851, S. 50, 67f., 85, 114131, 497; 1852, S.59, 76, 92122f., 315, 463; 1853, S. 5, 23, 7692f., 108130151, 261, 432; 1854, S. 30,42111, 128, 259; 1855, S. 31, 5067, 84, 95, 99f., 120, 129; 1856, S. 60f., 98f.; 1857, S. 49, 68, 90, 123; 1858, S. 74, 93, 111, 146; 1859, S. 35, 80; 1863, S. 414; 1864, S. 59, 66; 1880, S. 83

Signale 1850, S. 333; 1852, S. 236; 1856, S. 167; 1864, S. 139; 1868, S. 105; 1890, S. 697; 1891, S. 310

L’union des arts 6. Febr. 1864

Fétis Suppl., Ebel, Cohen

Paul Scudo, La musique en l’année 1862, ou Revue annuelle des théâtres lyriques et des concerts, des publications littéraires relatives à la musique et des événements remarquables appartenant à l’histoire de l’art musical, Paris 1863.

Gustave Vapereau, Dictionnaire universel des contemporains, 6Paris 1893.

Joël-Marie Fauquet, Les sociétés de musique de chambre à Paris de la restauration à 1870, Paris 1986.

Katharine Elllis, „Female Pianists and Their Male Critics in Nineteenth-Century Parisin: Journal of the American Musicologial Society 1997, S. 353−385.

Dies., „Geschlechterrollen und Professionalismus. Pianistinnen im Paris des 19. Jahrhunderts“, in: Professionalismus in der Musik. Arbeitstagung in Verbindung mit dem Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz vom 22. bis 25. August 1996, hrsg. von Christian Kaden und Volker Kalisch, Essen 1999, S. 275−284.

 

Freia Hoffmann

 

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