Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Grosser-Rilke, Anna (Maria Augusta), geb. Rilke,  verh. Treuenfels

* 29. Apr. 1853 in Melnik (Tschechien), † ca. 1938 (Ort unbekannt), Pianistin, Klavierlehrerin und Journalistin. Sie war die Tochter von Franz Xaver Rilke (?–1881) und dessen Frau Therese geb. Schrenker. Ein etwa drei Jahre nach Anna geborener Bruder starb noch im Kindesalter. Anna Rilke war eine Verwandte des Schriftstellers Rainer Maria Rilke, den sie allerdings wohl nur ein einziges Mal in ihrem Leben traf. Ihr Cousin Jaroslav Rilke war ein Onkel des Schriftstellers.

Kindheit und Jugend verbrachte das Mädchen in Teplitz, wo ihr Vater bei der Aussig-Teplitzer Eisenbahn eine Anstellung gefunden hatte. Ersten Musikunterricht erhielt sie bei einem aus Dresden stammenden Musiker namens Langhans, der kurz zuvor in Teplitz eine Musikschule gegründet hatte. Möglicherweise handelte es sich dabei um Emil Langhans.

Mit 15 Jahren trat Anna Rilke in das Leipziger Konservatorium ein. Sie erhielt Klavierunterricht hauptsächlich bei Carl Reinecke (1824–1904), der mit ihr Mozart, Schumann, Schubert und die deutschen Romantiker erarbeitete, und bei Ernst Ferdinand Wenzel (1808–1880), der sie mit Bach und anderen alten Meistern vertraut machte. In ihren Lebenserinnerungen berichtet sie: „Das merkwürdige für heutige Begriffe war, daß jeder Lehrer zu jeder Stunde ein neues Stück aufgab und man darum natürlich keines vollständig beherrschte. Man lernte deshalb auch nicht auswendig spielen. Man bekam ein großes allgemeines Wissen und einen weiten Überblick, dies war auch das Ziel der Schule. Mir fiel das prima-vista-Lesen leicht, und deshalb möchte ich mir kein Urteil erlauben, ob die Methode allgemein richtig war. Mir selbst hat sie bestimmt nicht geschadet; denn sie hat mich musikalisch sehr erzogen“ (Grosser-Rilke, S. 20).

Aus den Prüfungsprotokollen des Leipziger Konservatoriums  geht hervor, dass Anna Rilke am 20. März und 27. Sept. 1869 sowie am 12. Apr. 1870 erfolgreich Prüfungen ablegte, bei denen sie jeweils Musik von Mendelssohn spielte. Ein Jahr später erhielt sie einen 1. Preis, und die „Neue Zeitschrift für Musik“ berichtet: „Selten haben wir von Conservatoriumsschülern Chopin'sche Musik (1. und 3. Satz des Fmollconcerts) mit bereits so duftig poetischem Vortrage und so noblem, warmem und feinfühligem Anschlage bei zugleich energisch sonorer Kraft und schwungvoller Behandlung gehört, sodaß nur noch Wenig für den öffentlichen Concertvortrag abzurunden bleibt“ (NZfM 1871, S. 211). Auch anlässlich anderer Schülerkonzerte wurden immer wieder die technische Reife, der empfindsame Ausdruck und feinfühlige Anschlag der jungen Pianistin gelobt.

Nach ihrem Abschluss arbeitete die Pianistin für kurze Zeit als Klavierlehrerin in Konstanz. Das ehrenvolle Angebot, ein Konzert im Leipziger Gewandhaus zu spielen, liess sie jedoch eine künstlerische Laufbahn in Erwägung ziehen. In den folgenden Jahren begann Anna Rilke eine regelmäßige Konzerttätigkeit in Deutschland, wobei sie oft mit den Brüdern Paul und Julius Klengel (Violine und Violoncello), beide Studienkollegen, auftrat. Immer wieder wird der jungen Pianistin „eine glänzende Zukunft“ (NZfM 1874, S. 9) vorausgesagt. Neben den bereits erwähnten pianistischen Eigenschaften sind auch ihr bescheidenes Wesen und ihr ruhiges Auftreten Gegenstand der Rezension: „Zugleich sitzt Frl. R. ohne eine Spur von Aufregung an ihrem Instrument und überwindet ruhig und gelassen die größten Schwierigkeiten, was den angenehmsten Eindruck macht“ (NZfM 1874, S. 464). Auftritte sind – neben Leipzig – in Ulm, Prag, Nürnberg, Zürich, Konstanz, Frankfurt a. M. und Zwickau belegt.

In der Folgezeit nahm Anna Rilke ihre pianistische Ausbildung wieder auf, sie erhielt in Weimar Unterricht von Franz Liszt. Sie schreibt später, dass diese Station „nicht nur ein Wendepunkt, sondern auch ein Höhepunkt in [ihrem] Leben“ (Grosser-Rilke, S. 34) gewesen sei. Und wirklich vermerkt die „Neue Zeitschrift für Musik“ anlässlich eines Gewandhauskonzerts der Pianistin im Jahr 1877: „Frl. R. hat in den letzten Jahren das Glück gehabt, Schülerin des Altmeisters Liszts zu sein, und diesen Umstand hat sie nach mancher Hinsicht wohl ausgenützt. Die Technik ist im Allgemeinen sicherer und gefeilter geworden, der Sinn für feinere Nuancirung hat nachweisliche Ausbildung erfahren und indem sie ihr Programm mit Meistern älterer und neuester Zeit und mit Werken verschiedenster Richtung besetzte, bekundete die Pianistin einen sehr löblichen literarischen, Weitblick“ (NZfM 1877, S. 477). Diese allgemeine Beurteilung sowie die folgende Einzelkritik der von Anna Rilke vorgetragenen Stücke bilden den Übergang von einer Wahrnehmung als junge Nachwuchskünstlerin zur ernstzunehmenden Konzertpianistin. In den kommenden Jahren war sie u. a. in Berlin, Dessau, Halle, Stettin, Wschowa (Posen) und ihrem Wohnort Leipzig zu hören.

Einen ersten Einschnitt in der Künstlerinnenkarriere bildete 1878 die Heirat mit dem Maler Moritz Treuenfels (1847–1881), den sie in Weimar kennengelernt hatte. Anna Rilke zog mit ihm nach Rom, und die Zeitungen berichteten, sie werde weiter unter ihrem Geburtsnamen auftreten. Auch hier konnte sie noch einmal von Liszts Ratschlägen profitieren, da dieser sich ebenfalls in Rom aufhielt. Moritz Treuenfels fertigte hier ein Portrait des Altmeisters an.

Nach dem Tode ihres Mannes im Jahr 1881 kehrte die Pianistin nach Deutschland zurück und ließ sich in Berlin nieder. Auch hier gelang es ihr, Fuß zu fassen. Sie trat nunmehr unter dem Namen „Anna Grosser“ auf: Ihr zweiter Ehemann, Julius Grosser, war Journalist und Schriftsteller von Beruf. 1882 und 1884 spielte Anna Grosser in der Berliner Philharmonie und präsentierte sich mit Klavierkonzerten von Beethoven und Schumann. Am 21. Nov. 1884 spielte sie hier die deutsche Erstaufführung des Klavierkonzertes in g-Moll von Antonín Dvořák, einem Jugendfreund ihres Mannes. Dieser setzte offenbar generell seine Beziehungen ein, um die Karriere seiner Frau zu fördern. Mehrmals reiste die Pianistin auch ins Ausland: Zwei Reisen führten sie nach Skandinavien, davon die erste im Nov./Dez. 1883 mit der Sängerin Pauline Lucca, eine weitere nach London. Hier allerdings fühlte sich Anna Grosser-Rilke weniger wohl, und in der Regel wurden ihre Mitmusizierenden mehr beachtet als die Pianistin. Das ihr zugeneigte Publikum befand sich in Deutschland, wo sie reiche Anerkennung fand. Anlässlich eines Konzertes in der Berliner Singakademie loben etwa die „Signale für die musikalische Welt“: „Weder empfindelnde Zierpuppe, noch prahlerische Amazone, verschmäht sie ebenso sehr die Gaukeleien des tempo rubato wie die absichtsvollen Superlative und Antithesen in der Behandlung des Dynamischen“ (Signale 1882, S. 1065). Einen Höhepunkt in der Karriere der Künstlerin stellte sicherlich die Ernennung zur Hofpianistin durch den König von Belgien (1884) dar.

1886 zog das Ehepaar Grosser, bestimmt durch berufliche Verpflichtungen des Journalisten als Korrespondent des „New York Herald“ nach Heidelberg um, und die Pianistin veröffentlichte eine Anzeige, dass nun das Berliner Concert-Büro Lessmann und Klein ihre Engagements vermittele (NZfM 1886, S. 416). In Heidelberg wurde auch, im Jahr 1887, der Sohn Günther geboren. Am 1. Jan. 1888 trat Julius Grosser allerdings bereits eine Stelle als ständiger Korrespondent der „Kölnischen Zeitung“ in Konstantinopel an. Anna Grosser-Rilke und der Sohn Günther folgten ihm einige Monate später. Das gesellschaftliche Leben spielte sich hier in einem anderen Rahmen ab. Zwar trat Anna Grosser-Rilke als Pianistin auf, doch berichtet sie auch von einem dieser Konzerte: „Ich habe an diesem Abend wirklich gut gespielt, nicht alle konnten der ihnen nicht sehr geläufigen Musik folgen, leichte italienische Opernarien hätten mehr Verständnis gefunden; aber das war mir gleichgültig, ich war in meinem Element und wollte den Leuten einmal echte gute deutsche Kunst bieten“ (Grosser-Rilke, S. 124).

Sie selbst gibt zu, dass sie dort im Laufe der Zeit nachlässiger wurde: „Meine Kunst litt etwas unter diesem orientalischen Himmel. Ich spielte zwar viel, und mein Mann war mein größter Bewunderer und konnte stundenlang zuhören, aber mein ernsteres Studium trat doch in den Hintergrund. Das alte Repertoire saß fest in den Fingern und im Kopf, aber Neues kam nicht hinzu“ (Grosser-Rilke, S. 143).

Nach dem Tod ihres Mannes am 13. Okt. 1895 führte Anna Grosser-Rilke die von ihm gegründete Nachrichtenagentur fort. Sie gründete ein Streichquartett, mit dem sie regelmäßig gemeinsam auftrat und übernahm im Jahr 1906 die Leitung der Musikabteilung des American College. Als 1918 alle Deutschen aus der Türkei ausgewiesen wurden, kehrte auch Anna Grosser-Rilke in die Heimat zurück. Sie lebte zwei Jahre in Oberstdorf, wo sie wieder Klavierunterricht gab, verbrachte ein Jahr in Niendorf bei Hannover und lebte im Übrigen in Berlin in der Nähe ihres Sohnes und dessen Familie. Schmerzlich bemerkte sie die Auswirkungen der langen Abwesenheit: Der Konzertbetrieb hatte sie vergessen, und auch als Klavierlehrerin gelang es ihr nicht mehr, Fuß zu fassen.

Als 1937 ihre Lebenserinnerungen erschienen, war sie 84 Jahre alt. Das Todesdatum Anna Grosser-Rilkes ist nicht bekannt.

 

Anna Grosser-Rilke, Stich von August Weger, undat.

 

LITERATUR

Anna Grosser-Rilke, Nie verwehte Klänge. Lebenserinnerungen aus acht Jahrzehnten, Leipzig u. Berlin 1937.

Privat-Prüfungen betreffend Ostern 1863Michaelis 1876 des Leipziger Konservatoriums

The Church Musician 1892, Dez.; 1893, Jan., Febr., Aug., Sep., Nov., Dez.

Die Frau. Blätter der Frankfurter Zeitung 13. März 1938

FritzschMW 1870, S. 366, 742; 1874, S. 64, 99, 122; 1887, S. 38; 1883, S. 155

Liste der angekommenen und abgereisten P. T. Curgäste in Carlsbad im Jahr 1871, 16. Juni 1871

MusW 1884, S. 695, 774

NZfM 1870, S. 202; 1871, S. 211; 1872, S. 182, 216, 416, 466; 1873, S. 33; 1874, S. 9, 51, 105, 320, 406, 464, 477; 1875, S. 60, 77, 182, 379; 1876, S. 10, 114, 125, 138, 382, 402; 1877, S. 9, 17, 26, 30, 443, 467, 477, 500, 509, 521, 533, 545; 1878, S. 27, 72, 154, 334, 345, 352, 433, 449; 1883, S. 135, 170, 193; 1884,  S. 59, 60, 477, 520, 525; 1885, S. 10, 488, 510; 1886, S. 185, 251, 416, 436

Politik [Prag] 19. Dez. 1876

Signale 1882, S. 1049, 1065; 1883, S. 121, 148, 322, 347, 358; 1884, S. 120, 194, 1050; 1885, S. 10, 121, 136, 308, 1126; 1886, S. 58, 129, 334, 839, 1177; 1887, S. 130, 340

The Times 3. Mai 1878

Philipp Stauff (Hrsg.), Semi-Kirschner. Literarisches Lexikon der Schriftsteller, Dichter, Bankiers, Geldleute, Ärzte, Schauspieler... jüdischer Rasse und Versippung, die von 18131913 in Deutschland tätig und bekannt waren, Berlin 1913. Antisemitische Publikation

Gracion Černušák u. Vladimir Helfert, Pazdírkŭk hugdební slovník naučný, Brünn 1937.

Gudrun Wedel, Autobiographien von Frauen. Ein Lexikon, Köln [u. a.] 2010.

Peter Muck, Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester, 3 Bde., Bd. 3: Die Mitglieder des Orchesters, die Programme, die Konzertreisen, Erst- und Uraufführungen, Tutzing 1982.

Wolfgang Leppmann, Rilke, sa vie, son œuvre, Paris 1984.

Gabriele Sommer-Krapp, „,[...] die Musik durfte nicht das Hauptziel meines Lebens sein'. Entscheidungssituationen und Deutungsmuster in der Autobiographie der Pianistin und Redakteurin Anna Grosser-Rilke“, in: Autobiographien von Frauen, hrsg. von Magdalene Heuser, Tübingen 1996, S. 330–349.

Hans-Jürgen u. Jutta Kornrumpf, Fremde im Osmanischen Reich 18261912/13, Stutensee 1998.

Henrikje Kilian [u. a.], Historische Fotografien aus Istanbul, Berlin 2001.

 

Bildnachweis

Sammlung Manskopf der Goethe Universität Frankfurt a. M., http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2003/7902024/, Zugriff am 10. Juli 2013.

 

Claudia Schweitzer

 

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