Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Torricelli, Metaura, verh. Pente, Torricelli-Pente

* 1867 in Fossombrone bei Pesaro (Adria), † 11. Apr. 1893 in Padua, Violinistin. Sie war eine Nachfahrin des berühmten Physikers Evangelista Torricelli (17. Jh.) und wurde nach dem Fluss Metauro benannt, der durch ihren Geburtsort fließt. Den ersten Violinunterricht erhielt sie bei Rodolfo Luise, jedoch lehnte ihr Vater Auftritte als Wunderkind in der heimatlichen Sala Dante ab. Weiterhin wurde sie in Bologna von Federigo Sarti (1858−1921), in Rom an der Accademia Sta. Cecilia von Ettore Pinelli (1843−1915) und schließlich am Mailänder Konservatorium von Antonio Bazzini (1818−1897) und vor allem Giovanni Rampazzini (1835−1902) unterrichtet. 1883 beendete sie die Ausbildung mit dem 1. Preis im Fach Geige und wurde bald darauf Kammervirtuosin der Königin Margherita von Italien.

Eine umfangreiche Konzerttätigkeit führte Metaura Torricelli durch Italien, aber auch ins nähere Ausland (Wien, 27. Apr. 1886). Allein in Triest trat sie 1886 viermal auf, je zweimal bei Zwischenaktmusiken zu Lustspielen und in eigenen Konzerten. „Sie hat bei Publicum und Presse viel Anerkennung gefunden, was aber noch nicht ausschließt, daß sie eine vollendete Künstlerin noch nicht zu nennen ist“ (Signale 1886, S. 405). Ihre Erfolge setzten sich in Turin fort sowie in Mailand, wo sie im Sept. 1887 im Teatro dell’Accademia di Filodramatici wiederum Zwischenaktmusiken bestritt.

Ab 1887 weitete sie ihre Konzerttätigkeit über die Grenzen Italiens und Österreichs aus, und zwar zunächst mit einem Engagement für etwa 100 Konzerte in den USA − die Angaben schwanken zwischen 50 und 120 Terminen. In Presseberichten aus New York und Boston wird sie als Mitglied der Konzertgesellschaft von Italo Campanini erwähnt, und zwar im Verein mit vier anderen Geigerinnen, darunter Teresina Tua, mit der sie häufig verglichen wurde.

Nach der Rückkehr schloss sich eine Europatournee an. Zunächst trat Metaura Toricelli in Wien auf, um im folgenden Jahr in Deutschland und schließlich in Kopenhagen zu gastieren. Am 10. Okt. 1888 musizierte sie im Hotel de Rome in Berlin, was der Kritiker Wilhelm Langhans folgendermaßen kommentiert: „Die Concertgeberin hatte an die Spitze ihres Programmes mein Lieblingsstück gesetzt, das herrliche, von so manchem vornehmthuenden Violinisten heutzutage ignorirte Fdur-Konzert von Vieuxtemps − doch wurde ich bitter getäuschtdenn wenn es auch der Dame keineswegs an den Mitteln zur Bewältigung ihrer Aufgabe mangelte − Temperament, reine Intonation, ein vortrefflicher rechter Arm, alles dies war vorhanden − so wußte sie doch von diesen Mitteln keinerlei künstlerischen Gebrauch zu machen und gab uns thatsächlich nur eine Carricatur des so großartigen wie liebenswürdigen Werkes. Sollte ihr, wie bei ihrer Jugend wohl zu hoffen ist, der Vortheil eines durchgreifenden Geschmacks-Läuterungsprocesses beschieden sein, so würde ich mich freuen, ihr wieder einmal im Concertsaal zu begegnen“ (NZfM 1888, S. 464; ein Vieuxtemps-Konzert in der angegebenen Tonart existiert nicht).

1889 unternahm Torricelli eine Russland-Tournee. Mit den Petersburger Philharmonikern trat sie dreimal als Solistin auf. Nach der Rückkehr erfolgten 1890 erneut Konzerte in Italien (5. März Bologna, 28. März Rom, 14. Apr. Mailand), bevor sich eine weitere Tournee anschloss, diesmal nach England. Dort traf sie im Apr. 1891 ein. Ihre „immense European and American reputation“ (The Pall Mall Gazette 16. Mai 1891, S. 2) war inzwischen derart gewachsen, dass im „Magazine of Music“ zu ihrem Empfang eine ausführliche Würdigung ihres Lebensweges zu lesen war, darin ein Hinweis auf eine besondere Ehrung. Denn es wird zwar ihr hohes Honorar durch die Königin von Italien erwähnt, jedoch mit dem Zusatz: „Royal fees [Belohnungen] seldom run so high as that in England, where the honour of appearing at Court is supposed to be worth more than money“ (Magazine of Music Mai 1891, S. 87). So fand wohl unter königlicher Beteiligung, jedenfalls besucht lediglich „by a select circle“ (ebd.), in der Londoner Princes’s Hall am 15. Apr. 1891 ein in der Presse vielfach gewürdigtes „exceptionally fine concert of chamber − somewhat severe chamber − music“ statt (The Pall Mall Gazette 16. Mai 1891, S. 2). Auch wird von einem „almost painfully familiar programme“ gesprochen (Musical Opinion & Music Trade Review 1. Juni 1891, S. 335). Das Urteil bezieht sich wohl weniger auf die beteiligten Personen als auf die Konzentration des Programms auf eine anspruchsvolle klassisch-romantische Werkauswahl zumeist deutscher Herkunft: Die Clara-Schumann-Schülerin Ilona Eibenschütz und weitere Künstler trugen Werke von Bach, Händel, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms und Liszt vor; Metaura Torricelli beschloss das Konzert mit einer Sonate in g-Moll von Giuseppe Tartini, wohl der Teufelstriller-Sonate, in einer „clever and brilliant performance“ (Magazine of Music 1891, S. 123).

Die Beurteilung ihres Könnes ist überwiegend positiv, erfährt jedoch in zwei Fällen Einschränkungen. Zum Einen: Das Tartini-Spiel „proved her skill as an executant, allthough her possession of the higher qualifications of violin playing cannot of course be demonstrated until after she has been heard in music of a more diversified character“ (Daily News 18. Mai 1891, S. 6). Zum Anderen: „In her encore [Zugabe] she seemed to get for the first time happy − her playing, exquisite throughout, warmed into sympathy in response to the plaudits that greeted her. It seemed to be the one touch which she required to unlock the glorious spontaneity and the full rich timbre of strings that glowed and thrilled beneath her fingers. Every one felt it, but it was only when we came to part with her that we began to feel the selectness and depth of her genius. Still there were moments in her playing which fully explained the furore with which she was received in St. Petersburg and Moscow, and the high fees she obtained in America. We shall shortly hear more of Metaura Torricelli in London“ (The Pall Mall Gazette, 16. Mai 1891, S. 2).

Weitere Berichte über Auftritte in England existieren jedoch nicht. Aufschlussreich ist die folgende Bemerkung: „Mdme. Torricelli, had she come earlier and made more business like arrangements, would have doubtless been heard at the Philharmonic and Albert Hall ere [bevor] now“ (ebd.). Auch anderenorts wird auf verspätete Abreden hingewiesen: „She will doubtless be a prime favourite in all fashionable houses that can afford her fee [Gage], as well as at such first-class concerts as, considering her late arrival, may still be open to her“ (Magazine of Music Mai 1891, S. 87). Falls die Reise überstürzt geplant war ohne die notwendigen Terminabsprachen, könnte dies an der mangelnden Vorarbeit ihres Ehemannes, des Geigers Emilio Pente (hin und wieder fälschlich Perito genannt), liegen, welchen sie, wie mehrfach behauptet, in diesem Jahr geheiratet haben soll. Dies ist eher wohl bereits 1883 erfolgt (Claudi Bd. 1, S. 658), da er nach einer Angabe vom Mai 1891 schon länger „accompanies his wife everywhere, makes her business engagements, and contrives to save her as much trouble as possible, so leaving her entirely free to prosecute her divine art“ (ebd.). Einen anderen Grund für die Kürze ihres Englandaufenthaltes nennt die „Birmingham Daily Post“: „But before she she could make any position here she was seized with influenza“ (Birmingham Daily Post 24. Apr. 1893, S. 3; entsprechend Musical News 1893 I, S. 397).

Falls die Krankheit wirklich eine Grippe war, ist sie vermutlich verschleppt worden − mit fatalem Ausgang. Denn bald schon begann eine zweite Tournee nach Osteuropa, am 14. Okt. 1891 eingeleitet durch ein Konzert in Riga (Rigaische Stadtblätter 1891, S. 382), fortgesetzt durch Teilnahme an den Moskauer Philharmonischen Konzerten (Signale 1892, S. 198). Im Febr. 1892 bereits war Metaura Toricelli die „Hauptattraction“ in einem Konzert des Istituto musicale in Padua (ebd., S. 452) unter Teilnahme ihres Ehemannes, dies auch in einem Gedenkkonzert zum 200. Geburtstag Giuseppe Tartinis (* 8. Apr. 1692 Pirano, † 26. Febr. 1770 Padua).

Schwindsucht, also Tuberkulose war es, die schließlich zu ihrem Tod am 4. Apr. 1893 führte. Wenn nicht schon die für England erwähnte „influenza“ als Vorbotin verstanden werden muss, so ist bei dem langen Zeitraum, den das späte Stadium der Krankheit einnehmen kann, nach dem Frühjahr 1892 kaum noch mit Auftritten zu rechnen.

An Metaura Torricelli werden neben Virtuosität und Tonreinheit „a beautifully soft quality of tone“ gerühmt und „her playing more purely classical in style than that of Teresina Tua“ (The Musical World 1890, S. 273). „Her phrasing has great breadth; her tone is pure and round; her execution faultless; and, whilst leaning to the severe school, she has all the Italian fire and brilliancy of the sunny south“ (Magazine of Music 1891, S. 87). Nirgends in den Besprechungen ihrer englischen Auftritte spielt ihr Geschlecht eine Rolle, eher schon ihre Jugend. 13 Jahre nach ihrem Tode, 1906, füllen jedoch italienische Autoren, womöglich noch Hörer ihrer Konzerte, die Lücke: „La sua esecuzione era piena di sentimento e di slancio e congiungeva ad una dolcezza di espressione femminilmente soave, una virile energia“ („Ihr Spiel war voller Gefühl und Schwung und vereinigte eine Süsse weiblich-weichen Ausdrucks mit einer männlichen Energie“, Untersteiner/Bonaventura, S. 214).

„Her répertoire is very varied and extensive − a noteworthy quality in an age where vocalists and soloists content themselves with singing and playing a few things over and over again until you can name their pieces whenever they appear, even without the assistance of a programme“ (Magazine of Music 1891, S. 87). Konkret jedoch lassen sich tatsächlich nur die zwei aus Berlin und London erwähnten Werke benennen, das angebliche Vieuxtemps-Konzert und die Sonate von Tartini. Dies ist umso erstaunlicher und bedauerlicher, als Metaura Toricelli auf ihren Reisen durch zwei Kontinente Hunderte von Soloauftritten bestritten haben muss.

 

LITERATUR

The Athenæum 1891 I, S. 678

Birmingham Daily Post 24. Apr. 1893, S. 3

Bock 1888, S. 432

Daily News [London] 1891, S. 6; 1893, S. 397

Der Klavier-Lehrer 1888, S. 241

Magazine of Music 1891; S. 87, 123

The Monthly Musical Record 1880, S. 44; 1890, S. 273

The Musical Yearbook of the United States 1888, S. 28

Musical News 1891, S. 235;  1893 I, S. 397

Musical Opinion & Musical Trade Review 1891, S. 335

The Musical Standard 1887 II, S. 215; 1888 II, S. 125

MusT 1891, S. 342

MusW 1890, S. 273

NZfM 1887, S. 499; 1888, S. 464

The Pall Mall Gazette 1891, S. 2

Rigaische Stadtblätter 1891, S. 382

The Saturday Review 1891, S. 623

Signale 1886, S. 389, 405; 1887, S. 131, 472, 743; 1888, S. 132, 790; 1889, S. 54, 178, 180, 532; 1890, S. 647; 1891, S. 210; 1892, S. 198, 452, 458; 1895, S. 150

The Theatre. An illustrated Weekly Magazine 1888, S. 249

Schmidl

Carlo Catanzaro, La donna italiana nelle scienze, nelle lettere, nelle arti. Dizionario biografico delle scrittrici edelle artiste viventi, Florenz 1892.

Alfredo Untersteiner u. Arnaldo Bonaventura, Storia del violino, dei violinisti e della musica per violino, Mailand 1906.

Giovanni Maria Claudi u. Liana Catri, Dizionario storico-biografico dei Marchigiani, 2 Bde., Ancona 1992−1994.

Giovanni Mazzucchelli u. Marco Capra, Il teatro illustrato 1880−1892, Ann Arbor 1993.

http://www.conservatoriopollini.it/component/content/40.html?task=view, Zugriff am 21. Sept. 2010.

 

Bildnachweis

Magazine of Music 1891, S. 87

 

Peter Schleuning

 

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