Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

HolmèsHolmes, Augusta (Mary Anne)

* 16. Dez. 1847 in Paris, † 28. Jan. 1903 ebd., Pianistin, Sängerin, Komponistin und Dichterin. Augusta Holmès hat mittlerweile als Komponistin ihren Platz in der Musikgeschichtsschreibung gefunden. So früh auch ihre ersten eigenen Werke bekannt wurden – zunächst noch unter dem Pseudonym Hermann Zenta –, so begann ihre musikalische Karriere zunächst doch als Pianistin und Sängerin. Dieser Teil des Lebens steht im Mittelpunkt des Artikels und bestimmt auch die in die Bibliographie aufgenommenen Quellen.

Augusta Holmès, Tochter von Charles William Scott Dalkeith Holmes (1798–1867) und Tryphena Anna Constance Augusta Shearer (1811–1858), war irischer Abstammung. Die ursprüngliche Schreibweise ihres Namens, Holmes, änderte sie im Zuge ihrer Einbürgerung in Frankreich im Jahr 1873 in Holmès. Das Kind wuchs in Versailles in einer bürgerlichen, gebildeten Umgebung auf. Von der Mutter erlernte sie mehrere Sprachen: Im Alter von zwölf Jahren soll sie fließend Französisch, Englisch, Deutsch und Italienisch gesprochen haben. Die Mutter, Amateurpoetin und Malerin, widersetzte sich laut Augusta Holmès späteren Angaben einer intensiven musikalischen Ausbildung der Tochter, dennoch erhielt diese den für Mädchen ihrer Gesellschaftsschicht obligatorischen Klavierunterricht. Nach dem Tod der Mutter am 10. Mai 1858 verstärkten sich die musikalischen Aktivitäten deutlich. Mit 14 Jahren ging das Mädchen zu Henri Lambert, dem Organisten der Versailler Kathedrale, bei dem sie neben Klavierstunden nunmehr auch Harmonielehreunterricht erhielt. Der Klarinettist Hyacinthe-Elénore Klosé (1808–1880) unterwies sie vermutlich in Orchestration. Am Klavier erarbeitete Augusta Holmès das typische Standardrepertoire von Komponisten wie Joh. Seb. Bach, Beethoven, Händel, Mendelssohn und Liszt. Nach dem Tode des Vaters nahm sie zudem Stunden bei César Franck (1822–1890), diese waren allerdings der Komposition gewidmet.

Die ersten Auftritte Augusta Holmès erfolgten im Salon ihres Vaters, angeblich im Alter von neun Jahren. In dieser Umgebung knüpfte sie auch Kontakte zu zahlreichen bedeutenden Musikern und Schriftstellern ihrer Zeit wie Camille Saint-Saëns, Auguste Villiers de l'Isle-Adam oder Henri Regnault.

Die ersten belegten Auftritte stammen aus den Jahren 1863/64. Die junge Pianistin spielte hier z. B. in den Salons des Prinzen Poniatiwski und Erards. 1864 reiste sie mit ihrem Vater nach Genf, wo die Kritik ihr trotz ihres jugendlichen Alters bereits erstklassiges Können bescheinigte: „A la fermeté et au brillant de son jeu, quelle nuance avec une grande facilité, elle joint lexpression, le sentiment et la grâce“ („Mit der Kraft und Brillanz ihres Spiels, das sie mit großer Leichtigkeit nuanciert, verbindet sie Ausdruck, Gefühl und Anmut“, Journal de Genève 18. Aug. 1864).

In den folgenden Jahren trat Augusta Holmès regelmäßig als Pianistin auf und erhielt positive Kritiken. Sie spielte bei Wohltätigkeitsveranstaltungen (in den „Salons de lhôtel du Louvre“ zugunsten junger Waisenmädchen, Le Ménestrel 1864/1865, S. 127, 136 und 1865/1866, S. 381) und bei Privatkonzerten, außerdem in der Salle Erard, bei Madame Oscar Comettant oder gemeinsam mit Saint-Saëns dessen Werk Le Rouet dOmphale an zwei Klavieren. „Le Ménestrel“ bescheinigt ihr, dass sie „ne joue pas du piano comme tout le monde: elle a pris des leçons et elle en a profité sans doute; mais elle est elle-même avant tout“ („nicht wie alle anderen Klavier spielt: Sie hat sicherlich Stunden genommen und davon profitiert; aber sie ist vor allem sie selbst“, Le Ménestrel 1865/66, S. 381).

Von ihrem langjährigen Gefährten, dem Dichter und Musikkritiker Catulle Mendès (1841–1909, verheiratet mit Judith Gautier), brachte Augusta Holmès fünf Kinder zur Welt: Raphaël (* 1870), Hughette (* 1872), Claudine (* 1876), Hélyonne (* 1879) und Mathian († 1881 als Säugling). In diesen Jahren widmete sie sich vorrangig ihrer kompositorischen Entwicklung. Die Auftritte als Pianistin setzten, soweit bekannt, erst Ende der 1880er Jahre wieder ein. Nunmehr waren es in der Regel eigene Werke, welche die Pianistin öffentlich aufführte und in privaten Zirkeln den Gästen vorstellte. In dieser Zeit werden die vielfältigen Talente der Augusta Holmès zunehmend in der Presse erwähnt. So ist sie „à la fois pianiste remarquable, poète et compositeur“ („gleichzeitig eine bemerkenswerte Pianistin, Dichterin und Komponistin“, Gazette artistique de Nantes 15. Jan. 1891). Immer wieder wird auch ihre „nature indépendante“ (ihr „unabhängiges Wesen“, Annuaire des artistes et de lenseignement dramatique et musical 1895, S. 318) thematisiert. Ihre Tätigkeit als Komponistin und Dichterin stand nunmehr deutlich im Vordergrund.

Augusta Holmès starb am 28. Jan. 1903 in Folge eines Herzleidens. Ihre Bibliothek hinterließ sie der Stadt Versailles, ihre Manuskripte der Bibliothek des Pariser Konservatoriums. Bei ihrer Beerdigung spielte Saint-Saëns die Orgel.

 

Bild von Gustave Jacquet, 1874.

 

KOMPOSITIONEN FÜR KLAVIER und KAMMERMUSIK MIT KLAVIER

Marche des zouaves für Klavier, Paris ca. 1861 (MS); Pologne. Poëme symphonique pour le Piano, Paris 1882; Rêverie tzigane für Klavier, Paris 1887 (L. Grus); Ce qu'on entendit dans la nuit de Noël für Klavier, Paris 1890 (Durand & Schoenewerl); Ciseau d'hiver für Klavier, Paris 1892 (Le Paino); Trois petites pièces für Flöte und Klavier, Paris 1897 (Durand); Fantaisie für Klarinette und Klavier, Paris 1900 (Leduc)

 

LITERATUR (Auflistung offizieller Dokumente und Urkunden sowie autographer Briefe in: Strohmann)

La Chronique des arts et de la curiosité – supplément à la Gazette des beaux-arts 1903, 31. Jan., 18. Apr.

La France moderne. Littérature, science et arts contemporains 9. Jan. 1890

Gazette artistique de Nantes 15. Jan. 1891

Gil Blas [Paris] 1887, 19. März; 1891, 30. Juni; 1892, 6. Juni; 1895, 24. Juni; 1896, 11. März; 1897, 10. März; 1899, 20. Mai

La Joie de la maison 15. Febr. 1903

Journal de Genève 18. Aug. 1864

Le Journal du dimanche 28. Febr. 1903

La Lanterne [Paris] 1903, 30. Jan.; 13. Apr. 1904

Le Ménestrel 1863/64, S. 320; 1864/65, S. 127, 136; 1865/66, S. 87, 381; 1866/67, S. 63, 165, 398; 1867/68, S. 143, 159, 167, 190; 1871/72, S. 7; 1889, S. 290; 1891, S. 79; 1892, S. 38; 1893, S. 6; 1894, S. 399; 1895, S. 42f.; 1901, S. 80, 176; 1903, S. 36, 71, 127

Die Musik 1902/03 II, S. 293; 1904/05 I, S. 135

Passe-temps [Lyon] 24. Febr. 1895

RGM 1867, S. 145; 1868, S. 77; 1870, S. 346

La Revue mondaine illustrée 10. Mai 1892

Signale 1869, S. 1071

Mendel, Fétis, Champlin, Ebel, Cohen, GroveW, MGG 2000, Fauquet

Pierre Larousse, Grand dictionnaire universel du XIXe siècle, Paris 1866–1877.

Oscar Comettant, La musique, les musiciens et les instruments de musique chez les différents peuples du monde, Paris 1869.

Louis-Gustave Vapereau, Dictionnare universel des contemporains, Paris 1893.

Annuaire des artistes et de l'enseignement dramatique et musical, Paris 1895.

Louis Pennequin,  Les femmes compositeurs de musique  Dictionnaire biographique, Paris 1910.

Ernest Dupuy, Alfred de Vigny. Ses amitiés, son rôle littéraire, Paris 1910–1912.

Maurice Dreyfous u. Paul Ollendorff, Ce qu'il me reste à dire. Un demi-siècle de choses vues et entendues (18481900), Paris 1913.

Walter Niemann, Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit, Berlin 1919.

Edmond Estève, Alfred de Vigny, sa pensée et son art, Paris 1923.

Danielle Roster, Die großen Komponistinnen, Frankfurt a. M. u. Leipzig 1998.

Gérard Garsi, La chronologie de l'histoire de la musique, Paris 1997.

Laura Kuhn (Hrsg.), Baker's Biographical Dictionary of Musicians, New York 2001.

Nicole Labelle, „Augusta Holmès“, in: Women Composers. Music Through the Ages, hrsg. von Sylvia Glickman u. Martha Furman Schleifer, 8 Bde., Bd. 8, London 2006, S. 201–215.

Nicole K. Strohmann, Gattung, Geschlecht und Gesellschaft im Frankreich des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Studien zur Dichterkomponistin Augusta Holmès (= Musikwissenschaftliche Publikationen 36), Hildesheim [u. a.] 2012.

http://www.musimem.com/, Zugriff am 5. Dez. 2012.

 

Bildnachweis

Gallica, Bibliothèque Nationale de France, http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b7721153x/f1.item, Zugriff am 5. Dez. 2012.

 

Claudia Schweitzer

 

© 2012 Freia Hoffmann