Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Hopekirk, Helen, verh. Wilson

* 20. Mai 1856 in Portobello bei Edinburgh/Schottland, † 19. Nov. 1945 in Cambridge/MA, Pianistin, Komponistin und Klavierlehrerin. Helen, das zweite von acht Kindern des Musikalienhändlers Adam Hopekirk und seiner Frau Helen Graham Croall, erhielt frühen Musikunterricht bei George Lichtenstein (1823−1893) und Alexander Mackenzie (1847−1935) in Edinburgh. Über ihre frühen Jahre ist wenig bekannt. Ihr Debüt gab die Pianistin im Jahre 1874 mit der Edinburgh Amateur Orchestral Society, anschließend begab sie sich nach Leipzig, um am dortigen Konservatorium ihre Studien bei Carl Reinecke (1824−1910, Komposition), Salomon Jadassohn (1831−1902, Komposition), Louis Maas (1852−1889, Klavier), und Ernst Friedrich Richter (1808−1879, Kontrapunkt) fortzusetzen. Hier machte sie auch die Bekanntschaft mit George Chadwick, der 1897 in ihrer Laufbahn noch eine Rolle spielen sollte. Aus den Jahren 1876 bis 1878 sind häufige Auftritte in den Abendunterhaltungen des Konservatoriums belegt. Sie spielte entweder solistisch oder im Duett mit einer weiteren britischen Studentin, der Pianistin Kate Ockleston. Am 24. Mai 1878 legte sie eine Prüfung mit dem Klavierkonzert g-Moll von Saint-Saëns ab, die vom „Musikalischen Wochenblatt“ lobend kommentiert wurde: Frl. Hopekirk ist eine Künstlerin, bei der sich bedeutende Technik und musikalisches Naturell die Wage [sic] halten. Die junge Dame, der ausserdem noch Dank für die Wahl der amüsanten Novität gebührt [das Konzert wurde 1868 komponiert], spielte deren 1. Satz mit virtuoser Verve und Kraft, den zweiten mit Grazie und den dritten mit duftigem Anschlag“ (FritzschMW 1878, S. 281). Das Repertoire von Helen Hopekirk zeigt eine Vorliebe für romantische Werke, war schon während ihrer Studienzeit erstaunlich umfangreich (Beethoven, Schumann, Chopin, Mendelssohn, Hiller, Weber, Jadassohn, Grieg, Raff, Ethel Smyth, Brahms, Reinecke) und umfasste auch eigene Kompositionen. Die Kritiken würdigten ihre Fertigkeiten, benannten aber gelegentlich auch Mängel. So heißt es beispielsweise über ein Konzert aus dem Jahre 1878: „Zum Schluß trug Frl. Hopekirk Beethoven’s Appassionata mit bedeutender Fertigkeit vor. Nur mit ihrem zu öfteren Tempowechsel im ersten Satze, wo sie die Achtel in Sechzehntel verwandelte, kann man sich nicht einverstanden erklären. Auch das Andante würde stellenweise durch langsameres Tempo gewonnen haben. Am Besten spielte sie den letzten Satz“ (NZfM 1878, S. 192).

Im Jahre 1878 begann Hopekirks Konzerttätigkeit in größeren und anerkannten Reihen. Am 28. Nov. erfolgte ihr Debüt am Leipziger Gewandhaus. Am 15. März 1879 spielte sie mit großer Presseresonanz im Londoner Crystal Palace, was weitere Engagements in England nach sich zog. Am 10. Nov. 1880 trat sie in Edinburgh auf. In den folgenden Jahren wurde die Pianistin regelmäßig nach London und Leipzig eingeladen. Auch die Auftritte mit zwei Klavieren mit Kate Ockleston setzte die Musikerin fort.

Am 4. Aug. 1882 heiratete Helen Hopekirk den Musikalienhändler, Kritiker und Landschaftsmaler William A. Wilson (1853−1926), der in den kommenden Jahren als ihr Konzertmanager fungierte. Als Künstlerin behielt sie jedoch ihren Geburtsnamen bei. 1883 reiste das Paar in die USA, wo Hopekirk eine Konzerttournee mit dem Boston Symphony Orchestra unternahm. Das erste Konzert fand am 27. Dez. in New York statt. Ihre Auftritte in der Steinway Hall wurden generell günstig aufgenommen; gelegentliche Einwände betrafen die Zusammenstellung ihrer Programme. So spricht die „New York Times“ vom 23. März 1884 von einer overdose of Bach“. Diese Kritik zeigt eine Erweiterung des Repertoires um barocke und klassische Kompositionen. Neben den Romantikern spielte die Pianistin nun vermehrt auch Joh. Seb. Bach, Gluck, Domenico Scarlatti und Mozart.

Regelmäßig erfolgten Konzerte in Leipzig. Am 7. Nov. 1886 unterstützte sie dort im Blüthnerschen Saal zusammen mit der Geigerin Nora Clench Mary Wurm, die kurz zuvor nach Leipzig übergesiedelt war, sich dem Publikum als Pianistin vorstellte und auch „als Componistin debutirte(FritzschMW 1886, S. 596).

Vor allem die ausgedehnten Tourneen durch die USA von 1884 bis 1886 charakterisieren die künstlerische Karriere von Helen Hopekirk. Ihre Leistungen wurden stets anerkannt und ihre Konzerte fachkundig besprochen. Gelegentlich wurde auch Kritik formuliert, die jedoch gleichzeitig von ihrem allgemein hohen Niveau zeugt: „Her technical qualities showed seemingly to less advantage than in her first recital, at least in some points, a fact perhaps due to the lame condition of her hand. For example, in the middle movement of the sonata there was a preceptible lack of singing quality in her tone, as if the hand and wrist were rigid at the instant the touch was made. But, curiously enough, there was no such lack in some of the other lyric pieces, as for example, the two Schubert songs and the Andante Spianato. […] But all is subordinate and comparatively unimportant. These blemishes are very slide compared with the admirable qualities of her playing, even considered from the technical standpoint only. But the artistic qualities of it are much more important and are very satisfactory indeed“ (The Milwaukee Sentinel 7. Febr. 1886).

Motiviert durch ihre Erfolge nahm Helen Hopekirk noch einmal Unterricht, diesmal bei Theodor Leschetizky (1831–1915) in Wien. Seine Unterweisung von Klaviertechnik in der Tradition Czernys wird als eine äußerst prägende Erfahrung für die Künstlerin beschrieben. Ihr Spiel reifte, und der Rezensent der „Wiener Zeitung“ charakterisierte die Künstlerin wie folgt: „Frau Hopekirk ist eine vornehme, technisch trefflich ausgebildete Künstlerin. Sie ist nicht von stürmischem Temperament, eine gewisse Zurückhaltung charakterisirt ihr stets angenehmes, echt musikalisches Spiel. Chopin (Nocturne in F-Dur, Etuden, Prelude und As-dur-Polonaise) spielte Frau Hopekirk am besten. Das Verhüllte, dem träumerischen Zugeneigte ihrer künstlerischen Persönlichkeit findet hier verwandte Klänge. Auch in der Schumann’schen C-Dur-Phantasie erfreute durch die zarte Poesie des Vortrages die Künstlerin, die sich in der Liszt’schen Rhapsodie Nr. 6 auch als technische Meisterin virtuosenhaft zeigte“ (Wiener Zeitung 3. Dez. 1890). In denselben Zeitraum fallen auch Stunden bei dem tschechischen Komponisten Karel Navrátil (1836−1914).

Das Paar Hopekirk-Wilson blieb von 1887 bis 1891 in Wien; im Jahr 1892 siedelte es für kurze Zeit nach Paris über, wo Helen Hopekirk Unterricht bei Richard Mandl (1859−1918) nahm und Klavierstunden erteilte.

Zwischen 1891 und 1897 unternahm Hopekirk wiederum regelmäßig Amerika-Tourneen, bevor sie sich 1897, auf Einladung George Chadwicks, endgültig auf dem amerikanischen Kontinent niederließ. Chadwick, mittlerweile Direktor des New England Conservatory, engagierte Hopekirk als Klavierlehrerin. Neben dieser Tätigkeit, die sie bis 1901 ausübte, setzte sie die Konzerte und die Publikation ihrer Kompositionen fort. Ihr letzter öffentlicher Auftritt erfolgte im Jahr 1939 in der Steinert Hall in Boston, bevor sie am 19. Nov. 1945 infolge einer Gehirnthrombose starb.

Als Komponistin schrieb Helen Hopekirk hauptsächlich Werke für oder mit Pianoforte, aber auch Lieder. Besonderes Kennzeichen ist die Beeinflussung ihrer Melodien durch Elemente der schottischen Folklore. Ihre Werke wurden regelmäßig publiziert und aufgeführt, von ihr selbst scheint jedoch keine Einspielung überliefert zu sein.

Die Library of Congress in Washington verwahrt eine Helen Hopekirk Collection mit Manuskripten, Skizzen, Presseartikeln, Programmen u. a.

 

WERKE FÜR KLAVIER UND ORCHESTER

Concertstück, 1894; Concerto, D-Dur 1900

 

WERKE FÜR KLAVIER SOLO

Gavotte, 1885; Romance in a-Moll, 1885; Serenade, 1895; Sundown, 1909; Iona Memories, 1909; Serenata, Suite, 1917; Suite, 1917; Norland Eve, 1919; Robin Good-fellow, 1923; Tone Pictures, 1930; Bourrée; Lento and Allegro; Reveil Fantasie; Reverie and Danse; Romance; Shadow and Brocade; Three Fantasie Pieces; Twenty Scottish Folk Songs

 

LITERATUR (Auswahl)

Aberdeen Weekly Journal 1879, 4. Nov.; 1880, 19., 22., 24., 25., 26., 30. Nov., 2., 7. Dez.; 1882, 8., 15., 20., 22., 23. Nov.; 1883, 10. Okt; 1891, 3. Febr.; 1893, 26. Sept.

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Athenæum 1879 I, S. 834; 1879 II, S. 59, 252, 669; 1883 II, S. 540

Bangor Daily Whig & Courier 18. Jan. 1898

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Boston Daily Globe 1891, 27. Jan., 30. Apr; 1902, 13. Dez.; 1906, 4. Dez.; 1911, 21. Febr.

Boston Journal 1883, 3. Dez.; 1891, 23., 24. Jan., 9. März, 18. Apr., 10. Dez.; 1892, 6., 8. Febr., 6. Nov.; 1897, 6., 8., 16., 17. Nov.; 1898, 31. Jan., 24. Dez; 1902, 16. Apr.; 1903, 11., 13. Jan., 29. März, 1., 3., 5. Apr., 30. Okt.; 1904, 17. Apr.

The Bristol Mercury and Daily Post 1878, 28. Dez.; 1882, 10., 19., 23. Mai

Chicago Daily Tribune 1885, 20. Dez.; 1886, 1 Jan.; 1891, 22., 25., 27. Febr.; 1892, 13. März, 17., 21. Apr.; 1893, 19. Mai

The Daily Inter Ocean [Chicago/IL] 1886, 2, 9, 13., 19. Jan., 20. Febr.;1891, 24., 31. Jan., 14., 15., 19., 22., 24., 25., 26., 27., 28. Febr., 1. März; 1892, 10., 17., 21. Apr.; 1893, 22. Mai

Daily News [London] 1879, 20. Nov.; 1890, 14. März

Dallas Morning News 18. Sept. 1912

Dillinger’s Reisezeitung 20. Nov. 1890

Duluth News-Tribune 3. Okt. 1915

The Era [London] 1879, 23. März, 23. Nov.; 1883, 30. Juni

The Examiner [London] 1879, 8., 15. Nov., 20. Dez.

FritzschMW 1876, S. 711; 1877, S. 24, 116, 162, 258, 344, 392, 551, 628, 691, 707, 724; 1878, S. 51, 61, 113, 126, 152, 203, 215, 281, 293, 344, 366, 459, 593, 606, 622; 1879, S. 236, 287, 364, 597; 1880, S. 20, 34; 1881, S. 267, 510, 534; 1884, S. 90, 191, 340, 550; 1885, S. 34, 158; 1886, S. 117, 255, 324, 570, 583, 596; 1887, S. 56, 83, 97; 1889, S. 10; 1890, S. 342; 1891, S. 124; 1892, S. 96, 153

Glasgow Herald 1880, 12. Febr.; 1882, 25. Nov.; 1883, 15., 22., 23., 27. Okt., 2. Nov.; 1884, 14. Jan.; 1888, 14. Nov.; 1889, 11, 12. Jan.; 1890, 31. Dez

Grand Forks Daily Herald 8. März 1908

The Graphic [London] 1879, 22. März, 22. Nov.; 1880, 6. Nov.; 1884, 19. Jan.

Idaho Statesman 1897, 5., 6. Dez.

The Ipswich Journal 1. März 1890

Jackson’s Oxford Journal 1880, 28. Febr.; 1881, 22. Jan., 19. Febr.; 1882, 18. März

The Leeds Mercury 3. Nov. 1880

Macon Telegraph 20. Febr. 1908

The Manchester Guardian 28. Dez. 1882

The Milwaukee Sentinel 1885, 8. Febr.; 1886, 6., 9., 10., 13., 15. Jan., 3., 7. Febr., 20. Juni, 4., 14. Juli; 1890, 4. Mai, 16. Dez.; 1891, 29. März; 1892, 13. März, 2. 6., 7., 8., 9. 10., 11. Apr.; 1897, 18. Juli

Morning Oregonian [Portland/OR] 2. Apr. 1897

Musical Standard 1879 I, S 175; 1880 II, S. 273; 1881 I, S. 131; 1882 II, S. 18; 1883 II, S. 3; 1889 I, S. 45

Musikalisches Wochenblatt 1878, 31. Mai.; 1879, 2. Mai.; 1887, 17. Febr.; 1891, 26. Febr.

MusT 1879, S. 206; 1880, S. 626; 1881, S. 127; 1882, S. 335, 448; 1883, S. 451; 1884, S. 92; 1920, S. 201

MusW 1879, S. 189, 744; 1883, S. 195; 1886, S. 367

New York Times 1884, 3., 4. Jan., 1 Febr., 23. März, 13 Apr.; 1885, 15., 16. Jan; 1902, 23. Febr.; 1918, 26. März

The North American [Philadelphia/PA] 1884, 1., 5., 6., 7., 8. Mai

NZfM 1876, S. 475, 485, 510; 1877, S. 8, 43, 84, 116, 291, 455, 510, 546; 1878, S. 40, 51, 72, 95, 174, 192, 253, 284; 1879, S. 46

Orchestra 1879, S. 268

Oregonian [Portland/OR] 1914, 13. Dez.; 1916, 13. Aug.

The Pall Mall Gazette [London] 1879, 21. März, 5. Juli, 21. Nov., 10. Dez.; 1881, 28. Febr.; 1882, 5. Aug.; 1883, 22. Okt.

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Die Presse 29. Nov.1889

Signale 1880, S. 1097; 1886, S. 473, 964, 1003; 1888, S. 130

Springfield Republican 1897, 17. Sept.; 1898, 30 Apr.; 1905, 30. Apr.

The Times [London] 1879, 23. Juni, 20. Nov; 1880, 10. Juli; 1881, 21. Febr.; 1882, 1. Juli; 1883, 27. Jan., 23. Febr., 2. Mai, 25., 28. Juni, 29. Sept.; 1890, 15. Febr.

The Washington Post 1891, 21., 29., 30. Apr.

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Wiener Tagblatt 8. Febr. 1908

Wiener Zeitung 3. Dez. 1890

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Bildnachweis

https://en.wikipedia.org/wiki/Helen_Hopekirk, Zugriff am 20. Jan. 2106.

 

Claudia Schweitzer

 

 

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