Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

1. Ferrari d’OcchieppoFerraris d’Occhieppo, Ferrari, Ferraris, d’Occhieppo, Augusta

* 2. Nov. 1863 in Venedig, † 19. Sept. 1942 in Salzburg, Pianistin und Sängerin.

2. Ferrari d’OcchieppoFerraris d’Occhieppo, Ferrari, Ferraris, d’Occhieppo, Ernesta

* 24. Febr. 1865 in Vicenza, † 1938 in Salzburg, Pianistin und Sängerin.

Pianistinnen und Sängerinnen. Ihre Eltern waren Carl Marquard Graf Ferrari d’Occhieppo (1836–1904) und Elisa geb. Trojani (1837–1889). Beide Schwestern waren Schülerinnen in der Klavierklasse von Julius Epstein (1832–1926) am Wiener Konservatorium. Ihr Abschluss erfolgte 1881. Ein Jahr nach ihrem Abschluss spielte Ernesta Ferrari d’Occhieppo bei einem Konzert in Triest das Klavierquartett g-Moll KV 478 von Mozart. 1883 begann die gemeinsame Konzerttätigkeit der Schwestern. Sie war geprägt von Reisen in Deutschland, nach Österreich, Italien, in die Schweiz und in den Jahren 1888 bis 1891 nach England. Augusta und Ernesta Ferrari d‘Occhieppo spielten Kompositionen für zwei Klaviere, für Klavier vierhändig und für Klavier zweihändig. Letztere spielten sie sowohl einzeln als auch simultan auf zwei Klavieren. Ab 1887 kamen Gesangsvorträge hinzu. Für die Jahre nach 1891 sind keine Auftritte der Schwestern mehr belegt.

Eines der ersten gemeinsamen Konzerte fand 1884 in Baden-Baden zur Zeit der Sport- und Industriefeste statt. Besonders die Technik und das Zusammenspiel der Schwestern wird gelobt: „Sie sind musikalisch sehr begabt, besitzen eine virtuos durchgebildete Technik und zeigen eine Kraft und Energie im Vortrage, die wir bei so jungen Damen nicht erwartet hätten. Selbstverständlich ist das technische Element noch das vorherrschende; das geistige Element, die Individualisirung und Vertiefung des Vortrags, kann naturgemäß erst in späteren Jahren hervortreten. […] Ihren soliden musikalischen Fonds, das feinfühlige Eingehen in die Intentionen der Mitspielenden, bekundeten die talentvollen Schwestern vor Allem in Saint-Saëns Variationen für zwei Claviere über ein Beethoven’sches Thema, ein schwieriges Stück, dessen Vortrag ihnen ganz besonders gelang“ (NZfM 1883, S. 428). Es folgten Konzerte in Florenz, am 12. Okt. 1884 im Gewandhaussaal in Leipzig und am 13. Nov. 1884 in Berlin, wo sie unter Mitwirkung der Violinistin Arma Senkrah (1864–1900) und der Sängerin P. Blaschkauer in der Philharmonie konzertierten. Zu den dort gespielten Kompositionen für Klavier zu zwei Händen gehörten Liszts Rigoletto-Paraphrase (Searle 434) und Grandes Études de Paganini (Searle 141), mehrere Stücke von Chopin (Berceuse Des-Dur op. 57, Nocturne F-Dur op. 15 Nr. 1, Ballade As-Dur op. 47 u. a.) und eine Tarantella von István Heller.

Zu ihrem Repertoire für zwei Klaviere zählten die Beethoven-Variationen op. 35 von Saint-Saëns, das Impromptu op. 66 von Carl Reinecke und, für zwei Klaviere arrangiert, der Finalsatz aus dem 2. Klavierkonzert F-Dur op. 35 von Anton Rubinstein. Unisono spielten sie u. a. von Chopin die Etüde E-Dur op. 10 Nr. 3 und von Adolf von Henselt Si oiseau j’étais op. 2 Nr. 6. Während die Musikkritiker in Bezug auf ihr Solospiel geteilter Meinung waren, wurde ihr Unisonospiel einhellig gelobt und als etwas Besonderes hervorgehoben, so zum Beispiel in einer Rezension des Leipziger Konzertes am 12. Okt. 1884: „Ihre gelungensten Leistungen gaben sie im Unisonovortrag einer Chopin’schen Etude und des Henselt’schen ‚Si oiseau j‘étais‘ […]. Im Grossen und Ganzen boten die Schwestern, wie schon angedeutet, recht Anerkennenswerthes, doch Nichts, was wir – die Unisonoleistungen ausgenommen – nicht in ähnlicher und besserer Weise von Elevinnen unseres kgl. Conservatoriums der Musik schon vorher gehört hätten“ (FritzschMW 1884, S. 537f.).

In den Jahren 1885 und 1886 folgten weitere Konzertreisen nach Österreich, Italien, Frankreich, Süddeutschland und in die Schweiz. Wiederholt besuchten ihre Konzerte ortsansässige Adlige, die sie sodann zu kleineren privaten Auftritten baten. So hatten die Schwestern Ferrari d’Occhieppo zum Beispiel im März 1885 im Vorlauf zu einem Konzert im Theater Castanje in Rom „die Ehre, […] zu Ihrer Majestät der Königin von Italien gerufen zu werden, um im Quirinal einige Piècen vorzutragen. Ihre Majestät war ganz entzückt und verlangte die Wiederholung einer Pièce von Schubert-Liszt. Die beiden Schwestern wurden in der huldvollsten Weise angesprochen und erhielten von Ihrer Majestät die besondere Auszeichnung von je einem prächtigen goldenen Medaillon mit dem Monogramm in Brillanten und der kgl. Krone darüber“ (NZfM 1885, S. 177).

1886 spielten die Pianistinnen in Graz mit dem Steiermärkischen Musikverein unter der Leitung von Karl Muck Mozarts Konzert Nr. 10 Es-Dur KV 365 für zwei Klaviere und Orchester. Ein weiteres Konzert mit Orchesterbegleitung folgte im selben Jahr im Hoftheater Karlsruhe, wiederum mit dem Klavierkonzert Es-Dur von Mozart.

1887 nahmen Augusta und Ernesta Ferrari d‘Occhieppo ihren ständigen Wohnsitz in Mailand. In diesem Jahr ergab sich eine Neuerung ihres musikalischen Programmes: „Die beiden Comtessen zeigten diesmal ihre künstlerische Begabung von einer ganz neuen Seite: sie producirten sich als Sängerinnen und zwar, wie wir gleich hier bemerken wollen, mit Glück. Besonders überraschten die Künstlerinnen durch die ausgezeichnete Art und Weise, in welcher sie ihre Organe zu behandeln wußten. Eine solche Fähigkeit der Nüancirung, wie sie die Comtessen in ihren Duetten (von Boito u. A.) zeigten, ist bei unseren Sängerinnen nicht gerade häufig anzutreffen und läßt auf ganz ausgezeichnete Studien schließen“ (NZfM 1887, S. 74). Die positive Beurteilung ihrer Gesangsleistungen wurde nicht durchgängig geteilt; so stellte die „Neue Berliner Musikzeitung“ anlässlich eines Konzertes in der Berliner Singakademie fest, dass die Schwestern „als Sängerinnen aber […] ganz und gar nicht an ihrem Platze in der Singakademie“ waren (Bock 1887, S. 14).

Nach Konzerten in Badeorten Österreichs und Deutschlands im Juli und Aug. 1887 und zwei Auftritten in Leipzig und Berlin unternahmen Augusta und Ernesta Ferrari d‘Occhieppo 1888 ihre erste Konzertreise nach England. Am 25. Mai spielten und sangen sie in der Steinway Hall in London. Sie brachten Saint-Saëns’ Beethoven-Variationen op. 35 und Ignaz Brülls Tarantella op. 6 für zwei Klaviere sowie Henselts Si oiseau j’étais, Liszts Bearbeitung des Schubert-Liedes Frühlingsglaube (Searle 558) jeweils unisono zur Aufführung. In der englischen Presse fand das Unisono-Spiel ebenfalls besondere Beachtung: „The pianoforte playing of the sisters on two pianos in unison may be described as clever; whether it is legitimate is a question we do not care to discuss“ (Musical Standard 1888 I, S. 338). Am 28. Juni hatten sie einen weiteren Auftritt in den Konzerträumen der Instrumentenhersteller Collard & Collard. In einer Ankündigung dieser Veranstaltung wird auch der visuelle Eindruck ihrer Auftritte auf manche KonzertbesucherInnen erwähnt: „Wonderful stories are told about these young ladies, who are said to captivate beholders as well as listeners. And then their universality of assimilation!“ (The Pall Mall Gazette 28. Juni 1888).

Zurück in Deutschland gastierten sie in Metz (1871–1918 dem Deutschen Reich zugehörig) und Elberfeld und spielten in Münster unter Leitung von Julius Otto Grimm wieder das Konzert Es-Dur KV 365 von Mozart.

Nach zwei Konzerten in Venedig und Carrara Anfang 1889 folgte ihre zweite Saison in London, während der sie auf Einladung von August Manns im Crystal Palace spielten.

Die Rezension eines Konzertes in Jena Ende 1889 zeigt, dass Kompositionen für zwei Klaviere nach wie vor grundlegender und meistbeachteter Bestandteil ihrer Darbietungen waren: „Die Eckpfeiler des Programms bildeten Saint-Saëns‘ Beethoven-Variationen und eine Tarantelle von I. Brüll für zwei Klaviere. Dazwischen gab’s eine bunte Reihe von Solovorträgen“ (FritzschMW 1889, S. 268).

Nach Soireen in Adelshäusern und Vereinskonzerten in Straßburg und Meiningen reisten Augusta und Ernesta Ferrari d’Occhieppo 1890 wieder für Konzerte nach London. Am 28. Juni spielten sie bei der Prince’s Concert Society, am 4. Juli sangen sie, begleitet von Carlo Ducci, bei Collard & Collard. Auch 1891 kehrten die Schwestern für „provincial engagements“ (Musical Standard 1891 I, S. 203) nach England zurück.

Über den weiteren Lebensweg der Musikerinnen ist bisher nichts bekannt.

Stich von August und Th. Weger, undatiert.

LITERATUR

Athenaeum 1888 I, S. 706; 1890 II, S. 74

Bock 1884, S. 372; 1887, S. 13f.

Bow Bells 1888 I, S. 327; 1890 II, S. 11; 1891 I, S. 203

FritzschMW 1884, S. 537f.; 1885, S. 67; 1886, S. 268; 1889, S. 268

The Graphic 1888, S. 578

Musical Standard 1888 I, S. 317, 333, 338; 1890 II, S. 22; 1891 I, S. 156

Musikpädagogische Blätter 1886/87, S. 19

MusW 1890, S. 556

NZfM 1883, S. 428; 1884, S. 453f., 459f., 477, 514; 1885, S. 9, 68, 113, 177, 222, 373, 446, 447; 1886, S. 176, 185, 516; 1887, S. 74, 326, 401, 478, 205; 1889, 205, 372, 591; 1890, S. 92

The Pall Mall Gazette 28. Juni 1888, S. 11

Signale 1882, S. 325; 1884, S. 194, 836, 1015; 1885, S. 226, 960f., 1011; 1886, S. 129; 1888, S. 131, 1000; 1889, S. 163; 1890, S. 355

The Theatre 1888 II, S. 26

 

Bildnachweis

Sammlung Manskopf, http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2003/7900814/original/Bild.jpg, Zugriff am 14. Okt. 2011

 

Anne-Sophie Tramer

 

© 2011 Freia Hoffmann