Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Tognini, Rosalie

Lebensdaten unbekannt, Hornistin und Violinistin. Dass sie am Konservatorium in Paris ausgebildet worden sei, wie die Fränkisch-Würzburgische Chronik mitteilt, ist in den Akten des Konservatoriums nicht belegt. Anfang 1810 fand ein erster Auftritt in Paris statt, bei dem sie Waldhorn und Violine spielte. Gemeinsam mit der Harfenistin und Sängerin Thérèse Demar trat sie zunächst als Hornistin 1811 in Straßburg, Nürnberg,  Weimar und Leipzig auf, im Folgejahr in Berlin und Breslau. Im Apr. 1813 sind zwei Konzerte in Wien belegt, wobei sie beim zweiten Auftritt auch als Violinistin wirkte. Ein letzter Konzertauftritt als Hornistin und Violinistin wird aus Mailand berichtet, den sie ohne Thérèse Demar bestritt. Danach fehlen weitere Nachrichten.

In den Konzert-Anzeigen wird mitgeteilt, sie sei „Virtuosin auf dem Waldhorn bey der Kapelle des Fürsten Kurakin“ bzw. „erster Hornist der Kapelle des Fürsten Kurakin in Paris“. Der russische Diplomat Fürst Alexander Borrissowitsch Kurakin (17521818) war 18071808 Botschafter in Wien und anschließend bis 1812 in Paris. Bereits für seine Wiener Zeit ist belegt, dass er in seinem Hause wöchentliche Soireen veranstaltete und für „die meisterhafte Aufführung der bedeutendsten Partieen für blasende Instrumente“ sorgte (Bertuch 1808, S. 708).

Anfang des 19. Jahrhunderts waren auch Geigerinnen selten zu hören; das Auftreten einer Hornistin kam allerdings einer Sensation gleich. So griff die Besprechung des Pariser Konzerts sogleich die Geschlechterfrage auf, und zwar in einer für damalige Verhältnisse recht differenzierten Weise: „Mlle Tognini s’est fait entendre sur le cor avec beaucoup de succès; elle possède sur cet instrument un talent dont beaucoup d’hommes se feraient honneur; elle a une belle qualité de son, et fait la difficulté avec netteté. Elle joue aussi bien du violon, et en l’entendant, on veut bien oublier que ces instrumens appartiennent exclusivement aux hommes, et qu’en s’en emparant, le beau sexe perd toutes ses grâces. Il est peut-être à regretter que les dames soient aussi bornées dans le choix d’un instrument, surtout quand elles veulent en tirer un parti lucratif. La harpe et le piano sont les seuls qui leur conviennent; mais il y a malheureusement un si grand nombre de pianistes de première force, qu’il faut un prodige pour se faire remarquer dans la foule“ („Mlle. Tognini ließ sich mit vielem Erfolg auf dem Waldhorn hören; sie besitzt auf diesem Instrument eine Fähigkeit, auf die viele Männer stolz wären; sie hat einen schönen Ton und meistert die Schwierigkeiten mit Präzision. Sie spielt auch die Violine sehr gut; und wenn man sie hört, möchte man ganz vergessen, dass diese Instrumente ausschließlich den Männern angehören und dass das schöne Geschlecht, sollte es sich ihrer bemächtigen, all seine Anmut verliert. Es ist vielleicht zu bedauern, dass die Damen in der Wahl eines Instruments so beschränkt sind, vor allem, wenn sie daraus materiellen Gewinn ziehen wollen. Die Harfe und das Klavier sind die einzigen für sie passenden Instrumente, aber es gibt leider eine so große Zahl von PianistInnen ersten Ranges, dass man sich in dieser Menge nur durch ein Wunder bemerkbar machen kann“ (Les tablettes de polymnie 1810, S. 14).

Bei der Ankündigung eines Berliner Konzerts war im „Journal des Luxus und der Moden“ zu lesen, man erwarte, dass „die Hornistin viel Verwunderung erregen wird, weil es die erste weibliche Figur ist, welche man mit diesem Instrumente hier sieht“ (Bertuch 1812, S. 252). Vorbehalte gegen eine Waldhorn blasende Frau deuten sich auch in der Bemerkung der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ an, es ermangele „der Sig. Tognini die Kraft und Ausdauer, die das Waldhorn bey längerem Spiele erfordert“ (AmZ 1813, Sp. 398). Gleichwohl wurde ihr von anderer Seite ein „guter Ansatz“ (AmZ 1812, Sp. 174) und ein „sehr voller, kräftiger, und doch nicht knarrender Ton“ bescheinigt (AmZ 1812, Sp. 77f). Ihr Spiel auf der Violine, so die „Allgemeine musikalische Zeitung“ 1813, „hatte viel Anziehendes und schien zu befriedigen“ (Sp. 398).

Zum Repertoire Togninis fehlen detaillierte Nachrichten. Mehrfach wird ein Hornkonzert des Hornvirtuosen Fréderic-Nicolas Duvernoy (17651838) genannt sowie die Symphonie concertante für Waldhorn und Harfe eines ungenannten Komponisten. Es handelt sich möglicherweise um eine Gemeinschafts-Komposition von Duvernoy und Martin-Pierre Dalvimare oder um das Duo op. 60 für Horn und Harfe von Johann Sebastian Demar (17631832), dem Vater von Thérèse Demar. In Würzburg spielte sie „eine Polonaise von Küffner (dem dahisigen großherzogl. Hofviolinisten)“ (Fränkisch-Würzburgische Chronik 1811, S. 627).

 

LITERATUR

Allg. Intelligenzblatt zur Oesterreichisch-Kaiserlichen privilegirten Wiener-Zeitung 1813, 27. März, 13. Apr. 1

AmZ 1812, Sp. 77f.174; 1813, Sp. 301, 397; 1814, Sp. 233

Bertuch 1808, S. 448, 708; 1812, S. 26f.252, 834

Fränkisch-Würzburgische Chronik 1811, S. 627

Morgenblatt für gebildete Stände 1811, S. 884

Les tablettes de polymnie 1810, Apr., S. 14

MGG 2000 (Art. Duvernoy, Frédéric(-Nicolas))

Freia Hoffmann, Instrument und Körper. Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur, Frankfurt a. M. u. Leipzig 1991.

Robert Ostermeyer Musikedition, www.french-horn.com/leipzig/1800-1849.htm, Zugriff am 16. Apr. 2008

Robert Ostermeyer Musikedition, www.french-horn.com/laden/johann_sebastian_demar.htm, Zugriff am 18. Apr. 2008

 

Freia Hoffmann

 

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