Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Topp, Alide (Eleonore Sophie), Alida, verh. von Schoeler

22. Apr. 1844 in Teterow/Mecklenburg-Schwerin, † 7. Juli 1935 in Charlottenburg (heute Stadtteil Berlins), Pianistin. Ihre Eltern waren Dorothea (Doris) Hagemann und der Verlagsbuchhändler Carl Topp. Die frühesten Belege betreffen ihr Studium am Stern’schen Konservatorium in Berlin, wo sie 1861 in den Prüfungsberichten der „Neuen Berliner Musikzeitung“ lobend erwähnt wird: „Von den von uns gehörten Pianistinnen ist Frl. Alide Topp aus Stralsund vielleicht die talentvollste. Sie spielte das Scherzo aus Weber’s Sonate op. 49 mit richtiger Empfindung, evidenter Klarheit und Deutlichkeit in den Passagen, die mit Geläufigkeit den Fingern entperlten. Es war eine ausgezeichnete Leistung“ (Bock 1861, S. 108). Ein Jahr später wird dort bei gleichem Anlass ihre „elegante, weiche Ausdrucksweise“ (Bock 1862, S. 116) hervorgehoben. Ihr Lehrer war Hans von Bülow (1830−1864), der in einem Brief vom 29. Mai 1863 an Julius Stern, als Alide Topp ihr Studium offenbar beendet hatte, darum bat, sie weiterhin unentgeltlich privat unterrichten zu dürfen, obwohl dies in seinem Arbeitsvertrag untersagt war. Seine Begründung: „Ich glaube nicht, daß Fräulein Topp noch einen anderen Unterricht als den meinigen gebrauchen kann“ (Bülow 1898, S. 535). 1864 vergleicht er in einem anderen Brief seinen Schüler Ottfried Rötscher mit ihr: „An die Topp freilich − da reicht er nicht; die ist für mich, was ich für Liszt“ (Bülow 1898, S. 608).

Alide Topp hatte zu diesem Zeitpunkt in Stralsund und Putbus bereits Konzerterfahrungen mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 und Klavierwerken von Schumann, Weber, Raff, Chopin, Bülow und Liszt sammeln können (1862, 1863). Im Febr. 1864 hatte sie in Leipzig mit dem Klavierkonzert Nr. 1 in Es-Dur von Liszt sowie dem Faschingsschwank aus Wien von Schumann debütiert: „Eine hervorragende Pianistin lernten wir in Frl. Alide Topp […] kennen. Sehr ausgebildete Technik, warmer, begeisterter Vortrag und wahrhaft künstlerische Auffassung sind die charakteristischen Merkmale dieser jungen Künstlerin“ (AmZ 1864, Sp. 166). Mit Auftritten in Greifswald (1864), Karlsruhe (Tonkünstler-Versammlung Aug. 1864), Schwerin, Wiesbaden (Saison 1864/65), Rostock (1865), Löwenberg (1865/1866), Berlin, Schwerin und Breslau (1866), Kassel und wiederum Löwenberg (1867) erwarb sie sich den Ruf einer bedeutenden Interpretin hochvirtuoser Werke, insbesondere von Franz Liszt. Nachdem die „Neue Zeitschrift für Musik“ die „künstlerischen Kraftnaturen, wie Frl. Topp und Frl. [Anna] Mehlig (NZfM 1865, S. 63) im Richtungsstreit für die Partei der „Neudeutschen“ vereinnahmt hatte, folgte in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ die entsprechende Mahnung: „Möge nur die liebenswürdige Künstlerin sich allmälig mehr von der Schule zu emancipiren suchen und, wie ja auch die Meister dieser Schule sich bequemen müssen, sich von der Höhe der Zukunft etwas mehr in die Tiefe der Vergangenheit versenken. Sie spielte die Beethoven’sche Sonate Op. 81, Variationen von Händel, Sarabande und Passepied von Bach interessant und gut, die Sachen von Liszt aber lieber und besser, und ein Salonstück von Tausig am besten“ (AmZ 1865, Sp. 156f.). Die Beschäftigung mit Musik des 18. Jahrhunderts blieb aber die Ausnahme, im Zentrum ihres Repertoires standen weiterhin Klavierkonzerte und Solokompositionen von Beethoven, Chopin, Schumann und Liszt.

„Das Spiel von Frl. Topp erinnert an das Bülow’s, doch versteht es zugleich die junge Künstlerin durch die ihr eigene Zartheit und Grazie, demselben auch einen ausgeprägten individuellen Charakter zu geben“ (NZfM 1866, S. 117). Andernorts wurden „Zartheit und Grazie“ gelegentlich vermisst, so vom Berliner Korrespondenten Alexis Holländer: „Frl. Topp befestigte den guten Eindruck durch ihr Spiel, das sich als ein männlich ernstes, edel virtuoses erwies; die Wahl des ‚Faschingsschwanks‘, so sehr sie sonst ihrer Künstlerschaft zur Ehre gereicht, war insofern nicht glücklich, daß ihr darin nur Gelegenheit gegeben war, sich vorzugsweise von Seite der Kraft zu zeigen“ (NZfM 1867, S. 69).

Im Herbst 1867 reiste Alide Topp in die Vereinigten Staaten, im Gepäck ein Empfehlungsbrief ihres Lehrers Hans von Bülow („son-in-law of Franz Liszt“) an „Mr. Steinway“ (wohl William Steinway), der in der Presse wie folgt abgedruckt wurde: „World-renowned she is not as yet, the young interesting Miss Alide Topp, (court pianist of the Duke of Hohenzollern,) whom I with pride call my pupil; but she soon will be, as her début in those cities where she has publicly performed, invariably created a profound sensation. Great as some of our lady pianists in the present musical world are ([Clara] Schumann, [Wilhelmine] Clauss[Anna] Mehlig, [Arabella]Goddard, etc.,) Miss Topp surpasses and distances them all. The artistic geniality which distinguishes her, justifies her beeing classed not with the female, but male pianists. This delicate, handsome lady possesses a technic, a strength, a fire, enabling her to enter the lists with a [Anton] Rubinstein or Tausig. Do not suppose that I exaggerate; you yourself will have the chance to test my recommendation, and you will surely bear testimony to the same as soon as you have heard and admired this young lady’s playing (Boston Daily Advertiser 18. Okt. 1876). Im Nov. 1867 eröffnete Alide Topp mit einem Konzert der Arion Society in New York eine lange Reihe erfolgreicher Konzerte, trat im Juni 1868 beim Musikfest in Boston auf, spielte anschließend in Cleveland, begann die Saison 1868/69 wiederum in New York und Boston, konzertierte 1869 in Cincinnatti, Milwaukee, New York und Lowell. Am Jahreswechsel hielt sie sich in Boston auf, konzertierte am 14. Febr. 1870 in Washington und wurde anschließend im Weißen Haus vom Präsidenten Ulysses S. Grant empfangen. Teilweise erfolgten die Reisen zusammen mit der Konzert-Truppe des Impresarios Max Strakosch, in der auch die Sängerin Clara Louise Kellogg mitwirkte.

Die deutsche Musikpresse verfolgte Topps Karriere weiterhin mit Sympathie. So nahmen die „Signale für die musikalische Welt“ ihr New Yorker Debüt im Nov. 1867 zum Anlass, aus der „New Yorker Musikzeitung“ eine ausführliche Charakterisierung zu referieren: „Sie spielte das glänzende, schwierige, fesselnde und interessante Esdur-Concert von Liszt ohne Noten und zeigte durch ihr correctes Spiel, bei welchem jede Stelle gerade so wie sie geschrieben ist zu Gehör kam, ihr treffliches Gedächtniß. Ueber die Künstlerin selbst können wir nur das Schmeichelhafteste sagen. Sie hat alle Elemente zu einer vollendeten Künstlerin in sich, und steht der Vollendung so nahe, daß es blos die Frage einer kurzen Zeit ist, sie zu einer der ersten Künstlerinnen der Welt heranreifen zu sehen. Wenn sich der bei jeder jungen Künstlerin nothwendig zeigende Sturm und Drang, das Schäumen und Gähren der in ihr wohnenden Kraft ein wenig geklärt haben werden, und die selbstbewußte Ruhe eingetreten sein wird, so wird die strengste Kritik nichts mehr zu erinnern haben. Als ausübende Pianistin ist Fräulein Topp auf der höchsten Entwicklung der Kunst angelangt und ihre Technik ist die gewaltige der modernen romantischen Pianoschule, wie sie in Liszt, Tausig, Bülow und Rubinstein die bedeutendsten Vertreter findet. Schwierigkeiten giebt es für sie nicht, ihre Arm- und Handhaltung ist tadellos, ihr Anschlag klar, wenn auch nicht gerade immer sympathisch, die Verzierungen macht sie fein und graziös, und sie ist überaus sicher“ (Signale 1868, S. 10). Ihre Mitwirkung im 2. Philharmonischen Konzert in New York Ende Dez. 1867 (Weber: Konzertstück f-Moll, Liszt: Orchesterfantasie über Beethovens Ruinen von Athen) fand allerdings bei den New Yorker Korrespondenten der deutschen Fachblätter, vor allem beim prominenten Emigranten Theodor Hagen, wenig Gegenliebe (Signale 1868, S. 99).

Die amerikanischen Blätter annoncierten Alide Topp, dem Empfehlungsschreiben Bülows folgend, als „the first living female pianist“ (Daily Cleveland Herald 4. Nov. 1867), „one of the foremost female pianists in the world incomparably the finest who has ever been heard in America“ (Boston Daily Advertiser 1. Mai 1868), „the most celebrated lady pianist in the world“ (Lowell Daily Citizen and News 14. Dez. 1869). Sie berichteten von „series of triumphs not easily won by older and better known Pianists“ (Daily Cleveland Herald 26. Mai 1868), „astonishing power over the piano“ (ebd. 6. Juni 1868), „wonderful rapidity, accuracy and directness“ (ebd. 13. Juni 1868) und bezeichneten die Musikerin als „one of the most gifted pianists that has ever appeared“ (ebd. 6. Juni 1868).

Ob eine ausführliche Besprechung des 1. New Yorker Philharmonischen Konzerts am 27. Nov. 1869, in dem sie unter dem Dirigat von Carl Bergman erneut das Konzert Es-Dur von Franz Liszt zu Gehör brachte, tatsächlich spielerische Mängel belegt, ist kaum zu entscheiden − ist der Text doch deutlich von der Annahme geprägt, Frauen seien einem solchen Werk grundsätzlich nicht gewachsen: „The concert is one of the most colossal of piano works, and needs wrists of steel to execute its marvellous passages. Miss Alide Topp played it for her débût [sic] at Steinway Hall when she first came to this country. She has improved much since in her rendering of the work, but still we do not think it possible for any lady to succeed in mastering it. The physical exertion alone required in it incapacitates the slender fingers and delicate wrist of Miss Topp from ever reaching the goal of perfection in the execution of the wonderful measures of Liszt’s work. She played the opening march well, with clearness and properly balanced power; and in the delicious little scherzo her remarkable delicacy of execution and poetic conception were shown to advantage. But in the quasi adagio […] the bold, passionate declamatory phrases in octaves did not receive that force of expression which was due to them. Again in the wild dashing finale in which the opening motive rushes through nearly every scale on the piano, Miss Topp took the tempo too slow and exhibited evidences of weariness in the rendering of the lightning passages which flash through the stormy background of the orchestra. In the terrible trill which occurs in the concerto and which extends over several pages of the score, the weakness of the player was felt. Still Miss Topp played admirably and deserved the applause which greeted her, but she should not overtask her powers again by selecting such a Titanic work“ (New York Herald 28. Nov. 1869).

Im März 1870 kündigten amerikanische Tageszeitungen eine Reise nach Brasilien an, wo die Künstlerin „good offers from Rio de Janeiro“ (Milwaukee Daily Sentinel 25. März 1870) habe. Ob diese Reise vor ihrem New Yorker Abschiedskonzert Anfang Mai 1870 tatsächlich stattfand, lässt sich zurzeit nicht ermitteln. Über die weiteren Pläne der Musikerin war die „Cincinnati Daily Gazette“ informiert: „Miss Alide Topp, who sailed for Europe on Saturday, has gone home to be married“ (Cincinnati Daily Gazette 14. Mai 1870). Das „Militär-Wochenblatt“ zeigte 1871 die Verlobung von „Frl. Alide Topp mit dem Pr. Lt im Inf. Regt. Nr. 78 Hrn. v. Schoeler (Stralsund)“ an (Militär-Wochenblatt 1871, S. 277). Die Hochzeit mit dem Oberstleutnant Franz Ludwig Richard August Wilhelm Gebhard von Schöler (1842−1892) fand am 6. Nov. 1871 statt. Alide von Schöler bekam drei Söhne: Egon Friedrich Richard Heinrich Ludwig Constantin, geb. am 24. Aug. 1873 in Stralsund, Edgar August Franz Carl Ernst Wilhelm, geb. am 21. Nov. 1874 in Aurich, und Frank Carl Emil Paul, geb. am 2. Apr. 1876 in Aurich. Nach dem Tod des Ehemannes lebte Alide von Schöler in Charlottenburg.

Informationen über musikalische Aktivitäten nach der Heirat liegen zurzeit nicht vor.

 

LITERATUR

AmZ 1864, Sp. 166, 653; 1865, Sp. 156f.

Bangor Daily Whig and Courier 20. Mai 1870

Berliner Adressbücher 18991930

Bock 1861, S. 108; 1862, S. 116; 1863, S. 133f.; 1864, S. 365; 1866, S. 381; 1868, S. 231

Boston Daily Advertiser 1867, 18. Okt.; 1868, 1. Mai, 13. Nov.; 1870, 14., 16. Febr., 4. Mai

Boston Daily Journal 1868, 11. Mai, 18. Juni; 1869, 27., 29. Dez.; 1870, 17. Febr.

Cincinnati Daily Gazette 1869, 20.23. Jan.; 1870, 14. Mai

The Critic 29. März 1869

Daily Cleveland Herald 1867, 4. Nov.; 1868, 26. Mai, 6. , 11., 12.13., 16. Juni

Die Deutsche Schaubühne. Organ für Theater, Musik, Kunst, Literatur und sociales Leben 1864, S. 8

Hartford Daily Courant 1869, 7. Jan.; 1870, 11. Mai

Lowell Daily Citizen and News 1869, 14., 18. Dez.

Militär-Wochenblatt 1871, S. 277

Milwaukee Daily Sentinel 1867, 3. Dez.; 1868, 8. Juni; 1869, 18., 21. Okt., 15. Nov., 14. Dez.; 1870, 24. Febr., 2., 25. März, 6. Mai

New York Herald 1867, 8. Dez.; 1869, 28. Nov.; 1870, 2. Mai

NZfM 1862 II, S. 199; 1863 I, S. 144; 1863 II, S. 115, 143; 1864, S. 97, 249f., 318, 329f., 336, 455; 1865, S. 43, 47f.,63; 1866, S. 117, 314, 402, 417f., 426, 442; 1867, S. 35, 69, 409, 444, 454; 1868, S. 35, 92, 218, 225, 424, 457; 1870, S. 11, 214; 1872, S. 237

Niederrheinische Musik-Zeitung 1862, S. 407

Schlesische Provinzialblätter 1866, S. 736

Signale 1865, S. 103, 659; 1866, S. 828; 1867, S. 208, 301, 333, 902, 956, 987; 1868, S. 10, 58, 99, 122, 248, 383, 555, 572, 595, 1036; 1870, S. 100

Unsere Zeit. Jahrbuch zum Conversations-Lexikon 1868, S. 231

Hans von Bülow, Briefe und Schriften, hrsg. von Marie von Bülow, 8 Bde., Bd. 4: 1855−1864, Leipzig 1898.

Max Schöler, Die Familien Scholer/Schöler/Schöller unter Einschluss weiterer Schreibverschiedenheiten, o. O. o. J. [Waldbröl 1992].

Alan Walker, Franz Liszt, 3 Bde., Bd. 3: The Final Years, 1861−1886, Ithaka 1997.

 

Freia Hoffmann

 

2012 Freia Hoffmann