Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

StahrStaar, Anna und Helene (Caroline Theodore)

Anna * 1835 in Oldenburg (Oldb.), † 1909 in Weimar; Helene * 10. Juli 1838 in Oldenburg (Oldb.), † 1914 in Weimar, Pianistinnen und Klavierlehrerinnen. Anna und Helene Stahr waren die Töchter des Schriftstellers und Literaturhistorikers Adolf Wilhelm Theodor Stahr (1805–1976) und seiner Ehefrau Marie geb. Krätz (1813–1879). Ihre Kindheit verbrachten die beiden Mädchen zusammen mit den Eltern und drei Brüdern (Alwin, Adolf und Edo) in Oldenburg, wo ihr Vater als Konrektor und Professor für alte und neue Sprachen am Gymnasium tätig war. Anfang der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts lebte die Familie in Jena und später in Weimar.

1854 ließen sich die Eltern scheiden. Adolf Stahr heiratete kurz darauf die Schriftstellerin Fanny Lewald (1811–1889), die er während eines Italienaufenthalts Mitte der 1840er Jahre kennengelernt hatte, und siedelte mit ihr nach Berlin über. Marie Stahr ist seit 1855 in den Weimarer Adressbüchern aufgeführt. Vermutlich lebten die Töchter bei ihr. In Weimar erhielten sie ihre musikalische Ausbildung bei Liszt (1811–1886), der die Schwestern bei einem Besuch der Familie Anfang der 1850er Jahre in Jena spielen gehört und sie daraufhin zu sich nach Weimar eingeladen hatte. Er „unterrichtete sie nicht allein im Pianospielen sondern verschaffte ihnen auch eine weitere Ausbildung dadurch, daß er für sie Zutritt zu den Opernproben auswirkte. Bei weiterem Fortschreiten spielte er mit den jungen Damen seine Compositionen“ (Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 19. Febr. 1887). Zwischen 1857 und 1862 besuchten Anna und Helene Stahr den Klavierunterricht bei Sophie Pflughaupt – ebenfalls eine Schülerin Liszts – und ihrem Mann Robert Pflughaupt (1833–1871).

 

Anna und Helene Stahr um 1880, Photographie von Friedrich Hertel.

 

Anfang der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts erfolgten erste Auftritte der beiden Pianistinnen, die sich fast ausschließlich zusammen hören ließen. 1862 gastierten sie in Leipzig, 1865 traten sie in Weimar auf, 1867/68 in Aachen und Jena und 1869 in Berlin. Später zeigten sie sich überwiegend in den von ihnen seit 1866 in Weimar veranstalteten Soireen. Die Schwestern spielten vorwiegend vierhändige Werke, darunter Liszts Pastorale Schnitterchor aus dem Entfesselten Prometheus (Searle 508), sein Vom Fels zum Meer. Deutscher Siegesmarsch (Searle 229), eine Mazurka von Glinka sowie Kompositionen von Robert Volkmann, Robert Pflughaupt, August Goltermann und den Brüdern Louis und Willy Thern.

Schon früh konzentrierten sich Anna und Helene Stahr auf die Lehrtätigkeit. Seit etwa 1855 erteilten sie Klavierunterricht und wurden später „zu den vortrefflichsten Clavierlehrerinnen unserer Zeit“ (NZfM 1889, S. 188) gezählt. In Weimar veranstalteten sie spätestens seit 1865 öffentliche Prüfungskonzerte, sogenannte „Clavierexamen“ (Bock 1865, S. 61), die von der Presse große Aufmerksamkeit erfuhren. Ihre SchülerInnen waren der „Neuen Zeitschrift für Musik“ zufolge „meist nur Dilettanten“ (NZfM 1877, S. 128). Zu ihnen gehörten u. a. zwei Enkelinnen von Johann Gottfried von Herder und Alexander Oglobinsky.

Bekanntheit erlangten die Schwestern vor allem durch ihre musikalischen Veranstaltungen im eigenen Salon. Carl Lachmund schreibt hierüber: „Jedermann in Weimar kannte die Stahr-Schwestern Anna und Helene und ihre gemütliche Villa in der Schwanensee-Straße am Rande der Stadt. Kein wohlangeschriebener Lisztianer fehlte je bei ihren Soireen, die sie ‚Musikalischer Kaffee‘ nannten“ (Lachmund, S. 89). Die Soireen fanden einmal in der Woche statt. Im Zentrum stand die Aufführung Liszt’scher Kompositionen. Daneben kamen vor allem Werke von Komponisten der Neudeutschen Schule zur Aufführung. Unter den regelmäßigen BesucherInnen befanden sich u. a. die Brüder Louis und Willy Thern, Alexander Siloti, Eugen d’Albert, Eduard Lassen, August Göllerich und Peter Cornelius. Auch Liszt wohnte während seiner Aufenthalte in Weimar diesen Veranstaltungen bei und trat hier mehrfach auf. Der „Neuen Zeitschrift für Musik“ zufolge entwickelten sich die Soireen von Anna und Helene Stahr zu einem „Centralpunkte für alle jungen Lisztianerinnen und Lisztianer, welche hier bei diesen lieben Menschen immer aufrichtig und herzlich empfangen werden“ (NZfM 1873, S. 331). Zu ihrem ehemaligen Lehrer pflegten die Schwestern offenbar ein enges Verhältnis. In der „Leipziger Zeitung“ heißt es: „Es kann sich wohl keiner der vielen Schüler rühmen, so wie sie Liszt’s musikalisches Leben in solchem Maße getheilt zu haben“ (Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 19. Febr. 1887).

 

Anna und Helene Stahr, Photographie von Otto Graef.

 

Nach LisztsTod engagierten sich Anna und Helene Stahr für die Gründung und Erhaltung des Liszt-Vereins. Für diesen organisierten sie Konzerte und warben durch Anzeigen in der Fachpresse Gelder ein. Mitte der 1890er Jahre spendeten sie selbst für die Errichtung eines Liszt-Denkmals in Weimar.

1890 wurde ihnen vom „Vorstand des ‚Lisztvereins‘ zu Leipzig […] ein kunstreich hergestelltes Diplom übersendet, wonach dieselben ‚als treue Freundinnen der Lisztsache, als unermüdliche Vertreterinnen der Interessen des Vereins und in Anerkennung der besonderen Verdienste um denselben‘ zu Ehrenmitgliedern des Lisztvereins ernannt worden sind“ (Der Klavier-Lehrer 1890, S. 19).

Die Musikerinnen sind Widmungsträgerinnen von Kompositionen einiger Zeitgenossen. Carl Thern widmete ihnen seine 1869 veröffentlichten Musikalischen Bilder aus Weimar für Pianoforte zu vier Händen op. 32 und Alexander Winterberger sein Jugend-Album op. 101 mit 40 kleineren Klavierstücken.

 

LITERATUR

Adressbücher Weimar 1855ff.

Bayreuther Blätter 1893, S. 270

Bock 1865, S. 61; 1866, S. 141; 1867, S. 416

Dwight's Journal of Music 1873, S. 95

FritzschMW 1888, S. 263

Goethe Jahrbuch 1902, S. 13

Katalog des Musikalien-Verlags von J. Schuberth & Co., Leipzig 1906, S. 163

Der Klavier-Lehrer 1890, S. 19

Der Merker 1970, S. 1053

NZfM 1862 II, S. 44; 1865, S. 175, 387; 1866, S. 101, 167, 410; 1867, S. 323; 1868, S. 14, 91, 445; 1869, S. 78, 127; 1870, S. 118, 182; 1871, S. 78, 301; 1872, S. 529; 1873, S. 81, 330f.; 1875, S. 222, 245; 1876, S. 10; 1877, S. 30, 128; 1880, S. 190; 1882, S. 226; 1883, S. 138, 238; 1886, S. 133, 290, 380, 453; 1887, S. 53, 153; 1888, S. 157, 249, 374; 1889, S. 188; 1890, S. 34; 1891, S. 178; 1895, S. 92, 188; 1896, S. 164

Signale 1867, S. 15, 1047

Urania 1876, S. 47; 1881, S. 169

Westermanns Monatshefte 1895, S. 199

Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 19. Febr. 1887

ADB

Adolf Stahr, Ein Stück Leben. Gedichte, Berlin 1869.

Ders. u. Fanny Lewald, Ein Winter in Rom, Berlin 1869.

Wilhelm Pökel, Philologisches Schriftstellerlexikon, Leipzig 1882.

Bettina Walker, My Musical Experiences, London 1892.

Albert Morris Bagby, Miss Träumerei. A Weimar Idyl, Boston 1895.

Leonie Größler-Heim, „Von meiner Studienzeit bei Liszt (1873), in: Neue Musik-Zeitung 22 (1912), S. 462f.

Carl Lachmund, Mein Leben mit Franz Liszt, Eschwege 1970.

August Göllerich u. Wilhelm Jerger, Franz Listzs Klavierunterricht von 1884–1886. Dargestellt an den Tagebuchaufzeichnungen (= Studien zur Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts 39), Regensburg 1975.

Alan Walker, Franz Liszt, 3 Bde., Bd. 3: The Final Years1861–1886, New York 1996.

Krimhild Stöver, Leben und Wirken der Fanny Lewald. Grenzen und Möglichkeiten einer Schriftstellerin im gesellschaftlichen Kontext des 19. Jahrhunderts (= Literatur- und Medienwissenschaft 97), Oldenburg 2004.

Martin Hundt (Hrsg.), Der Redaktionsbriefwechsel der Hallischen Deutschen und der Deutsch-Französischen Jahrbücher (1837–1844), 2 Bde., Bd. 1, Berlin 2010.

Evelyn Liepsch, „‚Im Sinne Liszts ist es gehandelt‘. Zur Gründung der Liszt-Stiftung und des Weimarer Liszt-Museums“, in: Das Zeitalter der Enkel. Kulturpolitik und Klassikrezeption unter Carl Alexander (= Jahrbuch Klassik Stiftung Weimar), hrsg. von Hellmut Th. Seemann u. Thorsten Valk, Göttingen 2010.

Oliver Hilmes, Liszt. Biographie eines Superstars, München 2011.

Musikalien der Schlossbibliothek Baden-Baden, http://www.blb-karlsruhe.de/blb/blbhtml/besonde-re-bestaende/musik/bad-index.php?b=t, Zugriff am 23. Nov. 2012.

 

Bildnachweis

Sammlung Manskopf der Goethe Universität Frankfurt a. M., http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2003/7801887/, Zugriff am 16. Nov. 2012.

Sammlung Manskopf der Goethe Universität Frankfurt, http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2003/7809948/, Zugriff am 16. Nov. 2012.

 

Annkatrin Babbe

 

© 2012 Freia Hoffmann