Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Day, Ellen

* 3. März 1828 in London, † 12. Apr. 1916, Pianistin, Organistin. Sie war die Tochter von William Day († 3. März 1851), einem Geiger am Drury Lane Theatre, von dem sie ihren ersten Unterricht bekam. Ellen Day erhielt auch Unterweisungen von Eduard Schulz (= Shultz), der sie – darauf weist eine Notiz in der „Musical World“ hin (1838, S. 106) – unentgeltlich unterrichtet hat. Ihre weitere Ausbildung als Pianistin erhielt sie von Henry Westrop. Später unterrichtete sie der Crystal-Palace-Organist James Coward.

Ellen Days erster öffentlicher Auftritt fand im März 1836 im Drury Lane Theatre statt. Eine Ankündigung im „Theatrical Observer“ aus diesem Monat zeigt, dass die Pianistin sich in einem Konzert hören ließ, das vor allem von Vokalmusik (Teile aus Oratorien von Händel, Schneider u. a.) geprägt war, daneben aber einzelne instrumentale Beiträge (etwa Haydns Abschiedssymphonie) enthielt. Laut Programm spielte sie, gemeinsam mit dem von Nicolas Mori geleiteten Orchester, ein Stück Czernys (Grand Fantasia), wobei es sich, wie die Pianistin viele Jahrzehnte später sagte, jedoch eigentlich um Musik des Klavierkomponisten Franz Hünten handelte. Da dieser damals jedoch kaum bekannt gewesen sei, wurde er einfach durch den Namen Czernys ersetzt. Nachdem Ellen Day 1837 wieder an der Drury Lane aufgetreten war, zeigte sich der Rezensent der „Musical World“ begeistert: „Her execution of Czerney’s [sic] Fantasia, Le Petit Tambour, surprised us for its mastery not merely over the grander capabilities of the instrument, but for the exhibition of an entire sympathy with its powers of softer expression, which we do not always meet with, even in performers of a mature age (1837 II, S. 29). Im Juni 1838 konzertierte sie mit Johann Strauss (Vater) als Dirigent und trat dabei gemeinsam mit der sich ebenfalls noch im Kindesalter befindenden Teresa Milanollo auf. Dabei spielte die Pianistin ein Konzertstück Leopoldine Blahetkas. Auch hier zeigte sich der Rezensent der „Musical World“ von ihrem Spiel angetan: „Miss Day, as far as her little hands will permit, is quite up to any thing which the difficulties of modern pianoforte music can demand of her (MusW 1838, S. 116). Im Sept. 1838 spielte sie in den Public Rooms in Windsor (Fantasie von Thalberg) und wurde im Anschluss daran eingeladen, vor der Königin Victoria aufzutreten, der das Klavierspiel Ellen Days – sie spielte dort ein Rondo von Hummel und eine Fantasie Doehlers – zu gefallen schien: „With such brilliancy and taste did this gifted child (only ten years of age) execute these different pieces as to give infinite delight to the whole of the Royal party. Her Majesty was graciously pleased to express her admiration, and to confirm it by a very liberal present (Berkshire Bucks and Windsor Herald, zit. nach Lady Organists 1909, S. 165).

1840 und 1841 spielte Ellen Day gemeinsam mit dem Geiger John Thomas Willy, ab ca. 1843 musizierte sie im Duo mit ihrem Bruder, dem Violinisten John Day. Beide reisten im Dez. 1843 nach Brüssel. Ob sie dort – wie in der „Musical World“ (1843, S. 407) angekündigt – ihre Ausbildung vervollständigen konnte, ist unklar (ihr Bruder erhielt in Brüssel Unterricht von de Bériot). Doch die Geschwister Ellen und John Day konzertierten dort erfolgreich, auch die „Neue Zeitschrift für Musik“ nahm die Pianistin nun zur Kenntnis. Die Belgien-Reise jedoch scheint ihr einziger Aufenthalt außerhalb der britischen Inseln gewesen zu sein.

Kurz nach ihrer Rückkehr erhielt sie eine freundlich anerkennende Einladung Mendelssohn Bartholdys, ihm vorzuspielen (siehe Abb). In dieser Zeit ließ sie sich auch von Chopin und Liszt bei deren London-Besuchen hören. 1845 musizierte die Pianistin erneut im Konzert der Schwestern Milanollo bei deren zweitem London-Aufenthalt. Um 1850 herum trat Ellen Day in einer Reihe von Londoner Konzerten auf, wo sie als Kammermusikerin mit ihrem Bruder und anderen InstrumentalistInnen (etwa 1851 vierhändig mit der Pianistin Kate Loder), aber auch solistisch spielte. Die Beurteilungen durch die britische Fachpresse sind durchgehend günstig.

 

Einladung Ellen Days durch Felix Mendelssohn Bartholdy

 

1852 und 1853 unternahm Ellen Day gemeinsam mit mehreren Instrumentalisten und SängerInnen ( u. a. so prominente Musiker wie Camillo Sivori und Giovanni Bottesini) eine längere Konzertreise durch Großbritannien, bereiste dabei u. a. Derby, Manchester, Liverpool, Aberdeen, Glasgow, Birmingham und das irische Dublin. Auch dabei erhielt sie gute Kritiken, aus Hanley berichtete der Korrespondent der MusW: „The concert opened with a pianoforte solo, composed by Thalberg, on themes from Mozart’s Don Giovanni, played by Miss Ellen Day, who exhibited fine feeling, elasticity of touch, and self-possession for which we were scarcely prepared. In the whole of her performances, and particularly in the accompaniments to the subsequent pieces, she proved herself an accomplished musician (MusW 1852, S. 155). Der „Derby Mercury” äußerte sich geradezu begeistert über die Pianistin, die in diesen Konzerten offenkundig auch die Rolle der Klavierbegleiterin übernahm: „Her style of playing was at once powerful and refined, full of fire, and instinct with feeling. Throughout the evening, this young lady, who performed the part of chief accompanist, won golden opinions from the audience, whom she delighted almost as much by the unobtrusive grace and winning sweetness of her deportment, as by the display of her really high musical attainments (18. Febr. 1852).

Nach dieser Reise trat sie weiterhin in London und Umgebung auf. 1854 spielte sie in Exeter an einem Abend mit Arabella Goddard sowie 1855 und 1856 mit dem damals berühmten Concertinisten Giulio Regondi.

Ihre Konzerttätigkeit behielt Ellen Day bis zur Mitte der 1860er in auffallender Intensität bei, erst danach nahmen ihre Auftritte langsam ab. Offenbar hat Ellen Day auch Klavierunterricht erteilt. So konzertierte sie 1875 mehrmals gemeinsam mit einer „Miss Bolton, pupil of Miss Day“ (MusW 1875, S. 273, auch The Orchestra 1875, S. 303).

Das Repertoire Ellen Days war offenkundig schon früh umfangreich, breit gefächert und enthielt neben Werken für Klavier solo auch Kammermusik. Außer Virtuosenwerken der Zeit (etwa Musik von Thalberg) spielte sie z. B. Werke Beethovens (Klaviersonaten, u. a. die Nr. 8 Pathetique, Nr. 15 Pastorale; Kammermusik, etwa das c-Moll-Klaviertrio; Klavier-Violin-Sonaten, z. B. die Kreutzersonate, die sie mit ihrem Bruder spielte), Mendelssohn Bartholdy (Lieder ohne Worte, Klaviertrio Nr. 1 d-Moll) oder Carl Maria von Webers (u. a. etwa die Klaviersonate Nr. 1 C-Dur oder das Grand Duo Concertant Es-Dur für Klarinette und Klavier), aber auch Werke von Liszt und Chopin. Dazu kamen gelegentlich eigene Bearbeitungen. „The melodious pastorale from Rossini’s opera, Guillaume Tell, has been transcribed for the pianoforte with much taste by Ellen Day; it is a piece that will surely win public favour (The Graphic 1879, 24. Mai).

Ab 1864 begann Ellen Day, auch an der Orgel zu musizieren. In jenem Jahr wurde sie Organistin der St. Matthew’s Church in Westminster, ab 1882 übernahm sie das Amt des „chief musician“ (MusT 1909, S. 165) als Organistin an der Christ Church, ebenfalls in Westminster. Dort spielte „the doyen of lady organists(MusT 1909, S. 587) bis ins 20. Jahrhundert hinein Orgel.

 

LITERATUR

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Athenaeum 1849 I, S. 364; 1856 I, S. 817; 1857 I, S. 827, 886f., 1863 II, S. 687; 1864 I, S. 585; 1873 I, S. 155; 1875 I, S. 665; 1876 II, S. 411

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The Ipswich Journal 1854, 22. Juli; 1855, 18. Aug., 8., 15., 22.,29. Sept., 25. Dez.; 1866, 21., 28. Apr., 5. Mai

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Liverpool Mercury 1852, 17., 20., 24., 27. Febr.; 1855, 4. Sept., 14., 18., 21. Sept.

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Musical Examiner 1843, S. 220, 228, 233; 1844, S. 375, 408, 491, 563, 587, 825, 850

Musical Gazette 1856, S. 259, 532, 305f.; 1857, S. 21; 1858, S. 27

Musical Standard 1866, S. 383; 1871, S. 38; 1873, S. 264, 344; 1874, S. 74, 183; 1875, S. 2, 24, 386; 1877, S. 89

MusT 1869, S. 14; 1874, S. 583; 1875, S. 78; 1877, S. 399; 1887, S. 45; 1888, S. 171, 172; 1899, S. 124; 1909, S. 587; 1916, S. 250

MusW 1837, S. 29; 1838, S. 106, 111, 116f., 130, 147; 1840, S. 159, 294; 1841, S. 236, 302, 345; 1843, S. 193, 199, 379, 407; 1844, S. 6, 14, 21, 45f., 106, 145, 224, 337; 1845, S. 133, 242, 573; 1846, S. 9, 15, 179, 283; 1847, S. 237, 352; 1849, S. 64, 79, 83, 175, 206, 254, 269, 222, 317, 366, 704, 720, 755; 1850, S. 490; 1851, S. 315, 336, 461; 1852, S. 115, 125, 154, 204f., 284; 1853, S. 216, 253; 1854, S. 53, 64, 71, 202, 211, 821; 1855, S. 610, 650; 1856, S. 160, 369, 575; 1858, S. 43; 1863, S. 566; 1864, S. 695; 1865, S. S. 55, 303, 358; 1866, S. 151, 333, 358, 374, 416; 1869, S. 118; 1875, S. 237, 273, 404, 446

The Orchestra 1863, S. 70, 117; 1874, S. 343, 406; 1875, S. 303

The Pall Mall Gazette (London) 1867, 6., 7., 8. Mai

The Preston Guardian 1855, 25. Aug., 1., 8. Sept., 22. Sept.

Theatrical Observer 1836, 25. März; 1839, 31. Aug.; 1840, 9. Okt., 1841, 29. t; 1842, 14. Febr.; 1844, 2. Jan

Brown Brit

Anonym, „Lady Organists, and One in Particular – Miss Ellen Day, in: MusT 1909, S. 163-166.

Percy Alfred Scholes, The Mirror of Music. A century of musical life in Britain in the pages of the Musical Times, 2. Bde., Bd. 2, London 1947.

 

Bildnachweis

Ellen Day. Photographie von Emberson & Son, ca. 1909, in: MusT 1909, S. 163

Einladung durch Felix Mendelssohn Bartholdy, Faksimile, MusT 1909, S. 165.

 

Volker Timmermann

 

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