Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Broes, Elizabeth Jeanne, verh. Wylep, Wijlep

* 20. Jan. 1795 in Amsterdam, † 3 . Juli 1853 in Rio de Janeiro, Pianistin und Komponistin. Elizabeth Jeanne Broes, Tochter von Hendrij Broes und dessen Frau Cornelie Maria van Dam, wuchs in Amsterdam auf, wo sie als junges Mädchen Clavierunterricht erhielt. Im Jahr 1804 reiste sie mit ihrem Vater nach Paris und setzte ihre Ausbildung in Klavierspiel und Komposition fort: Zunächst nahm sie Unterricht bei François-Joseph Fétis (1784–1871), anschließend bei dem späteren Dresdener Organisten August Alexander (Stephan) Klengel (1783–1852).

1814 kehrten Vater und Tochter nach Amsterdam zurück. Elizabeth Jeanne Broes gab hier Clavierstunden und trat als Pianistin auf. Belegt ist ihre zweimalige Teilnahme an den wöchentlich stattfindenden Felix-Meritis-Konzerten (20. Jan. 1815 und 28. Febr. 1817). Dabei erklangen unter anderem Werke eigener Komposition. So berichtet beispielsweise die „Allgemeine musikalische Zeitung" von einem dieser Konzerte, dass „Dem. Broes, eine Dilettantin“ ein Konzert von Ries „gut“ gespielt habe „und recht hübsche Variationen von ihr selbst auf God save the King, wobei sie aber etwas zu sehr eilte“ (AmZ 1817, Sp. 513).

Im Alter von 24 Jahren heiratete Elizabeth Jeanne Broes den Kaufmann Carel Joachim Wylep. Aus der Ehe gingen elf Kinder hervor. Als Carel Joachim Wylep in Funktion eines niederländischen Konsuls nach Pernambuco (Brasilien) gesandt wurde, begleitete ihn seine Frau. Damit endete ihre musikalische Karriere. Sie starb am 3. Juli 1853 in Rio de Janeiro. Eine kurze Notiz im „Algemeen Handelsblad“ berichtete auch in der alten Heimat von ihrem Tod.

Elizabeth Jeanne Broes ist ein typisches Beispiel für das Schicksal niederländischer Musikerinnen: Trotz Auftritten in allgemein als hochwertig anerkannten Konzertreihen und trotz eigener Kompositionen galten sie immer als Dilettantinnen, das heißt, als nichtprofessionelle Musikerinnen, deren öffentliches Auftreten nach der Heirat beendet war. Diese ambivalente Einschätzung schlägt sich auch in den Kommentaren zu ihrem Spiel nieder. So schreibt die „Allgemeine musikalische Zeitung" 1815 etwa, die „ausgezeichnete“ Demoiselle Broes spiele „mehr angenehm als brillant“, lobt aber, dass sie alles, was sie spiele, „sehr gut und mit vielem Ausdruck“ vortrage (AmZ 1815,  Sp. 319f.).

 

WERKE  FÜR KLAVIER

Rondo pour piano avec violoncelle obligé (Mainz)

Variations sur un thème original (Paris)

Variations sur la romance de l’aveugle (Paris)

Variations sur l’air anglais: God save the King (Amsterdam)

Variations sur la romance: A voyager passant sa vie (Amsterdam)

Contredanses pour le piano (Paris)

Grande valse, mit obligater Violine (Den Haag)

 

LITERATUR

Gemeentearchief Amsterdam, Archief 59/335 Felix Meritis society, handschriftliche Konzertprogramme

Algemeen Handelsblad [Amsterdam] 19. Aug. 1853

AmZ 1815, Sp. 319f.; 1817, Sp. 513

Schilling, Mendel, Paul, Fétis, Cohen

Gustav Schilling, Das Musikalische Europa, oder Sammlung von durchgehends authentischen Lebens-Nachrichten über jetzt in Europa lebende ausgezeichnete Tonkünstler, Musikgelehrte, Componisten, Virtuosen, Sänger etc., Speyer 1842.

Abraham Jacob van der Aa, Biographisch woordenboek der Nederlanden: bevattende levensbeschrijvingen van zoordanige personen, die zich op eenigerlei wijze in ons vaderland hebben vermaard gemaakt, Haarlem 1852–1878.

Edouard Georges Jacques Gregoir, Biographie des artistes-musiciens néerlandais des XVIII e et XIX e siècles et des artistes étrangers résidant ou ayant résidé en Néerlande à la même époque, Antwerpen 1864.

J. W. Regt, Neêrlands beroemde personen: naar hunne geboortplaatsen in aardrijkskundige orde gerangschickt en beknopt toegelicht, Schoonhoven 1869.

Henri Viotta, Lexicon der toonkunst, Amsterdam 1883.

Helen H. Metzelaar, From Private to Public Spheres. Exploring Women’s Role in Dutch Musical Life from c. 1700 to c. 1880 and Three Case Studies, Utrecht 1999.

Claudia Schweitzer, „… ist übrigens als Lehrerinn höchst empfehlungswürdig“. Kulturgeschichte der Clavierlehrerin (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 6), Oldenburg 2008.

 

Claudia Schweitzer

 

© 2010 Freia Hoffmann