Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Guest, Jane Mary, Jeanne MarieJenny, verh. Miles

* ca. 1762 in Bath, † 20. März 1846 in Blackheath, Clavierspielerin und Komponistin. Als Tochter eines Schneiders, der sich im musikalischen Leben seiner Heimatstadt engagierte, erhielt Jane Mary Guest Klavier- und Gesangsunterricht bei den Lehrern Thomas Orpin, Thomas Linley (1756–1778), Venanzio Rauzzini (1746–1810) und Antonio Sacchini (1730–1786). Erste Auftritte in Bath sind schon vor ihrem 6. Lebensjahr belegt. Mit 14 Jahren ging sie nach London, wo sie eine der letzten Schülerinnen Johann Christians Bachs (1735–1782) wurde. In der britischen Hauptstadt debutierte sie 1779 in einem Benefizkonzert für den Oboisten Johann Fischer und blieb von da an öffentlich präsent. 1783 trat sie allein fünf Mal in den Konzerten der Hanover Square Rooms auf, konzertierte im gleichen Jahr aber auch in den Willies Rooms. Auf einer Veranstaltung zu Gunsten der Pianistin Maria Hester Park geb. Reynolds spielte sie am 29. Apr. 1783 zusammen mit der Konzertgeberin im Duett. Die Saison 1783/84 nutzte sie dazu, eine eigene Konzertreihe in den Londoner Tottenham Street Rooms durchzuführen. Gleichzeitig blieb sie ihrer Heimatstadt Bath verbunden, wo allein für die Zeit vor 1800 ungefähr 200 öffentliche Auftritte Jane Mary Guests belegt sind. Ihre intensive Konzerttätigkeit brachte ihr viel Ansehen ein, und Charles Burney stellte sie in seiner „Geschichte der Musik“ (Bd. 4, S. 682) explizit neben Muzio Clementi, Johann Baptist Cramer – und sich selbst.

1783 war auch das Jahr, in dem sie ihr Opus 1, sechs zweisätzige Klaviersonaten mit Violin- oder Flötenbegleitung (die sechste Sonate für Klavier solo) veröffentlichte. Die zugehörige Subskriptionsliste blieb erhalten und belegt – mit der Queen an der Spitze – großes Interesse an den Werken, gerade auch in Adelskreisen. Nachdrucke erschienen 1784 in Paris und 1785 in Berlin.

In den 1790er Jahren spielte sie wieder regelmäßig in Bath, wo sie, da seit dem 29. Aug. 1789 mit Abraham Allen Miles verheiratet, unter dem Namen Mrs. Miles auftrat und nach Auskunft von Sainsbury mehrere Klavierkonzerte aus eigener Feder vorstellte. Im Druck sind diese nicht erschienen.

Im Jahr 1804 engagierte der Englische Hof Jane Mary Guest als Lehrerin der Prinzessin Amalie, 1806 dann (auch?) der Prinzessin Charlotte. Diese Position hatte sie bis 1814 inne. Nachdem ihr Ehemann 1832 gestorben war, zog die Künstlerin nach Blackheath, um bei ihrer Tochter Louisa und deren Familie zu leben. Ihrer Enkelin Louisa Cecilia Lawrence widmete sie ihre letzte Komposition The Field Daisy, bevor sie „in the 85th year of her age“ (The Times 23. März 1846, S. 9) starb. Eine Woche nach ihrem Tod wurde sie nach London überführt und neben ihrem Mann in der Kirche von St. Edmund beigesetzt.

 

WERKE FÜR KLAVIER

Six Sonatas op. 1 für Klavier mit Violin- oder Flötenbegleitung, London 1783; Sonate für Klavier und Violine, 1807; Introduction for the Piano Forte and March from Rossini’s Opera of „Riccardo é Zoraide“, 1820 (?); La Jolie Julienne. Polacca for the Piano Forte, 1826; La Georgiana. Introduction and Waltz for the Piano Forte, 1826; La Jeanette. Introduction and Original Air for the Piano Forte, 1828; Divertimento for the Piano Forte in which is introduced the Favorite Round Hark The Bonny Christ Church Bells, 1829.

 

LITERATUR

The Times 23. März 1846

Sainsbury, Ebel, New Grove 2001, GroveW, Oxford DBN

Charles Burney, A General History of Music, 4 Bde., London 1776–1789.

Arthur Elson, Women’s Work in Music, Boston 1904, Repr. Portland 1976.

Deborah Hayes, „Some Neglected Women Composers of the Eighteeth Century and Their Music“, in: Current Musicology 39 (1985), S. 42–65.

Kenneth James, Concert Life in Eighteenth-Century Bath, Diss. Phil. University of London 1987.

Daniel M. Raessler, „Jane Mary Guest“, in: The Musical Review 49 (1988), S. 247–253.

Penelope Mathiesen, „Winds of Yore. Women Woodwind Composers of the 18th Century: Jane Mary Guest“, in: Continuo 15/4 (1991), S. 6–9.

Daniel M. Raessler, „London’s Dancing Dogs, or, The Other Pianoforte School“, in: Early Keyboard Journal 8 (1995), S. 81–105.

Nicholas Salvey, „Woman Pianists in Late Eighteenth-Century London“, in: Concert Life in Eighteeth Century Britain, hrsg. von Susan Wollenberg u. Simon McVeight, Aldershot 2004, S. 273–290.

 

Markus Gärtner

 

© 2009 Freia Hoffmann