Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Saatweber, Ellen, geb. Schlieper

* 13. Okt. 1874 in Vevey (Schweiz), † 20. Sept. 1933 in Barmen (heute Stadtteil von Wuppertal), Pianistin. Ellen Schlieper stammte aus einer Kaufmannsfamilie. Ihr Vater Adolf Schlieper (1834–1900) war Teilhaber eines Handelshauses in Mexiko gewesen, bevor sich die Familie 1874 in Vevey niederließ. Die Mutter Maria Bahnsen (1838–1900) stammte aus Hamburg. Das Paar verbrachte seinen Lebensabend in Köln und Barmen, dem Geburtsort Adolf Schliepers.

Über die musikalische Ausbildung des einzigen Kindes ist wenig bekannt. Die erste Information stammt aus England, wo die Pianistin 1894 in einem Konzert mit der Sängerin Marie Busch in der Small Queens Hall in London auftrat und als Schülerin von Theodor Leschetizky (1831–1915) bezeichnet wurde. Niemann nennt außerdem noch den bis 1897 am Kölner Konservatorium tätigen Max Pauer (1866–1945) als ihren Lehrer. Ebenfalls 1894 beschreibt die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ sie anlässlich eines Abonnementkonzertes in Barmen als eine Pianistin „von respectabeler technischer Begabung“ (Signale 1894, S. 167) und gibt als Wohnort die Schweizer Stadt Montreux an.

An der pianistischen Tätigkeit änderten weder die Heirat mit dem fünf Jahre älteren Barmener Kaufmann Paul Saatweber (1869–?), die am 8. Okt. 1896 in Köln stattfand, noch die Geburt der beiden Söhne Edgar (1897–1942) und Arthur (1899–1962) etwas. Ellen Saatweber machte sich in ihrem neuen Lebensumfeld in Barmen einen Namen, und es gelang ihr besonders durch die von ihr seit etwa 1903 veranstalteten Kammermusikabende, Einfluss auf das musikalische Leben in ihrer Gegend zu nehmen. In ihren Soireen konzertierte sie häufig mit einheimischen Künstlern wie dem ehemaligen Kapellmeister des städtischen Orchesters Hans Maier zusammen. Mit dem Violinisten Henri Marteau verband sie eine langjährige Zusammenarbeit: Die Zeitschrift „Die Musik“ lobt die beiden als „gleichwertiges Künstlerpaar“ (Die Musik 1904/05 I, S. 372). Zum gemeinsamen Repertoire zählten Werke von Beethoven, Richard Strauss und Joh. Seb. Bach.

Allgemein galt Ellen Saatweber als solide Klavierpartnerin. Bei den von ihr veranstalteten Abenden, die schon bald zu einer festen Institution wurden, trat sie darüber hinaus auch solistisch auf. „Die Musik“ bezeichnet sie 1906 als „elegante Chopinspielerin“ (Die Musik 1905/06 II, S. 127), ihr „Vortrag der Toccata und Fuge Dmoll von Bach-Tausig und der Sonate op. III von Beethoven“ wurde vom „Musikalischen Wochenblatt“ als „erneute Probe ihrer unfehlbaren Technik und durchgeistigter Auffassung“ (FritzschMW 1909/10, S. 645) gewertet.

Ellen Saatweber trat in den Hornungschen Künstlerkonzerten und gemeinsam mit dem Barmer Streichquartett auf. In ihren Konzerten spielte sie klassisches Repertoire, setzte sich daneben jedoch offenbar auch für zeitgenössische Kompositionen ein. Berichtet wird von Aufführungen von Musik „des hier lebenden Komponisten Friedrich August Dreßler“ (Die Musik 1908/09 II, S. 252) oder eines Klavierquintetts „des persönlich mitinterpretirenden Dessauer Hofkapellmeisters Franz Mikorey“ (Die Musik 1908/09 III, S. 381). In diesem Zusammenhang ist auch ihre Rolle für die Verbreitung der Werke Max Regers zu sehen. Laut Moser ist es u. a. ihr Verdienst, dass sich im Raum Dortmund, Barmen und Essen „ein früher Regerkult“ (Moser, S. 98) entwickelte.

Trotz ihrer intensiven künstlerischen Tätigkeit und der Bekanntschaft mit Komponisten wie Reger oder Hindemith blieb das Wirken Ellen Saatwebers vorwiegend auf ihr regionales Umfeld (Barmen, Köln, Düsseldorf) beschränkt. Es endete etwa zur selben Zeit wie die geschäftlichen Aktivitäten ihres Mannes, eines „Hauptmannes der Landwehr“ (Grote, S. 180), im 1. Weltkrieg. Umso bedeutsamer erscheint ein letzter belegter Auftritt in Maastricht am 24. Nov. 1921.

 

LITERATUR

Brief von Ellen Saatweber-Schlieper an Musikverlag Joseph Aibl vom 21. Jan. 1904, geschrieben in Barmen-Rittershausen, Bayrische Staatsbibliothek

Amersfoortsch Dagblad/De Eemlander 8. Nov. 1927

Bayreuther Blätter 1912, S. 253

Blätter für Haus- und Kirchenmusik 1903, S. 124; 1906/08, S. 62, 90, 93, 122f., 155

FritzschMW 1906, S. 76, 340; 1908, S. 81, 203; 1909/10, S. 10, 67, 79, 457, 645; 1910, S. 387

Journal of the Arnold Schoenberg Institute 1900

Limburger koerier, provinciaal dagblad 24. Nov. 1921

Die Musik 1904/05 I, S. 274, 366, 372; 1905/06 I, S. 22; 1905/06 II, S. 122, 127f., 350; 1905/06 III, S. 194, 199; 1906/07 II, S. 192, 314; 1907/08 I, S. 245, 250, 382; 1907/08 II, S. 238, 374; 1907/08 IV, S. 169; 1908/09 II, S. 252, 360; 1908/09 III, S. 185, 381; 1908/09 IV, S. 118; 1909/10 I, S. 56, 320; 1909/10 II, S. 56, 182; 1909/10 IV, S. 54; 1910/11 I, S. 248; 1910/11 II, S. 178; 1911/12 I, S. 248; 1911/12 III, S. 185, 386; 1911/12 IV, S. 178f.; 1912/13 II, S. 54, 114, 239; 1913/14, S. 112

Musikpädagogische Blätter 1908/09, S. 314

Signale 1894, S. 167; 1907, S. 1241; 1908, S. 24; 1909, S. 206

The Times 29. Nov. 1894

Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft 1907/08, S. 400, 413f.

Joseph Hansen (Hrsg.), Die Rheinprovinz 1815–1915. Hundert Jahre preußischer Herrschaft am Rhein, 2 Bde., Bd. 2, Bonn 1917.

Walter Niemann, Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit, Berlin 1921.

Bernhard Koerner u. Edmund Strutz, Bergisches Geschlechterbuch 2 (DGB 35), Görlitz 1922.

Hans Joachim Moser,  der deutschen Stämme, Wien u. Stuttgart 1957.

Waldemar Grote, Nachkommen des Georg Schlieper und seiner Frau Charlotte Wülfing, Stadtarchiv Wuppertal 1966.

Ottmar u. Ingeborg Schreiber (Hrsg.), Max Reger in seinen Konzerten: Programme der Konzerte Regers, 3 Bde., Bd. 3, 1981.

Hermann Wilske, Max Reger. Zur Interpretation in seiner Zeit, Wiesbaden 1995.

 

Claudia Schweitzer

 

© Freia Hoffmann 2012