Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Mozart, Maria Anna Walburga Ignatia, Marie AnneNannerl,verh. Reichsfreifrau von Berchtold zu Sonnenburg

Get. 31. Juli 1751 in Salzburg, † 29. Okt. 1829 ebd., Cembalistin, Pianistin, Klavierlehrerin. Das älteste überlebende Kind von Leopold Mozart (1719–1787) und Maria Anna geb. Pertl (1720–1778) wurde vom achten Lebensjahr an vom Vater zur Pianistin ausgebildet und erhielt, möglicherweise zusammen mit ihrem fünf Jahre jüngeren Bruder Wolfgang, auch eine den Aufklärungsidealen entsprechende Allgemeinbildung. Zu ihrem Namenstag am 26. Juli 1759 wurde vom Vater ein Notenheft angelegt mit dem Titel „Pour le Clavecin ce Livre appartient a Mademoiselle Marie Anne Mozart 1759“. Es enthielt Kompositionen fortschreitender Schwierigkeit von Leopold Mozart, Georg Christoph Wagenseil, Johann Nikolaus Tischer, Johann Joachim Agrell und weiteren namentlich nicht genannten Komponisten. Später wurden auch Kompositionen des Bruders eingetragen.

Eine erste dreiwöchige Konzertreise unternahm Leopold Mozart mit seinen Kindern Anfang 1762 nach München an den Hof Maximilians III. Eine zweite Reise von Sept. 1762 bis Jan. 1763 führte die ganze Familie nach Wien, wo beide Kinder in verschiedenen Adelspalästen und Salons musizierten, u. a. zweimal am kaiserlichen Hof in Schönbrunn, und als ‚Wunderkinder‘ Aufsehen erregten: „Stellen Sie sich einmal ein Mädgen von 11 Jahren vor, das die schweresten Sonaten und Concert der grösten Meister auf dem Clavessin oder Flügel auf das Deutlichste, mit einer kaum glaublichen Leichtigkeit fertiget und nach dem besten Geschmack wegspielt. Das muss schon viele in eine Verwunderung sezen. – Nun wird man aber in ein gänzliches Erstaunen gebracht, wenn man einen Knaben von 6 Jahren bey einem Flügel sizen sieht und nicht nur selben Sonaten, Trio, Concerten nicht etwa tändlen, sondern mannhaft wegspielen höret, sondern wenn man ihn höret bald Cantabile, bald mit Accorden ganze Stunden aus seinem Kopfe phantasieren und die besten Gedanken nach dem heutigen Geschmake hervor bringen, ja Sinfonien, Arien und Recitativen bey grossen Accademien vom Blat weg accompagnieren“ (Augsburgischer Intelligenz-Zettel 19. Mai 1763, zit. nach Deutsch 1961, S. 22).

Die folgende, mehr als drei Jahre währende Konzertreise begann im Juni 1763 und führte über München, Augsburg und Ludwigsburg zur Residenz Karl Theodors von der Pfalz in Schwetzingen, wo eigens für die Mozarts eine Akademie veranstaltet wurde und wo sie Gelegenheit hatten, das berühmte „Mannheimer Orchester“ zu hören. Heidelberg, Mainz und Frankfurt a. M. waren weitere Stationen, auf denen das Geschwisterpaar der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Das Auftreten von ‚Wunderkindern‘ war historisch neu, und die Bereitschaft des Publikums, sie als Sensation zu bestaunen, noch ungebrochen. Auch die Presse wurde von Leopold Mozart offenbar mit Geschick zur Werbung eingesetzt, z. B. für den Auftritt in Frankfurt a. M., wo in der Ankündigung hervorgehoben wurde, „dass beyder Kinder Geschicklichkeit nicht nur den Churfürstl. Sächsischen, Churbayrischen und Churpfälzischen Hof in Verwunderung gesetzet, sondern auch den Kayserl. Königl. Allerhöchsten Majestät(en) bei einem 4-Monathlichen Aufenthalt in Wien zu einem sonderlichen Unterhalt und Gegenstand einer allgemeinen Verwunderung waren: Als hoffet man um so eher auch dem hiesigen Publico einiges Vergnügen zu verschaffen, da man denjenigen noch zu erwarten hat, der mit Wahrheit zu sagen im Stande ist, dass er diess von Kindern solches Alters gesehen oder gehört hat“ (Israël, S. 44f.). Über Mainz, Koblenz, Bonn, Köln, Aachen, Brüssel gelangte die Familie im Nov. 1763 nach Paris, wo sie sich bis Apr. 1764 aufhielt. Von dort berichtet Leopold Mozart im Brief vom 1. Febr. 1764: „Mein Mädl spielt die schwersten Stücke, die wir itzt von Schoberth und Eckard etc. haben, darunter die Eckardischen Stücke noch die schwereren sind mit einer unglaublichen DeutlichkeitIn London, dem nächsten Ziel, wurde die Familie nicht nur mehrfach am Hof empfangen, sondern konnte die Kinder auch öffentlich gegen Geld hören lassen. „Es war ganz etwas Bezauberndes, die vierzehn Jahre alte Schwester dieses kleinen Virtuosen mit der erstaunlichsten Fertigkeit die schwersten Sonaten auf dem Flügel abspielen und ihren Bruder auf einem andern Flügel solche aus dem Stegreif accompagniren zu hören. Beide thun Wunder“ schrieb die Salzburger Europäische Zeitung (zit. nach Deutsch 1961, S. 47). Am 8. Juni 1764 schreibt Leopold Mozart voll Stolz nach Salzburg, „daß mein Mädl eine der geschicktesten Spilerinnen in Europa ist, wenn sie gleich nur 12. Jahre hat“ – ein Lob, das freilich relativiert ist durch die Tatsache, dass zu dieser Zeit öffentlich auftretende Pianistinnen sehr selten und Vergleiche daher schwierig waren. Die Rückreise, im Juli 1765 angetreten, führte über Canterbury, Dover, Lille, Gent und Antwerpen nach Den Haag. Hier erkrankte Maria Anna lebensgefährlich und war erst nach wochenlanger Pause am 22. Jan. 1766 wieder in der Lage, mit ihrem Bruder öffentlich aufzutreten. Nach Amsterdam, Utrecht und Mecheln war wieder Paris das Ziel (Mai 1766), von wo aus im Juli die Heimreise angetreten wurde, und zwar über Dijon, Lyon, Genf, Lausanne, Bern, Zürich, Donaueschingen und München. Ende Nov. 1766 kehrte die Familie nach Salzburg zurück.

Von Sept. 1767 bis Jan. 1769 folgte eine weitere Reise nach Wien, deren Ziele allerdings durch eine Blatternepidemie durchkreuzt wurden. Beide Kinder erkrankten, und erst ab Jan. 1768 ergab sich die Gelegenheit, wiederum vor der kaiserlichen Familie, bei einer Akademie des russischen Botschafters Fürst Gallitzin und bei Privatkonzerten aufzutreten. An weiteren Reisen (Italienreisen von Vater und Bruder, Parisreise von Mutter und Bruder) wurde Maria Anna nicht mehr beteiligt. Es sind lediglich zwei Aufenthalte in München 1775 und 1781 überliefert, bei denen sie mit Vater und Bruder Erstaufführungen von La finta giardiniera und Idomeneo besuchte. Öffentliche Auftritte wurden seltener, ihre Musikpraxis beschränkte sich im Wesentlichen auf Mitwirkung bei Salzburger Liebhaber-Akademien und häusliche Kammermusik. Ab 1772 unterrichtete sie bürgerliche und adlige Klavierschülerinnen, bevor sie 1784 den verwitweten Reichsfreiherrn Johann Baptist Berchthold zu Sonnenburg heiratete und zu ihm nach St. Gilgen am Wolfgangsee zog. Aus zwei früheren Ehen hatte er fünf Kinder, und Maria Anna gebar ihm drei weitere: Leopold Alois Pantaleon (1785–1840), Johanna Maria Anna Elisabeth gen. Jeanette (1789–1805) und Maria Barbara (1790–1791). Entsprechend eingeschränkt war ihre Musikpraxis; immerhin ist belegt, dass sie in St. Gilgen ein Hammerklavier besaß. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1801 zog Maria Anna mit ihren beiden überlebenden Kindern zurück nach Salzburg. Sie bezog als Witwe eine Jahresrente von 300 Gulden. Dennoch nahm sie ihre Unterrichtstätigkeit wieder auf und setzte sie bis zu ihrem 76. Lebensjahr fort, obwohl sie 1825 erblindete. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof des Stiftes St. Peter in Salzburg.

Das Repertoire von Maria Anna Mozart ist nur teilweise ermittelbar. Es ist belegt, dass sie neben Werken von Vater und Bruder Sonaten von Domenico Paradies und Johann Christian Bach sowie Werke von Johann Schobert und Johann Gottfried Eckard gespielt hat. Unter den Kompositionen, die sie zusammen mit ihrem Bruder musizierte, ist auch ein Konzert für zwei Cembali für Georg Christoph Wagenseil.

Unter den wenigen professionellen Musikerinnen des 18. Jahrhunderts nimmt Maria Anna Mozart einen besonderen Rang ein: Ihre Ausbildung ist geprägt von der großen Sorgfalt, die Leopold Mozart, einer der bedeutendsten Musikpädagogen des Jahrhunderts, seinen Kindern angedeihen ließ. Auftritte an vielen bedeutenden Höfen und in zahlreichen öffentlichen Konzerten kennzeichnen ihren Horizont ebenso wie umfangreiche Reisen, die nicht nur zur Besichtigung von Sehenswürdigkeiten genutzt wurden, sondern auch die Bekanntschaft mit den wichtigsten Musikern der Zeit vermittelten. Wenn auch in geringerem Umfang als ihr Bruder, scheint sie doch ebenfalls solide Kenntnisse in Musiktheorie, im Generalbass, in der Verzierungspraxis und in der Leitung von größeren Ensembles erworben zu haben: „Die Nannerl accompagniert wie ein ieder Capellmeister“ (Leopold Mozart im Brief vom 6. Apr. 1778). Wie Briefe ihres Bruders aus Neapel und Rom 1770 andeuten, hat sie sich auch im Komponieren versucht (19. Mai und 7. Juli 1770). Wolfgang Amadeus Mozart schickte ihr aus Wien mehrmals Kompositionen und legte großen Wert auf ihr musikalisches Urteil. Für Maria Anna bzw. für das gemeinsame Musizieren entstanden das Divertimento KV 251 und das Konzert für zwei Klaviere Es-Dur KV 365 (316a).

Das Bedauern ihres Bruders, „daß sie so viele Stunden beym Flügl sollte zugebracht haben, ohne nützlichen Gebrauch davon machen zu können" (Brief vom 1. Aug. 1777) ist nachvollziehbar vor dem Hintergrund, dass in den siebziger Jahren mit Marianne DaviesMarianna Martines und Maria Teresia Paradis erstmals auch erwachsene Musikerinnen Karrieren als Instrumentalistinnen begonnen hatten. Maria Anna Mozart ist dennoch als eines der ersten weiblichen ‚Wunderkinder‘ in die Geschichte eingegangen (vor ihr hatte etwa Elisabeth Schmeling als sechsjährige Geigerin konzertiert), und ihr Beispiel hat möglicherweise in späteren Jahrzehnten die professionelle Instrumental-Ausbildung auch von Mädchen angeregt.

 

LITERATUR

Marie Anne Mozart, „meine tag ordnungen“. Nannerl Mozarts Tagebuchblätter 1775-1783 mit Eintragungen ihres Bruders Wolfgang und ihres Vaters Leopold, hrsg. von Geneviève Geffray unter Mitarbeit von Rudolph Angermüller, Bad Honnef 1998.

Leopold Mozarts Briefe an seine Tochter, hrsg. von Otto Erich Deutsch und Bernhard Paumgartner, Salzburg 1936.

Schilling, Schla/Bern, Wurzbach, Riemann 12 u. Erg, MGG 1, New Grove 1, Cohen, New Grove 2001, MGG 2000

Carl Israël, Frankfurter Concert-Chronik von 1713–1780 (= Neujahrsblatt des Vereins für Geschichte und Alterthumskunde zu Frankfurt am Main für das Jahr 1876), Frankfurt a. M. 1876.

Mozart. Die Dokumente seines Lebens, hrsg. von Otto Erich Deutsch, Basel [u. a.] 1961.

Mozart. Briefe und Aufzeichnungen, 7 Bde., hrsg. von Wilhelm A. Bauer u. Otto Erich Deutsch, Kassel [u. a.] 1962–1975.

Ruth Halliwell, The Mozart Family. Four Lives in a Social Context, Oxford 1998.

Siegrid Düll und Otto Neumaier (Hrsg.), Maria Anna Mozart. Die Künstlerin und ihre Zeit, Möhnesee 2001.

Eva Rieger, Nannerl Mozart. Das Leben einer Künstlerin, Frankfurt a. M. u. Leipzig 22005.

Melanie Unseld, Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe, Reinbek bei Hamburg 2005.

Melanie Unseld, Maria Anna Mozart, in: MUGI - Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=moza1751, (dort weitere Literatur), Zugriff am 18. Juni 2010.

 

Bildnachweis

Unseld 2005, nach S. 96

 

Freia Hoffmann

 

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