Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

FilipowiczFilipowitz, Elisabeth, Elise, geb. Mayer, verw. Minelli

* 1794 (möglicherweise schon 1789) in Rastatt, † 4. Mai 1841 in London, Violinistin und Komponistin. Filipowicz „verdankte den höchsten Grad ihrer Ausbildung dem Meister Spohr“ (Mendel). Louis Spohr (1784–1859) selbst berichtet, Filipowicz nur 1805 in Braunschweig unter­richtet und mit ihr sein Konzert in d-Moll einstudiert zu haben, während Filipowicz bereits „mit Beifall als Violinvirtuosin in Braunschweig Konzert gab“ (Spohr, S. 85). Spohr dürfte ihr also nur den letzten geigerischen Schliff verliehen haben. Vorherige Stationen ihrer Ausbildung sind unbekannt.

Zunächst als Dem. Mayer, nach ihrer ersten Heirat dann als Mme. Minelli, unternahm sie Konzertreisen durch Deutschland. So konzertierte sie 1816 erneut in Braunschweig und war am 11. Dez. desselben Jahres in Frankfurt a. M. zu hören, wo sie ein Violinkonzert von Rode sowie Fränzels Variationen über ein russisches Thema spielte. Mit ihr musizierte dort ihre damals wohl fünfjährige Tochter als Harfenistin (AmZ 1816, Sp. 107).

Die Geigerin ließ sich in Polen nieder, wo ihr erster Mann bald starb. Dennoch blieb sie in Polen, lebte zunächst in der Familie des Grafen Starzenski und ging schließlich mit dem wohlhabenden Gutsbesitzer Filipowicz eine erneute Ehe ein. „Obgleich jetzt in glänzenden Verhältnissen, hatte sie doch nicht versäumt, ihr schönes Talent, wenn auch nur als Dilettantin, fortzubilden“ (Spohr, S. 85f.). Unklar ist, ob diese Fortbildung in einem Lehrverhältnis oder autodidaktisch geschah. Konzerte zwischen 1816 und 1831 lassen sich nicht nachweisen. Dies änderte sich nach dem gescheiterten polnischen Novemberaufstand 1830/31. Filipowicz’ Ehe­mann stammte zwar aus Litauen; die engen, aus der Zeit vor der dritten polnischen Teilung von 1795 stammenden polnisch-litauischen Beziehungen ließen ihn jedoch – wie andere Landsleute auch – in die gegen die Zarentruppen kämpfende polnische Armee eintreten. Nach der endgültigen Niederlage der polnischen Revolutionäre flüchtete mehr als die Hälfte der polnischen Armee aus Furcht vor der Rache des Zaren auf österreichisches oder preußisches Gebiet. Auch Filipowicz’ Mann teilte dieses Schicksal, verlor sein gesamtes Vermögen und ging mit seiner Familie in die Emigration.

Mittels ihrer musikalischen Fähigkeiten wurde nun Elisabeth Filipowicz zur Ernährerin von Mann und Tochter. Die Wiederaufnahme ihrer professionellen Konzerttätigkeit begann 1831 in Dresden, „und zwar mit demselben D-moll-Konzert, welches ich ihr fünfundzwanzig Jahre vorher einstudiert hatte“ (Spohr, S. 86). Noch 1831 ließ sie sich in Paris nieder, das sich wie schon 1794 schnell zum Zentrum der polnischen Emigranten entwickelt hatte. Auch dort konzertierte sie erfolgreich und regelmäßig, unternahm von Paris aus jedoch auch Konzertreisen. So war sie 1832 im Leipziger Gewandhaus zu hören (mit einem Konzert von Spohr und Variationen von Rode), gastierte im selben Jahr aber auch in Warschau, im Jan. 1833 dann mit drei Konzerten in Frankfurt a. M. (jeweils im Theater, bei Hofe und im Museum). Im Mai desselben Jahres spielt sie in den „akademischen Concerten“ in Jena Violin-Variationen von Mayseder und eine Polonaise von Kalliwoda (AmZ 1833, Sp. 297); im Aug. 1833 berichtet die „Allgemeine musikalische Zeitung" auch von einem Konzert im Weimarer Theater.

Zwar wandten zeitgenössische Musikrezensenten auch auf das Musizieren Elisabeth Filipowicz’ charakteristisch geschlechtsspezifische Formulierungen an („Schöner Anstand […] und ruhevoll inniges Gefühl zeichnen diese Virtuosin hauptsächlich aus“, AmZ 1832, Sp. 870), zwischen solchen Äußerungen lässt sich jedoch erkennen, dass Filipowicz über eine solide Technik und offenkundige Musikalität verfügte, die von den Rezensenten auch aner­kannt wurde. Der „Allgemeine Musikalische Anzeiger" schrieb 1832: „Sie singt auf der Violin und überwindet zugleich die bedeutendsten Schwierigkeiten“ (Castelli 1832, S. 172). Ent­sprech­end positiv waren auch die Publikumsreaktionen: „Es war Niemand, den sie nicht bis zum Enthusiasmus begeistert hätte“ (ebd.). In beinahe bedauerndem Tonfall konstatierte der Rezensent das Ende ihres Frankfurter Gastspiels 1833: „Jetzt hat sie uns verlassen: aber die Erinnerung an sie wird noch lange in uns leben“ (AmZ 1833, Sp. 108). 

Möglicherweise hat sich auch die im liberalen deutschen Bürgertum weit verbreitete Polenbegeisterung, die etwa in Form von neu gegründeten Polenvereinen, Versorgung von Flücht­lingen, finanzieller Unterstützung u. Ä. Ausdruck fand, fördernd auf die Karriere Filipowicz’ ausgewirkt. Aus Frankfurt a. M. meldete die „Allgemeine musikalische Zeitung" 1833 entsprechend: „Am 11ten dieses [Monats] gab sie ein grosses Concert vor einer grossen Anzahl Zuhörer. Es war aber nicht das gewöhnliche Concert-Publicum, sondern ein ganz anderes, was dem Umstande zuzuschreiben ist, dass die Künstlerin durch ihre Vermählung eine Polin geworden ist. Sie können leicht denken, dass diess Mal die Federn der reichen Hüte nicht nach Rossini’schem Rhythmus wackelten“ (AmZ 1833, Sp. 108). Die in Deutschland geborene Wahlpolin Filipowicz hat ihre patriotische Haltung auch in der Öffentlichkeit kundgetan. Obwohl eigentlich Geigerin, „trug [sie] in pol­nischer Sprache einen Nationalgesang ‚Die Litauerin’ vor“ (Frankfurter Konversationsblatt vom 13. Jan. 1833), bewies auf solche Weise ihre Solidarität zur nationalpolnischen Bewegung – und erscheint so als das ideales Bindeglied für das revolutionsbegeisterte, polenfreundliche deutsche Bürgertum. Ausdrücklich empfahl die Frankfurter „Ober-Postamtszeitung" „diese überaus reich begabte Polin allen deutschen Kunstfreunden“ (ebd.). 

1835 siedelte Filipowicz nach London über. Auch dort waren ihre Konzerte, die mindestens bis 1840 andauerten, von Erfolg begleitet. Schon am 4. Mai 1841, wohl erst 47 Jahre alt, starb sie nach schwerer Krankheit.

Auch an den Überschriften der Kompositionen Elisabeth Filipowicz’ ist eine Verbundenheit zur Wahlheimat erkennbar, da fünf Titel ihrer insgesamt sieben bekannten Werke einen klaren Bezug zu Polen und polnischer Folklore zeigen. Wie andere Virtuosen auch hat Filipowicz ausschließlich Werke mit Beteiligung ihres Instruments Violine geschrieben, so dass hier von Kompositionen für den Eigengebrauch ausgegangen werden kann.

  

WERKE FÜR VIOLINE

Warsovienne (Violine und Orchester)

Trois Valses (Violine, Viola und Klavier)

Divertimento, scherzoso on Polish themes (Violine und Klavier)

Fantasia on Polish Airs (Violine und Klavier)

Introduction and Rondo on Polish Themes (Violine und Klavier)

Rondo alla Polacca (Violine und Klavier)

Variazioni capricciosi (Violine und Klavier)

 

LITERATUR

AmZ 1816, Sp. 107; 1832, Sp. 870; 1833, Sp. 108, Sp. 297, Sp. 562; 1841, Sp. 536

AWM 1841, S. 328

Castelli 1832, S. 172

Frankfurter Konversationsblatt Nr. 4, Beilage zur Frankfurter Ober-Postamtszeitung vom 13. Jan. 1833

Becker, Mendel, Fétis, van der Straeten, Cohen

Alfred Dörffel, Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig. Vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, Leipzig 1884, Repr. Walluf 1972.

Louis Spohr, Lebenserinnerungen, hrsg. von  Folker Göthel, Tutzing 1968.

Rose-Marie Johnson, Violin Music by Women Composers. A Bio-Bibliographical Guide, New York u. London 1989.

Aaron I. Cohen, International Encyclopedia of Women Composers, New York u. London 1981.

Albert Sowinski, Les musiciens polonais et slaves. Dictionnaire biographique, Paris 1857, Repr. New York 1971.

 

Bildnachweis

http://digitalgallery.nypl.org/nypldigital/id?1166362, Zugriff am 22. Mai 2008.

 

Volker Timmermann

 

© 2007 Freia Hoffmann