Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Luziani, Luciani, Lugiani, Lujiani, Gemma, verh. Luziani-Nervi

* 23. Sept. 1867 in Pisa, † 19. Apr. 1894 in Rio de Janeiro, Pianistin. Sie war die dritte Tochter des Lautenlehrers Cosimo Luziani und seiner Frau Fosca geb. Nucci. Nach anfänglicher Unterweisung durch den Vater wurde sie von Elisa Marchiani Bonfanti, damals Lehrerin am Conservatorio di Sant’Anna in Pisa, ausgebildet und trat mit sieben Jahren zum ersten Mal in einem Privatkonzert auf. Der Komponist Carlo Ducci zeigte sich tief beeindruckt von der jungen Musikerin: „Suona con una tale precisione, sapere, anima ed esattezza, da fare invidia a molti che invece insegnano ad altri la musica („sie spielt mit einer solchen Präzision, Sauberkeit, Beseelung und Genauigkeit, dass viele Musikprofessoren neidisch werden könnten; zit. nach Panajia, S. 2). Nach ihrem ersten öffentlichen Auftreten in Florenz am 22. März 1875 schrieb der Kritiker der „Nazione“: „Così è poca della persona e così è ancora infantile l’aria del suo visino. E intanto le sue dita corrono e volano sulla tastiera con una agilità e con una sicurezza, relativamente parlando, mirabili. E mirabile del pari è suo tocco („sie ist so klein von Gestalt, und der Ausdruck ihres Gesichtchens ist noch so kindlich. Und dabei laufen und fliegen ihre Finger auf der Klaviatur mit Beweglichkeit und Sicherheit, sozusagen sprechend, bewundernswert. Ebenso bewundernswert ist ihr Anschlag; zit. ebd., S. 3). Es folgten Konzerte in Pisa, Genua, Rom und Mailand. 1878 ist in Paris ein Konzert der „kleinen Gemma Luziani belegt, deren Alter mit „neun und ein halbes Jahr angegeben wurde (AmZ, Sp. 574). Spätestens 1879 übersiedelte der Vater mit seiner Tochter zur weiteren Ausbildung nach Paris, wo Gemma ein Studium bei Louise Massart am Konservatorium aufnahm. Im Aug. 1883 schloss sie es mit dem Premier Prix ab. In Begleitung des Vaters folgten Konzertreisen nach Florenz, Mailand, London (wo Gemma Luziani 1885 mit Klavierkonzerten von Schumann und Mendelssohn u. a. in den Crystal Palace Saturday Concerts auftrat), Genua, Wien und Neapel. Die Wiener Tageszeitung „Das Vaterland lobt „ihre glänzende technische Fertigkeit, wie auch eine für ihr jugendliches Alter geradezu staunenswerthe Auffassungsgabe und poetische Vortragsweise (Das Vaterland 29. Okt. 1886, S. 11), und die Wiener „Neue Freie Presse schreibt: „Das Spiel der jungen Dame ist ein natürliches und geschmackvolles, immer frisch und ohne Affectation. Bei dem Vortrage der ‚Appassionata‘ konnte man immerhin auch mit ihrem Ernste und ihrer Energie zufrieden sen. Den größeren Erfolg hatte sie mit den Stücken von Schubert, Schumann, Händel, Mendelssohn etc. Hier konnte sie mit einer bedeutenden virtuosen Technik glänzen, die in ihrer Manier nie die Grenzen des Schönen überschreitet (Neue Freie Presse 4. Nov. 1886, S. 6).

Am 25. Aug. 1889 heiratete sie in Brescia gegen den Willen ihres Vaters den Offizier Fausto Nervi. Offenbar um weiteren Konflikten zu entgehen, wanderte das Ehepaar nach Brasilien aus, und Gemma Luziani nahm eine Dozentur am Instituto Nacional de Música in Rio de Janeiro an. Am 19. Apr. 1889 starb sie am Gelbfieber, wenige Stunden, bevor auch Fausto Nervi der Krankheit erlag. Einen Monat zuvor hatte sie eine Tochter Marta (Marta Vukovic geb. Nervi 1884–1980) geboren, die bei den Großeltern in Brescia aufwuchs und sich später an den Konservatorien in Mailand und Rom bei Ottorino Respighi (1879–1936) und Alfredo Casella (1883–1947) zur Pianistin und Komponistin ausbildete.

Luzianis Konzert-Repertoire umfasste Werke von Joh. Seb. Bach, Händel, Clementi, Mozart, Beethoven, Hummel, Weber, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Chopin, Liszt und Rubinstein. Der brasilianische Komponist Leopoldo Miguez (1850-1902) widmete ihr sein Scherzetto op. 20 Nr. 3.

 

LITERATUR

AmZ 1878, Sp. 574

Neue Freie Presse 4. Nov. 1886, S. 6

The musical times 1. Juni 1894

Signale 1875, S. 426; 1876, S. 210, 681; 1877, S. 105; 1879, S. 216; 1880, S. 357; 1881, S. 163; 1884, S. 824; 1885, S. 226, 870, 1092; 1887, S. 130; 1889, S. 70, 741; 1894, S. 602

Das Vaterland [Wien] 29. Okt. 1886, S. 11

Omaggio a Gemma Luziani (1867-1894) celeberrima pianista pisana: 10-20 giugno 1995, [Ausstellungskatalog] Pisa 1995.

Paolo de Felice, Gemma Luziani e Marta Nervi: storia di due pianiste di origini pisane, in: Continuum. Giornale di informazione e di cultura musicale a cura della Scuola di MusicaGiuseppe Bonamici Nr. 13 Apr./Mai (2005), S. 1, 5.

Alessandro Panajia, Gemma Luziani, gloria pisana dell’Ottocento,www.stilepisano.it/Pisani%20illustri/pisani_illustri_1.htm, Zugriff am 7. Okt. 2008.

 

Freia Hoffmann

 

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