Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

KrumpholtzKrumpholz, Krumpholc, Krumbholtz, Anne-Marie, geb. Steckler, Stekler

10. Aug. 1755 in Metz, † 15. Nov. 1813 in London, Harfenistin. Anne-Marie Steckler war Tochter des Metzer Harfen- und Instrumentenbauers Christian Steckler. Sie lernte das Harfenspiel bei Jean-Baptiste Krumpholtz (1745–1790), einem Harfenisten, Pianisten, Komponisten und Instrumentenbauer. 1780 heiratete sie ihren Lehrer und bekam drei Kinder. Der in älterer Literatur mehrfach angegebene Geburtsname „Meyer“ scheint sich auf die Frau eines Onkels Jean-Baptistes zu beziehen.

Anne-Marie Steckler trat ab 1779 in den Concerts spirituels in Paris auf; ihr zukünftiger Mann begleitete sie dabei am Klavier. Der „Mercure de France“ schrieb daraufhin über die Künstlerin, dass sie „eclipsait une grande partie des virtuoses de Paris sur cet instrument“ („auf diesem Instrument einen Großteil der Pariser VirtuosInnen übertraf“, Chor/Fay).

1788 verließ Anne-Marie Krumpholtz ihren Mann, der sich zwei Jahre später in der Seine ertränkte, und übersiedelte nach England. War sie schon in Paris gelobt worden, gelangte sie in London zu regelrechtem Ruhm: Ihr erstes dortiges Konzert gab sie am 2. Juni 1788 in den Hanover Square Rooms; bereits ein Jahr später bekundete die „World“: „In her line [she] is unrevalled“ (World 6. März 1789). Es folgte eine Zeit reger Konzerttätigkeit – in der britischen Presse der 1780er und 1790er Jahre lassen sich mehrere hundert Konzertankündigungen nachweisen. Hervorzuheben sind dabei die Auftritte in den Jahren 1791 bis 1793 bei Veranstaltungen des Geigers und Unternehmers Johann Peter Salomon, so u. a. bei den Oratorien in der Drury Lane und bei Haydns Benefizkonzerten. Sie musizierte außerdem mit Jan Ladislav Dussek und Sophia Corri. Während ihrer Berufsjahre scheint sie allerdings immer wieder Phasen des Rückzugs von der Öffentlichkeit eingeschoben zu haben. Umso mehr begrüßt der „True Briton“ ihr Comeback: „The beautiful and interesting Madame Krumpholz, who has been for some time living in retirement, is, we understand, to appear in the Hanover-square Concerts this winter –  The delicacy and taste, which she displays on the Harp, have never, we believe, been equally in this Country“ (True Briton 23. Jan. 1796).

Die Öffentlichkeit feierte Anne-Marie Krumpholtz als die erste Harfenspielerin „des Continents“ (Wurzbach), ja sogar „der Welt“ (Schilling), sie übertreffe „nicht nur alle übrigen ihres Geschlechts, sondern auch alle jetzt lebenden Virtuosen auf diesem Instrumente“ (Gerber), sie soll besser gewesen sein als ihr Ehemann und Lehrer. Dabei unterschied sich ihre Spielweise sehr von der ihres Mannes – die ihrige sei mehr nach den Prinzipien Philippe-Jacques Meyers ausgerichtet gewesen. Ihr Harfenspiel soll so zart gewesen sein, dass es klang wie „eine Aeolsharfe, geführt von unbekannten Zauberwinden“ (nach „öffentlichen Berichten“, Schilling).

Anne-Marie Krumpholtz wurden viele Kompositionen gewidmet, das Konzert op. 9 ihres Mannes, ein ganzer Sonatenband Dusseks sowie ein Konzert für Harfe von Daniel Steibelt. Zu ihrem Repertoire gehörten die Konzerte ihres Mannes, mit denen sie besonders in London großen Erfolg hatte, und die Duos concertants für Harfe und Piano von Dussek, die sie zusammen mit dem Komponisten aufführte. Sie selbst arrangierte populäre Musik für ihr Instrument und schrieb leichtere Harfenstücke. Ihre Kompositionen wurden bis 1810, kurz vor ihrem Tod, in London veröffentlicht.

Wie der „Caledonian Mercury“ und „The Morning Chronicle“ berichten, war Anne-Marie Krumpholtz 1801 in einen Ehebruch-Prozess verwickelt. Sie trat weiterhin auf; 1802 schwärmt noch einmal die „Allgemeine musikalische Zeitung“, sie sei „ohne allen Zweifel die erste Harfenspielerin der Welt. Es ist kaum zu begreifen, was sie auf ihrem Instrumente für Schwierigkeiten spielend überwindet: doch darin kommen ihr vielleicht Andere bey; aber ihre Behandlung der Harfe im Zarten und Sanften, wo ihre Finger die Saiten in der grössten Fertigkeit nur wie ein leiser Wind berühren, wo sie gebundene Sätze des Andante so herrlich vorträgt – der Himmel mag wissen, wie sie das zwingt – darin ist sie einzig“ (AmZ 1802, Sp. 200). Nach 1803 berichtet allerdings nur noch „mündliche Fama“ (Schilling) von ihr.

 

WERKE FÜR HARFE

A favorite Air of „Pray Goody“ arranged for the Harp, London; A Favorite Piedmontois air with Variations by Dalvimare, London 1810; „Lison dormoit“ with an Introduction & Variations arranged for the Harp, London 1810 (?); The favorite Air of „Robin Adair“ arranged for the harp, London 1812 (?)

 

LITERATUR

Caledonian Mercury [Edinburgh] 1. Juni 1801

General Advertiser [London] 6. März 1789

Morning Herald [London] 6. März 1789

Morning Post and Daily Advertiser [London] 1788, 2., 11. Juni; 1789, 6., 7., 9. März

Public Advertiser [London] 1789, 7., 9. März

Spazier 1793, S. 81ff.

Star [London] 15. Febr. 1789

The Morning Chronicle [London] 1796, 16. Febr.; 1801, 28. May

The Times [London] 1792, 19. Mai; 1793, 28. Febr.

True Briton [London] 1796, 23. Jan.; 1797, 14. Jan.

World [London] 1787, 29., 30. Mai; 1789, 26. Febr., 6., 7., 9. März

Morning Chronicle and London Advertiser 1789, 9., 10. März

Gerber 1, Chor/Fay, Gerber 2, Sainsbury, Schilling, Wurzbach, MGG 1, New Grove 1, Cohen, New Grove 2001

The Harvard Biographical Dictionary of Music, hrsg. von Don Michael Randel, Harvard 1996.

Carl F. Pohl, Mozart und Haydn in London, Wien 1867.

Henri Tribout de Morembert, Anne-Marie Steckler: une virtuose de la harpe au XVIIIe siècle, Metz 1962.

Thomas B. Milligan, The Concerto and London’s Musical Culture in the Late Eighteenth Century, Ann Arbor 1983.

Simon McVeigh, Concert Life in London from Mozart to Haydn, Cambridge 1993.

Barbara Garvey Jackson, „Say Can You Deny Me. A Guide to surviving music by women from the 16th through the 18th centuries, Fayetteville 1994.

Roslyn Rensch, Harps and Harpists, Bloomington 22007.

 

Lina Büngener

 

© 2010 Freia Hoffmann