Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Janina, Olga vonde, geb. Zielinska, Zielinski, verh. Piasecka, verh. Cezano

*17. Mai 1845 oder 1847 in Lwów (Lemberg), Sterbedatum unbekannt, vermutlich in Genf gestorben, Pianistin und Klavierlehrerin. Sie wuchs neben ihrem älteren Bruder Wladislaw als Tochter von Ludwik Zielinski und dessen Ehefrau Sabina geb. Łopuszańska in Podolien (heute Ukraine/Moldawien) auf. Von ihrer Mutter erhielt sie ihre erste musikalische Ausbildung auf dem Klavier. Später wurde sie von Antoni Wrana und Vilem Blodék, einem Schüler Alexander Dreyschocks, unterrichtet. Im Alter von 18 Jahren heiratete die Musikerin Karol Janina Piasecka, von dem sie sich kurze Zeit nach der Hochzeit wieder scheiden ließ. Sie führte fortan den zweiten Vornamen ihres Ehemanns als Nachnamen und trat nun unter dem Namen Olga von Janina in Erscheinung. Zusammen mit ihrer Mutter begab sich die Pianistin im Apr. 1865 nach Paris, wo sie sich etwa eineinhalb Jahre aufhielt. In dieser Zeit erhielt sie Klavierunterricht von Henri Herz (1803–1888) und trat öffentlich auf. 1866 kehrte die Künstlerin nach Polen zurück und setzte ihre musikalische Ausbildung bei Karol Mikuli (1821–1897), einem Schüler Chopins, fort. 1869 reiste sie nach Rom, um Klavierunterricht bei Franz Liszt (1811–1886) zu nehmen. Sie findet Erwähnung in einem Bericht der russischen Prinzessin Schachowskoi, die zur gleichen Zeit Schülerin Liszts war. Über das Klavierspiel Olga von Janinas schreibt sie: „She played like a demon. I shall never forget how she played the first Mephisto Waltz in the first lesson“ (Raphaël Ledos u. Nadine Helbig, S. 217). Über einen späteren Vortrag dieser Komposition von Liszt schreibt ein Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“, dass Olga von Janina jene „mit wahrhaft dämonischer Gewalt und virtuoser Technik entrollte“ (NZfM 1870, S. 275). An anderer Stelle wird sie als „eine sehr tüchtige Kraft“ beschrieben, „die um so schätzenswerther, als nur reine Liebe zur Kunst und kein materielles Interesse sie zu so schönem Streben antreibt“ (NZfM 1871, S. 184).

Zusammen mit weiteren Schülern begleitete Olga von Janina Liszt auf einigen seiner Konzertreisen, die sie im Jahr 1870 nach Italien, zum Beethoven-Festival nach Weimar und schließlich nach Pest führten. In Ungarn ermöglichte Liszt der Pianistin einige Auftritte. Ein misslungenes Konzert, in dem sie Chopins Ballade Nr. 1 op. 23 g-Moll dreimal unterbrechen und jeweils von vorn beginnen musste, brachte ihr jedoch äußerst negative Kritiken ein. Die Künstlerin versuchte, in Warschau und Russland ihre Karriere fortzusetzen, blieb dabei jedoch erfolglos. Liszt empfahl ihr daraufhin eine Konzertreise durch die USA. Im Juli 1871 begab sie sich nach New York. Als auch hier nach einiger Zeit die Engagements ausblieben, bat sie Liszt um Unterstützung. Liszt reagierte auf diese Briefe jedoch nicht, worüber Olga von Janina derart aufgebracht war, dass sie Bekannten von Liszt gegenüber die Absicht äußerte, Liszt töten zu wollen. Im Okt. 1871 verließ sie New York und begab sich nach Pest, wo sie Liszt in dessen Unterkunft aufsuchte. Wie Letzterer in einem Brief an die Fürstin von Sayn-Wittgenstein berichtet (19. Nov. 1871), habe die Pianistin gedroht, ihn und anschließend sich selbst zu töten. Eine Anzeige bei der Polizei erfolgte nicht, stattdessen wurde Olga von Janina von zwei Freunden Liszts ein Ultimatum getellt: Sollte sie innerhalb einer bestimmten Zeit Pest nicht freiwillig verlassen, würde die Polizei über den Vorfall informiert werden. Von Pest aus begab sich die Pianistin zunächst nach Lemberg. Anfang des Jahres 1872 befand sie sich auf einer Konzertreise durch Belgien. Am 6. Jan. spielte sie in Mons im Rahmen eines Konzerts der Société des concerts et redoutes. Noch im Jan. reiste sie nach Brüssel weiter und wirkte dort in einem Konzert des Brüsseler Cercle Artistique unter der Leitung von François Servais und Henri Vieuxtemps mit. Ein weiteres Konzert in Brüssel erfolgte im Febr. 1872. Die Programme der Künstlerin enthielten unter anderem Chopins Fantasie-Impromptu Cis-Dur op. 66, das Larghetto aus seinem Klavierkonzert e-Moll op. 11 und Liszts Fantasie auf ungarische Volksweisen (Searle 123). Auch Programme der folgenden Konzerte bestanden vorwiegend aus Werken dieser beiden Komponisten. „She makes nothing, so we are told, of the ‚effroyables difficultés of Liszt and is equally great in classical music“ (MusW 1872, S. 820).

Mendel zufolge begab sich die Pianistin 1873 auf eine umfangreichere Reise in die USA. Belege hierfür sind jedoch nicht zu finden. 1874 publizierte sie unter dem Pseudonym Robert Franz den Roman Souvenirs d’une cosaque. Dabei handelt es sich um einen fiktionalen autobiographischen Roman, der eine Beziehung zwischen Liszt und ihr zum Gegenstand hat und vorrangig auf die Erniedrigung Liszts vor Kollegen und Bekannten abzielte. 1875 folgte die Veröffentlichung ihres Romans Souvenirs d’un pianiste, réponse aux souvenirs d'une cosaque, der als fiktionale Antwort Liszts auf das erste Werk konzipiert war. Durch diese Publikationen wurde jedoch weniger das öffentliche Ansehen Liszts, sondern vielmehr jenes der Autorin selbst beschädigt. „People will not say that Mad. de Janina is afraid of showing herself as she really is: eccentric, savage, impassioned, capable of loving even to crime, an enemy of everything common-place, trampling on vulgar ideas of decorum, and living in society with the freedom of a Cossack horse let loose in the midst of the Russian steppes (MusW 1874, S. 591).

Um 1881 befand sich Olga von Janina in der Schweiz. In den Jahren zuvor hatte sie den vermögenden Russen Paul Guy Cezano geheiratet, mit dem sie in Lancy, einer Stadt südlich von Genf, lebte. Am 3. Dez. 1881 spielte die Pianistin erstmals in Genf und fiel vor allem dadurch auf, dass sie eine Bezahlung für ihren dortigen Auftritt entschieden ablehnte. Im Dez. 1882 konzertierte die Pianistin erneut in einer Soirée der Genfer Societé de l’Orchestre. An der hierauf erschienenen Konzertkritik zeigt sich, welchen Einfluss die Publikation der beiden Bücher bzw. das Verhältnis der Pianistin zu Liszt noch zu diesem Zeitpunkt auf das öffentliche Ansehen der Frau genommen hatte: „Frau Cezano eine Russin von Geburt, ist wie man behauptet, die Verfasserin eines gewissen Buches (‚Mémoires d’une Cosaque‘), das vor einigen Jahren ziemlich viel Lärm gemacht hat. Ihre bizarre äußere Erscheinung steht im Einklang mit ihrer excentrischen Schreibweise, und ihre Art, Clavier zu spielen, gehörte ebenfalls demselben Genre ‚Cosaque‘ an. Das Publicum konnte zu Anfang seine Heiterkeit gar nicht verhehlen, wurde aber durch die kolossale Technik dieser sonderbaren Pianistin förmlich gepackt und brach nach Schluss der Ungarischen Phantasie mit Orchesterbegleitung von Liszt in lauten Jubel aus“ (FritzschMW 1882, S. 87). In den folgenden Jahren änderte sich die Wahrnehmung der Pianistin zusehends: Nicht mehr ihre Vergangenheit, sondern ihre musikalischen Fertigkeiten standen Mitte der 1880er Jahre wieder im Fokus des Kritikerinteresses.

In den Jahren 1882 und 1883 konzertierte Olga Cezano häufig in Genf, wo sie auch Klavierunterricht erteilte. Gelegentlich unternahm sie Konzertreisen nach Lausanne und Montreux. Am 15. März 1883 spielte sie in Marseille. Ende 1883 bzw. 1884 befand sich die Künstlerin in Montreux und begab sich von dort nach Berlin. Einem Korrespondenten der „Musikpädagogischen Blätter“ zufolge zeigte sie sich dem Berliner Publikum mit „einer guten Technik, richtiger musikalischer Phrasierung und einem kernigen Ton[…], ohne doch in besonderem Masse interessiren zu können“ (Musikpädagogische Blätter 1884, S. 18). 1884 folgten weitere Konzerte in Leipzig und Berlin. Im Dez. debütierte die Pianistin in London und reiste 1885 nochmals nach Marseille, wo sie sich erneut „als glänzende Liszt-Spielerin mit Erfolg“ (FritzschMW 1885, S. 192) zeigte. Die Werke ihres ehemaligen Lehrers machten einen Großteil ihres Repertoires aus. Daneben enthielt es unter anderem Werke von Beethoven, Henselt, Anton Rubinstein, Bizet, Chopin und Schubert.

Zusammen mit M. C.-Henri Richter gründete Olga Cezano 1886 die Académie de Musique de Genève, deren Eröffnung am 1. Febr. des Jahres erfolgte. Hier war sie als „directrice artistique“ (Journal de Genève, 31. Jan. 1886) für die Klavierklassen verantwortlich und erweiterte das Angebot mit Kursen, die – wie M. C.-Henri Richter betonte – hinsichtlich des Unterrichts an Musikschulen vollkommen neuartig waren. Neben der Vermittlung von „métrique et de rhythmique“ zählte hierzu vor allem die „gymnastique des doigts“ („Fingergymnastik“, Journal de Genève, 23. Mai 1886). Vermutlich um das Ansehen der Einrichtung zu steigern, lud Olga Cezano im Frühjahr 1886 Hans von Bülow – mit dem sie zu dieser Zeit einige Male zusammen konzertiert hat – nach Genf ein. Dieser besuchte im Juni 1886 Proben von Schülern der Pianistin und gab bei dieser Gelegenheit ein Konzert in der Académie.

Bereits im Juli 1886 wurde durch das „Journal de Genève“ bekannt gegeben, dass Olga Cezano von ihren Aufgaben an der Académie de musique a Genève zurücktreten und stattdessen am 1. Sept. 1886 die Ecole supérieure de piano et dharmonie eröffnen werde.

 

 

Dass Olga Cezano neben der Tätigkeit an der Musikschule nicht auf eine Konzertätigkeit verzichtete, belegen unter anderem Auftritte der Pianistin in Genf Ende des Jahres 1887.

 

LITERATUR

Robert Franz [i.e. Olga Janina], Souvenirs d’une cosaque, Paris 1874.

Anonym [i.e. Olga Janina], Souvenirs d’un pianist, réponse aux souvenirs d’une cosaque, Paris 1874.

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Allgemeine Musik-Zeitung 1886, S. 292

The Athenæum 1872 I, S. 819; 1884 II, S. 779

The Century 1893, S. 86

Deutsche Revue über das gesamte nationale Leben der Gegenwart 1907, S. 75

Dwight’s Journal of Music 1875, S. 324

FritzschMW 1882, S. 87; 1885, S. 192, 247

Gazette de Lausanne 18., 23., 25. Febr. 1882 ; 25. Apr., 5. Mai 1883 ; 28. Juni 1886

Journal de Genève 1881 28. Nov., 3. Dez.; 27. Jan., 18., 23., 25. Febr., 22. Apr., 6. Dez. 1882; 21., 25., 26. Apr., 26. Nov. 1883; 21. Jan., 8., 9. März, 5., 10., 11. Apr., 21., 23. Mai 1885; 23., 31. Jan., 9. März, 2., 22., 23., 25. Mai, 13., 18. Juni, 16., 18., 20., 22., 23., 24., 27., 29., 31. Juli, 15., 17., 19. 21., 24., 26., 28. Aug. 1886; 18. Nov., 3. Dez. 1887

Le Guide musical 1872, NP; 1886, S. 96

Leipziger Zeitung 1887, S. 80

Le Ménestrel 1883, S. 128

The Musical Record 1883, S. 108

The Musical Standard 1886 I, S. 216; 1910 II, S. 419

MusT 1886, S. 231

MusW 1872, S. 820; 1874, S. 591; 1883, S. 310; 1884, S. 14

Musikpädagogische Blätter 1884, S. 18, 45

NZfM 1870, S. 168, S. 275, 290, 383, 421, 441; 1871, S. 174, 184f.; 1872, S.236

The Orchestra 1872, S. 104

Signale 1870, S. 266, 715; 1871, S. 566; 1872, S. 92, 108, 125, 137, 825; 1875, S.948

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Bildnachweis

www.thomas-kaiser.biz/liszt_eng.html, Zugriff am 24. Apr. 2010.

Journal de Genève 16. Juli 1886.

 

Annkatrin Babbe

 

© 2010 Freia Hoffmann