Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Jay, Marian

* ca. 1877 wahrscheinlich in London, Sterbedaten unbekannt, englische Violinistin und Violinlehrerin. Mit etwa sieben Jahren war sie bereits unter den SolistInnen eines Konzerts der St. Marks Kirche in Kennington, und etwa zwei Jahre später, nach einem Konzert am 26. Okt. 1886 im Rahmen der Folkestone Exhibition, gab der „Musical Standard“ auch über ihr Alter Auskunft: „A child, Miss Marian Jay (nine years of age and a pupil of Herr Polonaski), gave a violin solo Fantasia on ‚Trovatore,‘ [Verdi] by […] Singelée, in a manner which evoked the enthusiasm of the audience“ (Musical Standard 1886 II, S. 288). In den folgenden Jahren ließ Eugene Polonaski (1849–1912) seine Schülerin immer wieder Konzerterfahrung sammeln, teilweise mit Kompositionen oder Arrangements von ihm selbst, meist aber mit damals beliebten Virtuosenwerken wie der Fantasie über Themen von Gounods Faust-Oper von Delphin Alard und der Scène de ballet von Charles-Auguste de Bériot. Der „Musical Standard“ zeigte sich bereits von der Zehnjährigen überzeugt: „She showed a remarkable amount of technique, and for one so young a full tone of exceptionally fine quality“ (Musical Standard 1888 II, S. 20).

Am 17. Juni 1895 trat Marian Jay als Solistin in einem Konzert der Royal Academy of Music auf, und zwar mit dem letzten Satz aus Mendelssohns Violinkonzert op. 64. Im Okt. 1896 firmierte sie bereits als „Bronze and Silver Medalist“ und „Certificate, R.A.M.“ (MusT 1896, S. 643), blieb aber weiterhin Studentin der Academy, und zwar von 1897 an in der Violinklasse von Emile Sauret (1852–1920). Im März 1899 wurde ihr der Sauret-Preis verliehen, „for […] the best rendering of a Violin Piece selected by the donor and […] Playing at First Sight“ (Musical Standard 1899 II, S. 76). Ein letzter Auftritt in der Hochschule ist am 20. Aug. 1899 belegt, mit der Interpretation einer Komposition ihrer Mitstudentin Marion White. Marian Jay verließ die Einrichtung mit dem Titel einer „Associate R.A.M.“.

Bereits während des Studiums begann Marian Jay mit der gezielten Vorbereitung einer professionellen Karriere. Von 1896 an warb sie in zahlreichen Anzeigen der „Musical Times“ um Konzert-Engagements und SchülerInnen. Die „Violin Times“ (hrsg. von ihrem früheren Lehrer Polonaski) veröffentlichte 1897 erstmals ein ganzseitiges Portrait und eine Sammlung lobender Presse-Erwähnungen aus den Jahren 1895 bis 1897 (Violin Times 1897, S. [118f.]), die für diese Zeit bereits eine rege Auftrittstätigkeit belegen. Es folgten zahlreiche Engagements in Konzerten anderer Musikerinnen, später auch in Werbekonzerten der Simplex Piano Player Co. (1904–1906) und am 23. Nov. 1898 ein erstes eigenes Konzert, gemeinsam veranstaltet mit der Sopranistin Margaret Cooper in der Londoner Salle Erard. „In Wieniawski’s single [?] concerto Miss Jay displayed a good deal of virtuosity, and in Beethoven’s sonata in D from op. 12, in which she took part with Miss Maude Rihll, genuine artistic feeling was manifested. Her tone is rich and her style has considerable breadth, so that even in days when efficient violinists are continually coming forward her success should be a matter of certainty“ (Times 25. Nov. 1898).

Über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten gab Marian Jay in London regelmäßig eigene Konzerte, anfangs gemeinsam mit Sängerinnen, später mit Pianistinnen. Dies hing offenbar mit einer Entwicklung ihrer Programmplanung zusammen, die anfangs die üblichen gemischten Nummern einschließlich Vokalmusik vorsah, später aber konzeptionell anspruchsvoller wurde, wie etwa das Konzert vom 13. Febr. 1913, das sich auf Werke von Joh. Seb. Bach und Brahms konzentrierte. Die früher von Marian Jay präferierten Virtuosenwerke traten im Lauf ihrer Karriere zurück zugunsten anspruchsvoller klassisch-romantischer Kompositionen, und von 1901 an bezog sie auch Violinkompositionen des 18. Jahrhunderts in ihre Konzerte ein. Diese Tendenz wurde frühzeitig von der „Times“ lobend hervorgehoben: „That a violin recital can consist of something more interesting than a series of trashy show-pieces was proved last night by Miss Marian Jay, an accomplished violinist, who, though possessing an amount of technical skill which would have seemed astonishing a few years ago, did not disdain to include in her programme several pieces of real music“ (Times 14. Mai 1901, vgl. Violin Times 1901, S. 99f.). Neben Sarasates Bolero op. 30 und Vieuxtemps’ Rêverie op. 22 Nr. 3 enthielt das Programm die frühe Beethovensonate G-Dur op. 30 Nr. 3, Lalos Violinkonzert d-Moll op. 21 (Symphonie espagnole) und eine Sonate g-Moll von Tartini, wobei der Kritiker bei Beethoven „intelligence and musical instinct“ (ebd.) und bei Lalo „faultless brilliance“ (ebd.) hervorhob. Die „Times“ begleitete Jays Konzerte meist mit Wohlwollen und schrieb beispielsweise nach ihrem Konzert am 18. Nov. 1910: „This clever violinist is one of the satisfactory artists who seem to improve every time they are heard. At her recital yesterday in Bechstein Hall she began with Brahms’s Sonata in A [op. 100], and her broad phrasing, assured technique, and artistic feeling left nothing to be desired. […] Miss Jay’s other pieces were Mozart’s Concerto in D [KV 218], Bach’s unaccompanied Prelude and Fugue in G minor, and a group of transcriptions by Herr [Fritz] Kreisler of music by Padre Martini, Couperin, Dittersdorf, and Francœur“ (Times 19. Nov. 1910). Nachdem die Geigerin am 18. Mai 1908 das Violinkonzert D-Dur von Busoni op. 35a in englischer Erstaufführung präsentiert hatte, war die Reaktion der renommierten Tageszeitung allerdings harsch, sowohl in Bezug auf das Werk als auch in Bezug auf die Interpretation: Das Konzert sei „of singularly little musical interest, though it gives the soloist plenty of opportunity for brilliant passage playing. Miss Jay was evidently somewhat ill at ease with it. Her rapid passages were scrambled and the octaves of the third movement were rough and out of tune“ (Times 19. Mai 1908). Die Reaktion der Musikerin war überraschend und unüblich: Am 30. Mai 1908 platzierte sie in demselben Blatt eine umfangreiche Anzeige mit durchweg positiven Pressestimmen desselben Konzerts aus dem „Standard“, der „Morning Post“, dem „Daily Telegraph“, der „Sunday Times“ und sogar aus früheren Kritiken der „Times“.

Verschiedentlich kooperierte Marian Jay mit den Schumann-Schülerinnen Fanny Davies (Beethoven, Sonate c-Moll op. 12 Nr. 1, 8. Juli 1901) und → Mathilde Verne (Beethoven, Sonate c-Moll am 22. Nov. 1911; Mozart, Klaviertrio G-Dur KV 564 mit Enrico Mainardi am 14. Nov. 1912) und mit der Sängerin Blanche Marchesi, mit der sie auch Konzertreisen unternahm. Das Violinkonzert von Mendelssohn, das sie schon als Studentin öffentlich präsentiert hatte, blieb im Zentrum des Repertoires, dazu kamen das Doppelkonzert d-Moll BWV 1043 von Joh. Seb. Bach, Violinkonzerte von Joh. Seb. Bach (E-Dur BWV 1042, g-Moll, Rekonstruktion aus BWV 1056), Nardini (e-Moll), Mozart (A-Dur KV 219, D-Dur KV 218, Concertante mit Viola KV 364), Beethoven (D-Dur op. 61), Raff (Nr. 2 a-Moll), Bruch (g-Moll op. 26, Konzertstück op. 84, Romanze op. 42), und Brahms (D-Dur op. 77). Mit diesen Konzerten war sie auch häufiger Gast in den Queens’ Hall Concerts (1900, 1906, 1912) und im renommierten Seebad Bournemouth (1899, 1900/1901, 1910–1913). Weitere Auftrittsorte waren Harrogate (1903), Leeds (1903), Gravesend (1905), Sherborne (1910) und Cambridge (1910/11). 1907 unternahm die Geigerin eine achtmonatige Tournee durch Indien und konzertierte in Simla, Lucknow, Darjeeling, Cawnpore, Lahore, Calcutta und Rangoon, „in several towns with such success that two, and sometimes three concerts were arranged for“ (Musical Standard 1911 I, Jan., Suppl., S. 6).

Als sie gegen Ende ihrer Karriere, am 15. Nov. 1927, als Solistin mit den Streicherinnen des British Women’s Symphony Orchestra unter Malcolm Sargent konzertierte, bekam sie die wenig wohlwollende Haltung zu spüren, die einige Londoner Zeitungen gegenüber diesem Ensemble an den Tag legten: „Nardini’s violin concerto in E minor was not unpleasantly dull“ (Times 16. Nov. 1927). „Bach’s violin concerto in E minor [recte E-Dur] near the end of the programme was the low-water-mark. The soloist, Miss Marian Jay, scampered through it on an instrument of rather acid tone quality (ebd.). Die Geigerin war im Besitz eines Instruments von Joseph Guarnerius filius Andreae.

Im folgenden Jahr, am 30. Mai 1928, ist ein letztes eigenes Recital von Marian Jay belegt. Anschließend (Times 18. Febr. 1931) ist noch dokumentiert, dass sie auch in den Rundfunkprogrammen der BBC zu hören war. Danach verliert sich die Spur der Musikerin.

 

 

 Photographie um 1910.

 

LITERATUR (Auswahl)

Athenæum 1903 II, S. 659; 1908 I, S. 615; 1913 I, S. 196; 1914 I, S. 390

Minim 1900, S. 106

Musical News 1895 I, S. 581; 1897 I, S. 204, 414; 1899 I, S. 304; 1900 II, S. 279

Musical Standard 1886 II, S. 288; 1888 II, S. 20; 1889 I, Apr., Suppl., S. 287; 1889 II, S. 452; 1890 I, S. 113, 178; 1895 I, S. 498; 1899 I, S. 181; 1899 II, S. 72, 76, 249; 1900 II, S. 296; 1901 II, S. 26; 1903 I, S. 137; 1903 II, S. 217; 1906, I S. 313, 1906 II, S. 36; 1907 II, S. 29, 343; 1909 II, S. 366; 1910 I, S. 134, 136, 354; 1910 II, S. [45]; 1911 I, Jan., Suppl., S. 6f., [65], 201, 345f.; 1912 I, S. 15, 326f.; 1912 I, Juni, Suppl., S. 22; 1912 II, S. 229

MusT 1895, S. 469; 1896, S. 643; 1899, S. 264, 545; 1900, S. 75, 101; 1901, S. 405, 820; 1905, S. 337; 1910, S. 792; 1911, S. 258f.; 1912, S. 117, 397, 806; 1913, S. 393; 1914, S. 259; 1915, S. 231, 367; 1917, S. 469; 1926, S. 1020

MusW 1884, S. 706

Times [London] 1897, 29. Apr.; 1898, 25. Nov.; 1899, 22. März, 22. Juli; 1901, 22. März, 14. Mai, 3., 10., 22. Juni, 10. Juli, 30. Okt., 9. Nov.; 1904, 29. Jan., 7. Juni; 1905, 4. Febr., 28. Okt., 8. Dez.; 1906, 9., 12., 19. Mai, 9. Nov., 4. Dez.; 1908, 19., 30. Mai; 1909, 23. Apr., 3. Mai; 1910, 28. Sept., 12., 15., 18., 19. Nov.; 1911, 18., 20., 22., 23. Nov.; 1912, 14., 20. Mai; 1913, 21., 22. Febr.; 1914, 14., 23. März; 1915, 12. März, 13. Dez.; 1918, 3. Dez.; 1920, 31. Mai, 4. Juni; 1925, 12. Juni; 1927, 20., 25. Juni, 14., 16. Nov.; 1928, 28. Mai; 1931, 18. Febr.

Violin Times 1897, S. 78f., 83, [116], [118f.]; 1898, Dez., S. 18; 1901, S. 99f., 147; 1902, S. 67; 1905, S. 164

Henry Saxe Wyndham u. Geoffrey L’Epine, Who’s who in Music. A Biographical Record of Contemporary Musicians, London 1913.

Simon McVeigh, „‚As the Sand on the Sea Shore‘: Women Violinists in London’s Concert Life around 1900“, in: Essays on the History of English Music in Honour of John Caldwell. Sources, Style, Perfomance, Historiography, hrsg. von Emmy Hornby u. David Maw, Woodbridge 2010, S. 232–258.

 

Bildnachweis

Musical Standard 1911 I, Jan., Suppl., S. [65]

 

Freia Hoffmann

 

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