Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Herman, Hermann, Mathilde und Laure, Laura, letztere verh. Herman-Brochard

Mathilde * ca. 1861, Laure * ca. 1862, Orte unbekannt, Sterbedaten unbekannt (nach 1892 bzw. 1909), Violinistinnen, wahrscheinlich französischer Herkunft. Regelmäßigen Pressemeldungen zufolge wurden die Schwestern von Delphin Alard (1815–1888) ausgebildet, der von 1843 bis 1875 als Professor am Pariser Konservatorium wirkte. Das Mindestalter für die Aufnahme an dieser Institution betrug allerdings 10 Jahre, sodass es sich um ein privates Ausbildungsverhältnis gehandelt haben dürfte. Im „Dictionnaire des Lauréats“ bei Constant Pierre sind die Schwestern nicht verzeichnet. Am 5. Nov. 1870 meldete der „Ménestrel“ einen „grand succès des deux petites violinistes“ (einen „großen Erfolg der zwei kleinen Geigerinnen“, Le Ménestrel 1870, S. 399) in einem „Concert-Mozart“, was die Londoner Presse mit einjähriger Verspätung zum Anlass nahm, die kindlichen Musikerinnen mit Wahrnehmungsklischees zu konfrontieren, die andernorts längst überwundenen waren: „Two more young violinists in petticoats, Sisters Herman, pupils of Alard, have made their débuts at a ‚Mozart Concert‘ in Paris. Female violinists possess certain qualifications of sentiment and expression, but fail in playing music of a profound and suggestive character, requiring the masculine hand and mind of the sterner sex“ (Orchestra 1871 II, S. 104). Möglicherweise war dies ein Anlass, in den darauf folgenden Auftritten zwar durchaus virtuose, vom musikalischen Anspruch her jedoch leichtgewichtigere Werke zu wählen wie Variationen und Fantasien über populäre Melodien und Opern-Arien. Mit Altersangaben (neun und zehn bzw. elf Jahre) und Ankündigungen als „petites violinistes prodiges“ (kleine Wundergeigerinnen“, Le Ménestrel 1. Dez. 1872, S. 7) und „violinistes-miniatures“ (Le Ménestrel 17. Dez. 1871, S. 24) bestritten die Schwestern bis Apr. 1873 in Paris eine Serie von Auftritten. Ein letztes Konzert fand am 20. Apr. 1873 in der Société libre des Beaux-Arts statt und wurde im Jahrbuch dieser Organisation ausführlich kommentiert: „Mesdemoiselles Laure et Mathilde Herman ont exécuté la fantaisie de [Léon] Lecieux, pour deux violons, sur le Duc d’Olonne [Oper von Daniel-François-Esprit Auber] [op. 8], en s’entendant admirablement toujours. La jeune Mathilde, dans la grande fantaisie d’Allard [sic, Delphin Alard, op. 37], sur le Trouvère [Verdi], a fait preuve de facultés musicales si complètes que l’aspect de ses 9 ou 10 ans, – si intéressants pourtant, – disparaissait sous l’émotion générale produite par la virilité de son coup d’archet, la dextérité et la certitude de son doigté et le charme du sentiment répandu dans tout son jeu. Des applaudissements enthousiastes ont salué trois fois ce talent phénoménal“ („Die Demoiselles Laure und Mathilde Herman trugen die Fantasie über [Aubers] Duc d’Olonne von [Léon] Lecieux [op. 8] in bewundernswertem Zusammenspiel vor. Die kleine Mathilde stellte mit [Delphin] Alards großer Fantasie [op. 37] über den Troubadour [Verdi] ein so vollendetes musikalisches Können unter Beweis, dass die Tatsache ihrer neun oder zehn Jahre –wenngleich bemerkenswert – zurücktrat hinter dem tiefen Eindruck, den sie erzielte mit ihrem männlichen Bogenstrich, mit der Gewandtheit und Sicherheit ihrer Grifftechnik und dem reizenden Ausdruck, der ihr ganzes Spiel prägt. Begeisterter Beifall und dreifaches Hervorrufen belohnten dieses seltene Talent“ (Annales de la Société libre des Beaux-Arts 1875, S. 106).

Anschließend begaben sich die Schwestern auf eine mehrjährige Konzertreise nach Osteuropa, die sie wohl zunächst Ende Okt. und Anfang Nov. 1873 zu den fünf Konzerten führte, die das „Rigaer Theater- und Tonkünstlerlexikon“ verzeichnet. Auch im Okt. 1874 fanden dort drei Auftritte der Geigerinnen statt. „Sie erregten besonders durch ihr Unisono-Zusammenspiel Bewunderung, leisteten aber, besonders die Jüngere, auch im Einzelspiel Bedeutendes“ (RudolphRiga). Die „Signale für die musikalische Welt“ melden 1876 anlässlich eines Konzerts in Pawlowsk, Laure und Mathilde Herman, „welche seit drei Jahren in Rußland concertirend sich aufhalten“, seien „gegenwärtig bei dem Arban’schen Concertorchester in Pawlowsk engagirt“ (Signale 1876, S. 573). Sollten die Altersangaben aus Paris zutreffend sein, waren die Geigerinnen inzwischen 14 und 15 Jahre alt. Der weitere Verlauf der Reise ist nur punktuell nachvollziehbar. Das „Rigaer Theater- und Tonkünstlerlexikon“ nennt drei Konzerte im Sept. und Okt. 1877 in der livländischen Hauptstadt. Am 19. und 24. Nov. musizierten sie im Theater in Königsberg. Die „Musical World“ meldet im Dez. 1877, „Laura and Mathilde Herrmann [sic], violinists, have been performing at the new Concerthaus, Berlin“ (MusW 1877, S. 853). Am 3. Jan. 1878 brachten sie in Berlin in einem Wohltätigkeitskonzert das Violinkonzert von Mendelssohn und das Doppelkonzert A-Dur von Gottfried Hermann zur Aufführung. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ informiert ferner über eine Veranstaltung in der Kammermusikreihe des Lübecker Musikdirektors Gottfried Herrmann. „Die jugendlichen Violinspielerinnen Laura und Mathilde Herman aus Paris setzten das Publicum in Erstaunen durch das Exacte ihres Zusammenspiels. Leider war die Wahl ihrer Stücke eine sehr wenig interessante“ (NZfM 1878, S. 180f.).

Im Juni 1878 meldet die Pariser Presse die Rückkehr. „Mlles Laure et Mathilde Herman, les nouvelles Milanollo, sont de retour depuis quelque temps de leur heureuse tournée à travers l’Allemagne et la Russie“ („Die Demoiselles Laure und Mathilde Herman, die neuen Milanollos, sind seit einiger Zeit von ihrer erfolgreichen Reise durch Deutschland und Russland zurück“, Le Ménestrel 1878, S. 280). Der Unisono-Vortrag eines Konzerts von Vieuxtemps sei von einer solchen „perfection d’ensemble qu’on croit entendre un seul instrument dont la sonorité serait doublée par un artifice d‘acoustique“ (von einem so „perfekten Zusammenspiel, dass man nur ein Instrument zu hören glaubt, dessen Klangfülle wie durch einen akustischen Kunstgriff verdoppelt wird“, ebd.). Nach dieser Reise hätten die Musikerinnen einzigartige Fortschritte unter Beweis gestellt, es handle sich nun um „des talents tout à fait mûrs“ („vollkommen ausgereifte Talente“, ebd.).

Neben einer Tournee durch Nordfrankreich (Lille, Arras 1879) und einem Auftritt in Auxerre (1882) sind bis 1886 auch in Paris noch Auftritte der Schwestern dokumentiert, wobei sie in der Presse gelegentlich als „violonistes-solo des concerts de Saint-Pétersbourg“ (L’Europe Artiste 10. Jan. 1886, NP u. a.) tituliert werden. Zwei letzte Belege betreffen „Mlle Mathilde Herman, la violoniste connue“ („Mlle. Mathilde Herman, die bekannte Geigerin“, Le Rappel 5. Mai 1893 u. La Lanterne 6. Mai 1893). Laure Herman ist im „Annuaire des artistes et de l’enseignement dramatique et musical“ in den Jahren 1902 bis 1910 unter dem Namen „Herman-Brochard, Mme Laure“ und der Adresse 38, avenue de la République, Vincennes (Großraum Paris) eingetragen.

 

LITERATUR

Annales de la Société libre des Beaux-Arts 1875 I, S. 87, 104ff.

Annuaire des artistes et de l’enseignement dramatique et musical 1902­—1910

La Comédie 1871, 3. Dez., S. 8, 10. Dez., S. 8

L’Europe Artiste 1872, 7. Jan., NP; 1886, 10. Jan., NP

Le Figaro [Paris] 1872, 20. Mai, 21., 26., 30. Nov., 2., 8. Dez.; 1877, 5. Mai

Gil Blas [Paris] 8. Febr. 1883

Journal des Débats [Paris] 1872, 17. Febr., 22. Juni

La Lanterne [Paris] 6. Mai 1893

Le Ménestrel 1870, 12. Nov., S. 399; 1871, 17. Dez., S. 24; 1872, 28. Jan., S. 71; 1. Dez., S. 7; 1878, 28. Juli, S. 280; 1879, 26. Jan., S. 72, 9. März, S. 120; 1880, 9. Mai, S. 183; 1882, 4. Juni, S. 216

Musical Standard 1873 I, S. 152

MusW 1877, S. 853

NZfM 1873, S. 534; 1878, S. 27, 180f.

Orchestra 1871 II, S. 104

L’Orchestre 1. Jan. 1872

Le Rappel 1886, 28. Febr.; 1893, 5. Mai

Signale 1874, S. 329; 1875, S. 178; 1876, S. 573; 1878, S. 101

Le Temps [Paris] 1871, 25., 26. Nov., 23. Dez.; 1872, 15. Febr.

Le Tintamarre 9. März 1873, S. 8

RudolphRiga

Constant Pierre, Le Conservatoire National de musique et de déclamation. Documents historiques et administratifs, Paris 1900.

Robert Hénard, La rue Saint-Honoré de la Révolution à nos jours, 2 Bde., Bd. 2, Paris 1909.

 

Freia Hoffmann

 

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