Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

RaczekRaczeck, Sophie

* 8. Febr. 1845 vermutlich in Troppau, Sterbedaten unbekannt, Violinistin. Sie war die Tochter von Vincenz Raczek (1812–?), selbst Geiger, der sich zunächst als Minoritenmönch seinem religiösen Interesse hingab, doch dann keine Profess ablegte und später u. a. als Organist in Brünn und schließlich als Schullehrer in Troppau tätig war. In Troppau heiratete er. Der Name der Mutter Sophie Raczeks ist nicht bekannt, doch hatte das Mädchen zumindest zwei Brüder, Friedrich (1843–?) und Victor (1847–ca. 1866), die beide ebenfalls Violine spielten. Später heiratete der Vater ein zweites Mal, zwei Halbgeschwister Sophie Raczeks (Toni, 1853–?; Johann Baptist, 1856–?) lassen sich benennen. Gemeinsam mit den Brüdern aus der ersten Ehe des Vaters bildete Sophie Raczek bereits in jungen Jahren ein Familienensemble.

Ein erster Auftritt des Trios ist in lokalem Rahmen für das Jahr 1851 dokumentiert. Infolgedessen „forderte der Statthalter von Schlesien, Ritter von Kolchberg, den Vater dringend auf, sein Amt niederzulegen und sich ganz der Musikausbildung seiner Kinder zu widmen. Der Vater brachte dieses Opfer und ging mit ihnen im Herbst 1852 nach Wien, wo sie theils bei ihm theils bei dem großen Geiger Helmesberger [sic], der sich ihnen uneigennützigst widmete, studirten“ (Das Inland 1858, Sp. 163). Der Rahmen dieser Unterweisungen hing offenbar vom Geschlecht ab: „Die Knaben, als Zöglinge des Conservatoriums eingeschrieben, errangen bei der Prüfung bald die ersten Preise“ (ebd., Sp. 164). Carl Friedrich Pohls Liste der SchülerInnen des Wiener Konservatoriums nennt denn auch nur Friedrich und Victor Raczek als Studierende, beide waren demnach von 1853 bis 1855 an jenem Institut eingeschrieben. Details über die Wiener Ausbildung Sophie Raczeks sind hingegen nicht bekannt. Weiteren Unterricht erhielten die drei Kinder wohl 1855 in Pest von David Ridley-Kohne (1812–1892), u. a. Lehrer von Leopold von Auer und von Charlotte Deckner. Später beschäftigte sich der ebenfalls u. a. von Ridley-Kohne ausgebildete Weimarer Hofkonzertmeister Edmund Singer (1830–1912) in der Weise mit den Kindern, „daß sie längere Zeit bei ihm blieben und täglich mit ihm musiciren mußten“ (ebd.). Die Biographie in der Dorpater Wochenschrift „Das Inland“ nennt zudem Joseph Joachim (1831–1907) und Louis Spohr (1784–1859) als Förderer.

Während ihrer Unterrichtszeit in Wien traten die Geschwister bereits auf. Dabei waren es zunächst nicht große Theatersäle, in denen sie sich hören ließen. So war im Jan. 1853 zu lesen, dass Friedrich und Sophie Raczek „im Seuffert’schen Salon auf der Wieden“ (Humorist 27. Jan. 1853) auftraten. Rund einen Monat später verkündet dasselbe Blatt, dass nun alle drei Raczek-Kinder „im Salon des Claviermachers Seuffert ein Concert“ (Humorist 23. Febr. 1853) gaben. Im Herbst, aber auch noch 1855 kehrten die Raczeks in den Saal der bekannten Wiener Klavier- und Orgelmacher-Familie zurück, wobei sie dann nicht nur dort, sondern beispielsweise auch im Theater an der Wien zu hören waren.

Obwohl Wien in den wenigen Jahren ihres öffentlichen Wirkens ein wichtiger Konzertort für die Familie war, ließen sich die Geschwister früh auch schon in anderen Städten hören, etwa 1853 in zwei Konzerten in Brünn. Doch erst zwei Jahre darauf scheinen sie erstmals auf eine längere Reise gegangen zu sein. Wurzbach: „Im April 1855 unternahm der Vater die erste Kunstreise mit seinen Kindern, und zwar nach Ungarn, Siebenbürgen, in die Moldau, Bukowina und Walachei. Der Erfolg war ein überaus günstiger“ (Wurzbach Bd. 24, S. 169). Von Konzerten dieser Reise berichten u. a. der „Siebenbürger Bote“ (aus Klausenburg/Cluj-Napoca) und die „Kronstädter Zeitung“.

Im Anschluss an die Rückkehr nach Wien wandte sich die Familie nach Prag, wo sie u. a. dem (seit 1848 nicht mehr regierungsverantwortlichen, weiterhin aber den Kaisertitel führenden) Habsburger Ferdinand I. vorspielten. Ende 1856 waren die Raczeks in Leipzig, wo sie mehrmals (u. a. im Gewandhaus und im Konservatorium) auftraten. Danach bereiste die Familie eine Reihe deutscher Städte. Weimar, Hannover, Halle, Jena, Erfurt, Kassel Bremen und Hamburg sowie Frankfurt a. M., Wiesbaden und Köln gehörten zu den Stationen des Jahres 1857, in dem auch ein Abstecher in die Niederlande unternommen wurde. In Berlin konzertierten die Raczeks in jenem Jahr zumindest neun Mal im Kroll-Saal, weitere Auftritte an anderen Orten kamen hinzu. 1858 spielten sie in Dresden (mit Unterstützung von Marie Wieck), Prag und Königsberg. Als „Das Inland“ in demselben Jahr eine ausführliche Biographie über die nun im Livländischen Dorpat konzertierenden Geschwister Raczek veröffentlicht (Sp. 163–165), scheint die Zeit der Kindervirtuosen-Familie zu Ende zu gehen. Spätere Konzerte sind in den 1850er Jahren nicht mehr nachzuweisen.

Noch einmal erschienen die Raczek-Geschwister in den 1860er Jahren in den Medien. 1865 melden die „Blätter für Musik, Theater und Kunst“ aus Wien den Auftritt der Raczek-Geschwister Sophie und Friedrich. Hanslick ordnet dies in der „Neuen Freien Presse“ den „kleineren Productionen“ (Neue Freie Presse 31. Jan. 1865) zu. 1866 begaben sich die Raczeks in den Osten. Die „Signale für die musikalische Welt“ schreiben, dass Sophie und Friedrich in Kiew, in Odessa und auf der Krim spielten, und klären über den Verbleib des dritten Raczek-Geigers auf: Die Raczeks kehrten demnach „jetzt vorläufig in ihr Vaterland nach Mähren zurück, um neue Kräfte aus ihrer Familie aufzunehmen, da ihnen der Dritte und Erste im Bunde: Victor, in Petersburg gestorben ist“ (Signale 1866, S. 359). Ob die angekündigte Ergänzung des Familienensembles tatsächlich stattfand, ist unklar, denn es liegen keine weiteren Informationen über die Raczeks vor.

Hinsichtlich der Auftrittsform und der Programmgestaltung dürften die Raczeks ein Ensemble von „Miniaturvirtuosen“ (Kronstädter Zeitung 4. Aug. 1855) par excellence gewesen sein. Den vielen Konzerten an den jeweiligen Orten nach zu urteilen, hatten die Kinder beim Publikum erheblichen Erfolg, was die Schilderungen in der Presse bestätigen. Auch bei den Kritikern selbst fanden die Kinderkonzerte oftmals Zustimmung. Die „Süddeutsche Musik-Zeitung“: „Es leisten diese jungen Violinisten […] Ausserordentliches. Wir fanden bei ihnen eine vollständig fertige Technik, ein vollkommenes Vertrautsein mit allen Spielarten und Nuancen der Violine; sie traten zum Theil mit Concertstücken auf, welche für die bedeutendsten Künstler des Instruments berechnet und geschrieben sind. Solche Leistungen, wie die Raczek’s gaben, setzen einen hohen Grad von natürlichem Talent voraus und können unmöglich allein durch Treibhaus-Erziehung erreicht werden“ (Süddeutsche Musik-Zeitung 1856, S. 210). Die „Neue Berliner Musikzeitung“: „Es gehören diese drei Kinder zu den selten begabten Wundererscheinungen, von denen man kaum sagen kann, ob ihr musikalisches Talent oder der Fleiss, den sie auf die Ausbildung desselben verwendet haben, ein grösseres Staunen erregt“ (Bock 1857, S. 99). Besondere Anerkennung erhielten die Kinder für ihr Unisono-Spiel, welches mehrfach von Kritikern gelobt wurde. „Das Höchste, was an Präcision gehört und gesehen werden kann, ist das Unisono-Spiel der Geschwister im Carneval [sic] de Venise, Perpetuum mobile von Paganini und ähnlichen mit allen möglichen Virtuosenkunststückchen ausgestatteten Musikstücken. Sind diese vollkommen gleichmässig sich bewegenden Violinbogen, diese in voller Uebereinstimmung ausgeführten figurenreichen Ritardandi und Accelerandi etc. auch nur nach einem strengen musikalischen Exercier-Reglement eingeübte Kunststücke, so sind doch auch selbst dergleichen Dinge ohne grosse Begabung und ohne auf solche begründete Beherrschung des Instruments nicht zu erreichen“ (Süddeutsche Musik-Zeitung 1856, S. 210). Selbst bei Kritikern solcher Auftritte scheint es an der geigerischen Begabung der Raczeks, „von denen das Allerhöchste zu erwarten wäre, wenn sie nicht eben Wunderkinder wären“ (NZfM 1857 II, S. 73), keine Zweifel gegeben zu haben. Die Kinder bedienten sich dabei insbesondere typischer Geigenreißer oft mäßigen inhaltlichen Anspruchs, etwa den Variationen über Ach Du lieber AugustinCarnaval de Venise oder Yankee Doodle. Hinzu kamen Opernparaphrasen wie Souvenir de Bellini sowie ähnliche, bisweilen auch anspruchsvollere Musik von zeitgenössischen Violinkomponisten (etwa Mayseder, de Bériot, David, Ridley Kohne u. a.).

Eine Rolle spielte bei der Wahrnehmung offenbar ein zur Schau gestelltes inneres Familienleben: „Wie musikalisch sicher sich die Geschwister eingelebt haben, beweist der Umstand, daß in den rapidesten Gängen, wie in den freiesten Cadenzen, vollkommenste Einheit herrscht; begreiflich nur dem, der das innere musikalische Leben der Familie selbst kennt“ (NZfM 1858 II, S. 102). Dennoch bemühten sich Kritiker gelegentlich um Einzelbewertungen der Kinder. Laut „Süddeutscher Musik-Zeitung“, welche Friedrich und Victor Raczek jeweils als ausgesprochen begabt charakterisiert, stand Sophie „was Technik betrifft, ihren Brüdern nicht nach, wenn auch bei ihr so auffallende Belege grossen Talentes nicht hervortreten“ (Süddeutsche Musik-Zeitung 1856, S. 210). Die „Kronstädter Zeitung“ urteilt: „Will man übrigens jedes dieser Kinder einzeln charakterisiren, so hat der Aelteste, Friedrich die meiste Eleganz; Sofie, die meiste Grandezza; und Viktor den meisten musikalischen Ernst“ (Kronstädter Zeitung 16. Aug. 1855). Als Friedrich und Sophie Raczek 1865 nochmals in Wien auftraten, wirkt die Zuordnung in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ wie eine praktische Anwendung der zeittypischen Geschlechtercharakterisierung auf die beiden nun nicht mehr im Kindesalter befindlichen Geschwister: „Das Mädchen fühlt tiefer und wärmer. Der Knabe zeigt scharf unterscheidenden Ernst, plastische Ruhe, überhaupt Anlage zu reiferem Bewußtsein“ (NZfM 1865, S. 313).

 

LITERATUR

Almanach für Freunde der Schauspielkunst 1853, S. 68

Blätter für Musik, Theater und Kunst [Wien] 1855, S. 7, 36; 1857, S. 358; 1865, S. 24

Bock 1855, S. 30, 86f.; 1856, S. 374; 1857, S. 62, 99, 165, 198, 237, 277, 285, 365; 1865, S. 22

Bremer Sonntagsblatt des Künstlervereins 1857, S. 104

Deutsche Allgemeine Zeitung [Leipzig] 11. Dez. 1856

Deutscher Bühnen-Almanach 1858, S. 62, 189

Der Humorist [Wien] 1853, S. 88, 176; 1855, S. 55, 68, 248, 431; 1856, S. 1259

Das Inland. Eine Wochenschrift für Liv-, Est- und Kurland’s Geschichte, Geographie, Statistik und Literatur 1858, Sp. 163–165

Kronstädter Zeitung 1855, 4., 11., 14., 16., 27. Aug.; 1856, 8. März

Monatsschrift für Theater und Musik [Wien] 1855, S. 58, 67

Neue Freie Presse [Wien] 31. Jan. 1865

Niederrheinische Musik-Zeitung 1857, S. 263

NZfM 1856 II, S. 273f.; 1857 I, S. 34, 43, 99, 140, 270; 1857 II, S. 73, 75, 138, 171, 204; 1858 I, S. 29, 46, 111; 1858 II, S. 102; 1865, S. 305, 313; 1866, S. 134

Die Presse [Wien] 1853, 30. Nov.; 1855, 18. Jan.

Rheinische Musik-Zeitung 1852/53, S. 984

Siebenbürger Bote [Hermannstadt] 1855, 14. Juli, 3. Aug.

Signale 1866, S. 359

Süddeutsche Musik-Zeitung 1856, S. 210; 1857, S. 92, 140, 184, 198

Wiener Zeitung 1855, 19. Jan.; 1856, 9. März; 1863, 4. Okt.; 1866, 10. Aug.

Wurzbach

Carl Friedrich Pohl, Die Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates und ihr Conservatorium, Wien 1871.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

 

Volker Timmermann

 

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