Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Gatineau, Herminie, Erminie (Marie-Jeanne)

*20. März 1857 in Jonzac (Dep. Charente-Maritime), † 19. März 1884 in Toulon, Violoncellistin. Ihre Eltern waren Baptiste Gatineau und Zélie geb. Laroche. Marie-Jeanne Gatineau (unter diesem Namen wird sie in den Akten des Konservatoriums geführt) schloss ihre Ausbildung bei Auguste Franchomme (1808–1884) am Pariser Conservatoire National 1877 mit dem 1. Preis  ab. Gleichzeitig wurde sie mit dem mit 1.000 frs. dotierten Hainl-Preis ausgezeichnet„Nous avons vu rarement un premier prix plus brillant, mieux mérité que celui que le jury a unanimement décerné à Mlle Herminie Gatineau, élève de M. Franchomme. L’exécution de cette jeune artiste, chaleureuse sans affectation, précise et vigoureuse, a donné au concertino en la de Baudiot un coloris, une vie qu’on ne soupçonnait guère à travers l’interprétation plus ou moins littérale des autres concurrents“ („Wir haben selten einen ersten Preis erlebt, der glanzvoller und verdienter war als der, den die Jury einstimmig Mlle. Herminie Gatineau zuerkannt hat, einer Schülerin Franchommes. Die Interpretation der jungen Künstlerin, leidenschaftlich, ohne Künstelei, präzise und kraftvoll, hat dem Concertino in a von [Nicolas] Baudiot eine Farbenpracht verliehen, eine Lebendigkeit, die man ihm bei der mehr oder weniger notengetreuen Wiedergabe der übrigen Prüflinge kaum zugestanden hätte“, RGM 1877, S. 237f.).

Während ihres Studiums war Gatineau auch in der „classe d’ensemble instrumental“ unter René-Paul Baillot (1813–1889) aktiv. Belegt ist ihre Mitwirkung in zwei Sätzen des Klaviertrios in c-Moll op. 1 Nr. 3 von Beethoven und zwar „avec beaucoup d’aplomb et de sûreté“ („mit viel Präzision und Sicherheit“, RGM 1877, S. 141). 1878 übernahm sie anstelle von Eve Maleyx den Violoncellopart in einem von Marie Tayau gegründeten Frauen-Ensemble, dem Quatuor Ste. Cécile. Dessen Programme widmeten sich besonders der Kammermusik von Haydn, Beethoven, Weber, Mendelssohn und Schumann.

Soloauftritte von Herminie Gatineau sind in der französischen Presse von 1876 bis 1880 belegt, wobei die „Revue et Gazette Musicale“ 1880 am Ende dieses Zeitraums Kritik anklingen lässt: „Mlle Gatineau, violoncelliste, fera bien de renoncer à certains effects d’un goût douteux qui déparent son jeu, et de revenir au style correct et sobre“ („Mlle. Gatineau, die Violoncellistin, wird gut daran tun, auf gewisse Effekte von zweifelhaftem Geschmack zu verzichten, die ihr Spiel verunstalten, und zu einer korrekten und nüchternen Spielweise zurückzukehren“, RGM 1880, S. 94).

Das Violoncello-Spiel von Frauen war in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts noch keineswegs unangefochten oder gar selbstverständlich. Das Befremden äußert sich in ihrem Fall allerdings mehr in einer galanten Formulierung: „Mlle Herminie Gatineau a vaincu une fois de plus le préjugé qui conteste aux dames les palmes du virtuose violoncelliste („Mlle. Herminie Gatineau hat einmal mehr das Vorurteil widerlegt, das den Damen die Palme des Violoncello-Virtuosen streitig macht“, Le Ménéstrel 1876, S. 184).

 

LITERATUR

Journal de musique 1. Aug. 1877, S. 2

Le Ménestrel 1876, S. 184; 1878, S. 374

Musical Standard 1878 II, S. 243

MusW 1877, S. 446

NZfM 1878, S. 435

RGM 1876, S. 243; 1877, S. 141, 237f., 238, 242, 254; 1878, S. 22, 30f., 38, 117, 223, 314, 342; 1880, S. 71, 94

Constant Pierre, Le Conservatoire National de musique et de déclamation. Documents historiques et administratifs, Paris 1900.

 

Freia Hoffmann/Jannis Wichmann

 

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