Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Joël, Gabriele verh. Frankl, Frankl-Joël, Joëll-Frankl, Joël-Frankel

* 16. Aug. 1853 in Wien, † 27. Aug. 1894 in Hietzing bei Wien, Pianistin. Ihre Mutter geb. Freitag war eine in den 1840er Jahren in Prag erfolgreiche Sopranistin. Gegen Ende der 1840er Jahre verließ sie Prag und verheiratete sich mit einem Dr. Joël in Wien. Gabriele Joël wird in ihren Nekrologen als Schülerin von Brahms (1833–1897), Josef Hellmesberger (1828–1893), Karl Goldmark (1830–1915) und Eduard Max Pirkhert (1817–1881) bezeichnet. Josef Hellmesberger lehrte seit 1850 und Eduard Pirkhert seit 1855 am Wiener Konservatorium. In den Listen der SchülerInnen ist Gabriel Joël allerdings nicht erwähnt. Ihre Konzerttätigkeit konzentrierte sich auf ihren Geburtsort. Mehrfache Anlaufpunkte waren daneben auch Prag (1868, 1869) und Leipzig (1868, 1869, 1870) – nur vereinzelt spielte sie in Hannover (1868), Straßburg (1869), Frankfurt (1871), Altmünster (1872), Köln (1872), Darmstadt (1873) oder Weimar (1873). In der Literatur wird erwähnt, dass sie „Kunstreisen durch ganz Deutschland und Österreich unternahm“ (Wiener Geschichtsblätter 1970, S. 39).

Erste Auftritte fanden im März und Dez. 1866 im Rahmen von Konzerten des Hellmesberger Quartetts in Wien statt. Zusammen mit Josef Hellmesberger, mit dem sie auch im weiteren Verlauf ihrer Karriere häufiger konzertierte, trug sie bei diesen Gelegenheiten die Violinsonate Nr. 47 von Beethoven und eine Sonate für Klavier und Violine von C. Ph. Em. Bach vor. 1867 spielte sie zusammen mit dem blinden Pianisten Josef Labor (1842–1924) in Wien von ihm komponierte Variationen für zwei Klaviere. In den folgenden Jahren lassen sich hingegen vorwiegend solistische, nur vereinzelt auch kammermusikalische Aktivitäten wie 1868 mit dem Florentiner Quartett nachweisen: „Die tüchtigste Pianistin Wiens, Fräulein Gabriele Joël, spielte mit Herrn Becker und dem Cellisten Hilpert Beethoven’s B-dur-Trio, Op. 97, mit männlicher Kraft und Sicherheit im ersten Satz und Finale und echt weiblicher Grazie und Innigkeit im Scherzo und Andante. Das junge reichbegabte Mädchen schien im Bunde mit so bedeutenden Künstlern erst recht in seinem Elemente zu sein“ (Bock 1868, S. 88). Auch als Solistin erhielt Gabriele Joël regen Zuspruch. So schreibt beispielsweise die „Leipziger Zeitung“ zu ihren Darbietungen beim 4. Gewandhauskonzert 1868: „Die Vorträge derselben im 4. Concert erweckten die besten Hoffnungen für die Zukunft der gediegenen Clavierspielerin, welche das brillante, graziöse Es-dur Concert von C. M. von Weber, die Concertetüde op. 126 von I. Moscheles, das Andante spianato von Fr. Chopin und das Presto aus der Fantasie op. 28 von F. Mendelssohn-Bartholdy durch markigen, kernigen Anschlag, technisch fertiges Passagenspiel, anmuthige Phrasirung und ruhige Haltung zu vollster Geltung brachte“ (Leipziger Zeitung 1868, S. 455).

Einige Rezensionen bemängeln jedoch eine „arge Manierirtheit“ (Signale 1878, S. 167), „eine reine und gewandte, doch kaum über den specifischen Frauenstandpunct hinausragende, in keinem Zuge aber poetische, oder selbst nur äußerlich kernige Technik“ (NZfM 1868, S. 164) und Ausflüge in das „Gebiet virtuoser Bravour und Manneskraft“ (FritzschMW 1870, S. 234). Im Jahr 1879 kündigt die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ die Heirat von Gabriele Joël und dem „Corvetten-Capitän Herrn Frankl“ (Signale 1879, S. 280)  an: „Die Pianistin Fräulein Gabriele Joël giebt in Wien am 11. Febr. ein Abschieds-Concert und wird sich dann vermählen und nicht mehr öffentlich spielen“ (Signale 1879, S. 201).

Im Jahr 1887 nahm Gabriele Frankl-Joël nach einer zehnjährigen Pause ihre Karriere wieder auf und trat noch weitere fünf Jahre in Wien als Pianistin in Erscheinung. Als einzige Schülerin konnte die königliche Regentin von Spanien ermittelt werden, der sie über einen Zeitraum von drei Jahren Klavierunterricht erteilt haben soll. Seit 1891 wurde Gabriele Frankl-Joël in Konzertankündigungen als königlich-kaiserliche Kammervirtuosin bezeichnet.

 

LITERATUR

AmZ 1867 Sp. 50, 381; 1868, Sp. 7, 29; 1872, Sp. 309; 1874, Sp. 201, 247

The Athenæum 1894 II, S. 329

Bock 1866, S. 95, 413; 1867, S. 381; 1868, S. 88, 117, 361, 397; 1869, S. 38, 419; 1870, S. 76, 108f.; 1872, S. 151; 1873, S. 347, 417; 1874, S. 188; 1875, S. 84, 166

FritzschMW 1870, S. 234

Leipziger Zeitung 1868, S. 455

MusT 1894, S. 696

Monthly Musical Record 1877, S. 77

Niederrheinische Musik-Zeitung 1867, S. 101

NZfM 1866, S.446; 1867, S. 161, 214; 1867, S. 330, 358; 1868, S. 6, 102, 119, 164, 216; 1868, S. 387, 394, 424, 425; 1869, S. 7, 78; 1884, S. 395; 1891 S. 129, 547; 1892, S. 519, 552

Die Presse [Wien] 22. März 1866

Signale 1866, S.943; 1867, S. 30, 977, 1047; 1868, S. 21, 958, 971, 1070; 1869, S. 24, 311, 316, 342, 409, 452; 1870, S. 356; 1871, S. 868; 1872, S. 36, 371, 663; 1873, S. 276; 1875, S. 244; 1878, S. 167; 1879, S. 194, 201, 280, 309; 1887, S. 130; 1888, S. 307, 388; 1889, S. 468; 1890, S. 389; 1891, S. 516; 1894, S. 681

Die Tonhalle. Organ für Musikfreunde 1870, S. 230

Wiener Geschichtsblätter 1970, S. 39

Oscar Teuber, Geschichte des Prager Theaters. Von den Anfängen des Schauspielwesens bis auf die neueste Zeit,3 Bde., Bd. 3, Prag 1888.

Ludwig Eisenberg u. Richard Groner (Hrsg.), Das geistige Wien. Mittheilungen über die in Wien lebenden Architekten, Bildhauer, Bühnenkünstler, Graphiker, Journalisten, Maler, Musiker und Schriftsteller, Wien 1889.

 

Jannis Wichmann

 

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