Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Ford, Ann, Anne, verh. Thicknesse

22. Febr. 1737 in London, † 20. Jan. 1824 ebd., Gambistin, Lautenistin, Gitarristin, Glasharmonikaspielerin, Harfenistin, Sängerin, Komponistin und Schriftstellerin. Sie war das einzige Kind des Juristen Thomas Ford (?–1768) und seiner Frau geb. Champion. Im Rahmen einer sorgfältigen Erziehung und Ausbildung wurde sie vor allem musikalisch gefördert. Ihr Hauptinstrument scheint die Viola da Gamba gewesen zu sein. Aus gesellschaftlichen Rücksichten beschränkte sich ihre Musizierpraxis zunächst auf Hauskonzerte. Gegen den Willen ihres Vaters strebte sie später auch öffentliche Auftritte an und gab im März und Apr. 1760 in London Konzerte, in denen sie Gambe und Gitarre spielte und selbst komponierte Hymnen sang. Ihre Auftritte als Gambistin verursachten einiges Aufsehen in der Londoner Gesellschaft, obwohl eine Zeichnung von Susanna Duncombe belegt, dass sie das Instrument nicht zwischen die Beine nahm, sondern seitlich auf einen Hocker aufstützte.

Im Jahr 1760 wurde sie in Bath von Thomas Gainsborough, einem engen Freund ihres späteren Mannes, in einem großformatigen Bild mit English guitar und Gambe porträtiert. Auch hier gab es Kritik, da sie mit übereinander gekreuzten Beinen dargestellt ist, in einer Position, die Männern vorbehalten war (Holman, S. 157). Im Januar 1761 konzertierte sie wiederum in London, wobei sie auch die Laute einbezog. Im Herbst desselben Jahres erschienen ihre Instructions For Playing on the Musical Glasses, und in einer dritten Folge von Konzerten stellte sie das Instrument erstmals öffentlich vor. Als Glasharmonika-Lehrer werden der Ire Richard Puckeridge (Ullrich, S. 23) und Frederic Theodor Schumann (Holman, S. 174) genannt. 1762 heiratete Ann Ford den Schriftsteller Philip Thicknesse (1719–1792), den Mann ihrer verstorbenen Freundin Elizabeth Thicknesse, und verzichtete anscheinend von da an – mit Ausnahme eines Wohltätigkeitskonzertes im Jahre 1787 in Bath – auf öffentliches Konzertieren. Die Familie lebte in Welwyn (Hertfordshire), in der Grafschaft Monmouthshire, in Bath und Sandgate (Kent) und ging vielfach auf Reisen. 1792 starb Philip Thicknesse unerwartet während eines Aufenthaltes in Frankreich. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Ann Thicknesse mit ihrer Freundin Sarah Cooper in London.

Von den Publikationen, die Ann Ford hinterließ, ist vor allem ihre Glasharmonika-Schule von 1761 von musikhistorischem Interesse. Es handelt sich um das erste Lehrwerk für dieses Instrument; es erschien kurz vor Franklins Neukonstruktion und bezog sich noch auf das alte Glasspiel, bei dem verschieden große wassergefüllte Gläser mit einem Stöckchen angeschlagen oder mit den Fingerspitzen gerieben wurden. In ihrer Schule spricht sie vor allem musikliebende Damen an und wirbt für das Instrument mit dem Hinweis, die Gläser ähnelten mehr der „human Voice, than any musical Instrument, that ever was, or perhaps, ever will be invented“ (Miss Ford, S. 1), und prophezeit, es werde in kurzer Zeit „become as common a piece of Furniture as an Harpsichord“, da es leicht erlernbar und billig sei (ebd.). Mit der Neukonstruktion Benjamin Franklins, der die Gläser konzentrisch auf einer Walze anordnete, wo  sie mit Hilfe eines Pedalmechanismus in Drehung versetzt werden konnten, wurde die Glasharmonika tatsächlich für einige Jahrzehnte ein von Frauen bevorzugtes Instrument, das von Marianne Davies auf dem Kontinent bekannt gemacht und von Mariane Kirchgessner in zahlreichen Konzerten gespielt wurde.

Kompositionen Ann Fords, darunter Gambensonaten, die in der zeitgenössischen Presse gelegentlich lobend erwähnt werden (Holman, S. 176f.), sind anscheinend nicht erhalten.

 

LITERATUR

Miss Ford, Instructions For Playing on the Musical Glasses, London [1761]

[Ann Ford], Lessons and Instructions for Playing on the Guitar, London [1761?]

Gerber 2, Grove 1, Brown Bio, Fétis, Brown Brit, Eitner, Oxford DNB

Carl Ferdinand Pohl, Mozart in London, Wien 1867.

Hermann Ullrich, Die blinde Glasharmonikavirtuosin Mariane Kirchgessner und Wien. Eine Künstlerin der empfindsamen Zeit, Tutzing 1971.

Freia Hoffmann, Instrument und Körper. Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur, Frankfurt a. M. u. Leipzig 1991.

Peter Holman, „Ann Ford revisited“, in: Eighteenth-Century music 1/2 (2004), S. 157–181.

William Zeitler, The Music and Magic oft the Glass ArmonicaAnne Ford,http://www.glassarmonica.com/armonica/anneford.php, Zugriff am 28. Mai 2009.

Freia Hoffmann, Geheime Botschaften. Thomas Gainsboroughs Porträt der Musikerin Ann Ford, in: Musik im sozialen Raum. Festschrift für Peter Schleuning zum 70. Geburtstag, hrsg. von Freia Hoffmann [u. a.], München 2011, S. 75–87.

 

Bildnachweis

Peter Holman, S. 161

William Zeitler, S. 1

 

Freia Hoffmann

 

© 2009 Freia Hoffmann