Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Steinacker, Irma verh. Radeçki-Steinacker, Radeçki

* 1847 in Triest, † 27. Febr. 1895 in Greiz, Pianistin und Klavierlehrerin. Irma Steinacker war eine Tochter des Theologen Gustav Steinacker (1809–1877) und seiner Ehefrau, der Erzieherin Aurelie geb. Westher (?–1882), Tochter eines Käsmarker Senators. Sie war das jüngste von vier Kindern und hatte drei Brüder: Edmund (1839–1929), Alexander (gen. Sándor, 1841–1901) und Artur (1844–1915). Die Eltern waren Musikliebhaber und führten auch ihre Kinder an die Musik heran. In seinen „Lebenserinnerungen“ schreibt Edmund Steinacker: „Im Hause meiner Eltern, die beide schon in ihrer Jugend durch die Liebe zur Musik zusammengeführt worden waren, wurde eifrig Musik getrieben. Mein Vater besaß eine schöne Tenorstimme, die auch bei der Liturgie am Altar zur Geltung kam. Meine Mutter war eine gute Sängerin, spielte Klavier und Guitarre, und ein Kreis von tüchtigen Dilettanten pflegte in unserem Hause auch die Kammermusik. Ein Statthaltereibeamter, Dr. Rudolf Hirsch – nebenbei auch begabter Dichter – als vorzüglicher Klavierspieler, ein Angehöriger der Wiener Juwelierfirma Köchert als vortrefflicher Violinspieler und ein Beamter, Ritter von Glaunach, als Cellospieler gaben ein schönes Trio ab. Meine Mutter gab mir Klavierunterricht und als neun- bis zehnjähriger Knabe konnte ich mit Köchert ein Divertissement von Reißiger für Klavier und Violine bei einer Hausunterhaltung vorspielen“ (Steinacker 1937, S. 3f.). Möglicherweise übernahm Aurelie Steinacker auch die musikalische Erstausbildung der anderen Kinder. Ob sie Irma Steinacker unterrichtete, ist jedoch fraglich, da das Mädchen bis zu ihrem zehnten Lebensjahr viele Jahre bei bekannten bzw. verwandten Familien aufgewachsen ist. Weil sie das Triester Klima nicht vertrug, wurde Irma Steinacker 1853 in die Obhut der Familie Bexheft in Poprád in der Zips gegeben. Anlässlich des Umzugs der Familie Steinacker nach Weimar wurde sie drei Jahre später nach Pest gebracht. Seit 1857 lebte das Mädchen vermutlich wieder bei ihren Eltern, die in diesem Jahr nach Buttelstedt bei Weimar gezogen waren, wohin Gustav Steinacker auf eine Patronatspfarrstelle berufen worden war.

In den 1860er Jahren studierte Irma Steinacker am Stuttgarter Konservatorium bei Dionys Pruckner (1834–1896) und Sigmund Lebert (1821–1884). 1864 und 1865 ist ihre Mitwirkung in Prüfungskonzerten der Hochschule belegt. Edmund Steinacker betont die herausgehobene Stellung seiner Schwester unter den Kommilitoninnen: „Meine Schwester war nahe daran, ihre Studien an dem Konservatorium als  wie ihr Lehrer Lebert urteilte zweitbeste Pianistin seit dessen Bestand (die beste war die berühmte Anna Mehlig) zu beendigen“ (Steinacker 1937, S. 52). Seit 1868 erfolgten öffentliche Auftritte Irma Steinackers in Stuttgart. Über einen Auftritt in einem Abonnementkonzert der Stuttgarter Hofkapelle schreibt die „Neue Zeitschrift für Musik“: „Diese junge, hoffnungsvolle Künstlerin will erst ‚das Wandern‘ beginnen. Sie ist in unserem Conservatorium gebildet; ich brauche kaum hinzuzufügen, daß ihre Technik in allen Abstufungen des Tones eine wohldurchbildete ist. Wenn sie jetzt, auf eigenen Füßen stehend, von Innen heraus arbeitet und sich dem Geiste der Kunst zuwendet, statt dem tödtenden Buchstaben Alles zu opfern, so wird sie das erhalten, was ihr noch fehlt: Lebendigkeit, Wärme und Tiefe der Auffassung“ (NZfM 1868, S. 139).

Nach dem Studium konzertierte Irma Steinacker in Süddeutschland und Thüringen und befand sich zwischen 1868 und 1870 in Weimar, wo sie im Winter 1868/1869 erstmals öffentlich auftrat. Seit 1869 erhielt sie Klavierunterricht von Franz Liszt (1811–1886) und war neben ihrer ehemaligen Kommilitonin Anna Mehlig sowie Georg Leitert, Graf L. Tarnowsky (möglicherweise Władysław Tarnowski) und Rafael Joseffy eine seiner ersten SchülerInnen in der ehemaligen Hofgärtnerei, wo Liszt vor allem während der Sommermonate an drei Nachmittagen in der Woche PianistInnen kostenlos unterrichtete. „In den folgenden Jahren wuchs ihre Zahl ins Fabelhafte und Weimar wurde zu Zeiten der Anwesenheit Liszt’s so recht die ‚Pianistenstadt der Welt.‘“ (Lina Ramann, S. 477).

Nachdem Irma Steinacker 1869 erstmal in Pest konzertiert hatte, ließ sie sich dort 1870 für mindestens ein Jahr nieder, indem sie konzertierte und Unterricht erteilte. Am 9. Jan. 1871 veranstaltete sie ein Konzert im Pester Hôtel de l’Europe und fand eine wohlwollende Aufnahme in der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“: „Einen großen Genuß hat uns Fräulein Irma Steinacker durch ihr Concert verschafft und ihre ungewöhnliche Begabung auf’s Neue documentirt. Die junge Künstlerin hat seit ihrem letzten hiesigen Auftreten vor zwei Jahren noch ganz bedeutende Fortschritte gemacht; unfehlbare Technik, warmer, verständnißvoller Vortrag, eine wohlthuende Sicherheit und künstlerische Abrundung sind die Vorzüge, durch welche sich ihr Spiel in hohem Grade auszeichnet. Daß sie Vielseitigkeit besitzt, zeigte die characteristische Wiedergabe des mannigfaltigen und interessanten Programms“ (Signale 1871, S. 74), das neben Beethovens Sonate Nr. 21 C-Dur op. 53 (Waldstein), eine Chopin’sche Etüde in c-Moll (op. 10 Nr. 12 oder op. 25 Nr. 12), Liszts Ungarische Rhapsodie Nr. 11 a-Moll Searle 244 und Mendelssohns Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 49 enthielt. „Die bedeutendste Leistung der Pianistin aber war der Vortrag der Cdur-Sonate, Op. 53 von Beethoven, den zweiten Theil besonders hat sie mit ausgezeichneter Klarheit und Sicherheit gespielt und eine echte Wärme entwickelt, so daß der rauschende Beifall und der mehrmalige Hervorruf ganz verdient waren“ (ebd.).

Im Mai 1871 reiste Irma Steinacker nach London. Hinweise auf Konzerte liegen nicht vor. 1873 befand sich die Pianistin wieder in Weimar und ließ sich dort in einer Soiree der Schwestern Anna und Helene Stahr hören. In den darauffolgenden Jahren konzertierte sie in Jena, Altenburg, Halle, Zittau und vor allem in Leipzig. Wiederholt war sie in Konzerten des von ihrem Lehrer Franz Liszt mitbegründeten „Allgemeinen Deutschen Musikvereins“ in Leipzig zu hören.

Irma Steinacker zeigte sich nicht allein als Solistin, sondern beteiligte sich auch an der Aufführung kammermusikalischer Werke. Zu ihren KonzertpartnerInnen zählten der Violinist Robert Bollandt, der Violoncellist Andreas Grabau, sowie die PianistInnen Sophie Menter, José Manuel Jiménez Berroa und Carl Reinecke. Von Reinecke (1824–1910), der 1860 die Leitung des Leipziger Gewandhausorchesters übernommen hatte und nebenher Klavier- und Kompositionsunterricht am dortigen Konservatorium erteilte, erhielt Irma Steinacker möglicherweise in dieser Zeit Klavierunterricht. Dem „Auburn Journal“ zufolge war sie Studentin des Leipziger Konservatoriums (Auburn Journal 1877, ohne Datum).

Nach einem Auftritt in Leipzig im Jahr 1876 wurde Irma Steinacker von Max Plutti als Lehrerin für das Wells College in Auburn/NY engagiert und verließ Deutschland im Herbst des Jahres. Fast zwei Jahre lang war sie am Wells College „as teacher of instrumental and vocal music“ (Auburn Morning News 1. Febr. 1877) tätig. Nebenher konzertierte sie in Auburn und umliegenden Orten (wie Ithaca und Rochester) und fand die Anerkennung des Publikums und der lokalen Presse: „Miss Irma Steinacker, the distinguished German pianist, and favorite pupil of Liszt, whose services were secured by Wells College, at the opening of the present college year, is winning golden opinions from all who listen to her playing. Miss Steinacker has received and accepted an invitation from a number of prominent Auburn ladies to give a public recital and interpretation of the ‚Tone Poets‘ in that city on the evening of Jun. 31st.“ (Ithaca Journal, zit. nach Auburn Journal 1877, ohne Datum).

Nach ihrer Rückkehr aus den USA im Jahr 1878 ließ sich Irma Steinacker in Pest nieder und gab dort „am 18. Nov. eine mit vielem Beifall aufgenommene Soirée, in der sie sich namentlich als feinsinnige Interpretin Chopin’s erwies und den Abend in brillanter Weise mit Liszt’s großen Concertvariationen für 2 Pfte. aus dem ‚Hexameron‘ mit Hrn. Altschul abschloß“ (NZfM 1878, S. 519). 1879 begab sie sich auf eine Reise durch Ungarn und konzertierte unter anderem in Szolnok, Nagyszeben, Debrecen und Cluj-Napoca „mit bestem Erfolg und reichem Beifall, ihre Programme zeichneten sich stets durch Gediegenheit und Mannigfaltigkeit aus“ (Signale 1879, S. 121).

Im darauffolgen Jahr wurde die Verlobung Irma Steinackers mit dem Komponisten und Violoncellisten Carl von Radeçki (1842–1885) bekanntgegeben. Spätestens 1883 erfolgte die Heirat. Zuvor, im Jahr 1881, war Irma Steinacker zu Carl von Radeçki nach Davos gezogen. Mit ihm konzertierte sie mehrfach gemeinsam in Davos und St. Gallen. In ihrem Heimatort veranstalteten die Eheleute Abonnementkonzerte, in deren Rahmen sie auch selbst auftraten.

Nach nur wenigen Ehejahren starb Carl von Radeçki am 11. Sept. 1885. Nach dessen Tod konzertierte Irma von Radeçki-Steinacker weiter; Auftritte erfolgten u. a. in Leipzig, Berlin, Greiz und Plauen. Die Pianistin verpflichtete sich offenbar in besonderem Maße der Aufführung von Kompositionen Carl von Radeçkis. Am 27. Febr. 1887 veranstaltete sie eine Matinee im Leipziger Gewandhaus „behufs Vorführung hinterlassener Compositionen ihres unlängst verstorbenen Gatten“ (Signale 1887, S. 552). Auch in einem von ihr initiierten Konzert im Jahr 1889 in Greiz, wo die Musikerin mittlerweile lebte, wurden Kompositionen Carl von Radeçkis musiziert. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ schreibt: „Nach der Greizer Land.-Ztg. hatte das Concert der Frau von Radeçki-Steinacker einen beachtenswerthen künstlerischen Erfolg. Der Künstlerin werden ‚seltene Technik, bewundernswerthe Ausdauer und stets durchgeistigtes, seelenvolles Spiel‘ nachgerühmt“ (NZfM 1889, S. 57). Einer der letzten Auftritte Irma Radeçki-Steinackers erfolgte 1892 im Rahmen eines Abonnementkonzerts des Richard-Wagner-Vereins in Plauen.

Den „Monatsheften für Musikgeschichte“ zufolge beging Irma von Radeçki-Steinacker Suizid. In der Totenliste des Jahres 1895 heißt es: „Radecky-Steinacker, Frau Irma von, Pianistin, liess sich von einem Eisenbahnzug überfahren, 27. Febr. in Greiz“ (Monatshefe für Musikgeschichte 1896, S. 101).

 

LITERATUR

The Academy 1878, S. 489f.

Allgemeine Zeitung München 14. Okt. 1867

Auburn Daily Bulletin 1877, 23., 31. Jan.

Auburn Journal 1877, ohne Datum

Auburn Morning News 1877, 1. Febr., 22. Sept.

Brooklyn Daily Eagle 27. Juni 1871

FritzschMW 1870, S. 603; 1874, S. 62, 602; 1875, S. 360, 467; 1895, S. 147

The Geneva Courier 3. Okt. 1877

Monatshefte für Musikgeschichte 1896, S. 101

NZfM 1865, S. 145; 1869, S. 169f.; 1874, S. 41, 144, 517f.; 1875, S. 109; 1876, S. 327; 1878, S. 93, 120, 130, 139; 1887, S. 103; 1889, S. 57; 1892, S. 222

The Orchestra 1871, S. 120

Signale 1870, S. 744; 1871, S. 74; 1876, S. 712, 728; 1878, S. 71; 1887, S. 552; 1888, S. 131, 969, 1001

RudolphRiga (Art. v. Radecki, Carl), ÖBL

Ilona Breğe, Cittautu mūziķi Latvijā 14011939, Riga 2001, Art. Radeckis (Radeçki v.) Karls fon

Helmut Scheunchen, Lexikon deutschbaltischer Musik, Wedemark-Elze 2002, Art. Radeçki(-Steinacker), Carl Friedrich Johannes v.

Lina Ramann, Franz Liszt als Künstler und Mensch, 2 Bde., Bd. 2, Teil 2: Sammlung und Arbeit – Weimar und Rom. Die Jahre 18481886, Leipzig 1894.

Edmund Steinacker, „Geschichte der Familie Steinacker“, in: Deutsches Rolandbuch für Geschlechterkunde, (1918), S. 325–349.

Edmund Steinacker, Lebenserinnerungen (= Veröffentlichungen des Instituts zur Erforschung des deutschen Volkstums im Süden und Südosten in München 13), München 1937.

Paul Brosz, Das letzte Jahrhundert der Karpatendeutschen in der Slowakei, Stuttgart 1992.

Michael Gockel u. Hans Eberhardt (Hrsg.), Thüringische Forschungen. Festschrift für Hans Eberhardt zum 85. Geburtstag am 25. September 1993, Weimar 1993.

Alan Walker, Franz Liszt, 3. Bde., Bd. 3: The Final Years. 1861–1886, New York 1996.

Kulturportal West-Ost (Art. Carl von Radeçki, http://kulturportal-west-ost.eu/biographies/radecki-carl-von-2/, Zugriff am 17. Apr. 2013.

 

Annkatrin Babbe

 

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