Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

KatowKatoff, Catow, Catoff, Hélène de, Helena, verh. Zegowitz, Zegowitz-de Katow, Gräfin Polowna Potkin

*ca. 1840 in Riga, † nach 1877 (Ort unbekannt), Violoncellistin. Ihr Großvater war als Minister unter dem Zaren Nikolaus I. tätig und findet in der Literatur als Prinz de Potkin Erwähnung. Aus politischen Gründen emigrierte er mit seinem Sohn und seiner Enkelin Hélène, eigentlich Gräfin Polowna Potkin, wenige Jahre nach ihrer Geburt nach Paris. Vermutlich um die hochadlige Herkunft zu verschleiern, nannte sich die Familie seit der Emigration de Katow, abgeleitet von dem polnischen Dorf Katowitk. Eine Verwandtschaft mit dem zur selben Zeit in Paris wirkenden Künstler Paul de Katow (1834–1897) ist anzunehmen.

Mit elf Jahren hielt sich Hélène im Elsass auf und bekam dort ersten Musikunterricht bei Brandt, einem Neffen Carl Maria von Webers. Anschließend erhielt sie Violoncello-Unterricht von Léon Jacquard, bis sie 1860 am Brüsseler Konservatorium ein Studium bei François Servais (1807–1866)  aufnahm. Während ihrer Zeit in Brüssel hatte sie Kontakt zu Victor Hugo und zu der Herzogin von Brabant. Im Jahr 1862 konnte sie ihre Studien mit einem ersten Preis für den Vortrag von Fantaisie et Variations brillantes sur la Valse de Schubert intitulée Le Désir op. 4 von Servais abschließen und wurde zu diesem Anlass von der o. g. Herzogin mit der „Golden Medal of King Leopold“ (Dwights Journal of Music,1. Apr. 1865, S. 8) ausgezeichnet. Hélène erweiterte ihre musikalische Ausbildung durch Gesangsunterricht bei Roger, wurde jedoch als Sängerin in der Presse kaum erwähnt. Nach einer Konzertreihe in Berlin wurde sie dort zum „virtuoso to King Frederick William“ (ebd.) ernannt. Um 1874 heiratete sie einen nicht weiter bekannten Herrn Zegowitz. Mit der Heirat scheint die Musikerin ihre öffentliche Konzerttätigkeit nahezu eingestellt zu haben.

Eine erste Erwähnung der Cellistin findet sich zu einem Auftritt 1856 mit einem Frauen-Streichquartett in der „Gazette de Champfleury“: „Ce n’étaient pas quatre hommes fronçant le sourcil, clignotant des yeux, pinçant les lèvres, s’appliquant à l’exécution d’une œuvre compliquée, mais quatre têtes souriantes, roses et enjouées, que seul pourrait rendre le pinceau de Lawrence. Hélène Katow a joué du violoncelle en sainte Cécile. Entendrons-nous jamais à Paris ce ravissant quatuor?” („Es waren nicht vier Männer mit gerunzelter Stirn, verkniffenen Augen und zusammengepressten Lippen, die sich um die Aufführung eines schwierigen Werkes mühten, sondern vier lächelnde, rosige und heitere Köpfe, die allein der Pinsel von Lawrence [gemeint ist vermutlich der englische Maler Thomas Lawrence (1769–1830)] hätte wiedergeben können. Hélène Katow spielte das Cello wie die heilige Cäcilia. Werden wir dieses bezaubernde Quartett jemals in Paris hören?“, Gazette de Champfleury 1856, S. 97 f.). Auch die folgenden Jahre sind durch Auftritte mit Musikerinnen in kammermusikalischen Besetzungen gekennzeichnet. So gehörte Hélène de Katow zusammen mit den Violinistinnen Clara Marelli (Marelle) und Julienne André zu den Gründungsmitgliedern eines von der Pianistin Moritz-Reuchsel Anfang 1859 ins Leben gerufenen Damen-Klavierquartetts. „Le Guide musical“ schreibt dazu am 17. Febr. 1859: „On s’entretient beaucoup en ce moment, à Paris, d’un évènement musical tout exceptionnel.C’est un quator féminin, fondé et organisé par Mlle Moritz Reuchsel. […] Ces dames ont déjà eu l´honneur de jouer aux Tuileries, et se feront entendre dans les salons avant de donner un concert public“ („Man spricht derzeit in Paris viel über ein ganz außergewöhnliches musikalisches Ereignis. Es handelt sich um ein Frauen-Quartett, gegründet und organisiert von Mlle. Moritz-Reuchsel.[…] Die Damen hatten schon die Ehre, in den Tuilerien zu spielen, und werden sich in den Salons hören lassen, bevor sie ein öffentliches Konzert geben“, Le Guide musical 1859, S. 3). Das hier angekündigte Konzert des Quartetts fand am 2. Mai 1859 in der Salle Herz schließlich als Trio statt, da Clara Marelli aufgrund einer Erkrankung nicht teilnehmen konnte. Zur Aufführung kam das Trio op. 11 von Beethoven. „A part quelques notes douteuses et cherchées, deux jeunes filles, – Mlle Julienne André, violiniste, élève dAlard, et Mlle Hélène de Katow, violoncelliste, élève de Jacquard, – ont mérité laccueil bruyant fait à leur exécution“ („Abgesehen von einigen zweifelhaften und unsicheren Tönen, haben sich die beiden jungen Mädchen – Mlle Julienne André, Geigerin, Schülerin vonAlard, und Mlle Hélène de Katow, Violoncellistin, Schülerin von Jacquard – die begeisterte Aufnahme ihrer Vorstellung verdient“, Le Ménestrel 1859, S. 182). In den Jahren bis 1866 trat Hélène vermehrt als Solistin in Erscheinung , u. a. in Paris bei Konzerten mit den Sänger-Brüdern Guidon. Sie betätigte sich jedoch auch weiterhin als Kammermusikerin, beispielsweise 1864 zusammen mit dem Geiger Sighicelli und der Pianistin Aline Mallet sowie mit der Geigerin Thérèse Castellan und der Pianistin Soulé. Eine Konzertreise führte sie im selben Jahr als Solistin nach Holland und Belgien sowie im Jahr darauf zusammen mit dem Pianisten James M. Wehli nach Kanada und in die USA, wo sie u. a. in New York, Chicago und Quebec konzertierte. Die dortigen Auftritte wurden auch von der französischen Presse aufmerksam verfolgt. Ein Korrespondent der „Revue et Gazette Musicale“ berichtet vom Debüt im Niblos Saloon: „Dans le premier concert qui y a été donné, la charmante artiste sy est fait entendre, et son talent si neuf et si original, sa manière de phraser si pleine de sentiment, ont excité un véritable enthousiasme parmi les dilettanti de New-York. Son début a été un immense succès“ („Im ersten dort gegebenen Konzert ließ sich die charmante Künstlerin hören, und ihr Talent, so neu und einzigartig, ihre Art und Weise der Phrasierung, so voller Empfindung, haben einen wahren Begeisterungssturm unter den New Yorker MusikliebhaberInnen ausgelöst. Ihr Debüt war ein voller Erfolg“, RGM 1865, S. 78). Nach ihrer Rückkehr wirkte Hélène de Katow in Paris bei einem Frauen-Streichquartett mit, welches von der Violinistin Catarina Lebouys gegründet wurde. Bestehend aus Catarina Lebouys, der Violinistin  Jenny Clauss sowie der Bratschistin Fanny Clauss wurde das Quartett teilweise von der Farrenc-Schülerin Marie-Louise Mongin bzw. Norblin zum Klavierquintett erweitert. Sogar die deutschsprachige Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ nahm davon Notiz. Das Debüt fand im Januar 1866 in Paris mit einem Quintett von Boccherini statt. Nach einer zweiten USA-Tournee im Winter 1870/71 wirkte Hélène de Katow im Frühjahr 1871 in einem weiteren Damen-Trio, bestehend aus Thérèse Castellan und Ferrari de Campoleoni, mit. Im selben Jahr trat die Cellistin auch in einer von der Sängerin Haydée Abrek organisierten Soiree von und für Frauen auf. In einer Ankündigung heißt es: „No lord of the creation is to be permitted to join these soirees” (Athenæum 1871, S. 631). Im Jahr 1875 spielte die Cellistin im Trio mit der Geigerin Blouet-Bastin und der amerikanischen Pianistin Tassoni Konzerte in Frankreich. Nach Konzerten 1877 in Cheltenham verliert sich ihre Spur.

Ihr Violoncellospiel wird mehrheitlich gelobt: „She discourses excellent music; the tone not the strongest and broadest, but rather feminine, and true, musical, searching and expressive. The movements of her hands and arms, as well as the vibrating strings, seem instinct with the music in her soul“ (Dwights Journal of Music 1865, S. 415). Jedoch zeigen Rezensionen auch, dass der Reiz des Exotischen und Besonderen einer Cellistin überwog und die Beachtung ihrer musikalischen Leistungen in den Hintergrund trat: „Nous regrettions doublement ces concerts tout masculins en écoutant lautre jour, ou plutôt en regardant la belle Mademoiselle de Katow, qui a cru suivre les traces de sainte Cécile, en choisissant pour instrument le violoncelle. Nous venons débaucher le crime de lèse-galanterie, dont il nous faut nous excuser sur lheure. Cest avec un véritable chagrin que nous voyons entre les mains délicates dune jolie femme, ce gros instrument qui par sa forme, par lattitude même et la vigueur quil exige de la part de lexécutant, semble réservé exclusivement aux individus du sexe…. soit disant le moins beau mais le plus fort“ („Wir bedauerten doppelt die völlig männlichen Konzerte, als wir am anderen Tag der schönen Mlle. de Katow zusahen, die glaubte, den Spuren der heiligen Cäcilia zu folgen, indem sie sich als Instrument das Violoncello gewählt hat. Wir haben soeben ein Verbrechen am Höflichkeitsgebot begangen, welches wir umgehend zu entschuldigen bitten. Mit echtem Kummer sehen wir in den zauberhaften Händen einer hübschen Frau dieses große Instrument, welches durch seine Form, seine Eigenschaft und seine Kraft, die es vom Ausführenden verlangt, ausschließlich Personen des … sagen wir weniger schönen, dafür aber stärkeren Geschlechts vorbehalten scheint“, Les Beaux-arts 1863, S. 208).

 

Photographie von Nadar. Vermutlich 1863 in Paris aufgenommen.

 

LITERATUR

Albany Evening Journal 1865, S. 3

Athenæum 1871 I, S. 600, 631; 1872 I, S. 535

Les Beaux-arts 1863,  S. 208

Chicago Tribune 1865, S. 2

La Chronique musicale  1875, S. 35f

La Comédie 1863, S. 4; 1864, S. 2; 1867, S. 2, 8; 1868, S. 7

Dwight´s Journal of Music 1865, S. 5, 7, 8, 37, 38, 405, 415; 1867, S. 8

The Era [London] 20. Mai 1877

FM 1859  S. 212

Gazette de Champfleury 1856, S. 97, 98

Le Guide musical 1859, S. 3; 1860 NP

Le Ménestrel 1859, S. 95, 167, 182; 1863, S. 150, 324; 1864, S. 127, 136, 151, 167; 1866, S. 47, 55; 1867, S. 7

Musical Standard 1871 I, S. 43

MusT 1871, S. 10, 11; 1906, S. 739

MusW 1871, S. 290; 1876, S. 841; 1877, S. 23

New York Herald 1865, S. 7

New York Times 1865, 30. Jan., 13. Febr., 14. Febr., 13. Apr.

The Observer 1872, S. 3

Orchestra 1871, S. 211, 339

Le Petit Journal 1863, S. 1; 1864, S. 2; 1868, S. 3, 71, 95; 1873, S. 191; 1874,  S. 150

Philadelphia Inquirer 1865, S. 3, 8

Reader 1864, S. 85

RGM 1859, S. 138, 153f.; 1860, S. 126, 347; 1862, S. 260; 1863, S. 95, 141; 1864, S. 13, 84, 110, 116f.; 1865, S. 78, 86, 134; 1866, S. 5; 1867, S. 161f., 386

Signale 1864, S. 82; 1866, S. 104

Jean-Baptiste-Antoine Ferland u. a. (Hrsg.), Le Foyer canadien, 4 Bde., Bd. 4, Quebec 1866.

John Weeks Moore, A Dictionary of Musical Information. Containing Also a Vocabulary of Musical Terms, and a List of Modern Musical Works Published in the United States From 1640 to 1875, New York 1876.

Joël-Marie Fauquet, Les Sociétés de musique de chambre à Paris de la restauration à 1870, Paris 1986.

Eugene H. Cropsey, Crosbys Opera House. Symbol of Chicagos Cultural Awakening, Cranbury 1999.

Silke Wenzel, „Hélène de Katowin: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=kato1830, Zugriff am: 30. Juni 2011.

 

Bildnachweis

http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b7721243w, Zugriff am: 30. Juni 2011.

 

Jannis Wichmann

 

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