Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Stern, Jeanette

Lebensdaten unbekannt, russische Pianistin. Sie wurde in Odessa von Ignaz Tedesco (1817–1882) ausgebildet, der sich nach seiner internationalen Virtuosenkarriere 1840 in der Stadt am Schwarzen Meer niedergelassen hatte.

Die Wiener „Morgen-Post“ kündigt im Nov. 1869 den Auftritt der jungen Russin an, „deren Begabung von kompetenten Stimmen sehr gerühmt wird“ (Morgen-Post 11. Nov. 1869). Zwei Konzerte im Musikverein am 18. Nov. und 12. Dez. 1869 erfuhren eine bemerkenswerte Presseresonanz: „Jeanette Stern nennt sich ein kleines, freundliches Mädchen, wohl die erste Pianistin, die uns Odessa zugesandt; […] Fräulein Stern ist […] noch nicht ersten Ranges, wohl aber von Rang. Es glüht und sprüht nicht in diesem Herzen – stille, sinnige Anschauung waltet vor; und so ist auch die Wirkung. Erst nach und nach wurden die wenigen Besucher lauter und die talentvolle Künstlerin wurde selbst wärmer und trat in ihre Rechte“ (Bock 1869, S. 402). „Die Concertgeberin Frl. Stern ist eine wohlgeschulte Pianistin, von wirklich künstlerischem, sittlichen Ernst durchdrungen; ihr Programm verkündete auf den ersten Blick die solide Wahl und die Ausführung blieb hinter der Intention nicht zurück. Gesellte sich zu dem reinen, klaren Spiel des so jungen Fräuleins, zu ihrer bedeutenden, vom Verstand beherrschten Technik mehr des Feuers, der Leidenschaft, dann fände Frl. Stern in der ersten Künstlergesellschaft ihren Platz. Am meisten erfreute uns die Concertgeberin mit dem Adagio (H-moll) von Mozart und Prelude und Orgelfuge von Bach“ (Wiener Zeitung 23. Nov. 1869, S. 655). „Ihr Ton ist rund und voll, der Anschlag elastisch, die Technik virtuos. Sie spielte Alles, Bach’s Fuge mit inbegriffen, auswendig und Alles mit gleicher Sicherheit“ (Signale 1869, S. 1029f.). Obwohl ihr zweiter Konzerttermin mit demjenigen von Clara Schumann in einem anderen Saal des Musikvereins kollidierte, fand der Auftritt von Jeanette Stern „lautes Echo“ (Wiener Zeitung 14. Dez. 1869, S. 1143).

Die „Neue Zeitschrift für Musik“ berichtet Anfang 1870, die Musikerin habe außer in Wien bereits in Czernowitz, Lemberg, Brünn und Prag gastiert. Das Prager Abschiedskonzert fand am 22. Jan. 1870 statt. Die folgende Station war Berlin, wo sie am 27. März 1870 im Hotel de Rome ein umfangreiches Programm absolvierte, bestehend aus Beethovens Sonate D-Dur op. 10 Nr. 3, der Chromatischen Fantasie von Joh. Seb. Bach, einer Gigue von Händel, einem Rondo von Schubert, Notturno Des-Dur op. 27 Nr. 2 und Scherzo b-Moll op. 31 von Chopin sowie der Novelette E-Dur op. 21 Nr. 7 von Robert Schumann. „Die Concertgeberin besitzt zunächst eine bei einer Dame in diesem Maße seltene Kraft; dazu gesellt sich eine in hohem Grade entwickelte Technik und eine musikalische Auffassungsgabe, die sich im Ganzen, dem Anschlag entsprechend, mehr dem kräftig Männlichen, als dem zart graziös Weiblichen zuneigt“ (Die Tonhalle 1870, S. 261).

Am 23. Febr. 1871 steuerte Jeanette Stern im Gewandhaus in Leipzig bei einem Wohltätigkeitskonzert das Notturno Des-Dur op. 27 Nr. 2 und die Ballade As-Dur op. 47 Nr. 3 von Chopin sowie ein Mendelssohn’sches Lied ohne Worte bei. Sie „machte durch ihr treffliches Spiel einen erfreulichen Eindruck, der sich auch dem Publikum mittheilte und dasselbe zu lebhaften Beifallsbezeugungen veranlasste“ (Bock 1871, S. 71).

Die „Neue Zeitschrift für Musik“ referiert ein weiteres Konzert im Saal des Fürstenhofes im rumänischen Jassy, bei dem Jeanette Stern am 29. Apr. 1875 mitwirkte. Nachrichten über ihren weiteren Lebensweg fehlen.

 

LITERATUR

AmZ 1871, Sp. 141

Bock 1869, S. 402; 1870, S. 103; 1871, S. 71

CaeciliaNL 1871, S. 55f.

FritzschMW 1870, S. 77

Die Grenzboten 1870, S. 459

Morgen-Post [Wien] 11. Nov. 1869

NZfM 1869, S. 423; 1870, S. 51, 90, 145; 1871, S. 86, 93; 1874, S. 218

Signale 1869, S. 1018, 1029f.; 1870, S. 406; 1871, S. 180, 258, 275

Sonn- und Montags-Zeitung [Wien] 12. Dez. 1869

Die Tonhalle 1870, S. 261f.

Wiener Zeitung 1869, 23. Nov., S. 655, 14. Dez., S. 1143

 

Freia Hoffmann

 

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