Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

MartinesMartinez, Marianna, Marianne (Anna Catharina) von

* 4. Mai 1744 in Wien, † 13. Dez. 1812 ebd., Pianistin, Komponistin, Sängerin und Gesangslehrerin. Ihr Vater war Nicolo Martines (1689–1764), ein aus Neapel stammender Zeremonienmeister des päpstlichen Nuntius in Wien, der die Deutsche Maria Theresia (1712–1775) geheiratet hatte. Das Ehepaar übersiedelte vermutlich um 1729 nach Wien, wo Marianna als zweites von sieben Kindern, die das Erwachsenenalter erreichten – sechs weitere starben zuvor – , aufwuchs. 1764 starb ihr Vater, 1765 die Mutter, und Marianna Martines und ihre Geschwister kamen in die Obhut von Pietro Metastasio (1698–1782). Im Jahr 1774 wurden ihre vier Brüder Dionysius Carl (1734–1782), Johann Baptist (1735–1795), Carl Boromeus (1749–1797) und Joseph (1729–1788)  in den Ritterstand erhoben, wodurch auch die Schwestern Marianna und Antonia Johanna  (1746–1812) Teil der österreichischen Aristokratie wurden.

Großen Einfluss auf ihre musikalische Erziehung nahm der Dichter Pietro Metastasio, ein Freund ihrer Eltern, der im dritten Stock desselben Hauses (des „Alten Michaelerhauses“ am Kohlmarkt) lebte. Als Metastasio 1782 starb, hinterließ er den Geschwistern sein gesamtes Vermögen und Marianna ein Klavier sowie mehrere Spinette. Vermutlich ist es Metastasios Bekanntheit zu verdanken, dass in dem Haus viele Musiker verkehrten: Der junge und damals noch unbekannte, aufgrund des Stimmbruchs vom Chor des Stephansdoms ausgeschlossene Josef Haydn (1732–1809) zog 1751 in die Dachkammer des Hauses und erteilte der siebenjährigen Marianna gegen freie Kost Klavierunterricht. Auch die Familie von Johann Michael Spangler (1721–1794), Tenor und Komponist, lebte zeitweise im Dachgeschoss. Zeitweise, vermutlich zwischen 1753 und 1760, lebte der Komponist und Gesangslehrer Nicola Porpora (1686–1768) ebenfalls im dritten Stock des Michaelerhauses. Einige Quellen berichten, dass Marianna Martines auch bei ihm Gesangs- und Kompositionsunterricht erhielt.  Nach eigenen Angaben erhielt sie zudem Kompositionsunterricht vom Hofkomponisten Guiseppe Bonno (1711–1788). Daneben erlernte sie mehrere Fremdsprachen.

 

Anton von Maron, Marianna Martines. Wien Museum.

 

Ihre ersten Auftritte fanden am Wiener Hof statt: Kaiserin Maria Theresia „ließ sie sehr oft zu sich rufen, um sich an den Kunsttalenten derselben auf mannigfache Weise zu ergötzen; und Joseph der II., bekanntlich ein nicht minderer Freund der Tonkunst, pflegte bei dieser Unterhaltung der Martines gewöhnlich die Noten umzublättern“ (Schmid, S. 517). 1772 besuchte Charles Burney Metastasio, und dieser bat Marianna Martines, dem Gast vorzusingen und -zuspielen: „Sie übertraf wirklich noch die Erwartung, die man mir von ihr beygebracht hatte. Sie sang zwo Arien von ihrer eignen Komposition, über Worte von Metastasio, wozu sie sich selbst auf dem Flügel accompagnirte, und zwar auf eine wohlverstandne meisterhafte Manier; und aus der Art, wie sie die Ritornelle spielte, konnte ich urtheilen, daß sie sehr fertige Finger hätte (Burney, S. 227f.).  Im Jahr 1773 erhielt sie Besuch von W. A. Mozart und seinem Vater. Nachdem sich W. A. Mozart 1781 in Wien niedergelassen hatte, nahm er häufig an ihren „musikalischen Abendunterhaltungen“ teil, die „wenigstens einmal in der Woche“ (Schmid, S. 514) stattfanden. Auch Michael Kelly, Haydn und Salieri waren dort zu Gast. Michael Kelly schreibt in seinen Lebenserinnerungen: „Mozart was an almost constant attendant at her parties, and I have heard him play duets on the piano-forte with her, of his own composition. She was a great favourite of his“ (Kelly, S. 249). Mit ihren Musikabenden beeinflusste sie in den 1780er und 1790er Jahren das Musikleben Wiens maßgeblich.

1761 trat sie – 16-jährig – als Komponistin in Erscheinung, als ihre erste Messe uraufgeführt wurde. Am 27. Mai 1773 wurde sie als erste Komponistin in die Accademia filarmonica in Bologna aufgenommen. Einen Höhepunkt ihres kompositorischen Schaffens stellte 1782 die Uraufführung ihres Oratoriums Isacco Figura del Redentore (Text:  Metastasio) in Wien dar. Neben Klaviersonaten komponierte sie Orchestermusik (Sinfonie in C-Dur, 1770), Vokal- und Chormusik. Um 1796 gründete sie eine Singschule für Mädchen, die einige bedeutende Sängerinnen hervorbrachte. Die Schülerinnen ihrer Singschule unterrichtete sie auch in Musiktheorie und Kontrapunkt.

Zu ihrem Repertoire als Instrumentalistin gehörten neben eigenen Werken Kompositionen von Giovanni Marco Rutini  und Sonaten von Giuseppe Farinelli.

Marianna Martines starb im Alter von 68 Jahren an Tuberkulose.

 

WERKE FÜR KLAVIER

Concerto per il clavicembalo G-Dur (1772), Concerto per il clavicembalo in A-Dur (undatiert), Concerto [per il clavicembalo] in C-Dur (undatiert), Sonate für Cembalo A-Dur (vor 1767), Sonate für Cembalo E-Dur (vor 1767), Sonate für Cembalo G-Dur (1769)

 

LITERATUR

Hiller 1766, S. 100

Schönfeld, S. 41f., S. 71

Wiener Diarium 1761, Nr. 78; 1773, Nr. 62

Meusel, Gerber 1, Chor/Fay, Gerber 2, Schilling, Schla/Bern (Art. Martines, Mariane und Haydn, Josef), Wurzbach, Mendel, Grove 1, Fétis, Baker, Baker 1, Altmann, MGG 1, Riemann 12, New Grove 1, Cohen, GroveW, Oli/Braun, MGG 2000, New Grove 2001, Marx/Haas, OeMl

Anton Schmid, „Zwei musikalische Berühmtheiten Wien’s aus dem schönen Geschlechte in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts, in: AWM 1846, S. 509f., 513f., 517f..

Carl Ferdinand Pohl, Denkschrift aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens der Tonkünstler-Societät. Im Jahre 1862 reorganisiert als Haydn, Witwen- und Waisen-Versorgungs-Verein der Tonkünstler Wien, Wien 1871.

Luise Adolpha Le Beau, „Componistinnen des vorigen Jahrhunderts“, in: NZfM 1890, S. 569f., 583f.

Charles Burney, Tagebuch einer musikalischen Reise, dt. von Christoph Daniel Ebeling, 3 Bde., Bd. 2, Hamburg 1773, Repr. Kassel [u. a.] 1959.

Michael Kelly, Reminiscences, 2 Bde., Bd. 1, London 1826, Repr. New York 1968.

Arthur Elson, Woman’s Work in Music, Boston 1904, Repr. Portland 1976.

Carol Neuls-Bates, Women in Music. An Anthology of Source Readings from the Middle Ages to the Present, New York 1982.

A. Peter Brown, „Marianna Martines’ Autobiography as a New Source for Haydn’s Biography During the 1750’s, in: Haydn-Studien Bd. 6/1 (1986), S. 68–70.

Rosario Marciano, „Marianne de Martines, in: Annäherungen  an sieben Komponistinnen IV, hrsg. von Brunhilde Sonntag u. Renate Matthei, Kassel 1988.

R. Stevenson, „Marianna Martines = Martínez (1744-1812). Pupil of Haydn and Friend of Mozart”, in: Inter-American Music Review 11 (1990), S. 25–44.

Irving Godt, „Marianna in Italy: The International Reputation of Marianna Martines (17441812)“, in: The Journal of Musicology 4 (1995), S. 538–560.

Danielle Roster, Allein mit meiner Musik. Komponistinnen in der europäischen Musikgeschichte vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert, Echternach 1995.

Melanie Unseld, Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe, Reinbek bei Hamburg 2006.

Irving Godt, Marianna Martines. A Woman Composer in the Vienna of Mozart and Haydn, Rochester 2010.

Melanie Unseld, Marianne Martines, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=mart1744, Zugriff am 18. Juni 2010.

 

Bildnachweis

Irving Godt, 2010, NP.

 

Anja Herold/Jannis Wichmann

 

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