Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Lechner, Helene

* nach 1858, wohl in Wien, Sterbedaten unbekannt, Violinistin, Bratschistin. Sie war die Tochter des angesehenen Wiener Universitätsbuchhändlers Rudolf Lechner und dessen Frau Julie geb. von Winiwarter. Ihre ältere Schwester war Natalie Lechner, später verh. Bauer, ebenfalls Violinistin und Bratschistin, die Mitglied im Soldat-Roeger-Streichquartett und Vertraute Gustav Mahlers wurde.

Ebenso wie ihre Schwester wurde Helene Lechner schon früh Studentin am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde, wo sie ab 1866 Unterricht erhielt. Offenbar war sie noch 1872 eingeschrieben, als bei den „Concours-Prüfungen“ am Konservatorium „den zweiten Preis die Fräulein: Helene Lechner und Nathalie Lechner“ (Deutsche Zeitung 26. Juli 1872) erhielten. Der Lehrer Helene Lechners war Joseph Hellmesberger d. Ä. (1828–1893).

Schon während des Studiums ließ sich Helene Lechner öffentlich hören. 1871 war sie neben ihrer Schwester in einem gemischten Konzert (beispielsweise auch mit Orchester- und Vokalmusik) anlässlich des Geburtstags Franz Josephs I. im Mozarteum Salzburg zu hören. Zu dieser Zeit befanden sich die Lechner-Schwestern wohl auch geigerisch noch in einem früheren Stadium der Entwicklung: „Als einen Versuch wollen wir diesen Concertvortrag ansehen und als solchen auch gelten lassen“, schreiben vielsagend die „Blätter für Musik, Theater und Kunst“ (1871, S. 272) über die Darbietung eines Doppelkonzertes von Spohr. Hauptwirkungsort war jedoch zunächst Wien, wo Helene Lechner im folgenden Jahr ebenfalls mit ihrer Schwester zusammen mit Eduard Strauss Kapelle und anderen MusikerInnen konzertierte. In mehreren kleineren Veranstaltungen waren die Lechners ebenfalls an der Donau 1873 und 1874 tätig. 1875 musizierten sie in Kirchenmusikkonzerten in Wien, im Okt. des Jahres zählte zu den Mitmusikern in der Hofpfarrkirche St. Augustin auch Anton Bruckner.

Im Dez. 1875 spielte Helene Lechner ohne ihre Schwester als Bratschistin mit dem Streichquartett ihres Lehrers sowie Theresine Seydel (Violine) sowie den Schwestern Eugenie und Rudolfine Epstein (Violine, Violoncello) Mendelssohns Oktett Es-Dur op. 20 im Saal der Gesellschaft der Musikfreunde. „Die jungen Damen, welche in ganz gleicher Toilette erschienen waren – weißes Kleid und blaue Atlasschleife – hatten das Wohlwollen des Publikums schon gewonnen bevor sie nur den ersten Strich gethan. Dieses Wohlwollen steigerte sich im Laufe der Production zu einem wahren Enthusiasmus für das vierblättrige musikalische Kleeblatt und selten noch ist ein heißer und allgemeiner Beifallssturm so gerecht gezollt worden, wie am Donnerstag Abend, denn die vier jungen Damen führten ihre keineswegs leichte Aufgabe mit ebenso viel technischer Fertigkeit, als bestechender Grazie durch“ (Wiener Salonblatt 18. Dez. 1875, S. 9). „Zur Rechten vom Zuschauer aus dominirte die Robe, zur Linken der würdige officielle Frack. Hellmesberger hat hier dargethan, daß die so schwierige Frage der Frauen-Emancipation sich doch auf irgend eine Weise harmonisch lösen läßt, denn bei der Theilung zeigte sich das schwache Geschlecht durchaus gleichberechtigt mit dem Herrn [sic] der Schöpfung. Die von zarten jungen Damenhänden geführten Bogen strichen kräftig genug über die Saiten, daß sich im Ensemble kein bemerkenswerther Abstand der Rechten gegen die Linke auf Kosten des Totaleindrucks fühlbar machte“ (Die Presse 31. Dez. 1875). Im Jahr darauf griff Helene Lechner erneut zur Viola. Im Singverein spielte sie Beethovens Serenata op. 25 für Flöte, Violine und Viola, wobei sie erneut an der Seite von Theresine Seydel musizierte. „Neben Doppler, dem virtuosen Flötenbläser, standen rechts und links in weiß und blauer Toilette zwei schöne Mädchen, die Geige und die Viola in der Hand. Man konnte wirklich an die geigenspielenden Engel Fra Angelico’s da Fiesole denken“, schreibt die „Deutsche Rundschau“ (1876, S. 145) und bedient sich damit einer Assoziation, die schon mehr als 30 Jahre zuvor mit Blick auf die Schwestern Milanollo in Wien benutzt worden war (Sonntagsblätter 1843, S. 414f.). 1878 spielte Helene Lechner als Solistin ein Violinkonzert Antonio Bazzinis beim Steiermärkischen Musikverein in Graz, kurz darauf war sie ebendort mit → Marie Baumayer tätig (eine Violinsonate Beethovens, Violinmusik von Mozart u. a.).

Derzeit fehlen weitere Daten über den Karriereverlauf und die Biographie Helene Lechners.

 

LITERATUR

Blätter für Musik, Theater und Kunst 1871, S. 272

Bock 1876, S. 46

Deutsche Rundschau [Berlin] 1876, S. 145

Deutsche Zeitung [Wien] 26. Juli 1872

FritzschMW 1871, S. 574

Die Grenzboten 1871, S. 265, 281

Morgen-Post [Wien] 18. März 1875

Neue Freie Presse [Wien] 1871, 26. Juli; 1873, 4. Nov.; 1875, 31. Okt.

Neues Fremden-Blatt [Wien] 1871, 26. Aug.; 1873, 23. Dez.

NZfM 1871, S. 346; 1872, S. 214; 1875, S. 234; 1878, S. 165

Die Presse [Wien] 1872, 24. Dez.; 1873, 23. Dez.; 1874, 6. Jan.; 1875, 23. März, 14., 31. Dez.

Signale 1876, S. 213

Wiener Salonblatt 18. Dez. 1875, S. 9

Wiener Zeitung 21. Dez. 1875

Ferdinand Bischoff, Chronik des Steiermärkischen Musikvereins. Festschrift zur Feier des fünfundsiebenzigjährigen Bestandes des Vereines, Graz 1890.

Claudia Schweitzer, „Bauer-Lechner, Natalie“, in: Lexikon Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts, http://www.sophie-drinker-institut.de/index.php?page=bauer-lechner-natalie-2, Zugriff am 6. Juni 2014.

 

Volker Timmermann

 

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