Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Moriamé, Zelia, Zélia, Zelie, Zélie, verh. Moriamé-Lefevre

* 23. Okt. 1858 in Jemappes, Sterbedaten unbekannt, belgische Pianistin. Die Tochter eines Kohlenhändlers studierte von Okt. 1872 bis Okt. 1877 in der Klavierklasse von Auguste Dupont (1827–1890) am Conservatoire royal de Bruxelles, erhielt 1873 einen „accessit de piano“, 1875 einen „premier prix de piano“ und 1877 ein „diplôme de capacité“. 1879 soll sie während ihres Leipzig-Aufenthaltes auch Unterricht von Carl Reinecke (1824–1910) erhalten haben. 1880 teilt die „Neue Zeitschrift für Musik“ Moriamés Absicht mit, ihre Studien bei Julius von Zarembski (1854–1885) fortzusetzen (NZfM 1880, S. 140). Auch Zarembski wirkte seit 1879 als Lehrer am Konservatorium in Brüssel, eine Wiederaufnahme ihres dortigen Studiums ist jedoch nicht aktenkundig.

Öffentliche Auftritte sind seit 1876 belegt, zunächst in Brüssel (1876, 1877, 1878), Namur (1877) und Aachen (1878). Am 3. Nov. 1878 wirkte sie in Leipzig in einem Hauskonzert bei Carl Reinecke mit. Als sie am 12. Jan. 1879 in einem Wohltätigkeitskonzert unter seiner Leitung mit der Berceuse op. 57 von Chopin, einer Sonate von Scarlatti und einer Rhapsodie in Es-Dur von Liszt debütierte, schrieb die „Neue Zeitschrift für Musik“: „Ein bedeutender Grad technischer Fertigkeit, namentlich schnelles, sicheres Uebersetzen der Hände und schwungvoller Vortrag lassen bei fortgesetzten Studien und Entwickelung der feineren Gefühlsseite noch Höheres erwarten“ (NZfM 1879, S. 50). Am 25. Jan. 1879 war sie in einem Kammermusikabend im Gewandhaus Duo-Partnerin von Carl Reinecke. Auf dem Programm standen u. a. Andante und Variationen für zwei Pianoforte op. 46 von Robert Schumann und eine Komposition desselben Titels von Reinecke (op. 6).

1880 bestritt Zelia Moriamé eine Reihe von Konzerten, in denen sie neben kleineren Solosachen das Klavierkonzert a-Moll von Robert Schumann zur Aufführung brachte (Dresden 19. Jan., Leipzig 3. Febr., Den Haag 17. März). Aus Den Haag erreichte die „Neue Zeitschrift für Musik“ eine überaus lobende Kritik: „Frl. Zélia Moriamé, welche hier zum ersten Male auftrat, hat durch ihr schönes Spiel tiefen Eindruck hinterlassen. Sowohl das Schumann’sche Concert, welches sie trotz mangelhafter Begleitung geistig und technisch trefflich zu Gehör brachte, wie auch die übrigen Stücke, besonders Liszt’s Rhapsodie ließen eine bedeutende Künstlerin erkennen, deren reines sicheres und elegantes Spiel und eminente Technik dieser jungen Pianistin bereits jetzt einen ehrenvollen Platz unter den Vertretern ihres Instruments zusichert“ (NZfM 1880, S. 161). Es folgten Konzerte in Brüssel (Cercle artistique 30. Nov. 1881), Lüttich (28. März u. 22. Apr. 1882, 17. Nov. 1883) und Antwerpen (18. März 1883).

Im Sommer 1882 begann eine Zusammenarbeit mit der Sopranistin Dyna Beumer, einer ehemaligen Mitstudentin des Brüsseler Konservatoriums, und dem Violoncellisten Jules de Swert, die bis 1887 dauern sollte und gemeinsame Konzertreisen nach Deutschland, in die Schweiz und die Niederlande beinhaltete: Wiesbaden (29. Aug. 1882), Genf (20. Jan. 1883), Frankfurt a. d. O. (19. Nov. 1885), Halle a. d. Saale (7. Dez. 1885), Berlin (3. Nov. 1886), Utrecht (1. März 1887), Amsterdam (12. März und 2. Apr. 1887) und Nijmegen (Dez. 1887). Für die „Neue Zeitschrift für Musik“ berichtete Jacques Hartog aus Amsterdam über die „beiden herrlichen Märzabende“ des „in Deutschland wohlbekannten Dreigestirns“ (NZfM 1887, S. 335) in geradezu schwärmerischen Formulierungen: „Die Pianistin gehört entschieden mit zu den bedeutendsten; wenn sie spielt, dann glaubt man wirklich, sie spielt mit dem Clavier, so einfach, kindlich, ruhig, klar und doch sehr leidenschaftlich, so fehlerfrei erzählt sie am Flügel. Sie spielte die verschiedenen Compositionen der verschiedenen Schulen, jede in ihrem eigenen Charakter (Scarlatti, Saint-Saëns, Liszt, Chopin, Schumann, Tausig)“ (ebd.).

Von 1885 an wird Zelia Moriamé in den Konzertankündigungen als „Hofpianistin aus Brüssel“ bezeichnet. Die niederländische Zeitschrift „Caecilia“ berichtet von einem Konzert am 19. Dez. 1888 in Leiden, das Moriamé gemeinsam mit dem berühmtem Geiger Pablo de Sarasate bestritt, und von einem Auftritt am 1. März 1890 im Amsterdamer Odeon. Die letzte Erwähnung in der Fachpresse betrifft ein Kammerkonzert in Brüssel im Dez. 1890, bei dem die Musikerin den Namen „Zelie Moriamé-Lefevre“ führte.

 

LITERATUR

Schreiben der Bibliothek des Conservatoire royal de Bruxelles vom 21. März 2014 an die Verf.

Algemeen Handelsblad [Amsterdam] 15. März 1887

AmZ 1879, Sp. 94

Bock 1886, S. 355f.

CaeciliaNL 1880, S. 30, 49, 74; 1886, S. 228; 1887, S. 56, 67f., 209, 210; 1888, S. 58; 1889, S. 46, 67f.; 1890, S. 65

Le Figaro [Paris] 6. Aug. 1877

FritzschMW 1883, S. 614

Le Gaulois [Paris] 4. Aug. 1877

Leeuwarder Courant 28. Febr. 1891

Le Ménestrel 1873, S. 299; 1878, S. 165

Monthly Musical Record 1880, S. 38

Musikalisches Centralblatt 1882, S. 331

NZfM 1877, S. 468, 521; 1879, S. 42, 50, 63, 77; 1880, S. 61, 72, 79, 140, 161; 1881, S. 540; 1882, S. 185, 216, 396; 1883, S. 68, 158, 535; 1885, S. 475, 487, 523; 1887, S. 335

Signale 1876, S. 234; 1879, S. 28, 148; 1880, S. 129, 215; 1882, S. 1075; 1883, S. 71, 201, 322; 1886, S. 1016; 1891, S. 21

Edouard Georges Jacques Gregoir, Les artistes-musiciens belges au XVIIme et au XIXme siècle, Brüssel 1885.

 

Freia Hoffmann

 

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