Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Cardigan, Cora, geb. Hannah Rosetta (Dinah) Moulton, adopt. Parks, verh. Honig

* 1860 in London, † 17. März 1931 in Rochford/Essex, Flötistin und Violinistin. Cora Cardigan ist ein Künstlername. Die Musikerin wurde als uneheliche Tochter von Rosetta Moulton (1833–?) geboren und erhielt die Namen Hannah Rosetta Dinah. Sie wuchs in der Familie ihrer Tante Caroline Parks geb. Moulton und deren Ehemann Henry T. Parks (1823–1903) auf. Dem Census von 1871 zufolge trug sie nun den Namen Parks, war also von ihrer Pflegefamilie adoptiert worden. Henry T. Parks, dessen Beruf zuvor als Tischler angegeben war, wird hier als „Professor of Flute“ bezeichnet. Hannah Rosetta hatte zwei Brüder, Henry und James, die Flöte und Kornett lernten, sowie eine Schwester, Mary, die an der Violine ausgebildet wurde. Noch vor Beginn ihres Studiums nahm Hannah Rosetta den Künstlernamen Cora Cardigan an.

Der „Musical Herald“ widmete der Musikerin 1889 ein ausführliches Porträt unter der Überschrift „The Queen of Flute Players“ – ein Titel, der ihr offenbar aufgrund ihres außergewöhnlichen Könnens verliehen wurde. Diesem Text zufolge übte Hannah Rosetta bereits als kleines Kind auf einer Piccoloflöte: „When the fingers of the future flautist queen were too tiny for the flute, her father, a professional flautist in London, gave her lessons or child’s play on the piccolo. She was delighted to do as father did, and was soon able to practise on the flute“ (Musical Herald 1889, S. 149). Sie schloss ihre Ausbildung an der Guildhall School of Music ab, wo sie im Jahr 1884 mehrfach in Schülerkonzerten erwähnt wird. Ihr Lehrer war dort Richard Shepherd Rockstro (1826–1906), Soloflötist an der Covent Garden Opera und Autor mehrerer Werke über Geschichte, Bauweise und Spiel der Flöte.

Noch vor  Aufnahme des Studiums begann Cora Cardigan Ende 1879 eine Jahrzehnte dauernde Berufslaufbahn als Flötistin, Piccoloflötistin und Geigerin, die sich großenteils in Unterhaltungstheatern und Variétés abspielte. Eine Flötistin war in dieser Zeit eine solche Ausnahmeerscheinung, dass noch im Jahr 1907 Hans Mirus, ein Autor der „Woche“, diese Wirkungsstätten als naheliegend bezeichnete: „Den wenigen Flötistinnen, die bisher, mit bedeutendem Können ausgerüstet, in die Oeffentlichkeit getreten sind, hat es an künstlerischen und äußeren Erfolgen keineswegs gefehlt; man hat sie gern auf dem Konzertpodium gehört, und wenn sich die eine oder andere später der Spezialitätenbühne zuwandte, so geschah es, weil eben die Flötistin annoch als Spezialität angesehen wird, und weil in den Variétés mehr Geld zu verdienen ist“ (Mirus, S. 2072). In einer beispiellosen Auftrittsdichte war Cora Cardigan zunächst in England unterwegs. „Her performances, a music hall manager said, were appreciated by him because they helped to raise the music halls above the level of clever comic singers and acrobats. Miss Cardigan was so successful that her services were retained for upwards of fifty successive nights at the Royal Aquarium [Unterhaltungstheater in Westminster], and she has been heard in almost every large town in the Kingdom“ (Musical Herald 1889, S. 149). Der Autor erwähnt auch die Mitwirkung in Leila Clays’ Ladies’ Orchestra und eine zweijährige Tour durch die Vereinigten Staaten, die aber in der dortigen Presse anscheinend keinen Niederschlag gefunden hat.

 


Cora Cardigan und Louis Honig, Photographie wahrsch. 1889.

 

Ausführliche Würdigungen von Cardigans Leistungen als Musikerin finden sich 1884, als sie in Schülerkonzerten der Guildhall School of Music mitwirkte: „One of the features of the concert was the brilliant playing of a flute solo by Miss Cora Cardigan, a young lady of exceptional talent“ (Athenæum 1884 II, S. 600). „Miss Cora Cardigan can scarcely be called a pupil. She is mistress of her art. This she demonstrated in a Concertstück for the flute. To a soft, limpid tone and executive powers that know not difficulty she adds artistic phrasing and genuine expression“ (MusW 1884, S. 805). Am 17. Febr. 1885 folgte ein Konzert in Princes’ Hall: „In Weber’s Trio for Pianoforte, Flute, and Violoncello, Op. 63, Kuhlau’s Duet in G for Piano and Flute, and various items by other composers, Miss Cardigan evinced a complete mastering over an instrument not usually studied by ladies, and fully deserved the enthusiastic applause of the audience“ (Athenæum 1885 I, S. 257). „Miss Cora Cardigan, who is at present to be seen at Collin’s Music Hall on Islington Green, is one of the most talented lady instrumentalists on the boards. She plays with considerable skill and feeling on the violin, besides giving performances on the flute and piccolo“ (Musical Standard 1886 II, S. 138). In den folgenden Jahren hatte sie Gelegenheit, neben ihren landesweiten Engagements in unterhaltenden Programmen, zusätzlich im Londoner Bow and Bromley Institute, im Crystal Palace und in der Londoner Salle Erard aufzutreten. Als einer der Höhepunkte ihrer Karriere wurde anscheinend ein Gastspiel im Berliner Reichshallentheater 1886 betrachtet, „where her engagement was extended for 28 performances“ (Musical Herald 1889, S. 149).

Am 14. Jan. 1889 heiratete die Musikerin den Komponisten Louis Honig (um 1850–1906), der am 2. Febr. 1889 im Bow and Bromley Institute bei einem Grand air varié von Jules Demersseman auch als ihr Klavierbegleiter auftrat. Cora Cardigan, wie sie sich weiterhin nannte, spielte eine Böhmflöte aus der Werkstatt von Rudall & Carte in einer Variante ihres Lehrers Rockstro, der der Böhm’schen Applikatur einen Fis-Hebel zugefügt hatte, und setzte sich in Fachkreisen für dieses Modell ein. Als Piccolo bevorzugte sie die von Robert Sidney Pratten entwickelte Bauweise. 1903 findet sich im „Era Almanack“ eine Werbung der Instrumenten-Händler Schuster in London, derzufolge „the World-Famous Soloist“ Miss Cora Cardigan „has expressed her admiration of the tone, finish, and general excellence of the Schreiber Flute, and purchased one“ (Era Almanack 1903, Jan., S. [134]). In Diskussionen über Flöten-Fabrikate, die in der „Musical Opinion and Music Trade Review“ geführt werden, wird mehrmals ihr Name genannt und ihre Modell-Wahl als beispielhaft angeführt. Ein anonymer Leserbrief-Autor („P. R. B.“) schreibt in diesem Zusammenhang. „I have heard a lady flautist  Miss Cora Cardigan  on several occasions. I heard her play some most difficult pieces in excellent style, and I am still waiting to listen to a better performer“ (Musical Opinion and Music Trade Review 1889, Okt., S. 29).

 

 

Für ausführliche Recherchen über die Herkunft Cora Cardigans und ihre Familie bedanke ich mich bei Aubrey Slaughter.

 

LITERATUR

The Academy 1882, 30. Dez., S. 5; 1883, 6. Jan., S. 5

Athenæum 1884 II, S. 600; 1885 I, S. 257

The Era 21. Dez. 1879 u. v. a.

The Era Almanack 1884, Jan., S. [133]; 1903, Jan., S. [134]

Fun 1882 II, S. 236; 1886 I, S. 186; 1888 II, S. 2; 1891 I, S. 3

Magazine of Music 1894, S. 22, 36f.

Musical Herald 1889, S. 149f.

Musical News 1891 II, S. 638

Musical Opinion and Music Trade Review 1889, Okt., S. 29; Nov., S. 81f.; Dez., S. 136; 1890, März, S. 254; 1893, Sept., S. 718

Musical Standard 1882 II, S. 241; 1883 II, S. 373; 1884 II, S. 270; 1885 I, S. 139; 1886 II, S. 138; 1887 I, S. 168; 1889 I, S. 133; 1890 II, S. 484; 1898 I, S. 112

MusT 1885, S. 16; 1893, S. 467

MusW 1883, S. 769; 1884, S. 805; 1889, S. 27

The Non-Conformist Musical Journal 1894, S. 18

The Theatre. A Monthly Review of the Drama, Music and Fine Arts 1882, S. 293

Brown Brit

Hans Mirus, „Originelle Künstlerinnen“, in: Die Woche. Moderne Illustrierte Zeitschrift 47 (1907), S. 2071–2074.

Leonardo De Lorenzo, My Complete Story of The Flute. The Instrument. The Performer. The Music, New York 1951.

Henry Macauly Fitzgibbon, The Story of the Flute, London 1928.

Adolph Goldberg, Porträts und Biographien hervorragender Flöten-Virtuosen, -Dilettanten und -Komponisten, Berlin 1906, Repr. hrsg. von Karl Ventzke, Celle 1987.

Paula Gillett, Musical Women in England, 1870–1914. „Encroaching on All Man’s Privileges“, Basingstoke u. London 2000.

 

Bildnachweis

The Musical Herald 1889, S. 149

Goldberg, S. 23

 

Freia Hoffmann

 

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