Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Couperin, Marguerite-Antoinette

* 19. Sept. 1705 in Paris, † ca. 1778 vermutlich in Versailles, Cembalistin. Marguerite-Antoinette Couperin war die jüngste Tochter von François (II.) Couperin le Grand (1668–1733) und dessen Frau Marie-Anne geb. Ansault (um 1668–1747). Wie ihre Schwester Marie-Madeleine war sie Musikerin, jedoch hauptsächlich, wenn nicht gar ausschließlich, Cembalistin. Vermutlich erhielt sie von ihrem Vater Instrumentalunterricht. Sie trat bereits in jungen Jahren am Hof auf, wo ihr Vater beschäftigt war. Marguerite-Antoinette spielte regelmäßig im „Concert de la Reine“ und in den Appartements des Königs und der Königin in Vertretung des Jean-Henri d'Anglebert, der aus Altersgründen häufig fehlte. Ludwig XV. selbst beauftragte sie, seinen Töchtern, den „Mesdames de France“, Cembalounterricht zu erteilen, „en faveur de la maniére sçavante & admirable dont elle joüe du Clavecin“, wie es bei Titon du Tillet (S. 665) heißt („der gelehrten und bewundernswerten Art wegen, in der sie das Cembalo spielt).

Marguerite-Antoinette Couperin scheint eine der Ersten gewesen zu sein, die öffentlich mit Werken für Cembalo und Violinakkompagnement auftraten. Der „Mercure de France“ des Jahres 1729 berichtete darüber und wies besonders auf einen Auftritt am 24. Juli hin, an dem sie anlässlich der Feierlichkeiten am Vorabend des Festes St. Louis während des Soupers am Hof gemeinsam mit Michel-Gabriel Besson, Ordinaire de la Musique de la Chapelle & Chambre du Roy aufgetreten war: „Ces differents morceaux ont été trés goutés“ („diese verschiedenen  Kompositionen wurden sehr geschätztMercure de France 1729, S. 1874).

Als ihr Vater erkrankte, übernahm Marguerite-Antoinette seine Aufgaben bei Hofe und die offizielle Anwartschaft auf die Position der „Ordinaire de la musique de la Chambre de Sa Majesté pour le Clavecin“. Den Titel der königlichen Titularcembalistin trug sie von März 1736 bis zu ihrem Tod. Seit Nov. 1741 versah allerdings Bernarnd Bury de facto den Dienst, da es mit der Gesundheit Marguerite-Antoinettes nicht zum Besten stand.

Nach dem Tod ihres Vaters nahm Marguerite-Antoinette ihre Mutter zu sich. Beide lebten zusammen in der Rue de l'Orangerie in Versailles. Das weitere Leben der Musikerin liegt derzeit noch im Dunkeln.

Schon die Zeitgenossen waren sich der außerordentlichen Stellung Marguerite-Antoinette Couperins bewusst. So heißt es bei Pierre Louis d'Aquin de Châteaulyon (S. 126) : „Elle doit à son savoir, & à la renommée de son illustre pere, la place qu'elle occupe aujourd'hui au Concert de la Reine: place d'autant plus flatteuse pour elle, que c'est une charge de la Chambre que les femmes n'ont jamais exercée; il faut avoir du mérite pour faire ainsi exception à la regle générale“ („Das Amt, das sie heute im Concert de la Reine versieht, verdankt sie ihrem Können und dem Ruf ihres berühmten Vaters: ein Amt, das umso schmeichelhafter für sie ist, als es Aufgaben in den privaten Räumen betrifft, die von Frauen noch niemals wahrgenommen wurden; man muss entsprechende Verdienste haben, um eine solche Ausnahme von der allgemeinen Regel zu sein). Dass die berühmte Cembalistin, die in dieser Stellung letztendlich sogar ihren Vater übertraf (er hatte „lediglich“ die Anwartschaft auf den Titel des Titularcembalisten besessen), dennoch in Vergessenheit geriet, ist schwer zu begreifen. Sie ging den Weg so vieler ihrer Zeitgenossinnen: Im Laufe der Jahre wurden die lexikalischen Einträge immer kürzer zugunsten modernerer, in der Regel männlicher Komponisten und Virtuosen, bis die Artikel zu den einstmals berühmten Musikerinnen oft ganz verschwanden. So heißt es z. B. bei Paul (1873) nur noch kurz „Seine [François Couperins]Töchter Marie Anne und Marguerite Antoinette waren ebenfalls vortreffliche Cembalistinnen“. Im Gegensatz zur bereits recht gut aufgearbeiteten Lebens- und Wirkungsgeschichte von Élisabeth-Claude Jacquet de la Guerre steht eine angemessene Würdigung Marguerite-Antoinette Couperins, von der keine Kompositionen überliefert sind und für die sich daher die musikwissenschaftliche Forschung bisher nur am Rande interessierte, noch aus.

 

Gedicht zu Ehren Marguerite-Antoinette Couperins, abgedruckt im „ Mercure de France“, Juni 1742 (S. 1315–1317): 

A Mlle Couprin, Maîtresse de Clavecin
de Mesdames de France.
 

Aujourd’hui la vérité
Nous fait croire, sçavante Fée,
Ce que la Fable sur Orphée
Nous a toujours tant vanté.

   

Heute, wissende Fee,
Lässt uns die Wirklichkeit glauben,
Was die Fabel von Orpheus
Schon immer rühmte.

Jadis, aux sons harmonieux 
Du fameux Chantre de Thrace,
Les Tigres suivoient la trace 
De ses pas victorieux.

 

Einst folgten unter den harmonischen Klängen
Des berühmten thrakischen Sängers
Die Tiger der Spur
Seiner siegreichen Schritte.

Plongé dans de tristes allarmes,
Il gémissoit sur son malheur;
Mais c’étoit de la douleur
Que sa Lyre empruntoit ses charmes.

 

Gefallen in traurige Unruhe
Seufzte er über sein Unglück;
Doch es war der Schmerz,
Den seine Leier hervorzauberte. 

Sous le sombre & cruel caprice,
Qui causa tous ses regrets,
Sans la perte d’Euridice 
Ses chants auroient eû moins d’attraits.

 

Gefallen in traurige Unruhe
Seufzte er über sein Unglück;
Doch es war der Schmerz,
Den seine Leier hervorzauberte.

Sous le sombre & cruel caprice,
Qui causa tous ses regrets,
Sans la perte d’Euridice 
Ses chants auroient eû moins d’attraits.

 

Unter der düsteren und grausamen Laune,
Die all seine Klagen bewirkt,
Wären seine Lieder ohne den
Verlust Euridices weniger anziehend.

Pour vous, dans l’heureux partage 
Qui fait votre unique plaisir, 
De votre glorieux loisir 
Vous faites un noble usage.

 

Was Euch betrifft, so macht Ihr von der
Glücklichen Aufteilung Eurer glorreichen Muße,
Die Euch einzigartige Freude bereitet,
Einen noblen Gebrauch.

Ce ne sont point des Bois rustiques
Qui répetent vos Chansons;
Ce sont des Palais magnifiques
Qui servent d’Echos à vos sons.

 

Es sind nicht die einfachen Wälder,
Die Eure Lieder wiedergeben;
Es sind die großartigen Paläste,
Die Euren Klängen als Echo dienen. 

Je ne goûte plus le Miracle
Des Animaux aprivoisés;
Un plus illustre Spectacle
Frape mes sens désabusés;

 

Ich finde kaum mehr Gefallen am Wunder
Gezähmter Tiere;
Ein glänzenderes Schauspiel
Nimmt meine enttäuschten Sinne gefangen.

Je vois d’augustes Princesses
Toucher les ressorts divers,
Qui sous vos mains enchanteresses
Forment d’agréables Concerts.

 

Ich sehe erlauchte Prinzessinnen
Verschiedene Bereiche berühren,
Die unter Euren Zauberhänden
Angenehm zusammenklingen. 

Ainsi, quand de votre coté, 
Vous formez leur tendre jeunesse, 
Elles travaillent sans cesse 
A votre immortalité.

 

So wie Ihr Eurerseits
Ihre zarte Jugend formt,
Arbeiten sie ohne Unterlass
An Eurer Unsterblichkeit. 

Parmi les noms éclatants
Votre nom trouvera place;
Et, sans qu’aucun autre l’efface,
Sera le vainquer des tems.

 

Unter allen glänzenden Namen
Findet auch der Eurige Platz,
Und er wird, ohne dass ein anderer ihn auslöscht, 
Die Zeiten überdauern.

LE MIÈRE.

   

Übersetzung: Claudia Schweitzer und Christine Schäfer

 

LITERATUR

MdF August 1729, S. 1874 und Juli 1742, S. 1315-1317

Letillois, Schilling, Mendel, Paul, Jal, Fétis, EitnerQ, Dufourcq, MGG 2000, New Grove 2001

Edouard Titon du Tillet, Suite du Parnasse François, jusqu’en 1743. Et de quelques autres Pièces qui ont rapport à ce Moment, Paris 1743, Repr. Genf 1971.

Pierre Louis D’Aquin de Châteaulyon, Lettres sur les hommes célèbres, dans les sciences, la littérature & les beaux-arts, sous le règne de Louis XIV., Amsterdam 1754, Repr. o. O. 1978.

John Hawkin, A General History of the Science and Practice of Music, Vol. 2, London 1776, Repr. Graz 1969.

Henri-Joseph Taskin, „Notice sur la famille Couperin“ (vor 1850), in: Nouveaux Documents sur les Couperin, hrsg. von Charles Bouvet, Paris 1933, S. 176-180.

Michel Brenet [d. i. Marie Bobillier], „La librairie musicale en France de 1653 à 1790 d’après les Registres de privilèges“, in: Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft 1906-1907, S. 401-466.

Charles Bouvet, Les Couperin. Une Dynastie de Musiciens Français, Paris 1919, Repr. Hildesheim [u. a.] 1977.

Charles Bouvet, „Les deux d’Anglebert et Marguerite-Antoinette Couperin“, in: RM 1928, S. 86-94.

Marcelle Benoit, Versailles et les Musiciens du Roi 1661-1733. Étude Institutionelle et Sociale, Paris 1971.

Marcel Jean Vilcosqui, La femme dans la musique française sous l'Ancien Régime, Paris 2001.

 

Claudia Schweitzer

 

© 2008 Freia Hoffmann.