Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Ployer, Maria Anna Barbara (genannt: Babette), verh. Bujánovics von Agg-Telek

Get. 2. Sept. 1765 in Sarmingstein (Oberösterreich), † um 1810 (Ort unbekannt), Pianistin. Babette Ployer wuchs als eines von acht Kindern des Holzhändlers und Steuereinnehmers Franz Cajetan Ployer in Sarmingstein auf. Vermutlich wurde sie nach dem Tod ihrer Mutter im Aug. 1779  nach Wien in den Haushalt des Hofagenten und Musikliebhabers Gottfried Ignaz von Ployer (1743−?), einem Cousin ihres Vaters, gegeben. Dieser findet sich in den Subskriptionslisten von Mozarts Akademien sowie in Mozarts Stammbuch und wird in einigen Briefen Mozarts als Gastgeber von Konzerten erwähnt. Auch seine Frau, Antonia von Ployer geb. von Spaun war als Musikliebhaberin, Pianistin und Bekannte von Haydn Teil des fruchtbaren künstlerischen Umfelds der Familie. Hier wurde nicht nur die „herausragende musikalische Begabung der jungen Babette erkannt und gefördert“ (Unseld 2006, S. 120), sondern es waren auch die finanziellen Voraussetzungen und Kontakte gegeben, um Babette Ployer Unterricht bei namhaften Musikern wie dem Musiktheoretiker und Komponisten Johann Georg Albrechtsberger (1736–1809) und um 1784 (?) auch von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) zu ermöglichen. Abbé Stadler berichtet von Babette Ployer: Sie „kam frühzeitig nach Wienn zu einem ihrigen anverwandten Hofagenten Ployer. Hier bildete (sie) sich ganz nebst erlernen der italienischen, französischen, englischen etc. Sprache im Klavierspiele, worin sie vorzüglich Mozart als ihren Meister hatte“ (zit. nach Senn, S. 19). Vom Kompositionsunterricht gibt das in der Österreichischen Nationalbibliothek archivierte Unterrichtsheft KV 453b Auskunft. Ungeklärt sind jedoch Dauer und Umfang des Unterrichts bei Mozart. In der Literatur wird der Unterrichtsbeginn bzw. die Entstehung des Kompositionshefts KV 453b für das Jahr 1782 (Unseld 2006; Tyson 1987; Lach 1918), 1783 (Senn 1978) oder 1784 (durch Abbé Stadlers nachträgliche Datierung im Autograph; Datierung der ÖNB) vermutet.

In Mozarts Briefen findet Babette Ployer ab 1784 vorwiegend als Auftraggeberin von Konzerten Erwähnung. Auch Auftritte der Schülerin sind meist in diesem Kontext überliefert. Das von ihr bestellte Konzert Es-Dur KV 449, dessen Uraufführung Mozart am 17. März 1784 in der Akademie im Trattnerhof spielte, wurde sechs Tage später von Babette Ployer in der Stadtwohnung Gottfried Ignaz von Ployers am Lugeck 756, ehemals Haus des Händlers Joseph Paul von Weinbrenner, zur Aufführung gebracht. Auch das am 10. Apr. 1784 fertiggestellte Klavierkonzert G-Dur KV 543 verdankt seine Entstehung Babette Ployer. „Morgen [10. Juni 1784] wird bey H: Agenten Ployer zu döbling auf dem Lande [Landhaus der Familie Ployer in Döbling, heute Teil Wiens] Academie seyn, wo die frl: Babette ihr Neues Concert ex g − ich das Quintett − und wir beyde dann die grosse Sonate auf 2 Clavier [KV 448] spiellen werden“ (Brief W. A. Mozarts an seinen Vater vom 9. Juni 1784). Mozart „nahm diese Akademie durchaus ernst und versuchte damit nicht zuletzt bei den tonangebenden Musikern in Wien Eindruck zu machen“ (Unseld 2006, S. 121), wie beispielsweise durch die Einladung des Wiener Opernkomponisten Giovanni Paisiello deutlich wird. In dem erwähnten Döblinger Landhaus wurden regelmäßig Konzerte für Freunde der Familie veranstaltet (Senn, S. 14), sodass dort von weiteren Auftritten der Pianistin auszugehen ist. In den Tagebüchern Karl von Zinzendorfs sind einige Konzerte der Pianistin erwähnt. Neben zwei Auftritten bei Akademien im Stadthaus der Familie Ployer, am 13. Juni 1784 („where I heard his daughter play the harpsichord to admiration“, zit. nach Deutsch, S. 241) und am 23. März 1785, spielte sie möglicherweise am 9. Jan. 1791 beim Prinzen Adam Auersberg in Anwesenheit des Königs von Neapel („Aujourd’hui les Maj. Nap. sont chez le Pce: Adam Auersberg, le roi chantera et Melle: Ployer jouera du clavessin“, „Heute wird der König von Neapel beim Prinzen Adam Auersberg sein, der König wird singen und Mlle Ployer wird auf dem Cembalo spielen“, Zinzendorf, zit. nach Edge, S. 90). Auch wenn Abbé Stadler, ein Cousin von Babette Ployer, berichtet, dass Mozart „nicht nur mehrere Sonaten, Variazionen und Konzerte für sie komponierte, sondern mehrere Male mit ihr als seiner vortrefflichsten Schülerinn Doppelconcerte in großen Häusern, vor dem höchsten Hofe und Fürsten etc. spielte“ (Senn, S. 20), so lassen sich in der Literatur weder Hinweise für weitere Auftritte noch für weitere Widmungen finden, abgesehen von dem bislang nicht geklärten Bezug Babette Ployers zum Rondo KV 386 (siehe Lorenz 2006, S. 312).

Um 1787 heiratete Babette Ployer den ungarischen Adeligen und Amtskollegen ihres Onkels Cornelius Bujánovics von Agg-Telek (1770−1844). Das Ehepaar lebte in Bresane (Kosovo). Cornelius Bujánovics von Agg-Telek verheiratete sich nach dem Tod von Babette Ployer um 1810 im Apr. 1811 mit Caroline von Schott geb. Auernhammer (1774−1835), einer Cousine und „probably a piano pupil of Josepha Auernhammer (Lorenz 2006, S. 318). 

 

Diese Skizze im Unterrichtsheft für Barbara Ployer KV 543b entstammt

vermutlich der Feder Mozarts und zeigt Babette Ployer.

 

Babette Ployers Stammbuch (seit 1945 verschollen) enthielt Widmungen von Joseph Haydn, ihrem Lehrer Albrechtsberger (mit einer vierstimmigen Fuge), dem Komponisten Joseph Weigl (mit einer Kavatine), Marianne Martines (mit einer italienischen Kanzonette), Abbé Stadler (mit einem Gedicht) und von Mozart (mit einem „March funebre del Sigr Maestro Contrapunto“). Außerdem findet sich dort ein Nachruf von Constanze Mozart auf ihren Ehemann: 

 

„In der Überzeugung, daß Sie, Liebe Freundin! meines verstorbenen Gemahls unverkennbaren Talente jederzeit nach Verdienst zu schätzen wusten, füge ich hier zum immerwährenden Andenken seiner und meiner Freundschaft sein Schattenbild bey, und bin sicher, daß er mir deshalb dort − seinen Beyfall zunückt“.

 

LITERATUR

Mozarts Unterricht in der Composition [= Unterrichtsheft für Barbara Ployer, KV 453b], in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Signatur Mus.Hs.17559 Mus

Robert Lach, Mozart als Theoretiker, Wien 1918.

Roland Tenschert, Mozart. Ein Künstlerleben in Bildern und Dokumenten, Leipzig 1931.

Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe, hrsg. von Wilhelm A. Bauer und Otto Erich Deutsch, 8 Bde., Bd. 3, Kassel 1962.

Erich Hertzmann [u. a.] (Hrsg.), Thomas Attwoods Theorie- und Kompositionsstunden bei Mozart (= Neue Mozart Ausgabe NMA X, 30, 4.1),  Kassel [u. a.] 1965.

Walter Senn, „Barbara Ployer, Mozarts Klavierschülerin“, in: Österreichische Musikzeitschrift 33 (1978), S. 18−26.

Alan Tyson, Mozart. Studies of the Autograph Scores, Cambridge [u. a.] 1987.

Dexter Edge, „Mozarts reception in Vienna, 1787−1791“, in: Wolfgang Amadè Mozart. Essays on His Life and His Music, hrsg. von Stanley Sadie, Oxford 1996, S. 66−117.

Dorothea Link, „Viennas Private Theatrical and Musical Life, 1783−92, as Reported by Count Karl Zinzendorf“, in: Journal of the Royal Musical Association 2 (1997), S. 205−257.

Michael Lorenz, „Gottfried Ignaz von Ployers Haus in Döbling − eine vergessene Mozartstätte. Nebst biographischen Bemerkungen zu Babette Ployer“, in: Acta Mozartiana I−II (2000), S. 11−24.

Melanie Unseld, Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe, Hamburg 2005.

Michael Lorenz, „New and Old Documents Concerning Mozarts Pupils Barbara Ployer and Josepha Auernhammer“, in: Eighteenth-Century Music 3/2 (2006), S. 311−322.

Melanie Unseld, „Babette Ployer“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Babette_Ployer, Zugriff am 20. Okt. 2015.

 

Bildnachweis

Mozarts Unterricht in der Composition [= Unterrichtsheft für Barbara Ployer, KV 453b], Scan Nr. 22.

Tenschert, Bildseite 67.

 

Jannis Wichmann

 

 

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