Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Finger-Bailetti, Ella, Elly, geb. Bailetti

* 25. Sept. 1866 in Scharka bei Prag, † 1945 in Wien, Violinistin. Sie war die Tochter von Auguste geb. Ziegelmayer und Biaggio Bailetti (?–1866). Ihr Vater war Oberstleutnant des Graf Haugwitz Infanterie-Regiments und wird in den Wiener Blättern im Jahr 1866 in der Liste der Verwundeten der Schlacht bei Königgrätz geführt.

Über die erste musikalische Ausbildung Ella Bailettis ist nur wenig bekannt. In Wien erhielt sie zunächst privaten Klavierunterricht. Am dortigen Konservatorium studierte die Musikerin später im Hauptfach Violine bei Carl Heißler (1823–1878), Jakob Moritz Grün (1837–1916) und Jakob Dont (1815–1888) sowie im Nebenfach Klavier bei Joseph Weidner und Josef Dachs (1825–1896). Anschließend ging sie nach Berlin und setzte ihr Studium bei Joseph Joachim (1831–1907) und dessen ehemaligem Schüler Heinrich Jacobsen (1851–1901) an der Königlichen Hochschule für Musik fort. Am 17. Okt. 1893 heiratete sie den Violinisten und Bratschisten Alfred Finger (1855–1936), ebenfalls Absolvent des Wiener Konservatoriums sowie der Berliner Hochschule. Mit ihm hatte sie einen Sohn, Alfred (* 22. Jan. 1898).

Ella Finger-Bailetti trat weniger als Solistin, sondern vorrangig als Kammermusikerin in Erscheinung. Seit 1895 war sie zweite Violinistin im Frauen-Streichquartett der Joachim-Schülerin Marie Soldat-Roeger. Zu ihren Mitstreiterinnen zählten neben der Namensgeberin des Ensembles (1. Violine) die Bratschistin Natalie Bauer-Lechner sowie die Violoncellistin Lucy Campbell, die 1903 durch Leontine Gärtner ersetzt wurde.

Das Soldat-Roeger-Quartett: (v. l. n. r.) Marie Soldat-Roeger,
Lucy Campbell, Natalie Bauer-Lechner und Ella Finger-Bailetti.

Das Quartett gehörte in der Zeit seines Bestehens (18951913) zu den besten der etablierten Streichquartette in Wien. Es wurde hinsichtlich seines technischen Spielvermögens und der Programmauswahl im gleichen Atemzug mit dem Rosé- und dem Hellmesberger-Quartett genannt und von den Kritikern als ebenbürtig beurteilt. Ein solcher Rang unter den Streichquartetten erscheint ungleich erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß es ausschließlich mit Musikerinnen besetzt war“ (Kühnen, S. 58). Am 11. März 1895 debütierte das Ensemble in einem Kammermusikkonzert im Wiener Bösendorfer-Saal. Als eines der ersten ausschließlich mit Frauen besetzten Streichquartette erregte es großes Interesse. Die „Neue musikalische Presse" schreibt: „Ueber die Befähigung der Frauen sind eigentlich der Worte genug gewechselt. Es ist erfreulich wenn garstiges Wortgeklimper durch sprechende Thaten zum Schweigen gebracht wird. In aller Stille hat ein energischer und hochbegabter Frauengeist drei [sic] seiner Geschlechtsgenossinnen wieder auf ein Gebiet geführt, welches bisher von Damen noch nicht betreten worden ist. Frau Soldat-Roeger, die ausgezeichnete Schülerin Joseph Joachim's, welche nach längerer Pause ihre Kunst wieder öffentlich ausübt, hat mit ihren Genossinnen den Beweis erbracht, dass die spirituellste Form der Kammermusik, das Streichquartett der Ausführung von Frauen sehr wohl zugänglich ist. Das Zugeständnis, dass das Quartett der Frau Soldat-Roeger in der Ausführung seiner schwierigen Aufgaben eine hohe Vollkommenheit zeigt und sich mit vorzüglich geschulten Männervereinigungen dieser Art ohne Weiteres messen kann, muss ohne jede Zuhilfenahme von Galanterie gemacht werden. Es ist nun schon die zweite Saison in der die Damen mit ihren Leistungen das Urtheil des Publicums herausfordern und dass sie von Abend zu Abend unwiederleglicher [sic] beweisen, dass sie ihren schweren Aufgaben gewachsen sind. Immer höher sind die Anforderungen, die sie an sich selbst stellen, immer schwieriger die Stücke, die sie ihren Programmen einverleiben und stets ist das schönste Gelingen immer auf ihrer Seite“ (Neue musikalische Presse 1. März 1896, S. 1).

Bis Ende der 1890er Jahre gehörte Ella Finger-Bailetti dem Soldat-Roeger-Quartett an und konzertierte mit dem Ensemble in dieser Zeit vor allem in Österreich und Deutschland. Offenbar wurde sie von ihrem Mann begleitet, der in einigen Konzerten des Quartetts mitwirkte. Am 21. Jan. 1897 konzertierte das Ensemble erneut im Bösendorfer-Saal. Die „Neue musikalische Presse“ berichtet: „Das Damen-Quartett Soldat-Röger […] hat, seitdem wir es zum letztenmal gehört, an Gleichmässigkeit der Kunstleistung bedeutend gewonnen. Frau Soldat-Röger ist zwar an künstlerischer Eigenart ihren Colleginnen noch immer um Beträchtliches überlegen, allein sie versteht es, ihre Intentionen auf ihre Genossinnen zu übertragen und die Fortschritte des Quartetts zeigen sich am augenfälligsten im Vortrag der langsamen Sätze. Von den drei Quartetten von Haydn, Cherubini und Beethoven gelangte das Erstgenannte Es-dur op. 64 zur gelungensten Wiedergabe. Das D-moll-Quartett von Cherubini zeigt in allen vier Sätzen interessante Meistermache, doch hätten wir bei demselben ‚mehr Inhalt, weniger Kunst‘ gewünscht. In Beethoven’s Quartett op. 18 Nr. 6 entfalteten die Damen männliche Energie in den Ecksätzen und im Scherzo und zarte Empfindung, tiefe Auffassung in der Wiedergabe des Adagio und der Malincona“ (Neue musikalische Presse 31. Jan. 1897, S. 15).

Vor der Geburt ihres Sohnes verließ Ella Finger-Bailetti das Quartett. 1898 bemerkt die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“: „Die Vereinigung hat seit vorigem Jahre eine Veränderung erfahren, an Stelle Frau Finger’s ist Fräulein Elsa von Plank als zweite Geige eingetreten“ (Signale 1898, S. 180).

Das Soldat-Roeger-Quartett 1896. 

LITERATUR

The Athenæum 1901 I, S. 474

FritzschMW 1897, S. 276

Musical Standard 1895 I, S. 257

Musikbuch aus Österreich. Ein Jahrbuch der Musikpflege in Österreich und den bedeutendsten Musikstädten des Auslandes 1910, S. 153

Neue freie Presse 24. Juli 1866

Neue musikalische Presse 1896, 1. März, S. 1; 1897, 31. Jan., S. 15

NZfM 1897, S. 76f.; 1903, S. 484

Die Redenden Künste 1896, S. 591

Signale 1895, S. 153; 1898, S. 180

Wiener Zeitung 1866, 24. Juli; 1867, 11., 13., 16. Jan.

ÖBL (Art. „Finger, Alfred“), DBE, OeML (Art. „Finger, Alfred“)

Ludwig Eisenberg u. Richard Groner (Hrsg.), Das geistige Wien. Mittheilungen über die in Wien lebenden Architekten, Bildhauer, Bühnenkünstler, Graphiker, Journalisten, Maler, Musiker und Schriftsteller, Wien 1889.

Herbert Killian, Gustav Mahler in den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner, Hamburg 1984.

Barbara Kühnen,  Ist die kleine Soldat nicht ein ganzer Kerl? Die Geigerin Marie Soldat-Roeger (1863–1955)", in: Ich fahre in mein liebes Wien. Clara Schumann: Fakten, Bilder, Projektionen, hrsg. von Elena Ostleitner u. Ursula Simek (= Frauentöne 3), Wien 1996.

Inka Prante, Die Schülerinnen Joseph Joachims, Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung, unveröffentlicht, Universität der Künste Berlin 1999.

Martin Alber (Hrsg.), Wittgenstein und die Musik. Ludwig Wittgenstein – Rudolf Koder. Briefwechsel (= Brenner Studien 17), Innsbruck 2000.

Barbara Kühnen, „Marie Soldat-Roeger (18631955)“, in: Die Geige war ihr Leben. Drei Geigerinnen im Portrait (= Frauentöne 4), hrsg. von Kay Dreyfus [u. a.], Strasshof 2000, S. 13–98.

Philipp Albrecht, „‚Eine Amazonengruppe mit ästhetischem Programm‘“, in: Der „männliche“ und der „weibliche“ Beethoven. Bericht über den Internationalen musikwissenschaftlichen Kongress 31. Okt. bis 4. Nov. 2001 an der UdK Berlin, hrsg. von Cornelia Bartsch [u. a.], Bonn 2003, S. 415–428.

Inka Prante, „‚Warum sollten nicht auch Frauen in der Tonkunst excellieren können?‘. Joachim-Schülerinnen im Streichquartett“, in: Der „männliche“ und der „weibliche“ Beethoven. Bericht über den Internationalen musikwissenschaftlichen Kongress 31. Okt. bis 4. Nov. 2001 an der UdK Berlin, hrsg. von Cornelia Bartsch [u. a.], Bonn 2003, S. 399–414.

Harry Peter Clive, Brahms and his World. A Biographical Dictionary, Lanham 2006.

Maren Goltz, Der Brahms-Klarinettist Richard Mühlfeld. Einleitung, Übertragung und Kommentar der Dokumentation von Christian Mühlfeld, Balve 2007.

Friedrich Frick, Kleines biographisches Lexikon der Violinisten. Vom Anfang des Violinspiels bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, Norderstedt 2009.

Clive Brown, The Decline of the 19th-century German School of Violin Playing, http://chase.leeds.ac.uk/article/the-decline-of-the-19th-century-german-school-of-violin-playing-clive-brown/, Zugriff am 29. Mai 2013.

 

Bildnachweis

Brown

Neue musikalische Presse 1. März 1896, S. 1.

 

Annkatrin Babbe

 

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