Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Szumowska, Szumowsky, Szumowska Adamowsky, Szumowska-Adamowska, Szumowski-Adamowski, Antoinette, Antonina, Aniela, verh. Adamowska

* 22. Febr. 1868 in Lublin, † 18. Aug. 1938 in Rumson/NJ, Pianistin und Klavierlehrerin. Die Tochter eines Intellektuellen, der aufgrund seines politischen Engagements 1863 zeitweise nach Sibirien verbannt wurde, beschäftigte sich schon früh mit der Musik, entschied sich aber vergleichsweise spät dazu, sie zu ihrem Beruf zu machen. Ausgebildet bei Rudolf Strobl (1831–1915) und Aleksander Michałowski (1851–1938) am Musikinstitut Warschau (der Vorläuferinstitution des Warschauer Konservatoriums bzw. der heutigen Fryderyk-Chopin-Musikuniversität), nahm sie zwischen 1890 und 1895 Privatstunden bei Ignacy Jan Paderewski (1860–1841) in Paris. Angeblich war sie die einzige Frau unter seinen wenigen Schülern. Die Verbindungen waren freundschaftlich: Antoinette Szumowska war mit seiner zweiten Ehefrau, Helena geb. Górska, verwandt, verfasste Erinnerungen an Paderewski und verpflichtete ihn Anfang der 1920er Jahre, nachdem er sich bereits intensiv der Politik zugewandt hatte, für einen Meisterkurs an das New England Conservatory of Music, an dem sie lange Jahre lehrte.

Parallel zu ihrer Ausbildung bei Paderewski begann Szumowska, in großem Rahmen öffentlich zu konzertieren. Ihrem Debüt in der Pariser Salle Erard im Mai 1891 folgten ab dem 3. Nov. 1892 Auftritte in allen bedeutenden Londoner Sälen und Veranstaltungsreihen sowie Orchesterkonzerte und Soloabende in England, Russland und Polen; u. a. spielte sie vor dem russischen Zaren.

1895 ging sie mit einem Empfehlungsschreiben Paderewskis in die USA, debütierte mit dem Boston Symphony Orchestra, musizierte in New York und unternahm mit renommierten Dirigenten wie Theodore Thomas und Walter Damrosch Gastspielreisen durch das Land.

Im Zuge ihrer Konzerte begegnete sie dem Cellisten Józef Adamowski, einem engen Freund und Studienkollegen Paderewskis, der in Warschau und Moskau (u. a. bei Wilhelm Fitzenhagen und Peter Tschaikowsky) ausgebildet worden war. Nachdem er zwischen 1885 und 1887 am Krakauer Konservatorium unterrichtet hatte, war er 1889 zu seinem Bruder Tymoteusz (Tymothee) in die USA übergesiedelt, wo er wie dieser Mitglied des Bostoner Orchesters wurde. Gemeinsam mit Antoinette Szumowska gründeten die Brüder 1896 das „Adamowsky Trio“, das bis 1914 existierte und mit ca. 30 Konzerten jährlich in den USA und Europa und vor allem in Boston regelmäßig auftrat. Unter dem Namen „The Polish Chamber Musicians“ musizierte das Trio 1896 auch in New York.

 

 

Konzertprogramm des Adamowsky Trios vom 2. März 1808.

 

Wie so viele polnisch-national fühlende Intellektuelle zählten wohl auch die Brüder Adamowski zu denjenigen, die ihre Heimat aus kulturellen und ökonomischen Gründen verließen: Die russische Fremdherrschaft hatte in Polen zu einer Stagnation von Bildung, Ausbildung und Kultur geführt, und in den USA gab es für Musiker ein breites Betätigungsfeld, da das Konzertleben dort noch im Aufbau begriffen war. Dennoch blieb man aus der Ferne dem polnischen Nationalgedanken verbunden, förderte die polnische Unabhängigkeit durch Benefizkonzerte und durch soziales Engagement. Auch Antoinette Szumowska engagierte sich für den „Polish Victims’ Relief Fund“, dessen Vorsitzender, ihr ehemaliger Lehrer Paderewski, 1919 Ministerpräsident der Zweiten Polnischen Republik wurde, und während des 1. Weltkriegs war sie Präsidentin der Vereinigung „Friends of Poland“, die Gelder für polnische Kriegswaisen sammelte.

Józef Adamowski und Antoinette Szumowska heirateten im Sept. 1896. Fortan trat die Pianistin sowohl unter ihrem Geburtsnamen auf als auch unter einem Doppelnamen, wobei in der Presse die europäisierte maskuline Variante auf „-i“ oder „-y“ ebenso erscheint wie die traditionelle slawisch-feminine Version auf „-a“. Das Ehepaar hatte zwei Kinder. Der Sohn, Tadeusz (1901–1994), der während einer Europa-Reise seiner Eltern in Lausanne geboren wurde, holte bei den Olympischen Spielen mit der Polnischen Eishockey-Nationalmannschaft fünf Mal den Meistertitel und kehrte nach deutscher Kriegsgefangenschaft in die USA zurück. Seine Schwester, Helen Tradusa (genannt Helenka) Adamowska-Pantaleoni (1900–1987), engagierte sich nach einer Schauspielkarriere (Bühne und Stummfilm) wie ihre Mutter im karitativen Bereich, gründete 1941 den „Paderewski Fund for Polish Relief“, war 1946 Beisitzerin der Vereinigung „National Council of Women of the United States“ und 1946/47 Mitbegründerin der Unicef, deren US-Sektion sie 25 Jahre lang vorstand. Für ihr soziales Engagement erhielt sie zwei Ehrendoktorwürden; sie hinterließ vier Söhne, eine Tochter und 14 Enkelkinder.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann lebte Antoinette Szumowska um die Jahrhundertwende in Brooklyn/MA und anschließend bis 1930 in Boston, wo alle drei Mitglieder des Adamowsky Trios am New England Conservatory of Music lehrten: Józef hatte ab 1903 eine Professur für Cello inne, Tymotheusz unterrichtete ab 1907, Antoinette zwischen 1902 und 1907 sowie 1920 bis 1930 dort. Zu ihren Schülerinnen zählen Ruth Culbertson und Mary Madden; ihr berühmtester Absolvent, der Puerto Ricaner Jesús María Sanroma (1902–1984), übernahm 1930 ihren Lehrstuhl.

Im Verlauf ihrer mehr als eine Generation andauernden musikalischen Tätigkeit in der Neuen Welt konnte Antoinette Szumowska erleben, wie sich das dortige Musikleben immer professioneller und selbstständiger gestaltete. Als Sanroma seine erste Europa-Tournee antrat, sah sie darin den Beweis für die Wertigkeit des amerikanischen Musiklebens, zu dem sie gemeinsam mit Mann und Schwager so engagiert beigetragen hatte: „You are really a product of America“, gab sie ihrem Schüler mit auf den Weg, „and you owe everything you really are to this country. It will be interesting to reverse the usual process, so that something worth while could come from here to Europe, instead of vice versa which usually happened until now“ (zit. nach Hernández, S. 64).

Ihre Unterrichtsstunden mit Jesús María Sanroma folgten einem klaren Konzept. Obwohl der 18-Jährige bereits ein fertig ausgebildeter Pianist mit umfassendem Repertoire war, als er zu ihr kam, begann Szumowska zunächst mit Musik von Joh. Seb. Bach, Mozart und Beethoven, erst danach folgten Werke der großen Romantiker Chopin, Robert Schumann und Brahms und schließlich virtuose Kompositionen von Liszt, Paderewski und anderen. Parallel dazu animierte sie den jungen Künstler dazu, sich ein breites Repertoire an Kammermusik, insbesondere des 19. Jahrhunderts, anzueignen, so, wie sie selbst es praktizierte.

Eine nicht auf den äußeren Effekt, sondern auf das musikalische Durchdringen angelegte Ausbildung scheint sie in ihrer eigenen Zeit bei Paderewski erlebt zu haben. Sie erinnert sich, dass ihr Lehrer besonderen Wert auf das Legatospiel legte, insbesondere spezielle Terzen- und Sexten-Etüden ausdrücklich im Legato praktizierte und alles langsam üben ließ, um Ton und Anschlag zu verfeinern. Darüber hinaus beschreibt sie seine technischen Studien zur Stärkung der Anschlagskraft, sein Verfahren, Skalen und Arpeggien mit unterschiedlichen Akzenten zu üben, und betont, dass er besonderen Wert auf Kontrastreichtum legte. Ihr Fazit lautet: „Paderewski the teacher is as remarkable as Paderewski the pianist“ (zit. nach Brower 1915, Kap. I, NP).

Auch Antoinette Szumowska selbst scheint als Lehrerin wie als Pianistin gleichermaßen bemerkenswert gewesen zu sein: „As an artist, Madame Szumowska crafted her own reputation through her refined pianism, which was characterized by both cleanness and intimate charm. During one of her many early recitals in the Mendelssohn Hall, a reviewer of the New York Times [8. März 1903] commented: ,...the quickening imagination of her readings, her keen insight into the inner meaning, the finish and grace of her playing, and the glowing opalescence of her tone made all these things in their various ways delightful‘“ (Hernández, S. 66). In ihrem Repertoire distanzierte sich die Künstlerin offenbar von musikalisch leichtgewichtigen reinen Virtuosen-Stücken und konzentrierte sich neben gehaltvoller Musik von Pianisten für Pianisten (Liszt, Anton Rubinstein, Paderewski) auf die großen Klaviersolo- und Konzertwerke von Robert Schumann, Mendelssohn, Weber und Chopin sowie auf Joh. Seb. Bach und Beethoven. Im Bereich der Kammermusik erarbeitete sie mit ihrem Trio ein breites Repertoire, das auch Partituren von Peter Tschaikowsky und Eugène Ysaÿe enthielt. Dessen Sonate op. 30 Nr. 2 trug sie im letzten Monday Popular Concert der Saison 1892/93 gemeinsam mit dem Komponisten vor und bestätigte dabei den positiven Eindruck und die „große Wirkung auf das Publikum“ (Signale 1892, S. 10), die sie bereits bei ihrem Londoner Debüt mit den Papillons op. 2 von Robert Schumann und Chopins Ballade Nr. 1 g-Moll op. 23 erzielt hatte.

Dass speziell ihr Chopin-Spiel stets mit besonderer Aufmerksamkeit wahrgenommen und überwiegend als Gefühl ohne Sentimentalität („sentiment without sentimentality“, New York Times 8. März 1903, zit. nach Hernández, S. 66) geschätzt wurde, liegt angesichts ihrer polnischen Wurzeln nahe. Wie die Musik ihres großen Landsmannes aufzufassen sei, explizierte Antoinette Szumowska auch in mehreren Essays: Für einen Sammelband der University New York verfasste sie Erläuterungen zu Chopins Nocturnes op. 15 Nr. 3 und op. 27 Nr. 1 (Elson 1914), und in ihrem Artikel „An appreciation of Chopin“ betont sie die Bedeutung eines schönen und singenden Tons für die Interpretation speziell dieser Musik – womit sich zugleich der Kreis zu ihren Erinnerungen an das Spiel Paderewskis schließt.

Den Vergleich mit ihrem Lehrer brauchte sie offenbar nicht zu scheuen: „The public has recognized that her work is not a mere imitation of her master – it has its own peculiar inspiration. In technique Miss Szumowska deserves only favorable criticism; her runs are wonderfully flowing and her use of the pedal masterful“ (Vassar Miscellany 1895, S. 439f.). Die New York Times“ würdigte ihr Spiel mit den Worten: „She plays octaves with rapidity and accuracy, and her runs are crisp and smooth. She excels in the delicacies of piano playing rather than in its broader traits. Her tone is always round and sweet, and her style is, on the whole, distinguished by refinement and taste rather than breadth or incisiveness ... Her playing is essentially feminine, but without being colorless (New York Times 22. März 1895, zit. nach Hernández, S. 66). Den hier mitschwingenden Vorbehalt gegenüber vermeintlich weiblichem Klavierspiel setzte „Vassar Miscellany“ jedoch etwas grundlegend Positives entgegen: „Miss Szumowska has by nature much of the power that is usually developed only by life experience“ (Vassar Miscellany 1895, S. 440). Obwohl die Künstlerin zu dem Zeitpunkt erst 27 Jahre alt war, vermochte sie, so das Fazit, dem amerikanischen Publikum weit mehr als nur Klangschönheit zu vermitteln: „With [...] this piano recital by Miss Szumowska, we feel that the music department has given us something this year not only of great pleasure but of real and lasting benefit“ (ebd.).

In Amerika entstanden einige wenige Aufnahmen auf Klavierrollen: Zehn Klavierwerke wurden vermutlich um 1916/17 in Poughkeepsie/NY für Welte Amerika eingespielt, einige weitere wurden für das Ampico-System produziert.

 

TONAUFNAHMEN (Welte-Mignon- und Ampico-Tonrollen)

U. a. Frédéric Chopin, Préludes op. 28 Nr. 6, 21 und 23, Ampico 57675; Frédéric Chopin, Mazurka op. 24 Nr. 2, Ampico 58103; Wolfgang Amadeus Mozart, Romanze [KV 245?],Red *366 Welte6, um 19/1167

 

SCHRIFTEN

Antoinette Szumowska, „An Appreciation of Chopin“, in: Etude Magazine  Aug. 1910, http://etudemagazine.com/etude/1910/08/-an-appreciation-of-chopin.html, Zugriff am 10. Okt. 2014.

Antoinette Szumowska, „Well-known Piano-Solos and How to Play Them“, in: University Musical Encyclopedia – Musician’s Practical Instructor I, hrsg. von Arthur Elson, 12 Bde., Bd. 11, New York 1914, S. 86–91.

Antonina Adamowska, „Paderewski w życiu prywatnem“ [Paderewski privat], in: Życie muzyczne i teatralne [Musik- und Theaterleben; Poznán] 5/6 (1935), S. 23–24. „The Private Life of Paderewski by Antonina Adamowska“, in: Polish Music Journal 2 (2001), NP, http://www.usc.edu/dept/polish_music/PMJ/issue/4.2.01/adamowska.html, Zugriff am 10. Okt. 2014.

 

LITERATUR (Auswahl)

Boston Herald 25. Apr. 1924

Crimson Reviews [Cambridge] 5. Nov. 1923

Musical America 18. Mai 1907 

NZfM 1895, S. 201, 288

Signale 1892, S. 10, 132, 249, 965, 1031, 1046; 1895, S. 475

The Times [London] 1891, 30. Nov.; 1892, 10. Jun., 31. Okt., 1. Nov.; 1893, 2. Jan.; 1907, 16., 24. Okt.

Vassar Miscellany 1894, S. 439f.

Baker, Frank/Altmann, MGG 2000

University Musical Encyclopedia – Musician’s Practical Instructor I, hrsg. von Arthur Elson, 12 Bde., Bd. 11, New York 1914.

Harriette Brower, Piano Mastery, New York 1915.

César Saerchinger (Hrsg.), International Who’s Who in Music and Musical Gazetteer, New York 1918.

New England Conservatory of Music [Boston], „Faculty Notes“, in: The Conservatory Bulletin 9 (1920), S. 4.

Madame Antoinette Szumowska […] will open a New York studio for the season 1930–1931, Broschüre, o. O. 1930. [Angabe bei Hernández 2008, S. 77.]

Clara Kathleen Rogers, The Story of Two Lives, Norwood/MS 1932.

Eleanor Miller, History and Development of the New England Conservatory of Music, Boston 1935.

Bronislas A. Jezierski, „The Adamowskis. Musicians and Patriots“, in: Polish American Studies [Illinois] 1/2 (1948), S. 14–32.

James Methuen-Campbell, Chopin Playing: From the Composer to the Present Day, London 1981.

Wilson Lyle, A Dictionary of Pianists, London 1985.

Stanley S. Sokol u. Sharon F. Mrotek Kissane, The Polish Biographical Dictionary: Profiles of Nearly 900 Poles who Have Made Lasting Contribution to World Civilization, Wauconda/IL 1992.

Alberto Hernández, Jesús María Sanromá: An American Twentieth-Century Pianist, Lanham/MD 2008.

Anna Mazurkiewicz, East Central Europe in Exile. 2 Bde., Bd. 1: Transatlantic Migrations, Newcastle upon Tyne 2013.

Maristella Feustle, Joe M. Morris Piano Roll Collection, http://findingaids.library.unt.edu/?p=collections/findingaid&id=274&q=&rootcontentid=72601, Zugriff am 15. Okt. 2014.

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Cardiff University, Sammlung von Konzertprogrammen, http://www.concertprogrammes.org.uk/html/search/verb/GetRecord/4925, Zugriff am 15. Okt. 2014.

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Jesús María Sanroma, http://www.naxos.com/person/Jesus_Maria_Sanroma/44175.htm, Zugriff am 13. Juni 2014.

 

Bildnachweis

Antoinette Szumowska; undatiertes Porträtphoto, http://www.rgrossmusicautograph.com/instrumental72.html, Zugriff am 16. Juli 2014.

Konzertprogramm des Adamowsky Trios vom 2. März 1808, Ann Arbor/Michigan, University Musical Society – A History of Great Performances, http://ums.aadl.org/ums/programs_19080302e, Zugriff am 14. Juli 2014.

 

Kadja Grönke

 

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