Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Gnessina, Gnessin, Gnesina, Gnesin, Schwestern

1. Gnessina, Jewgenia, verh. Sawina-Gnessina

Transliteration: Savina-Gnesina, Evgenija Fabianovna

* 1870 (nach anderen Angaben 1871) in Rostow am Don, † 5. (nach anderen Angaben 6.) Apr. 1940 in Moskau, Klavierlehrerin, Musiklehrerin, Chorleiterin, Musikschulgründerin und -leiterin.

 

2. Gnessina, Maria

Transliteration: Gnesina, Marija Fabianovna

* 1871 (nach anderen Angaben 1874 oder später, 1876) in Rostow am Don, † 4. (nach anderen Angaben 11.) Okt. 1918 in Moskau, Klavierlehrerin und Musikschulgründerin.

 

3. Gnessina, Jelena, Elena, Helena

Transliteration: Gnesina, Elena Fabianovna

* 18. (30.) Mai 1874 (nach anderen Angaben  6. [18.] oder 8. [20.] Mai 1872) in Rostow am Don, † 4. Juni 1967 in Moskau, Pianistin, Klavierlehrerin, Professorin, Musiklehrerin, Musikschulgründerin und -leiterin, Komponistin und Musikpublizistin.

 

4. Gnessina, Jelisaweta, verh. Gnessina-Witatschek

Transliteration: Gnesina-Vitaček, Elizaveta Fabianovna

* 1879 in Rostow am Don, † 29. Apr. 1953 in Moskau, Geigenlehrerin.

 

Musik hatte einen hohen Stellenwert in der Familie Gnessin − insbesondere bei den Vorfahren mütterlicherseits: Die Familie Fletzinger (oder Flötzinger) stammte aus Vilnius, das im 19. Jahrhundert ein Teil des russischen Reichs war und eine der größten jüdischen Gemeinden Europas beherbergte. Jeschajagu (Jesaja, auf Russisch: Issajew) Fletzinger (1802−1875), genannt Schaike Faifer, war dort Chorleiter an der Alten Synagoge und ein beliebter Volkssänger und Badchen, also eine Art jiddischer Bänkelsänger, Gelegenheitsdichter, Improvisator und Melodienerfinder. Seine mündlich überlieferten Weisen sind z. T. heute noch bekannt bzw. in die Kompositionen seines Enkels Michail Gnessin eingeflossen. Zwei seiner Töchter machten das Singen zu ihrem Beruf, und auch deren Schwester Bella Issajewna Fletzinger (?−1911), die Mutter der Schwestern Gnessina, soll eine schöne Singstimme besessen und „vortrefflich italienische Arien sowie französische, polnische und jüdische Volkslieder“ (Drosdow 2002, S. 200) dargeboten haben. „Eine gewisse musikalische Bildung erwarb sie dadurch, daß sie bei den Musikstunden ihrer Schwestern bei dem Komponisten Stanislaw Moniuszko zugegen war“ (ebd.) − was folglich vor 1858, also vor Moniuszkos Wechsel von Vilnius nach Warschau, erfolgt sein muss.

Dass Bella Fletzinger von Vilnius nach Rostow übersiedelte, war vielleicht eine Folge der gewaltsamen Russifizierung, mit der Moskau auf den Polnischen Januaraufstand von 1863 reagierte, während das jüdische Leben in dem ca. 1600 km Luftlinie entfernten Rostow am Don zunächst relativ unbehelligt blieb. Ihr Ehemann, Fabian Ossipowitsch Gnessin (?−1891), geboren im Gouvernement Minsk und ausgebildet in Vilnius, wurde in Rostow ein staatlicher (also von der Gemeinde gewählter, aber vom Russischen Reich bezahlter) Rabbiner, „who was highly esteemed for his outstanding personality and social activities and contributed greatly towards improving the position of the Jews in Rostov“ (Yusfin 2002, S. 1). „Obgleich ein großer Musikfreund, besaß er selbst kein musikalisches Talent“ (Drosdow 2002, S. 200), doch in seinem Haus wurde eifrig in der Familie und mit Gästen musiziert − nicht zuletzt mit Elieser-Mordechai Gerowitsch, dem Komponisten und Kantor an der Rostower Synagoge, von dem zumindest der Sohn Michail die theoretischen Anfangsgründe der Musik erlernte.

Jüdische Folklore, synagogaler Gesang und westeuropäische Vokalmusik bildeten demnach wichtige Bestandteile im Leben der Familie, und das Interesse der Eltern an der Musik übertrug sich auf die Kinder, von denen Bella zwölf zur Welt brachte. Fünf Töchter und vier Söhne überlebten; mit Ausnahme der beiden Ältesten (geboren vor 1870) machten alle die Musik zu ihrem Beruf: Die fünf Schwestern − Jewgenia, Maria, Jelena, Jelisaweta und Olga (verh. Alexandrowa-Gnessina, * 1881, nach anderen Angaben 1885, in Rostow am Don, † 9. März 1963 in Moskau, Pianistin und Klavierlehrerin) – erhielten eine Instrumentalausbildung und gaben ihr Können lehrend weiter. Der Bruder Grigori Gnessin (auch: Zvi-Girsh, 1884−1938, in Haft erschossen) war Sänger und Leiter der Notenbibliothek des Leningrader Radiokomitees. Michail (1883−1957) wurde Komponist, Musikpublizist und Lehrer und arbeitete lange Jahre eng mit seinen Schwestern zusammen. Außerdem engagierte er sich für die Gründung eines Konservatoriums in der gemeinsamen Geburtsstadt Rostow am Don und unterrichtete zeitweilig am Moskauer und am Leningrader Konservatorium. Im Unterschied zu seinen Schwestern, die relativ früh konvertierten, bekannte er sich offen zu seinen jüdischen Wurzeln, blieb aber trotz der antisemitischen Politik der Sowjetunion eine weitgehend anerkannte Gestalt im öffentlichen Musikleben.

 

 

Olga, Jelena, Jewgenia, Maria, Jelisaweta Gnessina, Photographie von 1903 oder 1905.

 

Nachdem die Schwestern Gnessina in Rostow am Don von Hauslehrern unterrichtet worden waren, wurden zunächst Jewgenia und dann Jelena Mitte der 1880er Jahre von den Eltern nach Moskau geschickt, wo sie trotz der limitierten Studienmöglichkeiten für Juden ins dortige Konservatorium aufgenommen wurden; Maria und Jelisaweta folgten. Jewgenia studierte zwischen 1884 und 1889 Klavier bei Wassili Safonow (1852−1918) sowie Komposition bei Anton Arenski (1861−1906) und Sergei Tanejew (1856−1915). Jelena besuchte nach kurzem Unterricht bei Ferruccio Busoni (1866−1924), Eduard Langer (1835−1905) und Pawel Schloezer (1840?−1898) zwischen 1886 und 1893 ebenfalls die Klavierklasse von Wassili Safonow, die sie mit einer Silbermedaille abschloss. Maria absolvierte im Jahr 1895 die Klavierklasse von N. Schischkin. Die einzige der Schwestern, die sich auf ein anderes Instrument konzentrierte, war Jelisaweta: Sie studierte bis 1901 Violine bei Jan Hřímalý (Ivan Grzhimali, 1844−1915).

Offenbar trat nur Jelena öffentlich als Pianistin auf und lediglich für kurze Zeit, wobei sie sich vor allem als Kammermusikerin und als Begleiterin der Sänger Leonid Sobinow und Pawel Chochlow einen Namen machte. Um nach dem Tod des Vaters die finanziellen Probleme der großen Familie zu mindern, nahm sie zusätzlich eine Stelle als Musiklehrerin am Moskauer Arsenjew-Gymnasium an. Diese war ihr von Seiten des Konservatoriums vermittelt worden, da Jelena Gnessina bereits während ihres Studiums ihrem Professor Safonow assistiert sowie auf seinen Rat hin privaten Klavierunterricht gegeben hatte und damit Lehrerfahrung vorweisen konnte.

Mit Jelenas Schritt weg von der Konzertkarriere hin zum Unterrichten war die Basis gelegt für das lebenslange musikpädagogische Engagement aller Schwestern. Bald trug auch Jewgenia lehrend zum Lebensunterhalt der Familie bei, indem sie im Künstler- und Literatenzirkel um Konstantin Stanislawski Musiktheoriestunden erteilte. Als Maria 1895 das Konservatorium verließ, schien es nur konsequent, dass die drei Schwestern daraufhin ihre entsprechenden Ambitionen intensivierten und mit Unterstützung des Mäzens Alexander Pawlowitsch Kawerin am 3. (15.) Febr. 1895 gemeinsam die private „Musikschule der Schwestern Je. und M. Gnessina“ („Muzykal’noje učilišče sestër E. i M. Gnesinyh“) gründeten. Dabei steht die Initiale „Je.“ sowohl für Jelena wie für Jewgenia.

Obwohl die Gründung privater (meist kurzlebiger) Musikausbildungsstätten Ende des 19. Jahrhunderts in Russland nichts Ungewöhnliches war und das Erteilen privater Musikstunden zu den für Frauen gesellschaftlich akzeptierten Formen des Gelderwerbs zählte, hatten Jewgenia, Maria, Jelena und Jelisaweta Gnessina während ihres eigenen Studiums noch keine offizielle Lehrbefähigung erwerben können. Denn das Moskauer Konservatorium zielte auf die Schulung von InstrumentalsolistInnen und OrchestermusikerInnen ab und bot „keinen ausdrücklich pädagogischen Berufszweig“ (http://www.die-russische-klavierschule.de/gnessina_jelena_de_95.html) an. In Russland fehlte also eine Institution, die Frauen (aber auch Männern) eine instrumentalpädagogische Ausbildung mit entsprechendem Berufsabschluss ermöglichte. Durch ihre Entscheidung, neben einer hochwertigen Musikerziehung für Kinder und Heranwachsende auch eine instrumentalpädagogisch ausgerichtete und vom Fächerspektrum mit der Zeit immer weiter reichende Ausbildung Jugendlicher und Erwachsener anzubieten, erfüllten die Schwestern Gnessina also ein Kernbedürfnis ihrer Zeit. Als Alleinstellungsmerkmal kam intensiver Musiktheorieunterricht hinzu, der auch Repertoirekunde mit einbezog. Ziel der Institution – und Garant für ihre Überlebensfähigkeit − war also eine umfassende Ausbildung von MusikerInnen und MusiklehrerInnen, in deren Unterricht das Kennen, Verstehen und Praktizieren von Musik mit einer methodisch reflektierten Art der Vermittlung Hand in Hand gingen.

Der hiermit verbundene hohe Qualitätsanspruch − der das Gnessin-Institut rasch zu einer Art inoffizieller Vorschule für das Konservatorium machte − leitete sich aus der eigenen Ausbildung der Schwestern Gnessina ab: Als Absolventinnen der Moskauer Hochschule sahen sie ihre Lehrtätigkeit als Fortsetzung einer klaren Traditionslinie, die über die Anfänge der nationalrussischen Musik bei Michail Glinka über die ersten russischen Konservatorien von Anton und Nikolai Rubinstein bis in die Gegenwart reichte. Ihr Studium bei herausragenden Instrumentallehrern, die zugleich renommierte Interpreten waren, außerdem die Beschäftigung mit Musiktheorie, Komposition und Musikgeschichte bei Größen wie Pawel Schloezer oder Nikolai Kaschkin und die gemeinsame Ausbildung an der Seite von Künstlern, die um 1900 das sogenannte Silberne Zeitalter der russischen Musik prägten (Reinhold Glière, Alexander Goldenweiser, Alexander Gretschaninow, Nikolai Medtner, Sergej Rachmaninow, Alexander Skrjabin), vermittelten den Schwestern Gnessina eine breitgefächerte musikalische Allgemeinbildung, die sie lehrend weitergaben − freilich auf eine andere Art als am Konservatorium: In vielen Erinnerungen wird ihrer Institution eine persönliche, geradezu familiäre Atmosphäre attestiert, die nicht zuletzt daher rührte, dass die Gründerinnen stets mit im Schulgebäude wohnten. Für viele ältere SchülerInnen ging das Lehrprogramm nahtlos in die musikalischen, literarischen und kulturellen Abendeinladungen der Schwestern über. Hier traf sich die gesamte Kulturszene Moskaus nebst zahlreichen einflussreichen Personen aus Politik und Gesellschaft. Die Gespräche und Beiträge bewegten sich stets am Puls der Gegenwart, und die Diskussionen flossen aktiv in die Ausrichtung der Lehrpläne mit ein. Weil die gemeinsame Schule für die Schwestern Gnessina offenbar Beruf und Berufung zugleich war, hatten ihr Leben, ihre Haltung und ihr Einstehen für ihre Ideale auf die Zöglinge eine Vorbildwirkung, die weit über den engeren Unterricht hinausging. Die Institution vermittelte ein starkes Gefühl der Zugehörigkeit, was u. a. dazu führte, dass diejenigen AbsolventInnen, die eine Konzertlaufbahn einschlugen, einmal im Jahr kostenlos im Gnessin-Institut auftraten.

 

Historische Institutsgebäude: Sobatschja Ploschtschadka Nr. 5 und 7

 

Bei der Gründung beschränkte sich das Instrumentenspektrum zunächst auf das Klavier. In den Gründungs-Räumen in der Gagarin-Gasse stand nur ein einziger Flügel zur Verfügung, und es gab anfangs auch keine weiteren Lehrkräfte. Mit zunehmenden Schülerzahlen wechselten das Institut − und damit auch die Wohnung der Schwestern − im Jahr 1900 an die Adresse Sobatschja Ploschtschadka (Hundeplätzchen) Nr. 5 im Zentrum Moskaus (heute durch die Neue Arbat-Straße ersetzt). 1932 bezog man zusätzlich das Nebengebäude (Nr. 7). Trotz der Kriegszeiten entstand zwischen 1937 und 1943 ein Neubau in der Worowski-Straße (der heutigen Powarskaja Straße). 1950, 1958 (Konzertsaal) und 1974 (College) kamen weitere Häuser sowie 1989 ein historisches Gebäude hinzu; sie bilden einen Komplex, in dem sich das Institut noch heute befindet.

 

Heutige Institutsgebäude: Powarskaja-Straße

 

Die Organisation und Gesamtleitung der Gnessin-Schule sowie die Koordination der Schulstruktur und der jeweiligen Bildungspolitik lagen 72 Jahre hindurch in den Händen von Jelena Gnessina (1895 Mitbegründerin und Gesamtleitung, 1944−1953 Direktorin, 1953−1967 künstlerische Leiterin, 1955−1958 zugleich Leiterin der Klavierabteilung). Ihre ältere Schwester Jewgenia (später verheiratet mit einem Herrn Sawin) übernahm anfangs die künstlerische Leitung und übte diese ab den 1920er Jahren paritätisch mit Jelena aus. Außerdem bot Jewgenia Kurse für Elementarmusiktheorie und Solfège für Kinder an und leitete den für alle Studierenden obligatorischen Chor (das Gnessin-Institut war die erste russische Musikschule mit einem Kinderchor). 1911 initiierte sie den Bereich „Musiktheater für Kinder“, für den die Kinderopern Das Häuschen im Wald (Teremok, 1921, nach einem russischen Tiermärchen) ihres Institutskollegen Alexander Gretschaninow und Die kleine Rübe (Repka, ebenfalls nach einem russischen Märchen) ihres Neffen Fabi Witatschek entstanden.

Mit Maria Gnessina stand von Anfang an eine dritte gut ausgebildete Klavierdozentin zur Verfügung, die allerdings bereits 1918 verstarb. Ihr sind die Sechs Stücke für Klavier zu vier Händen op. 41 (1909) von Reinhold Glière gewidmet.

Als Jelisaweta Gnessina 1901 ihr Violinstudium abgeschlossen hatte, eröffnete sie an der Gnessin-Schule eine Geigenklasse und erweiterte damit das Instrumentalangebot. Sie strukturierte später auch die Orchester-Aktivitäten des Instituts und verankerte die Kammermusik im Lehrplan. Lange Zeit war das Gnessin-Institut die einzige Institution, die sich verstärkt dem Musizieren in kleinen Besetzungen widmete, eine eigene Quartettklasse anbot und in ihren Kellerräumen sogar eine Geigenbauwerkstatt unterhielt. Noch heute ist der hauseigene Konzertsaal Moskaus wichtigstes öffentliches Forum für Kammermusik.

Darüber hinaus übernahm Jelisaweta Gnessina die Kurse für Gehörbildung, welche für die spezifisch russische Art der Musikausbildung zentral sind, da sie die Vorstellungskraft für das Erklingende schulen. Ihr Bruder Michail vertonte 1901 ihr Gedicht „Gib mir deine liebe Hand“(„Miluju ruku mne dai“), und Reinhold Glière komponierte das dritte seiner Sechs Lieder op. 12 (1903) auf ihren Text „Du bist so schlicht“ („Ty tak naivna“). Aus Jelisawetas Ehe mit dem tschechisch-russischen Geigenbauer Heinrich (Jewgeni) Witatschek (1880−1946) ging der Sohn Fabi (1910−1983) hervor, der nach einem Studium am Gnessin-Institut Komponist wurde.

Olga, die jüngste der fünf Schwestern, war eine der ersten Studentinnen und Absolventinnen des familieneigenen Instituts. Nachdem sie 1901 die Klavierklasse ihrer Schwester Jelena beendete hatte, trat sie ebenfalls dem Lehrkörper bei; außerdem betätigte sie sich als Malerin und heiratete einen Herrn Alexandrow.

 

Stehend: Jelisaweta und Olga Gnessina.

Sitzend: Miachail Gnessin und Jelena Gnessina, Photographie 1945.

 

Die Musikschulgründung der Schwestern Gnessina wurde von Seiten ihrer ehemaligen Konservatoriumskollegen nachdrücklich unterstützt: U. a. schrieb Nikolaj Kaschkin, Professor für Klavier und Musiktheorie, eine ermutigende Grußadresse, und der Komponist, Klavierlehrer und ehemalige Kommilitone Alexander Skrjabin inskribierte seine Kinder. Aufgrund der stetig wachsenden Nachfrage nach Unterricht (als die Institution 1925 ihr 30-jähriges Bestehen feierte, lernten hier bereits mehr als 400 SchülerInnen) konnten die Schwestern Gnessina bald weitere namhafte DozentInnen verpflichten und ein reiches Fächerangebot etablieren, das weit über die Elementarausbildung und die Lehrbefähigung für den Instrumentalunterricht hinausging. Zu den ersten prominenten DozentInnen gehörten die Komponisten Reinhold Glière (Instrumentation) und Alexander Gretschaninow (Harmonielehre), Georgi Konjus (Analyse und Formenlehre), die Skjabin-Schülerin Jelena Alexandrowna Bekman-Schtscherbina (Klavier) sowie, der Familientradition folgend, ab 1923 der Bruder Michail. Dieser begründete die Abteilung für Komposition. Bei ihm war es erstmals möglich, Komposition grundständig (und nicht erst im Anschluss an ein Curriculum in Harmonielehre) zu studieren − ein Konzept, das 1927 vom Moskauer Konservatorium übernommen wurde und das Michail in seinem Lehrwerk „Anfangskurs der praktischen Komposition“ („Načal’nyj kurs praktičeskoj kompozicii“, Moskau/Leningrad 1941) festschrieb.

Ende der 1920er Jahre setzten sich Jelena und Jewgenia Gnessina aktiv für eine Umgestaltung des staatlichen Musikausbildungssystems ein, prägten es mit und setzten es in ihrer Institution um. Bis heute ist die Gnessin-Akademie bestrebt, aktuelle Entwicklungen aufzunehmen und mitzugestalten, sodass auf Klavier, Streicher, Chor und Kammermusik sowie Komposition und das reichhaltige Spektrum an Kursen in Musiktheorie und Musikgeschichte weitere Instrumentalfächer folgten. Bald trat die Studienrichtung Gesang hinzu, dann eine Opernklasse, Musikpädagogik, Dirigieren (für Orchester und für Volksmusikensembles), 1949 richtete man die Fachrichtung Unterhaltungsmusik, Jazz und Pop ein, ab 1956 standen Volksinstrumente und Volksgesang auf dem Lehrplan, 1973 kamen die Bereiche Puppentheater, 1982 Zigeunertheater und Ende des Jahrtausends die Qualifikation zum Tonmeister hinzu. Immer wichtiger wurde auch die Schulmusikausbildung, und die theoretischen und musikgeschichtlichen Fächer haben ebenfalls stark zugenommen. 1944 wurde die Institution den Konservatorien gleichgestellt; gleichzeitig erfolgte eine organisatorische Trennung des musikpädagogischen Zweigs von der Musikhochschule. Seit 2011 firmiert die Gnessinsche Kinder-Musikschule („Gnessin-College“), die allgemeinbildend bis zum Abitur führt, mit der Musikhochschule unter der gemeinsamen Bezeichnung „Russische Gnessin-Musikakademie“ („Rossijskaja akademija muzyki imeni Gnesinyh“) und „genießt“ weiterhin weltweit „den Ruf einer Elite-Musikhochschule“ (http://www.die-russische-klavierschule.de/gnessina_jelena_de_95.html).

Für fast alle Studiengänge entwickelte das Gnessin-Institut eigene Unterrichtskonzepte, Methoden, Lehr- und Lernmittel, die auch von anderen Institutionen übernommen wurden. Aus der ursprünglichen Einrichtung für privaten Instrumentalunterricht ist mit der Zeit also eine umfassende Ausbildungsinstitution geworden, die von der Vorschule bis zum Berufsabschluss alle Ausbildungsstadien umfasst und in den weit über 100 Jahren seit ihrer Gründung die Musikausbildung und das Musikleben in Russland aktiv mitgestaltet. Dasselbe gilt auch für die AbsolventInnen, die in allen Bereichen des Musiklebens − Komponieren, Dirigieren, Solospiel und Kammermusik, Opern- oder Orchestermitglieder, Lehrkräfte an Schulen, Hochschulen und im Privatbereich, EntscheidungsträgerInnen in Veranstaltungsmanagement, Kulturverwaltung und Bildungsarbeit − aktiv musizierend, lehrend oder schreibend in Musik und Musikvermittlung tätig sind.

Das Hauptziel einer Ausbildung am Gnessin-Institut bestand von Anfang an in einer individuell ausgerichteten, soliden und möglichst umfassenden musikalischen Ausbildung, die ihren Fokus nicht auf eine Solokarriere richtete, sondern auf ein technisch wie ausdrucksmäßig gleich zuverlässiges Musizieren sowie auf die Fähigkeit, das Erlernte praktisch weiterzugeben. Folglich gehörten zum Curriculum nicht nur die manuellen Fertigkeiten auf dem gewählten Instrument, sondern auch Vom-Blatt- und Partiturspiel, Transponieren, Stilkunde, Musikgeschichte (anfangs nach den Lehrbüchern des Petersburger Musiktheoretikers Liweri Sakketti) sowie breite Repertoirekenntnisse, die zum einen das auswendige Beherrschen von Werken für das eigene Instrument, zum anderen Musik aller Besetzungen, Gattungen und Stile umfasste. Vom ersten Schuljahr an waren zudem eine absolut zuverlässige Ausbildung des Gehörs, Solfège, Chorsingen und bald auch kammermusikalische Aktivitäten Pflicht. Dieses Konzept wurde von allen Schwestern gleichermaßen getragen. Von besonderer Bedeutung wurde jedoch − aufgrund ihrer Leitungsposition und ihres langen Lebens − Jelena Gnessina.

 

Jelena Gnessina mit SchülerInnen.

 

Jelena Gnessina, die unverheiratet und kinderlos blieb, interessierte sich offenbar in besonderem Maße für die Instrumentaldidaktik. Ihre Klassen zur Methodik des Klavierunterrichts waren nicht nur für Russland eine Innovation. Bevorzugt widmete sie sich dem Anfangsunterricht, für den sie ein gänzlich neues Konzept entwickelte. Ihre Strukturierung einer in früher Jugend einsetzenden und auf die individuellen Möglichkeiten jedes einzelnen Kindes ausgerichteten Musikausbildung war − wie überhaupt der Gedanke eines speziellen Lehrkonzepts für Kinder − in ihrer Zeit für Russland neuartig. Sie konnte hier eigentlich nur auf Gedanken des Pianisten Nikolai Swerew zurückgreifen, nutzte aber auch die Erfahrungen aus ihrem eigenen Unterricht bei Safonow. Wie dieser legte sie bei ihrem Klavierunterricht − für den sie eine Vielzahl ansprechender Klavierstücke komponierte − großen Wert auf eine methodische Aneignung der Spieltechnik und auf die Verankerung manueller Vorgänge im gesamten Körper. Zu diesem Zweck ließ sie ihre Schüler die Stücke auch singen und sich dazu bewegen. Für die Vermittlung einer vielfältigen Anschlagskultur und die Verdeutlichung von Artikulation, Fingersatz und Phrasenstruktur griff sie gern auf die 1916 publizierte Schrift „New Formula for the Piano Teacher and Piano Student“ ihres Lehrer Safonow zurück.

Im Anschluss an die solide Grundlegung des Spieltechnischen wurde diese auf Werke aller Epochen übertragen. Die Zweiteilung in eine verstärkt manuelle und eine musizierend anwendende Ausbildungsphase war und ist grundlegender Bestandteil der am Gnessin-Institut praktizierten Lehrmethode.

Zur Unterstützung des musikalischen Verständnisses verlangte Jelena Gnessina ein sorgfältiges Training des Gehörs, da dieses die Sauberkeit der Technik, die Musikalität des Spiels und die Vorstellungskraft angesichts einer Partitur kontrolliert, und sprach mit ihren Zöglingen eingehend über die einzustudierenden Werke. Für gewöhnlich spielte sie jedoch nicht selbst vor, damit jedes Kind seinen eigenen musikalischen Ausdruck finden konnte.

Der Grundsatz ihres Lehrens lautete: „To be successful […], innovations are not as important as structure and order“ (Hentowa 1964, NP [S. 11]). Ordnung, Training und Gewohnheit und damit einhergehend eine große Sicherheit im Auftreten erwarben die Zöglinge neben dem Unterricht auch im Rahmen der wöchentlichen Vorspielstunden im hauseigenen Saal, die einmal im Jahr durch einen öffentlichen Abend ergänzt wurden. Dieser fand ab 1905 im Konzertsaal der Synodalschule oder im Kleinen Saal des Moskauer Konservatoriums, ab 1930 dort im Großen Saal statt.

Jelena Gnessinas Unterrichtskonzept entwickelte sich ganz im Sinne der Moskauer Klaviertradition; die bei ihr ausgebildete Spielweise wurde − bei aller Individualität ihrer AbsolventInnen − grundlegend für die sogenannte sowjetische Klavierschule. Neben PianistInnen wie Lew Oborin (1907−1974) zählen auch so unterschiedliche künstlerische Persönlichkeiten wie der Dirigent Jewgeni Swetlanow (1928−2002) und die Komponisten Lew Knipper (1898−1974) und Aram Chatschaturjan (1903−1978) zu Jelena Gnessinas Schülern, und es ist bezeichnend für die Ganzheitlichkeit ihres Ansatzes, dass ihre AbsolventInnen nicht nur auf ihrem jeweiligen Instrument, sondern in mannigfachen Bereichen des Musiklebens Erfolg hatten.

 

Alexander Burganow, Denkmal für Jelena Gnessina, Moskau 2004.

 

Die Schwestern Gnessina legten von Anfang an Wert auf die Förderung individueller Begabungen und hoher künstlerischer Qualität und kultivierten dabei ein Kulturverständnis, das keine politisch motivierten Unterschiede machte. Eine solche Grundhaltung wurde nach der Oktoberrevolution mehr als einmal zum Problem. Obwohl die Aktivitäten der Schule dazu beitrugen, dass Musik allen Bevölkerungsschichten zugänglich werden sollte (eine Maxime, die Michail Gnessin ganz im Sinne seiner Schwestern 1911 in seinem Vorwort zu den Schriften Nikolai Rimski-Korsakows formulierte), standen das Festhalten an den Grundsätzen von Individualität, Elitebildung und die Fortsetzung der als bürgerlich (und damit als rückschrittlich) verschrienen Musik- und Musikausbildungstraditionen kontrovers zu den politisch aktuellen Grundsätzen einer proletarischen Musikausübung: Die Politik sah in der Forderung nach Qualität einen Widerspruch zu dem Beharren auf Gleichheit. Während die meisten Privatlehranstalten nach 1917 daher den Unterricht einstellten, konnte die Schule der Schwestern Gnessina jedoch weiterarbeiten − nicht zuletzt, weil der Volkskommissar für Bildungswesen, Anatoli Lunatscharski, in intensivem Kontakt mit Jelena Gnessina stand und sich für den Fortbestand ihrer Institution einsetzte. Neben anderen Privilegien ermöglichte er die Weiternutzung des Schulgebäudes, was in den frühen nachrevolutionären Jahren alles andere als selbstverständlich war.

Problematischer wurde die Situation Anfang der 1930er Jahre, als die Kunstästhetik des Sozialistischen Realismus bindend wurde und das Abweichen von politischen Leitlinien zugleich eine Gefahr für Leib und Leben bedeutete. Diesen Weg ging man am Gnessin-Institut nicht mit: „Jahrzehnte lang gab es dort eine ungewöhnliche Toleranz. Im Gegensatz zu anderen sowjetischen Schulen, darunter den meisten Musikfachschulen, wo die Schüler und Studenten ihre Nationalität offenlegen mußten, wurde diese Frage an der Gnessin-Schule nicht gestellt. Diese Schule war auch die einzige, an der für die Studenten keine militärischen Übungen abgehalten wurden [...] − ein leiser Widerstand, um Würde und Integrität auch unter schwierigsten Umständen zu bewahren“ (Lobanova 2002, S. 118). Dass die Schwestern Gnessina darüber hinaus die Ausschlussmechanismen der staatlich sanktionierten Musikästhetik nicht befürworteten und − entgegen der Parteilinie − auch Musik von Juden (Michail Gnessin), Emigranten (Rachmaninow) und Nichtrussen (Mendelssohn) als selbstverständlichen Teil des Curriculums begriffen, bedeutete ein gewisses Wagnis, ebenso wie der hohe Prozentsatz jüdischer DozentInnen und die jüdischen Wurzeln der Gründerinnen selbst. Gleichfalls problematisch waren der Einsatz des Bruders Michail für eine sich als jüdisch begreifende Musik, seine Reisen nach Palästina und sein Beharren auf künstlerischer Integrität, das auch Fürsprache für politisch unliebsame Kollegen einschloss. Die politische Situation verschärfte sich, führte zu anonymen Anzeigen und zwang zu Zugeständnissen, zu denen 1935 auch die Entlassung Michail Gnessins durch seine damals das Institut leitende Schwester Jelena zählte. Anders als der Bruder Grigori, der 1938 ein Opfer des Stalinistischen Terrors wurde, konnte Michail allerdings an das Gnessin-Institut zurückkehren, das er offenbar bis 1957 leitete (hier variieren die Angaben).

1941 wurden Jelisaweta und Olga Gnessina vor dem Einmarsch der deutschen Truppen nach Swerdlowsk (heute Jekaterinburg) und Michail Gnessin nach Joschkar-Ola (heute in der autonomen Republik Mari El) und später nach Taschkent evakuiert. Die Mehrzahl der SchülerInnen wurde nach Jelatma bei Rjasan geschickt und blieb musikalisch aktiv. Das Institut selbst wurde in stark reduzierter Besetzung weitergeführt, bis Mitte Oktober 1941 der Unterricht an allen Moskauer Schulen kriegsbedingt eingestellt und Jelena Gnessina nach Kazan evakuiert wurde. Dort unterrichtete sie verzögerungslos weiter, vermutlich an der lokalen Musikschule, kehrte aber schon Ende Januar 1942 an ihr Moskauer Institut zurück, an dem die verbleibenden DozentInnen am 17. Nov. 1941 auf eigene Verantwortung hin den Unterricht wieder aufgenommen hatten. Trotz der kriegsbedingt katastrophalen Gesamtsituation bezog das Gnessin-Institut noch in den Kriegsjahren ein neues Schulgebäude und erweiterte sein Lehrangebot stetig.

1958 musste Jelena Gnessina ihre Lehrtätigkeit aus Krankheitsgründen aufgeben, da sie sich nur noch an Krücken oder im Rollstuhl fortbewegen konnte, blieb aber geistig rege mit den Angelegenheiten ihrer Institution verbunden. Sie starb kurz nach ihrem 93. Geburtstag, hochgeehrt wie schon früher ihre Schwestern.

 

Grabsteine von Jewgenia, Jelisaweta, Olga und Maria Gnessina sowie von Fabi Witatschek

auf dem Moskauer Nowodewitschi-Friedhof.

 

Warum die Schwestern Gnessina ihre Musikschule trotz der Judenfeindlichkeit der Sowjetregierung durchgehend offenhalten konnten und die Institution außer zwischen 1919 und 1925 stets den Familiennamen behielt, ist schwer nachzuvollziehen − außer vielleicht im Kontext der grundsätzlichen Unberechenbarkeit, die einen Gutteil des Angstpotenzials dieses politischen Systems ausmachte. Nach dem kurzen Aufblühen der jüdischen Kultur unmittelbar nach der Oktoberrevolution, von dem auch Michail Gnessin profitierte, das aber weder mit dem Atheismus noch mit dem zunehmenden Nationalismus der Sowjetunion vereinbar war, wurden in den 1920er Jahren alle jüdische Einrichtungen sowie die Nutzung der hebräischen Sprache verboten. 1942 kritisierte die KPdSU offiziell, dass im Moskauer und Leningrader Konservatorium zu viele Juden unterrichteten und „russische klassische Musik und Folklore im Unterricht [...] vernachlässigt wurden“ (Nemtsov 2003, S. 218). Die Konsequenz waren personelle Umstrukturierungen − wie im Fall Michail Gnessins −, Verfolgungen und Ermordungen, die sich in den sogenannten schwarzen Jahren zwischen 1948 (Auflösung des Jüdischen Antifaschistischen Komitees, zunehmende politische Säuberungen) und 1953 (Tod Stalins) und auch danach in verstärkter Form fortsetzten. Nach 1948 musste das Gnessin-Institut 17 Lehrkräfte entlassen, und 1953 wurde auch Jelena Gnessina selbst von ihrem Leitungsposten entfernt und durfte sich nur noch den künstlerischen Belangen widmen. In der auslösenden Denunziation heißt es: „Wir finden, daß die Direktorin, Prof. Gnessina, schon viele Jahre die Kader [gemeint sind die Lehrkräfte] nicht nach sachlichen und politischen Kriterien aussucht (wie die Partei das lehrt), sondern sich ausschließlich auf Kader jüdischer Nationalität konzentriert, die zudem politisch unzuverlässig sind. [...] Wir behaupten, daß der wichtigste Inspirator dieser schändlichen [...] Linie Prf. Michail Gnessin ist, der zwar nicht mehr am Institut arbeitet, es aber über seine Schwester sehr stark beeinflußt“ (A. Bogdanova, Muzyka i vlast’ [Die Musik und die Macht], Moskau 1995, zit. in Nemtsov 2003, S. 223).

Ein möglicher Grund, warum die Institution dennoch auch in den dunklen Zeiten der sowjetischen Politik aktiv blieb, mag darin liegen, dass der von den Schwestern Gnessina praktizierte Leitgedanke, Musik von früher Kindheit an ernsthaft, zielstrebig, diszipliniert und wertebewusst zu vermitteln und zu trainieren, in der Sowjetunion systematisch genutzt wurde, um musikalische Begabungen frühzeitig zu erkennen, zu fördern und zu Höchstleistungen zu motivieren. Durch spektakuläre Wettbewerbssiege und Konzertauftritte konnten die Gnessin-AbsolventInnen − und damit auch ihre Alma Mater − national und international der Selbstdarstellung der Regierung nützen und brachten der Sowjetunion dringend benötigte Devisen ein. Im Land selbst festigten nicht nur die ausgezeichneten DozentInnen das öffentliche Renommee der Schule, sondern auch der professionelle Nachwuchs, der aufgrund des reichen Fächerangebots in allen Bereichen des Musiklebens aktiv war. Deutlich war die Schule der Schwestern Gnessina eine der besten Ausbildungsstätten Moskaus, die auch in den nichtmusikalischen Fächern einen hohen Standard setzte. Und nicht zuletzt sorgte auch der große Bekanntheitsgrad der Schwestern Gnessina selbst für den Fortbestand ihrer Institution: Durch ihre frühe Lösung vom Judentum, ihre reichhaltigen Kontakte zu einflussreichen Kreisen und durch ihre offiziellen Orden, Medaillen und Titel wurde es schwer, sie aus dem öffentlichen Gedächtnis zu eliminieren, und so wurden sie stattdessen zu hochgeehrten Künstlerinnen erhoben. Ein Jahr nach ihrer per Denunziation erzwungenen Niederlegung der Institutsleitung erhielt Jelena Gnessina bereits ihren zweiten Lenin-Orden, und mit Ausnahme der hierfür zu früh verstorbenen Maria Gnessina trugen alle Schwestern die staatliche Auszeichnung „Verdienter Künstler“, Jewgenia und Jelena außerdem den Titel „Verdienter Volkskünstler der Russischen Föderation“.

Jewgenia, Jelisaweta, Olga und Maria Gnessina wurden mit einem gemeinsamen Grabstein auf dem Moskauer Nowodewitschi-Friedhof geehrt, ergänzt um eine Grabplatte für Jelisawetas Sohn, den Komponisten Fabi Jewgenijewitsch Witatschek (1910−1983). Jelena erhielt unmittelbar daneben eine eigene Grabstätte, ebenso wie ihr Bruder Michail. Am 22. Sept. 2004 wurde vor dem Konzertsaal der Gnessin-Musikakademie an der Powarskaja-Straße eine Monumentalplastik des Moskauer Bildhauers Alexander Burganow enthüllt, der die idealisierte junge Jelena an einem geflügelten Tasteninstrument zeigt. Bereits am 25. Febr. 1970 eröffnete das auf Initiative der Musikwissenschaftlerin Margarita Rittich zustande gekommene Jelena-Gnessina-Gedenkmuseum, das die zentralen Dokumente zu Leben und Schaffen der Namensgeberin sowie zur Geschichte der Gnessin-Musikschule aufbewahrt und zwei Schriftenreihen herausbringt. Weitere persönliche Aufzeichnungen, Briefe und Photographien der Familie Gnessin liegen im Russischen Staatsarchiv für Literatur und Kunst (RGALI, Fonds 737, 2954, 679 und 2927), wodurch die Familie endgültig im Zentrum des russischen Kulturerbes angekommen ist.

 

WERKE

Elena Gnesina, Fortepjannaja azbuka [Klavier-Alphabet] und weitere Klavierstücke für den Unterricht.

 

SCHRIFTEN

Elena Gnesina, Muzykal’nye diktanty [Musikalische Diktate; Lehrbuch für Gehörbildung], o. O. 1958.

Elena Gnesina, „Iz moih vospominanij“ [Aus meinen Erinnerungen], in: Sovetskaja muzyka 5 (1964), S. 44−52.

Elena Gnesina, Ja čuvstvuju sebja objazannoj …“ [Ich fühle mich verpflichtet], in: Muzykal’naja akademija [Musikalische Akademie] 3/4 (1998), S. 129−140.

Elena Gnesina, „‚Ja privykla žit’ dolgo….‘ Vospominanija. Pis’ma. Vystuplenija“ [„Ich habe mich daran gewöhnt, lange zu leben…“ Erinnerungen. Briefe. Einführungen], hrsg. von Vladimir Tropp, Moskau 2008.

 

LITERATUR (Auswahl)

MGG, MuzEnc

Daniel Jaffé, Historical Dictionary of Russian Music, Lanham [u. a.] 2012.

Mihail Gnesin, „Vstupitel’naja stat’ja“ [Einleitung], in: Nikolaj A. Rimskij-Korsakov, Muzykal’nye stat’i i zametki [Musikalische Artikel und Anmerkungen], St. Petersburg 1911.

Feliks Rotštejn [u. a.] (Hrsg.), Sorok let Moskovskogo gosudarstvennogo muzykal’nogo tehnikuma im. Gnesinyh, 1895−1935 [40 Jahre Moskauer Staatliches Gnessin-Musiktechnikum, 1895−1935], Moskau 1935.

Valentin Ferman [u. a.] (Hrsg.), Pjat’desjat let Gosudarstvennogo muzykal’nogo učilišča imeni Gnesinyh, 1895−1945 [50 Jahre Gnessin-Musikfachschule, 1895−1945], Moskau u. Leningrad 1945.

Margarita Rittih, „Elene Fabianovne devjanosto“ [Jelena Fabianowna zum Neunzigsten], in: Sovetskaja muzyka [Sowjetische Musik] 5 (1964), S. 40−43.

Sofia Hentova, Lev Oborin (Englisch von Margarita Glebov), Leningrad 1964 (als PDF-Dokument zugänglich auf http://www.lib.umd.edu/ipam/great-pianistic-traditions/later-russian-schools/lev-oborin, Zugriff am 12. Nov. 2015).

Margarita Rittih, Istorija muzykal’nyh učebnyh zavedenij imeni Gnesinyh [Die Geschichte der Gnessin-Musiklehranstalten], Moskau 1981.

Margarita Rittih, Elena Fabianovna Gnesina. Vydajuščijsja dejatel’ otečestvennogo fortepiannogo iskusstva [Jelena Fabianowna Gnessina. Eine herausragende Persönlichkeit der vaterländischen Klavierkunst], Moskau 1994.

Vladimir Tropp, „Dom Gnesinyh“ [Das Gnessin-Haus], in: Muzykal’naja žizn’ [Musikleben] 11/12 (1994), S. 20−23.

Alla Bogdanova, Muzyka i vlast’ [Die Musik und die Macht], Moskau 1995.

Lina Bulatova [u. a.] (Hrsg.), 50 let Rossijskoj akademii muzyki imeni Gnesinyh. Stat’i. Vospominanija. Očerki [50 Jahre Russischen Gnessin-Musikakademie. Aufsätze. Erinnerungen. Essays], Magnitogorsk 1995.

Vladimir Tropp, „Istočnik tepla, muzyki, sveta“ [Eine Quelle der Wärme, der Musik, des Lichts], in: Mir muzeja [Museumswelt] 5 (1998), S. 24−31.

Lina Bulatova, Tvorčeskoe nasledie E. F. Gnesinoj [Das künstlerische Erbe Je. F. Gnessinas], Moskau 21999.

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Jurij Serper, Tri sestry v Moskve, ili detišče dočerej rostovskogo ravvina [Drei Schwestern in Moskau, oder die Kindheit der Töchter des Rostover Rabbiners], http://www.vestnik.com/issues/2002/1211/win/serper.htm, publiziert am 11. Dez. 2002, Zugriff am 25. Nov. 2015.

Vladimir Tropp, „Imeni Gnesinyh: Muzykal’noe obrazovanie Rossii kak semejnaja missija“ [Nach den Gnessins benannt: Die Musikausbildung in Russland als Familien-Mission], in: Licejskoe i gimnazičeskoe obrazovanie [Lyzeums- und Gymnasialbildung] 3 (2002), S. 31−37.

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Biographisches, http://jewish-memorial.narod.ru/Gnesiny.htm, Zugriff am 16. Okt. 2015.

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Jelena-Gnessina-Gendekmuseum, www.museum.ru/M1145, Zugriff am 8. Dez. 2015.

Festschriften, http://www.gnesin.ru/istoriya, Zugriff am 2. Dez. 2015.

Russische Gnessin-Musikakademie (mit Beiträgen u. a. zur Geschichte der Akademie), www.gnesin-academy.ru, Zugriff am 8. Dez. 2015.

Gnessin-College (mit Beiträgen u. a. zur Geschichte der Hochschule und des College), http://www.gnesin.ru, Zugriff am 8. Dez. 2015.

 

Bildnachweis

Olga, Jelena, Jewgenia, Maria, Jelisaweta Gnessina, Photographie von 1903 oder 1905, http://www.classicalmusicnews.ru/articles/imeni-gnesinyih/, Zugriff am 18. Okt. 2015.

Das zwischen 1900 und 1962 genutzte, heute abgerissene Schulgebäude am ehemaligen Hundeplatz, Moskau, http://www.gnesin-academy.ru/node/44, Zugriff am 27. Nov. 2015.

Das zwischen 1932 und 1962 genutzte, heute abgerissene Schulgebäude am ehemaligen Hundeplatz, Moskau, http://www.gnesin-academy.ru/node/44, Zugriff am 27. Nov. 2015.

Heutiges Schulgebäude, Neubau an der Powarskaja-Straße, http://www.akkordeon.com/index/squ/de_squ_05_12_09.shtml , Zugriff am 27. Nov. 2015.

Heutiges Schulgebäude, Hauptgebäude an der Powarskaja-Straße, https://de.wikipedia.org/wiki/Gnessin-Institut_Moskau, Zugriff am 27. Nov. 2015.

Heutiges Gebäude des Gnessin-College an der Powarskaja-Straße, http://www.gnesin.ru/istoriya/podrobno, Zugriff am 2. Dez. 2015.

Stehend: Jelisaweta und Olga Gnessina. Sitzend: Michail Gnessin und Jelena Gnessina. Photographie 1945, http://www.gnesin-academy.ru/node/44, Zugriff am 27.Nov. 2015.

Jelena Gnessina mit SchülerInnen, http://russkiymir.ru/publications/185215/?sphrase_id=148552, Zugriff am 25. Nov. 2015.

Alexander Burganow, Denkmal für Jelena Gnessina, Moskau 2004, http://iconosquare.com/p/772901977794982230_1292592731, Zugriff am 25. Nov. 2015.

Grabsteine von Jewgenia, Jelisaweta, Olga und Maria Gnessina sowie von Fabi Witatschek auf dem Moskauer Nowodewitschi-Friedhof, http://jewish-memorial.narod.ru/Gnesiny.htm, Zugriff am 16.Okt. 2015.

 

Kadja Grönke

 

 

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