Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Schumann, Marie

* 1. Sept. 1841 in Leipzig, † 14. Nov. 1929 in Interlaken (Schweiz), Pianistin und Klavierlehrerin. Marie Schumann war das erste Kind von Clara und Robert Schumann. Mit ihrer Geburt wurde, so schreibt Robert Schumann im Ehetagebuch, für die Eltern ein „neuer Lebensabschnitt wenn auch nicht ohne Sorgen aber glücklich vollbracht, daß wir dem Himmel aus ganzem Herzen dankbar sein müssen. Am 1sten September schenkte er uns durch meine Klara ein Mädchen. […] 10 Minuten vor elf Uhr Vormittag war das Kleine da […]. Nun flogen die Stunden hin zwischen Freude und Besorgniß. Das Kleine gedieh von Tag zu Tag. Klara erholte sich immer mehr. Die Mutter kam aus Berlin dazu, und am 13ten September, Klara’s 22sten Geburtstag, ließen wir es taufen mit dem lieben Namen Marie“ (Schumann u. Schumann, S. 97). Clara Schumann drückt in dem Buch ebenfalls ihre Freude über die Geburt der Tochter aus, gesteht zugleich aber auch ihre Ängste ein: „Sorge macht so ein Kind auch, besonders ein Erstes, mit dem man noch gar nicht recht umzugehen weiß – mit Recht nennt man so ein Kind ein Angstkind, denn das ist es wahrhaftig! Jede Bewegung meiner Kleinen betrachte ich mit einem Gefühl von Angst und Freude“ (ebd., S. 98f.). Wesentlich ausführlicher als bei den anderen Kindern hielten Clara und Robert Schumann ihre Gedanken und Beobachtungen in dem für Marie angelegten Stamm-, Notiz- und Notenbuch sowie im Ehetagebuch fest. Hierin beschreibt Robert Schumann auch den Rollenkonflikt, dem Clara Schumann als Künstlerin und Mutter ausgesetzt war: „Jetzt ist Klara am Ordnen ihrer Lieder und mehrerer Claviercompositionen. Sie will immer vorwärts; aber rechts hängt ihr Marie am Kleid, Elise [das zweite Kind von Clara und Robert Schumann] macht auch zu schaffen, und der Mann sitzt in Perigedanken [gemeint ist Robert Schumanns Oratorium Das Paradies und die Peri op. 50, entstanden Anfang 1843] vertieft“ (zit. nach Seibold 2008, S. 278).

Nach der Geburt der ersten Tochter schränkte Clara Schumann ihre Konzerttätigkeit deutlich ein, unternahm aber weiterhin Konzertreisen, auf die sie Marie nicht mitnehmen konnte. Im Frühjahr 1842 reiste sie nach Kopenhagen und ließ die Tochter in der Obhut des Vaters sowie einer Amme. Begleitete Robert Schumann seine Frau, sorgten andere Familienmitglieder für das Kind bzw. später für die Kinder. Während der fast fünfmonatigen Reise der Eltern durch Russland von Jan. bis Mai 1844 kamen Marie und Elise bei Carl Schumann (1801−1849), dem älteren Bruder Robert Schumanns, und dessen Ehefrau Pauline geb. Colditz (1818–1879) in Schneeberg unter.

Seit Okt. 1847 besuchte Marie Schumann die Elementarschule. Klavierunterricht erhielt sie schon früher, jedoch nicht von ihrer Mutter. Clara Schumann schreibt: „Marie und Elise gehen in die Schule und lernen fleißig, auch in der Clavierstunde[,] die ich ihnen geben lasse, um mich mit den ersten Anfangsgründen nicht selbst abplagen zu müssen, da auch meine Zeit zu kostbar ist“ (zit. nach Wendler, S. 152). Im März 1846 berichtet Robert Schumann im Erinnerungsbüchlein für die Kinder, dass er angefangen habe, Marie „die Tasten auf dem Klavier zu lehren“ (zit. nach Eugenie Schumann, S. 246). Um 1847 erhielt sie Unterricht von Marie Wieck, der Halbschwester Clara Schumanns. 1848 übernahm Friederike Malinska, eine Klavierlehrerin aus Dresden, den Unterricht von Marie Schumann und ihrer jüngeren Schwester Elise (1843−1928). Nach dem Umzug der Familie nach Düsseldorf im Herbst 1850 wurde eine Musikerin namens Dupré als Lehrerin für die Mädchen engagiert. Zwischenzeitlich erhielten sie auch Unterricht von Brahms. Harmonielehre und Kontrapunkt lernten sie daneben bei Woldemar Bargiel (1828−1897), Clara Schumanns Stiefbruder aus der Ehe der Mutter Mariane geb. Tromlitz (1797−1872) mit Adolph Bargiel (1783−1841). Clara Schumann arbeitete erst seit Aug. 1851 mit ihren Töchtern, als Grundkenntnisse und -fertigkeiten vorhanden waren. Sie schreibt: „Marie und Elise müßen so ziemlich fleißig an’s Klavier, d. h. sie üben regelmäßig täglich 1–2 Stunden“ (zit. nach Seibold 1982, S. 200).

Marie Schumann um 1871, Bildnis von J. Ganz.


Nicht immer war sie mit den Fortschritten der Töchter zufrieden: „Mit meinen Kindern, Marie und Elise, geht es so langsam vorwärts; ich gebe ihnen wöchentlich Jede zwei Stunden, mehr kann ich nicht, und das ist freilich nicht viel, und doch immer Geduldsprobe genug. Leider haben sie so viel Schule, daß sie nicht gar viel üben können, und auch ist der Eifer, oft zu meiner Betrübnis, gering, doch Robert meint, mit dem Verstande werde das sich ändern. In dieser Hoffnung bleibe ich auch immer standhaft mit dem Unterricht – ich kann ihnen ja weiter nichts für’s Leben geben!“ (zit. nach Seibold, S. 259). Neben dem Einzelunterricht führte sie die Mädchen auch an das Ensemblespiel heran und lud hierfür InstrumentalistInnen zu sich nach Hause ein. Gleichzeitig sah die Mutter keine pianistische Karriere für ihre Töchter vor und verwehrte ihnen ein Musikstudium, obwohl sie es, so Clara Schumann in einem Brief an ihre Schwägerin Pauline Schumann, „umsonst gehabt hätten. Ich habe meine Gründe es nicht zu wünschen wie ich sie denn überhaupt gern so zurückgezogen wie möglich gehalten sehe“ (zit. nach Eugenie Schumann, S. 297).

Nach dem Tod Robert Schumanns in der Nervenheilanstalt in Endenich bei Bonn war Clara Schumann allein für die Familie verantwortlich. Ihre Kinder brachte sie in verschiedenen Pensionen bzw. bei Verwandten unter. Marie Schumann kam zusammen mit ihrer Schwester Elise in eine Pension in Leipzig. 1857 war sie zusammen mit ihren Schwestern Julie und Elise in einer Pension in Berlin untergebracht. Seit 1858 lebten Marie, Elise, Eugenie und Felix bei der Mutter in Berlin. Für ihre Erziehung sowie die Organisation des Haushalts wurde Elisabeth Werner, eine langjährige Freundin Clara Schumanns, eingestellt.

Wohl dem Wunsch der Mutter entsprechend, hielt sich Marie Schumann zeitlebens im Hintergrund und verzichtete auf eine eigene Karriere. Belege für öffentliche Auftritte gibt es nicht. Anfang der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts trat sie den „Hausmutterstand“ (zit. nach Eugenie Schumann, S. 296) an und unterstützte ihre Mutter fortan bei der Erziehung ihrer jüngeren Geschwister, kümmerte sich um den Haushalt, half Clara Schumann bei der Arbeit (z. B. bei Noteneditionen und als Klavierlehrerin am Hoch’schen Konservatorium) und begleitete sie auf Konzertreisen. Im Okt. 1861 schreibt diese an Elise Pacher von Theinburg: „Ich habe jetzt Marie hier in der Wirtschaft eingerichtet, und zeigt sie sich sehr geschickt zu Allem“ (zit. nach Wendler, S. 244). Eugenie Schumann erkennt in der Fürsorge ihrer Schwester Marie für die Mutter und die Geschwister „das Opfer ihres Lebens“ (zit. nach Eugenie Schumann, S. 25). Bis zu Clara Schumanns Tod lebte Marie Schumann bei ihrer Mutter und blieb zeitlebens unverheiratet. Allein ihr hatte es Clara Schumann „zu verdanken, daß sie ungestört ihrem Berufe leben konnte; nie nahten sich ihr die so lästigen Anforderungen des täglichen Lebens, sie bei der Ausübung ihrer Kunst aus allen Himmeln reißend. Ihr konnte sie getrost alles überlassen, mit ihr wurde alles und jedes beraten, alle Pläne mit ihr gemacht“ (ebd.).

1878 nahm Clara Schumann eine Stelle als erste Klavierlehrerin am Hoch’schen Konservatorium an und zog mit ihren Töchtern Marie und Eugenie nach Frankfurt a. M. Schon in den Vertragsverhandlungen forderte sie eine Stelle für eine Hilfslehrerin, welche die SchülerInnen auf den Unterricht bei ihr vorbereiten sollte. Diese Stelle erhielt 1880 Marie Schumann, die schon seit dem Herbst 1878 SchülerInnen ihrer Mutter unterrichtet hatte. Seit dem Studienjahr 1881/1882 war auch Eugenie Schumann als Assistentin ihrer Mutter am Konservatorium tätig. Beide Schwestern leiteten eigene Klassen, die als Vorbereitung für die Klavierklasse Clara Schumanns gedacht waren. SchülerInnen wie Ottilie Braunfels, Anna Cossmann, Alice Guggenheim, Mabel Frances Hime, Charles Holden-White, Adelina de Lara, Carl Oberstadt oder Mathilde Verne erwarben bei Marie bzw. Eugenie Schumann Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie erst für den Unterricht bei Clara Schumann qualifizierten. Zahlreiche SchülerInnen erreichten dieses Niveau nicht – ihnen blieb der Unterricht bei der renommierten Pianistin verwehrt. Viele von ihnen verließen das Konservatorium nach nur ein bis zwei Semestern.

Indem Clara Schumann ihrer Tochter Marie sämtliche Tagebücher und Briefe (sofern sie diese nicht schon vernichtet hatte) hinterließ, bestimmte sie diese zur Nachlassverwalterin der Familie Schumann. Mit dem Ziel, der Mutter „ein literarisches Denkmal zu setzen“ (Zwickauer Zeitung, zit. nach Bär, S. 497), engagierte Marie Schumann Berthold Litzmann, der die Dokumente herausgeben sollte. Ihm legte sie das Material jedoch in stark selektierter Form vor. Von den ursprünglich 47 Tagebüchern sind letztlich nur neun erhalten geblieben. Die übrigen Bände hat Marie Schumann auf Anweisung ihrer Mutter verbrannt. Konflikte der Eltern, die Auseinandersetzungen mit Friedrich Wieck, unfreundliche Bemerkungen Clara Schumanns über KollegInnen, politische Standpunkte, negative Kritik am Klavierspiel Clara Schumanns und auch zahlreiche Informationen über Robert Schumann in Endenich wurden von der Überlieferung ausgeschlossen. Auf diese Weise nahm Marie Schumann grundlegend Einfluss auf die Darstellung ihrer Eltern für die Nachwelt.

1897 erwarb Marie Schumann in Interlaken (Schweiz), „wo die Mutter so gern weilte“ (Brief von Marie Schumann an Joseph Joachim, 15. Sept. 1896, Brahms Institut Lübeck), ein Grundstück, auf dem sie noch in demselben Jahr ein Chalet erbauen ließ. Hier wohnte sie bis zu ihrem Tod. Ihre Schwester Eugenie, die zusammen mit Marie Fillunger in Matten wohnte, war ein häufiger Gast.

Marie Schumann starb am 14. Nov. 1929 in Interlaken und wurde auf dem Friedhof Gsteig bestattet. Die älteste Tochter Clara und Robert Schumanns ist Widmungsträgerin einiger Kompositionen ihres Vaters. U. a. widmete er ihr die dritte der Drei Klaviersonaten für die Jugend op. 118 C-Dur. Zu ihrem ersten Weihnachtsfest im Jahr 1841 komponierte er für Marie und Clara Schumann das Schlummerlied, veröffentlicht als Nr. 16 in den Albumblättern op. 124. An ihrem siebten Geburtstag beschenkte Robert Schumann seine Tochter außerdem mit Stückchen für’s Klavier, einer Sammlung von acht Klavierkompositionen, die später im Album für die Jugend op. 68 veröffentlicht wurden. Anfang der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts komponierte Schumann zusammen mit Marie zwei Lieder, die Clara Schumann gewidmet sind: Seht ihr den Mai (Duett ohne Begleitung, 1851) und Gern macht’ ich dir heute (Duett ohne Begleitung, 1852).

 

LITERATUR (Auswahl)

Brahms Institut Lübeck, Sammlungen „Schumanniana“ bzw. „Joseph und Amalie Joachim“, Briefe von Marie Schumann

Athenæum 1898 I, S. 649

Jahresbericht des Dr. Hoch’schen Conservatoriums für alle Zweige der Tonkunst zu Frankfurt am Main 1880/1881, S. 3, 4, 5, 6, 7; 1881/1882, S. 3, 4, 5, 6, 7, 18; 1882/1883, S. 4; 1883/1884, S. 16, 23, 25, 44; 1884/1885, S. 4, 5, 6, 7, 8, 10; 1885/1886, S. 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10; 1886/1887, S. 3, 5, 6, 33; 1887/1888, S. 9, 12, 32; 1888/1889, S. 3, 5, 6, 25; 1889/1890, S. 3, 5, 6, 10; 1890/1891, S. 3, 5, 6, 29; 1891/1892, S. 3, 5, 6, 7, 10, 11, 31

MusT 1927, S. 442, 899; 1930, S. 3, 80

Frank/Altmann, NDB

Mary Wurm, „About Teaching Children the Pianoforte“, in: Magazine of Music 4 (1896), S. 260−261.

Marie Wieck, Aus dem Kreise Wieck-Schumann, Dresden 21914.

Clara Schumann u. Johannes Brahms, Briefe aus den Jahren 1853−1896, hrsg. von Berthold Litzmann, 2 Bde., Bd. 1 u. 2, Leipzig 1927.

Wolfgang Seibold, „Friederike Malinska. Eine Klavierlehrerin der Schumanntöchter Marie und Elise“, in: Logos musicae. Festschrift für Albert Palm, hrsg. von Rüdiger Görner, Wiesbaden 1982, S. 194−201.

Walter Bettler, Robert Schumann, Clara Schumann und ihre Töchter Marie und Eugenie in Interlaken, Privatdruck, Interlaken 1994.

Eugenie Schumann, Claras Kinder. Mit einem Nachwort von Eva Weissweiler und Gedichten von Felix Schumann, hrsg. von Eva Weissweiler, Köln 1995.

Eugen Wendler (Hrsg.), „Das Band der ewigen Liebe“. Clara Schumanns Briefwechsel mit Emilie und Elise List, Stuttgart u. Weimar 1996.

Nancy B. Reich, Clara Schumann. The Artist and the Woman, neubearbeitete Auflage, Ithaca u. London 2001.

Renate Brunner (Hrsg.), Alltag und Künstlertum. Clara Schumann und ihre Dresdner Freundinnen Marie von Lindeman und Emilie Steffens. Erinnerungen und Briefe (= Schumann-Studien, Sonderbd. 4), Sinzig 2005.

Robert Schumann u. Clara Schumann, Ehetagebücher. 1840−1844, hrsg. von Gerd Nauhaus u. Ingrid Bodsch, Bonn 2007.

Wolfgang Seibold, Familie, Freunde, Zeitgenossen. Die Widmungsträger der Schumannschen Werke (= Schumann-Studien, Sonderbd. 5), Sinzig 2008.

Ute Bär, „‚Sie war die einzige der Schwestern, die ein lebendiges Bild des Vaters in ihrem Herzen bewahrte …‘. Zum Gedenken an den 80. Todestag von Marie Schumann“, in: Die Tonkunst 4 (2009), S. 495−497.

Janina Klassen, Clara Schumann. Musik und Öffentlichkeit (= Europäische Komponistinnen 3), Köln 2009.

Eberhard Möller (Hrsg.), Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit der Familie Wieck, hrsg. von Thomas Synofzik (= Serie 1: Familienbriefwechsel 2), Bergheim 2011.

Schumann-Portal, http://www.schumann-portal.de/pgcms/output.php?PAGE_ID=17#, Zugriff am 13. Apr. 2012.

Stückchen für’s Klavier (Klavierbüchlein für Marie), Beethoven-Haus Bonn, Digitales Archiv, http://www.beethoven-haus-bonn.de/sixcms/detail.php?id=15123&template= ganzseite_digitales_archiv_de&_dokid=b1100&_seite=1-1, Zugriff am 28. Sept. 2012.

Nachkommen von Friedrich August Gottlob Schumann, http://home.rz.uni-duesseldorf.de/~molberg/schumann/schumnac.htm, Zugriff am 21. Juli 2012.

 

Bildnachweis

J. Ganz, Marie Schumann, Robert-Schumann-Haus Zwickau, Archiv-Nr.: 1999.91,2, 11b-B2v

 

Annkatrin Babbe

 

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