Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Parent, (Charlotte-Francès-)Hortense

* 22. März 1837 in London, † 12. Jan. 1929 in Paris, Pianistin und Klavierlehrerin. Sie studierte ab 1853 am Pariser Konservatorium Harmonielehre und Begleitung bei Catherine-Cecila-Caroline-Emma Demay (1822–1896), und Klavier bei Louise Farrenc. Außerdem nennt sie selbst in der Widmung ihrer Klavier-Etuden Félix Le Couppey (1811–1887) als ihren Lehrer. Sie errang zwei 1. Preise, 1855 für Harmonielehre und 1857 für Klavier. 1858 gab sie in London ihr Debut als Pianistin bei einer Matinee im Cambridge House und präsentierte hier Werke von Chopin, Mendelssohn, Schulhoff und Hummel. Im selben Jahr trug sie in Straßburg in einem Konzert der Sängerin Rieder-Schlumberger je ein Werk von Herz und Schulhoff vor. Danach sind keine Auftritte mehr nachgewiesen. In den folgenden Jahren unterrichtete sie und entwickelte eine eigene Lehrmethode; 1872 veröffentlichte sie ihre ersten Klavier-Schule „L’Etude du piano“.

1882 gründete sie die erste Ausbildungsstätte für Klavierlehrerinnen, die Ecole préparatoire au professorat du piano (auch Ecole Hortense Parent). Hauptzielgruppe waren Frauen, die nach dem Verlust ihres Vaters oder Ehemannes für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen mussten. Die Ausbildungskosten waren aufgrund der oft prekären finanziellen Situation der Frauen niedrig gehalten, bei Bedarf wurden auch Stipendien vergeben. Zusätzlich zum Klavierspiel unterrichtete Hortense Parent ihre Schülerinnen in allgemeiner Musiklehre und Musikdidaktik. Unter ihren Schülerinnen waren die kanadische Organistin, Pianistin und Musikpädagogin Victoria Cartier sowie die Sängerin und Pianistin Jane Bathori (1877–1970). Bereits 1883 fand ihre Einrichtung in der Öffentlichkeit große Anerkennung: „Les aspirantes maitresses y font leur stage en qualité de répétitrices. Les résultats musicaux sont excellents et les inscriptions d’élèves sont déjà au nombre de cent cinquante“ („Die Anwärterinnen machen hier ihre Ausbildung zur Lehrerin. Die musikalischen Ergebnisse sind ausgezeichnet, und die Zahl der eingeschriebenen Schülerinnen beträgt bereits 150“, Le Ménestrel 1893, S. 104). 1884 wurde sie zum „Officier der Akademie“ (FritschMW 1884, S. 132) ernannt. 1889 wurde sie auf der Pariser Ausstellung für ihr Unterrichtswerk mit einer Silbermedaille ausgezeichnet. Ihre Schülerkonzerte fanden u. a. aufgrund des immensen Repertoires stets große Beachtung. 1896/97 hielt sie Vorträge an der Sorbonne, in denen sie ihre Lehrmethode vorstellte.

1907 gab sie ihr zweibändiges „Répertoire encyclopédique du pianiste“ heraus, eine umfangreiche Sammlung von Klavierwerken von den Alten Meistern bis zu den (1907) noch lebenden Komponisten. Im Vorwort versichert die Verfasserin, „jedes einzelne dieser tausende von Stücken selbst durchgespielt zu haben“ (zit. nach Signale 1909, S. 148). Der Rezensent der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ bemerkt dazu: „Für den Kenner bedarf es aber gar nicht erst dieser Versicherung gewissenhafter Arbeit. Jede auf Geratewohl unternommene Probe überzeugt von der wirklichen Sachkenntnis, dem guten Urteil und Geschmack der Verfasserin“ (Signale 1909, S. 148). Die pädagogischen Grundsätze ihrer Lehrmethode wurden viel beachtet: Dem Schüler sollte größtmögliche Selbstständigkeit gegeben werden, „so daß der Lehrer nach und nach entbehrlich wird“. Der Schüler selbst soll durch „genaues Lesen“ des Notentextes früh zum korrekten Spiel befähigt werden, eine Folge davon sei „das Aufhören alles mechanischen Eintrichterns“ (Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft 1904, S. 332)

Oscar Comettant, Louis-Désiré Besozzi, Cécile Chaminade, Blas Maria Colomer und Edouard Chavagnat widmeten Hortense Parent Kompositionen.

 

EDITIONEN

Répertoire encyclopédique du pianiste: analyse raisonnée d’œuvres choisies pour le piano, du XVIe siècle au XXe siècle, avec renseignements pratiques, 2 Bde., Paris [1907]

Ecole moderne française du piano. Œuvres choisies originales et transcrites pour piano seul à tous les degrés de force avec renseignements pratiques de 177 compositeurs vivants ou morts exclusivement français, Paris 1922

 

LEHRWERKE

L’Etude du piano, manuel de l’élève, conseils pratiques, Paris 1872

Les bases du mécanisme: exercices élémentaires pour piano: en cinq parties, Paris [1886]

Création d’une école préparatoire au professorat du piano, fondée par Mlle Hortense Parent, Paris 1882

Exposition de ma méthode d’enseignement pour le piano, Paris 1888

De la Lecture musicale appliquée au piano, Paris 1890

Mémoire sur l’enseignement élémentaire du piano au point de vue de la vulgarisation de la musique, Paris [1900]

Rythme & mesure: exercices pour piano en quatre parties. I, Exercices préparatoires (très faciles et faciles), Paris o. J.

 

LITERATUR

[Hortense Parent,] Deux conférences en Sorbonne sur la pédagogie musicale, [...] exposition de sa méthode d’enseignement pour le piano, Paris 1896

[Hortense Parent,] Association pour l’enseignement professionnel du piano pour les femmes et école préparatoire au professorat du piano, dite Ecole Hortense Parent [...] Notice historique sur cette œuvre [...], Paris 1898

Adolphe Bitard, Dictionnaire général de biographie contemporaine française et étrangère, Paris 1878

L’Année musicale 1913, S. 44

The Era [London] 11. Juli 1858

FritzschMW 1884, S. 132; 1889, S. 522

Le Ménestrel 1893, S. 104

The Morning Chronicle [London] 6. Juli 1858

Musical Standard 1903 I, S. 20

MusT 1896, S. 479

MusW 3. Juli 1858, S. 417

RGM 1858, S. 435; 1872, S. 198f.

Signale 1909, S. 147f.

Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft 1899, S. 391; 1904, S. 332f.

Fétis Suppl., Baltzell, Frank/Altmann, MGG 1, MGG 2000, Fauquet

J. C. Eschmann, Wegweiser durch die Klavierliteratur, Leipzig 1905.

 

AH

 

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