Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Timothy, Miriam (Jane)

* 24. Febr. 1879 in London, † um 1950, Harfenistin. Die Eltern waren Jane Hamblin (Hamblyn) und Felix Festus Timothy (1843−?). Ihr Bruder Harry James Timothy betätigte sich als Bratschist und Organist. Nach erstem Harfenunterricht bei einer Madame Drydeen (Dryden) um 1887 studierte Miriam Timothy von 1890 bis 1893 an der Londoner Royal Academy of Music bei John Thomas (1826−1913), „gaining bronze and silver medals and certificate of merit. Subsequently she was made an Associate of the R.[oyal] A.[cademy of] M.[music] (Musical Standard 1912 II, S. 227). Am 26. Sept. 1893 erhielt sie ein Stipendium des Erard Exhibition Fonds, das ihr ein dreijähriges Studium am Royal College of Music ermöglichte. Auch hier erhielt sie nach ihrem Abschluss, vermutlich um 1897, ein „associateship“ (ebd.). An der Guildhall School of Music betätigte sie sich erstmalig 1897 sowie mindestens zwischen 1901 und 1906 als Jurorin bei den Prüfungskonzerten im Fach Harfe. Im Febr. 1903 bot sie sich in Inseraten als Harfenlehrerin an.

 

 

Das gemeinsame Debüt der Geschwister Timothy erfolgte am 27. Apr. 1893 in der Princes Hall. In Konzerten ihres Bruders zeigte sich die Harfenistin außerdem im Apr. 1901 (Konzert der Kensington Chapel Association), Apr. 1913 (Konzert in der St. Lukes Hall) und im Juli 1920 (in der Kirche von St. Vedast Foster). In den ersten Jahren ihrer Karriere sind überwiegend Auftritte am Royal College of Music oder in Konzerten ihres Lehrers John Thomas überliefert. Erwähnenswert ist der Vortrag des Konzertstücks für Harfe und Orchester op. 122 von Nikolai von Wilm am 26. Juni 1895 im Royal College of Music, [that] was played with delicate taste by Miss Miriam Timothy“ (Magazine of Music 1895, S. 178). Nach zwei Auftritten im Jahr 1896 (Apr. in Enfield; Sept. in der Londoner Queens Hall) spielte Miriam Timothy am 3. Juli 1897 im jährlichen Harfenkonzert ihres Lehrers John Thomas mit diesem sein Harfenduett Winter. Im Sept. 1897 konnte sie ihr Können auch bei den berühmten Promenade Concerts in der Queens Hall präsentieren: „Miss Miriam Timothy won an encore for her very brillant and delicate harp solo − John Thomass ‚The Echoes of a Waterfall‘. Its difficulties were apparently nothing to her“ (Musical Standard 1897 II, S. 173). Nach einem Konzert in Sheffield im Dez. 1916 schreibt der Rezensent der „Musical Times“: „At the third concert a group of harp solos were played by Miss Miriam Timothy, whose lucid technique and flawless intonation, and variety of tone-colour, make the harp in her hands unusually acceptable as a solo instrument“ (The MusT 1916, S. 567). Trotz der auch an anderen Stellen geäußerten generellen Vorbehalte gegenüber der Harfe als Soloinstrument betätigte sich Miriam Timothy insbesondere in den ersten Jahren vor allem solistisch (London 1897, 18991904, 1913, 1914, 1918; Cambridge 1914). Daneben finden sich vereinzelte Auftritte in Kammermusikbesetzungen. Abgesehen von einigen Auftritten als Liedbegleiterin wirkte sie mehrmals auch in größeren Besetzungen mit. Im Konzert der Pianistin und Komponistin Nathalie Janotha im Juli 1899 in der Queens Hall kam das von der Konzertgeberin komponierte Ave Maria für Gesang, Violine (Leonora Jackson), Harfe (Miriam Timothy) und Orgel (Sir Walter Parrat) zur Aufführung. Im Konzert des Bratschisten Lionel Tertis am 9. Juni 1911 in der Æolian Hall wirkte Miriam Timothy im Romantic Poem op. 27 für Viola, Harfe und Orgel von York Bowen mit. Auch bei der Interpretation von Charles Baughans Liederzyklus The Maid of Artemis am 26. Juni 1900 in der St. James Hall übernahm sie den Harfenpart. Die ursprünglich für das Werk vorgesehene Klavierbegleitung war vom Komponisten für ein Quartett, bestehend aus Klavier (Leonard Chalk), Violine (Réne Ortmanns), Harfe (Miriam Timothy) und Violoncello (M. Belinski), umgeschrieben worden und wurde erstmalig in der neuen Fassung präsentiert. In einem eigenen Konzert der Harfenistin am 31. März 1913 in der Bechstein Hall kamen Prelude Music op. 16 für Harfe und Streichquartett von Julius Harrison, eine Komposition von Ravel für Harfe, Streicher und Holzbläser sowie eine Arabesque für Harfe solo von York Bowen zur Aufführung. Der Rezensent der „Musical Times“ zeigt sich überzeugt von dem „exceptionally interesting concert. [… Because] it differed from the average harp-recital in that the whole programme was of high musical value“ (MusT 1913, S. 320).

 

 

Zudem konnte sich Miriam Timothy in zahlreichen größeren Orchestern, meist als einzige Frau, betätigen. Auf ein Engagement im Orchester der Promenade Concerts unter Leitung von Robert Newman im Aug. 1897 (auch Sept. 1900) folgte im Nov. 1898 die Mitwirkung in Albert Fransellas Select Orchestra (vertreten durch die Konzertagentur Concorde Concert Control). Im Febr. 1902 zählte sie als einzige Frau zu den 34 Mitgliedern der Kings Private Band. Ab Mai 1904 war sie Mitglied des London Symphony Orchestra, ebenfalls einzige Frau neben 99 Kollegen. Auch bei den Krönungsmessen von King Edward (9. Aug. 1902) und King George V. und Queen Mary (22. Juli 1911) in der Westminster Abbey wirkte sie als einzige Musikerin mit.

Im März 1912 unternahm das London Symphony Orchestra eine Konzertreise in die Vereinigten Staaten. Die Überquerung des Nord-Atlantiks sollte eigentlich auf der RMS Titanic erfolgen. Da die Jungfernfahrt der Titanic um einige Wochen verschoben wurde, was die Absage einiger Konzerte bedeutet hätte, erfolgte die Überfahrt auf einem anderen Schiff. Unter Leitung von Arthur Nikisch erfolgten somit zahlreiche Auftritte, u. a. in New York, Boston, Washington, Cleveland und in Kanada.

Nach Abschiedsauftritten in Recitals ihres Bruders in der City Church of St. Vedast Foster im Sommer 1920 verließ Miriam Timothy London und heiratete in der Karibik den Offizier Robert Deane (18791969).

Die Schwestern Marie und Sidonie Goossens wurden von ihr am Royal College of Music ausgebildet. Deren Vater Eugène Goossens widmete Miriam Timothy die Suite op. 6 für Flöte, Violine und Harfe.

 

 

LITERATUR

The Academy and Literature 1913, S. 463

Athenæum 1895 II, S. 39; 1898 II, S. 615; 1899 I, S. 422f.; 1900 II, S. 554; 1913 I, S. 386

The Church Musician 1893, S. 172

Good housekeeping 1907 I, S. 543

The Lute 1896, S. 511

Magazine of Music 1895, S. 178

The Minim 1899, S. 202

The Music Journal 1907, S. 55

Musical Herald 1907, S. 117; 1908, S. 230; 1918, S. 215; 1920, S. 305

Musical News 1893 I, S. 413f.; 1893 II, S. 285; 1895, S. 261; 1896 II, S. 225; 1897 II, S. 36, 153, 352, 575; 1898 I, S. 82; 1898 II, S. 501; 1899 II, S. 81, 200; 1900 I, S. 369, 536, 610f.; 1900 II S. 139f.

Musical Opinion and Music Trade Review 1897, S. 543

Musical Standard 1896 II, S. 158; 1897 II, S. 173, 189f.; 1898 II, S. 291; 1899 II, S. 57; 1900 II, S. 264; 1901 II, S. 61; 1902 I, S. 91f.; 1904 I, S. 244ff., 335f.; 1904 II, S. 94, 259; 1905 II, S. 90; 1906 II, S. 79; 1911 I, S. 9; 1912 II, S. 227, 259

Die Musik 1912/13 III, S. 380

MusT 1895, S. 528; 1896, S. 340; 1897, S. 552, 622; 1898, S. 99f.; 1899, S. 48, 313; 1900, S. 480, 591; 1901, S. 248; 1902, S. 267; 1903, S. 77, 194; 1905, S. 408; 1911, S. 470; 1913, S. 320, 328, 611, 745; 1916, S. 96, 566f.; 1918, S. 306; 1920, S. 480

The Organist and Choirmaster 1901 II, S. 83; 1904 I, S. 225

Saturday Review of Politics, Literature, Science, and Art 1901, S. 411; 1902, S. 380

The School Music Review 1902, S. 220

Violin Times Aug. 1904, S. 114

 

Bildnachweis

Good housekeeping 1907 I, S. 543

Musical Standard 1912 II, S. [230]

Musical Herald 1920, S. 305

 

Jannis Wichmann

 

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