Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

VrabélyVrábélyVrabely, Serafina, SeraphinaSzerafina,SzeraphinaSophie 
von, verh. Tausig

* 1841 in Preßburg, † 2. oder 3. Sept. 1931 in Dresden, Pianistin. Als Tochter des Postmeisters, Kgl. Rates und enthusiastischen Liszt-Verehrers Karl von Vrabély wuchsen sie und ihre Schwester Stephanie (spätere Gräfin von Wurmbrand-Stuppach) in einer musikgesättigten Atmosphäre auf. Ihre Ausbildung im Klavierspiel erhielt Serafina Vrabély in Prag bei Alexander Dreyschock (18181869). 1861 debütierte sie in ihrer Heimatstadt als Pianistin. Von diesem Zeitpunkt an gab sie regelmäßig Konzerte, eine Tätigkeit, die sie schon frühzeitig nach Pest und Paris führte. Franz Liszt, der ihre Familie 1858 kennengelernt hatte, erwirkte durch seine Mutter ein Engagement im Salon Erard am 2. März 1860. Die „Revue et Gazette Musicale“ reagierte allerdings zurückhaltend: „Elle dit la musique allemande sérieusement, clairement et, il nous faut ajouter, un peu froidement“ („Sie spielt die deutsche Musik anspruchsvoll, sauber und, wir müssen hinzufügen, etwas kühl“) (S. 99). Jedenfalls sei die junge Pianistin, so der Rezensent, für das virtuosenverwöhnte Pariser Publikum noch nicht bereit.

Im Mai 1864 unternahmen die Komponisten Johannes Brahms und Peter Cornelius mit dem Klaviervirtuosen Carl Tausig (18411871) eine Reise nach Preßburg, die für Serafina Vrabély insofern wichtig wurde, als sie in Tausig ihrem späteren Ehemann begegnete. Sie heirateten am 8. Nov. desselben Jahres, Johannes Brahms war Trauzeuge. Mit ihrem Mann zog Serafina Vrabély zunächst nach Wien, wo sie zusammen mit ihrer Schwester Stephanie am 17. März 1867 Brahms’ dem Kritiker Eduard Hanslick gewidmeten vierhändigen Walzer op. 39 uraufführte. Vielfach trat sie mit und ohne Schwester in den Konzerten ihres Mannes auf. Im Jahr 1866 übersiedelte das Paar nach Berlin, wo König Wilhelm I. Carl Tausig zum Kammervirtuosen berufen hatte und dieser eine Schule für höheres Klavierspiel gründete. Wie aus einem Brief an Franz Liszt vom 27. Mai 1874 hervorgeht, blieb sie weiterhin als ausführende Künstlerin aktiv und setzte sich nachdrücklich für das Werk dieses bereits von ihrem Vater verehrten Komponisten ein. Wenig später trennten sich Carl Tausig und Serafina Vrabély  die Ehe wurde allerdings nicht geschieden, und auch nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1871 führte die Witwe seinen Namen bzw. den Doppelnamen Vrabély-Tausig weiter. In den frühen 1870er Jahren zog sie zurück nach Preßburg, wo sie eine Musikschule für Frauen eröffnete. Ihre Konzertreisen setzte sie zunächst fort. 1876 übersiedelte sie nach Wiesbaden, wo die „Neue Zeitschrift für Musik“ ein letztes Mal auf sie hinwies. Danach verlieren sich die Spuren ihrer Berufstätigkeit. 1878 wohnte sie wieder in Berlin, 1911 in Dresden, wo sie das Ehepaar Max und Elsa Reger mehrfach zu Gast hatte. 1914 lebte sie in Weimar, zog aber dann endgültig zurück nach Dresden.

Einen Hinweis auf das plötzliche Verstummen als ausübende Künstlerin geben die 1880 und 1881 in lockerer Folge anonym in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung" veröffentlichten, von Heinrich Vincent verfassten „Memoiren eines Opernsängers“. Vincent erinnert sich eines Besuches bei der Familie Vrabély im Jahr 1854 und vermerkt über Serafina Vrabélys weiteren Lebenslauf: „Schade, dass ihre Künstlerlaufbahn in der Folge durch ein leidiges Trema [= Lampenfieber] beeinträchtigt wurde, wovon sie als Kind keine Spur verrieth, so dass sie jetzt nur als Lehrerin ihre Existenz fristen kann, ansonst sie unter unsere grössten Pianistinnen gezählt werden könnte“ (AmZ 1881, Sp. 359). Zu welchem Zeitpunkt in ihrem langen Leben sie sich auch als Klavierlehrerin zur Ruhe setzte, ist nicht mehr nachzuvollziehen.

 

 

Anzeige für ein Konzert in Prag, aus: Bohemia 10. Dez. 1859.

 
LITERATUR

Brief von Seraphina Vrabély an Franz Liszt vom 27. 5. 1874, in: Goethe- und Schillerarchiv Weimar, Signatur GSA 59/31.3a

AmZ 1867, S. 90; 1881, Sp. 358f.

Bock 1861, S. 403

Bohemia [Prag] 11. Dez. 1859

Neue Freie Presse [Wien] 20. März 1867

NZfM 1860 I, S. 90; 1860 I, S. 162; 1861 I, S. 211; 1861 II, S. 231; 1865, S. 440; 1866, S. 28, 30; 1867, S. 98, 119, 127, 161; 1871, S. 347; 1872, S. 341; 1874, S. 219; 1876, S. 414

RGM 1860, S. 99

Wiener Zeitung 19. März 1867, S. 848

Wurzbach, Mendel, Hixon

A. Ehrlich [d. i. Albert Payne], Berühmte Klavierspieler der Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1893.

Hugo Riemann, Geschichte der Musik seit Beethoven (18001900), Berlin 1901.

Peter Cornelius, Literarische Werke, 5 Bde., Bd. 1 und Bd. 2, Leipzig 1904 u. 1905.

La Mara, Franz Liszts Briefe, 8 Bde., Bd. 8, Leipzig 1905.

Max Kalbeck, Johannes Brahms, 2 Bde., Bd. 2, 1. Halbband 18621868, Berlin 21908.

Elsa Reger, Mein Leben mit und für Max Reger, Leipzig 1930.

Z. Novácek, „Der entscheidende Einfluss von Liszt auf die fortschrittliche Musikorientierung in Pressburg“, in: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae 5 (1963), S. 233239.

David M. Greene, Greene’s Biographical Encyclopedia of Composers, 2 Bde., Bd. 1, Garden City/NY 1985.

Franz Liszt: Briefwechsel mit seiner Mutter, hrsg. von Klára Hamburger, Eisenstadt 2000.

 

Bildnachweis

Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Nr. 33490, Serafine Tausig-Vrabély, Photographie, Visitformat, Pressburg o. J., 6,1 x 10,5 cm, Bildmaße: 5,5 x 9,5 cm.

Bohemia 10. Dez. 1859 (Konzertanzeige).

 

Markus Gärtner

 

© 2009 Freia Hoffmann