Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

WaltherMeta, verh. Heinze-Walther

Lebensdaten unbekannt, in Leipzig ansässige Pianistin. Die Tochter des Militärkapellmeisters Carl Walther (1842−1901) wurde am Leipziger Konservatorium ausgebildet und schloss ihr Studium Anfang 1888 mit dem Vortrag des Klavierkonzertes f-Moll von Chopin ab. Ihre Konzert-Karriere beschränkt sich auf die Jahre 1886 bis 1893 und auf den norddeutschen Raum. Außer Leipzig waren Auftrittsorte: Stettin (Szcecin, Anfang 1887), Dessau (Okt. 1890), Magdeburg (Nov. 1890), Grimma (Jan. 1891), Bremen (1890 und 1891), Minden und Aschersleben (1891), Cottbus, Meerane/Sachsen und Hamburg (Okt. 1891), Crimmitschau/Sachsen, Magdeburg und Zschoppau (Nov. 1891), Aschersleben (Jan. 1892), Gotha (Sept./Okt. 1892), Mühlhausen (Okt. 1892), Braunschweig, Chemnitz, Merseburg und Cottbus (Frühjahr 1893) sowie Eisenberg (Okt. 1893).

Höhepunkte ihrer Laufbahn waren mehrere Auftritte im Leipziger Gewandhaus. Am 19. Dez. 1889 debütierte sie dort mit dem Klavierkonzert g-Moll von Camille Saint-Saëns, mit dem sie „sich einen solch günstigen Erfolg [erspielte], wie ihn Erstauftretende selten erlangen. Mit klarem Bewußtsein ihres Könnens begann sie ohne Befangenheit die einleitenden Passagen und zeigte im weitern Verlauf des Vortrags die größte Sicherheit in Ueberwindung der Schwierigkeiten. Dabei bekundete sie richtige Erfassung des geistigen Gehalts und feines Nüanciren“ (NZfM 1889, S. 600). Nach einem Auftritt im Künstlerverein Bremen war in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ zu lesen: „Frl. Walther verfügt nicht nur über eine hervorragende Technik und unfehlbare Sicherheit, sondern sie hat ein höheres Ziel erreicht, indem sie ihre technische Meisterschaft in den Dienst der edelsten Kunst stellte. Erst zwei Tage sind verflossen, seit wir [Eugène] d’Albert hörten, da will es viel bedeuten, wenn eine Pianistin es vermag, derartig zu entzücken, wie es Frl. Walther gethan“ (NZfM 1891, S. 140). Bei ihrem zweiten Gewandhaus-Konzert am 22. Okt. 1891 spielte sie das 4. Klavierkonzert G-Dur von Beethoven „mit klarem Verständniß und vortrefflich geschulter Technik“, musste sich vom Rezensenten aber in Tempofragen belehren lassen: Im Scherzo werden die Cantilenen ausdrucksvoller bei einem etwas langsamern Tempo, als man es in den Passagen nimmt. Die Gesangsstelle in Ges dur gewinnt bedeutend durch ein Moderato, aus dem dann eine übergehende Steigerung in das erste Tempo den Effect erhöht. Möchte die talentvolle Virtuosin dies gefälligst berücksichtigen“ (NZfM 1891, S. 456). Auch der Kritiker der „Signale für die musikalische Welt“ warf ihr nach diesem Konzert „Hinneigung zum Manierismus und zur Tempoübertreibung“ vor (Signale 1891, S. 931). Ende 1891 nahm sie das Klavierkonzert f-Moll von Chopin und 1892 das Klavierkonzert von Schumann in ihr Repertoire auf. Ergänzt wurden ihre Programme durch Solokompositionen von Schubert, Chopin, Schumann, Mendelssohn, Grieg, Brahms, Liszt, Anton Rubinstein und Moszkowski. Am 13. Dez. 1890 war sie die erste, die, zusammen mit dem Geiger Adolph Brodsky, die Brahms-Sonate op. 108 Nr. 3 d-Moll in Leipzig zu Gehör brachte. Eine letzte Besprechung betrifft ein Konzert in Leipzig 1893: „Die Claviervirtuosin Frau Heinze-Walther spielte Schumann’s ‚Warum‘, ‚Leicht und lustig‘ von Mendelssohn und Liszt’s 12. Rhapsodie in technischer und ästhetischer Hinsicht höchst vortrefflich. Seit Jahresfrist, wo ich die Dame nicht gehört, hat ihre Vortragsweise sich wesentlich vervollkommnet. Sie spielt nicht mehr schulgemäß trocken nach dem Metronom, sondern geistig lebensvoll, mit Tempo rubato, wo es erforderlich, wie hauptsächlich in Liszt’s 12. Rhapsodie. So muß eine derartige Composition gespielt werden. Bei diesem stylgetreuen Vortrag der Ungarweisen hätte man leicht glauben können, Liszt selbst habe Frau Walther die Piece einstudirt“ (NZfM 1893, S. 505).

Der am 11. März 1893 erstmals geführte Doppelname weist auf eine Heirat hin, Möglicherweise war sie für Meta Walther der Grund, ihre Karriere zu beenden; Hinweise auf spätere Auftritte liegen nicht vor.

 

LITERATUR

Bock 1887, S. 86; 1890, S. 27

FritzschMW 1893, S. 214, 387, 652

Monthly Musical Record 1890, S. 32; 1891, S. 156, 274f.

NZfM 1886, S. 84; 1888, S. 118, 133, 487; 1889, S. 138, 594, 600; 1890, S. 67, 489, 537, 573; 1891, S. 9, 18, 106f., 140, 177f., 184, 456, 461, 496, 556f., 571; 1892, S. 141f., 154, 533, 539; 1893, S. 32, 41, 262, 317, 496, 505

Signale 1890, S. 168, 967; 1891, S. 4, 930f., 964, 986, 1066; 1892, S. 131f.

Martin Wolschke, Von der Stadtpfeiferei zu Lehrlingskapelle und Sinfonieorchester. Wandlungen im 19. Jahrhundert (= Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts 59), Regensburg 1981.

 

Freia Hoffmann

 

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