Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Bertenson, Bertenson-Woronez, Bertenson-Voronets, Bertenson-Woronetz, Berthenson-Woronetz, Berthenson-de Woronetz, Pauline, Polina, Pavla Genrietta Bernardovna

Transliteration: Bertenson-Voronec, Polina Bernardovna

* 1862, Ort unbekannt, Sterbedaten unbekannt, russische Pianistin. Über die Herkunft von Pauline Bertenson-Woronez ist derzeit nichts bekannt. Möglicherweise handelt es sich um eine jüngere Schwester der Petersburger Ärzte Wassili und Lew Bernardowitsch Bertenson, die Peter Tschaikowsky während seiner letzten Lebenstage behandelten. Wohl Anfang 1880 heiratete sie „einen Cousin [der] Schwägerin“ (Tschaikowsky 2010, S. 347, Brief von Meck an Tschaikowsky, 1./13. März 1880) von Tschaikowskys Gönnerin, Nadezhda von Meck, konzertierte aber dennoch weiter.

Das früheste in westlichen Zeitschriften nachweisbare Zeugnis für das Spiel der Künstlerin stammt aus dem Jahre 1876. Am 8./20. März trat sie in St. Petersburg auf: In „einem Concerte zum Besten bedürftiger Studenten hörten wir eine junge ungewöhnlich talentbegabte Pianistin Fraulein [sic] Bertenson, die, obgleich erst 12 bis 13 Jahre alt, bereits eine hohe Stufe der Virtuosität erreicht, und sowohl technisch wie geistig Ueberraschendes leistet; Schülerin des Conservatoriums, aus der Classe des Herrn Begrow, machen ihre Leistungen ihrem Lehrer große Ehre, und vorausgesetzt, daß dieselbe fortfährt auf dem so glücklich betretenen Wege rüstig fortzuschreiten, lassen sich die kühnsten Hoffnungen auf deren künstlerische Zukunft bauen“ (Signale 1876, S. 488).

Im Anschluss an ihr Studium in der Petersburger Klavierklasse des in Leipzig ausgebildeten Theodor (Fjodor) Beggrow (18351885) ging Pauline Bertenson-Woronez offenbar zu Nikolai Rubinstein (18351881) nach Moskau. In den Schülerlisten des Konservatoriums ist zwischen 1877 und 1882 eine Henrietta Bertenson eingeschrieben; fast zeitgleich, zwischen 1876 und 1881, studierte dort „I. [sic] Bertenson-Woronez. Schülerin N. G. Rubinsteins. Beendete das Konservatorium mit Zeugnis“ (d. h. mit Abschluss;  http://www.mosconsv.ru/ru/person.aspx?id=33025, Zugriff am 23. Nov. 2012).

Anlässlich eines Moskauer Schülerkonzerts für notleidende Studierende vermerkt Nadezhda von Meck am 1./13. März 1880 über Bertenson-Woronez: „Herausragend war auch eine andere Schülerin von Anton Grigorjewitsch[Rubinstein], Bertenson [...]. Sie spielte das Scherzo aus dem Konzert [Nr. 4, d-Moll, op. 102] von [Henry Charles] Litolff [...] sehr gut, aber menschlich gefiel sie mir gar nicht wegen ihres selbstgefälligen Gesichtsausdrucks von hoffnungsloser Dummheit“ (Tschaikowsky 2010, S. 347). 

In offiziellen Rezensionen wird regelmäßig ihre pianistische Technik gelobt, während ihre musikalische Gestaltungsfähigkeit nicht unumstritten ist. Die „Signale für die musikalische Welt“ rühmen 1883: „Die anmuthige junge Pianistin, Frau Bertenson-Woronetz, eine frühere Schülerin des Moskauer Conservatoriums und des unvergeßlichen Nicolaus Rubinstein, hat jedenfalls eine viel versprechende Zukunft vor sich. Seit wir die Künstlerin vor zwei Jahren hier zuletzt gehört, hat sie noch bedeutende Fortschritte gemacht. Schöner Anschlag und markiger, belebter Vortrag sind Vorzüge, deren sich nicht alle unsere jungen Pianistinnen rühmen können, Frau Bertenson-Woronetz besitzt diese Eigenschaften und ist bei ihrer Jugend eine weitere Entfaltung ihres schönen Talents mit Sicherheit vorauszusetzen“ (Signale 1883, S. 1077). Auch die „Neue Zeitschrift für Musik“ lobt anlässlich desselben Programms das Können der „ebenso jugendlichen wie begabten früheren Schülerin A. [sic] Rubinsteins“ (NZfM 1883, S. 571), deren Solostücke von Scarlatti, Moszkowski und Liszt (Zweite Ungarische Rhapsodie„sehr beifällig aufgenommen wurden“ (ebd.).

1882 kündigt die „Neue Zeitschrift für Musik“ eine Konzertreise an, wieder mit Verweis auf den berühmten Lehrer: „Frau Bertenson-Woronetz ist eine Schülerin des unlängst verstorbenen Nicolaus Rubinstein, dessen Einfluß in einzelnen Momenten ihres Spiels zu erkennen ist, seinem seit Jahren gehegten Wunsche gemäß hat sich die junge Virtuosin entschlossen, eine größere Concertreise zu unternehmen. Zunächst giebt sie hier [in St. Petersburg] ein eigenes Concert, alsdann reist sie nach Charkow, Kiew, Odessa ec., später durch Oesterreich und Deutschland“ (NZfM 1882, S. 8). Für den Jahreswechsel 1882/83 sind auch Pläne zu einer Kunstreise nach Paris bekannt.

In ihren beiden Charkower Konzerten wird Bertenson-Woronez als „eine Klavierspielerin von ganz hervorragender Technik, aber ohne tieferes Verständnis“ (NZfM 1882, S. 157) charakterisiert. „Die Stücke, bei denen hauptsächlich vollendete technische Fertigkeit erforderlich, spielte sie mit ganz erstaunlicher Feinheit und glänzender Bravour, z. B. Liszt’s Rigolettofantasie, während sie aus Mendelssohn’s Dmolltrio ein Concertstück für Klavier machte, in welchem die beiden Streichinstrumente vergeblich sich Geltung zu verschaffen suchten“ (ebd.)

Als Bertenson 1886 in St. Petersburg das zweite Klavierkonzert von Camille Saint-Saëns spielte, war die Kritik ähnlich zwiespältig: „Solistin des Abends war Frau Bertenson-Woronetz, welche ihre angeborenen Fähigkeiten dieses Mal in bestem Lichte bekundete: großer Ton, schöner Anschlag, gute Technik und musikalisches Temperament; der jungen Künstlerin fehlt blos noch die künstlerische Abrundung und nöthige Selbstbeherrschung“ (NZfM 1886, S. 333). Die Tageszeitung im slowenischen Cilli (heute Celje) moniert 1883 sogar: „Am 7. Februar eröffnete Frau Berthenson-Woronetz den unabsehbaren Reigen der Pianisten-Concerte, spielte aber das schöne A-Moll-Concert von Schumann (mit Orchesterbegleitung) viel zu wenig klar, innig und gediegen; bei dem Vortrage der Sonate op [sic] 90 von Beethoven erlaubte sie sich sogar Abänderungen und Kürzungen, die uns ebenso sehr befremdeten als sie unverzeihlich waren. Ein Musiker, der im Stande ist, eine Komposition in dieser Weise zu verstümmeln, hört für uns nach dem ersten Act dieser Barbarei auf, ein solcher zu sein, mag er auch immerhin in der verführerisch-schönen Gestalt der Frau Berthenson uns entgegentreten und bei dem allerliebsten ,perpetuum mobile‘ von Mendelssohn Proben einer perlenden Technik geben“ (Deutsche Wacht 18. März 1883, S. 3f.).

In St. Petersburg, wo die Künstlerin bevorzugt auftrat, hatte sie offenbar Gelegenheit, mit namhaften Dirigenten zu arbeiten, und bevorzugte dabei ein Repertoire großer romantischer und zeitgenössischer Werke: 1882 spielte sie unter Karl Dawydow Schumanns Klavierkonzert, 1883 unter Leopold Auer zweimal das Klavierkonzert Nr. 2 F-Dur op. 35 von Anton Rubinstein, und am 10./22. Dez. 1889 Tschaikowskys Konzertfantasie für Klavier und Orchester op. 56 unter der Leitung des Komponisten. Auch das Konzert von Edvard Grieg findet sich in ihrem Repertoire. Ihr gewidmet ist die 1898 bei Belaïeff in Leipzig erschienene Sérénade levantine op. 25 Nr. 3 aus den Trois Morceaux pour piano von Achilles Alferaki (18461919). Nach 1889 sind derzeit keine weiteren Auftritte nachweisbar.

 

LITERATUR

Deutsche Wacht [Celje], 18. März 1883, S. 3f.

Le Ménestrel 1885/86, S. 61, 133

NZfM 1882, S. 8157, 170; 1883, S. 56, 571; 1886, S. 333; 1887, S. 411

Signale 1876, S. 488; 1882, S. 6; 1883, S. 230, 322, 412, 1077, 1191; 1884, S. 193; 1886, S. 440; 1888, S. 345

P. Cajkovskij. Polnoe sobranie socinenij. Literaturnye proizvedenija i perepiska [= Sämtliche Werke. Schriften und Briefe], 17 Bd., Bd. XVI a, Moskau 1978.

Polina Vajdman (Hrsg.), P. I. Tschaikowski, N. F. fon Mekk, perepiska, 4 Bände, Bd. 3: 1879-1881, Tscheljabinsk 2010.

http://www.tchaikovsky-research.net/en/Works/Concertos/TH061/index.html, Zugriff am 14. Nov. 2012.

 

Kadja Grönke

 

© 2012 Freia Hoffmann