Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Hahn, Bertha, Berta, geb. Lenz

* 10. Juni 1841 in Stargardt, † 19. Nov. 1874 in Königsberg, Pianistin, Klavierlehrerin und Sängerin. Bertha Hahn wurde nach 1851 von Theodor Kullak (1818–1882) im Klavierspiel ausgebildet. Zudem erhielt sie Gesangsunterricht von dem Musikkritiker und Journalisten Ludwig Rellstab (1799–1860). „Da jedoch dieser Unterricht ihrer Gesundheit nicht zusagte, widmete sie sich vorzugsweise dem Klavierspiel“ (NZfM 1874, S. 498). Erste Konzerte der Pianistin sollen schon um 1851 stattgefunden haben. Später folgten Auftritte in Bielefeld (1866 bis 1870), Köln, Hannover, Königsberg (1872, 1873) und Braunschweig (1865). Zusammen mit dem Violinvirtuosen Carl Louis Bargheer (1831–1902) organisierte die Künstlerin von 1865 bis 1870 jährlich mehrere Kammermusik-Abende, zunächst in Braunschweig, seit 1866 in Bielefeld.

Seit 1872 wohnte sie mit ihrem Ehemann, dem Musikdirektor und Herausgeber der „Tonkunst“ Albert Hahn (1828–1880), in Königsberg. Auch hier versuchte sie anscheinend eine Kammermusikreihe zu begründen. Mit Albert Hahn, dem Konzertmeister Dagobert Löwenthal und Felix Tag kamen durch den frühen Tod der Pianistin allerdings nur drei Konzerte zu Stande. Als Klavierlehrerin arbeitete sie, vermutlich ebenfalls in Königsberg, an einem von Albert Hahn gegründeten Musikinstitut.

Neben ihrem kammermusikalischen Wirken lassen sich der Literatur vereinzelt auch solistische Auftritte entnehmen. Zu Bertha Hahns Leistungen bei einem Konzert anlässlich des Amtsantritts von Albert Hahn als neuer Musikdirektor in Bielefeld im Mai 1865 in der Tonhalle in Bielefeld schreibt die „Niederrheinische Musik-Zeitung“: „Besonders erfreut waren wir darüber, da wir in dem Concerte in Frau Bertha Hahn eine Clavierspielerin kennen lernten, die mit vollendeter Technik einen echt künstlerischen Vortrag verbindet, der uns alle hinriss. Wir haben sie seitdem in Concerten von Beethoven und Weber, grossen und kleinen Compositionen Beethovens, Mozarts, Mendelssohns, Chopins und Anderer gehört und sind stets von Neuem von der hohen künstlerischen Begabung, mit der Frau Hahn jede Composition wiedergibt, entzückt worden“ (Niederrheinische Musik-Zeitung 1865, S. 158). Beim 3. Ravensburger Musikfest im Jahr 1869 hinterließ die Pianistin bei der „Neuen Berliner Musikzeitung“ ebenfalls einen guten Eindruck: „Nächstdem war die beste Leistung Beethovens Es-dur-Concert, vortrefflich von Frau Bertha Hahn gespielt. Die Pianistin spielte ausserdem Jaëlls glänzenden Festwalzer, mit dem sie ebenfalls rauschenden Beifall erntete“ (Bock 1869, S. 174). Zu ihrem Solorepertoire gehörten weiterhin Werke von Joh. Seb. Bach und Thalberg sowie Le carillon op. 82 von Alfred Jaëll. Bei den Kammermusikabenden mit Bargheer kamen u. a. von Beethoven die Kreutzersonate Nr. 9 in A-Dur op. 47,  die Violinsonate Nr. 10 in G-Dur op. 96 und das Gassenhauer-Trio B-Dur op. 11 sowie  Chopins Trio in g-Moll op. 8 zur Aufführung. Außerdem enthielten die Programme Werke von Louis Spohr, Robert Schumann, Friedrich Wilhelm Rust, Heinrich Wilhelm Ernst und Felix Mendelssohn.

 

LITERATUR 

AmZ 1870, S. 199

Bock 1866, S. 80; 1867, S. 367, 370; 1868, S. 329; 1869, S. 174; 1871, S. 388

FritzschMW 1874, S. 622

Niederrheinische Musik-Zeitung 1865, S. 158, 207, 399; 1867, S. 39

NZfM 1866, S. 417; 1872, S. 427, 471; 1873, S. 145, 263, 291; 1874, S. 498; 1875, S. 166

Signale 1866, S. 89, 268

Die Tonhalle 1868, S. 42, 202

 

JW

 

© 2012 Freia Hoffmann