Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Lindeman, Lindemann, Marie, Maria, (Louisa Carolina) von

* 26. Mai 1818 in Dresden, † 23. Jan. 1903, ebd., Pianistin, Sängerin, Klavier- und Gesangslehrerin. Ihre Mutter war Caroline Louise Hedwig geb. von Besser, Tochter eines kurfürstlich Sächsischen General-Acciskommissars in der Grafschaft Mannsfeld. Der Vater, ein Königlich Sächsischer Oberst der Kavallerie, Generalintendant der Armee und Ritter des Militär St. Heinrichs-Ordens, Friedrich Carl Adolph von Lindeman (1771−1824), starb 1824 im Alter von 53 Jahren an den Folgen einer Lebererkrankung. In der Todesanzeige, die in der „Leipziger Zeitung“ (11. Dez. 1824) veröffentlicht wurde, sind drei Kinder des Ehepaares aufgeführt: Neben Marie waren dies die Söhne Herrmann Carl August (1817−?) und Moritz Carl Adolph (1823−1908). Der Todesurkunde der 1844 verstorbenen Mutter zufolge hatte Marie von Lindeman zudem noch drei Halbschwestern, über die jedoch keine Informationen vorliegen. Hermann Carl August von Lindeman wirkte als Redakteur an der Herausgabe links-demokratischer Zeitungen mit und beteiligte sich an Freiheitskämpfen bzw. Aufständen. Moritz Carl Adolph errang in erster Linie als Geograph und Polarforscher Renommee.

Zur Kindheit Marie von Lindemans ist kaum etwas bekannt. Wie Renate Brunner annimmt, lebte die Familie nach dem Tod von Friedrich Carl Adolph von Lindeman in finanziell schwierigen Verhältnissen. Aus der späteren Tätigkeit als Gesangs- und Klavierlehrerin sowie Auftritten als Sängerin und Pianistin sei jedoch abzuleiten, dass die Musikerin eine gründliche Ausbildung genossen hat, die noch über die Erziehung höherer Töchter hinausging. Wer für ihre musikalische Ausbildung verantwortlich zeichnete, lässt sich vor allem für die Anfangsgründe nicht mehr feststellen. Bekannt ist hingegen, dass Marie von Lindeman − allerdings erst im Alter von 30 Jahren − Schülerin Clara Schumanns war.

Seit 1848 war sie Mitglied des von Robert Schumann in diesem Jahr gegründeten Chorgesangvereins. Während eines Vereinsausflugs nach Pillnitz (Aug. 1848), an dem auch Clara Schumann teilnahm, machte die Schriftstellerin Charlotte Krug geb. Schnorr von Carolsfeld Marie von Lindeman mit der berühmten Pianistin bekannt. In ihren Erinnerungen an Robert und Clara Schumann schreibt sie hierüber: „[Ich] hatte dabei das Glück auf dieser ganzen Fahrt mit Frau Clara Schumann, der ich zum ersten Male näher trat, plaudern zu können. Meine liebenswürdige Freundin machte sie hierbei auf meine musikalischen Leistungen aufmerksam und ich wurde infolge dieses Gesprächs die Schülerin dieser so hoch verehrten Künstlerin – ein Glück für mein ganzes Leben“ (zit. nach Brunner, S. 59). Tatsächlich blieben die beiden Frauen über den Unterricht hinaus in persönlichem Kontakt, wie nicht zuletzt der bis Mitte der 1890er Jahre geführte Briefwechsel belegt.

1846 hatte sich Marie von Lindeman mit einem Vorsingen bei Ferdinand Hiller vorgestellt, möglicherweise, um über diesen ein Engagement als Solistin für seine Abonnementskonzerte zu erhalten, das allerdings ausblieb. 1848 war sie unter den ersten Mitgliedern des von Robert Schumann gegründeten Chorgesangvereins. Zwischen 1853 und 1862 war sie Mitglied im Vorstand der Dreyssigschen Singakademie.

Das „Dresdner Journal“ dokumentiert eine musikalische Unterhaltung der Musikerin am 17. Nov. 1850 im Saal des Hotel de Saxe. Hierin wird Marie von Lindeman als eine „tüchtig gebildete und geschätzte Pianoforte- und Gesanglehrerin Dresdens“ (Dresdner Journal 1850, S. 2702) gewürdigt. Besonderes Lob erfährt sie für ihre Repertoirewahl: „Aus dem Programme ergab sich unzweideutig, wie es der jungen Dame, vornehmlich um eine Darlegung ihrer ernstern und gründlichen, künstlerischen Richtung, nicht um den Flittertand der Mode und dem wohlfeilen, damit zu erringenden Beifall zu thun war, und das verdient volle Anerkennung“ (ebd.). Das Programm umfasste Beethovens Klaviersonate Nr. 11 B-Dur op. 22, Präludium und Fuge G-Dur von Joh. Seb. Bach als Klavierwerke und eine Szene aus Glucks Orpheus und Eurydike. Eine Sängerin namens Treitschke und ein Klarinettist namens Forkert sowie ein namentlich nicht genannter Klavierbegleiter trugen weitere Programmpunkte bei. Die Beurteilung der musikalischen Leistungen Marie von Lindemans fällt günstig aus: Als Pianistin werden ihr „Sicherheit und Klarheit der Ausführung. Runder und weicher Anschlag, Sauberkeit der Technik, solide Schule überhaupt und achtungswerthe Fertigkeit“ (ebd.), attestiert, lediglich ein wenig „Energie und Feuer“ (ebd.) werden vermisst. Letzteres liest man hier auch über sie als ansonsten „sichere und gutgeschulte Sängerin mit ansprechender Altstimme“ (ebd.). Weitere Auftritte lassen sich nachweisen, in denen sich Marie von Lindeman jedoch lediglich als Sängerin hören ließ. Am 29. Aug. 1849 sang sie eine Solopartie in Robert Schumanns Faust-Szenen im Rahmen eines Festkonzerts, am 28. Nov. 1850 wirkte sie in einem Konzert der Dresdner Liedertafel mit, am 9. Dez. des Jahres in einem Konzert der Dreyssigschen Singakademie sowie im Jahr 1852 in Düsseldorf bei einer Aufführung von Beethovens Messe C-Dur op. 86 in einem Gottesdienst zu Frohnleichnam.

Seit 1850 lebte Marie von Lindeman zusammen mit ihrer Freundin Louise Wießner in Dresden. Als sie mit 30 Jahren am Grauen Star erkrankte und − trotz einer später unternommenen Operation − immer weiter erblindete, war Wießner ihr eine wichtige Stütze, gerade auch in finanzieller Hinsicht, da von Lindeman schließlich nicht mehr unterrichten konnte und damit über kein geregeltes Einkommen verfügte. Anfang der 1850er Jahre war sie noch als private Musiklehrerin bei einer Frau von Falkenstein angestellt. Nachdem sie diese Beschäftigung verloren hatte, wandte sie sich an Clara Schumann, von der sie ein Zeugnis über den absolvierten Unterricht und ihre musikalischen Leistungen erbat. Bemühungen um weitere Anstellungen blieben offenbar erfolglos. Auch Clara Schumanns Versuch, die Freundin bei der Bankiersfrau Lilla Deichmann unterzubringen, verlief ins Leere.

Heute findet Marie von Lindeman in erster Linie Beachtung als Briefpartnerin von Clara Schumann. Wie die von Renate Brunner herausgegebene Korrespondenz zeigt, blieb sie bis in die 1890er Jahre in Kontakt mit der ehemaligen Lehrerin. Nach Möglichkeit unterstützte sie diese in Alltagsaufgaben − übernahm, ebenso wie → Emilie Steffens, Botengänge und Besorgungen −, wobei ihr wiederum Louise Wießner zur Seite stand.

Seit den 1870er Jahren trat Marie von Lindeman vornehmlich als Schriftstellerin hervor. Anstandsbücher und Ratgeberliteratur für Mädchen bzw. junge Frauen sowie Novellen bildeten ihren Schwerpunkt. Außerdem war von Lindeman ständige Mitarbeiterin an dem von Thekla von Gumpert herausgegebenen Töchter-Album. Viel Beachtung fand ihr 1886 publiziertes Buch Die ratende Freundin. Auf Bitte Friedrich Niecks verfasste Marie von Lindeman Erinnerungen an Clara und Robert Schumann (abgedruckt in: Brunner).

 

SCHRIFTEN

(Einzeldrucke)

Marie von Lindeman, Figuren. Erzählung, Zwickau 1870.

Dies., Das Alpenveilchen. Die Stummen. Die wilde Rose. Drei Erzählungen für die Jugend, Glogau 1875.

Dies., Die junge Sängerin. Kurze Anleitung zum Selbstunterricht im Gesange, zugleich Leitfaden für Lehrende, Dresden 1882.

Dies., Schatzkästlein. 6 Erzählungen für die reife Jugend, 2 Teile in einem Bd., Dresden [1883].

Dies., Die rathende Freundin. Mitgabe für junge Mädchen beim Eintritt ins Leben, Köln 1886.

Dies., Edle Herzen. Erzählungen für die weibliche Jugend, Dresden [1889].

Dies., Das Marienbild. Aus der Vorzeit. Zwei Erzählungen, Dresden 1893.

Dies., Das Pfarrhaus. Der Pflegesohn, Dresden 1897.

Dies., Der Großmutter Segen. 4 Erzählungen, Dresden 1902.

Dies., Hans und Kuku. Eine Kindergeschichte, Köln [1933].

 

LITERATUR

Andreas Hofer. Wochenblatt für das Theater Volk 1887, 10., 24. Febr.

Dresdner Adreß-Kalender 1820, S. 45

Dresdner Journal. Herold für sächsische und deutsche Interessen 1850 II, S. 2702, 2789f., 2880

Frauenblätter [Leipzig] 15. Dez. 1872

Grazer Volksblatt 1886, 7., 16. Nov., 8. Dez.

Hamburger Nachrichten 1. Dez. 1886

Königlich Sächsischer Hof-, Civil- und Militär-Staat: im Jahre 1823, S. 140

Leipziger Zeitung 11. Dez. 1824

Neuer Nekrolog der Deutschen 1825, S. 1215−1222

Niederrheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler 1855, S. 312

NZfM 1850 II, S. 263

Österreichische Volkszeitung 4. Dez. 1908

Pädagogischer Jahresbericht von 1872 für die Volksschullehrer Deutschlands und der Schweiz [Leipzig 1874], S. 639−641

Sächsische Dorfzeitung. Ein unterhaltendes Blatt für den Bürger und Landmann 21. Febr. 1873

Signale 1866, S. 266

Wiener Salonblatt 14. Dez. 1890, S. 13

Zeitung für den Deutschen Adel 20. Apr. 1842

Sophie Pataky (Hg.), Lexikon deutscher Frauen der Feder. Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren, nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme, 2 Bde., Bd. 1, Berlin 1898.

Renate Brunner (Hg.), Alltag und Künstlertum. Clara Schumann und ihre Dresdner Freundinnen Marie von Lindeman und Emilie Steffens. Erinnerungen und Briefe (= Schumann-Studien, Sonderbd. 4), Sinzig 2005.

 Dirk Hempel, Literarische Vereine in Dresden. Kulturelle Praxis und politische Orientierung des Bürgertums im 19. Jahrhundert, Tübingen 2008.

 Janina Klassen, Clara Schumann. Musik und Öffentlichkeit (= Europäische Komponistinnen 3), Köln [u. a.] 2009.

 Arnfried Edler, Robert Schumann, München 2009.

 Gina Marie Pellegrino, Robert Schumann and the Gesangverein. The Dresden Years (1844−1850), Dissertation, Washington University in St. Louis, 2011.

 

 

 Annkatrin Babbe

 

 

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