Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Bauer-Lechner, Natalie, geb. Lechner

* 9. Mai 1858 in Wien, † 8. Juni 1921 ebd., Geigerin, Bratscherin und Violinlehrerin. Sie war die Tochter des Wiener Universitätsbuchhalters und Verlegers Rudolf Lechner (1822–1895) und dessen Frau Julia geb. Winiwarter (1831–1905). Sie war das älteste von fünf Geschwistern. Im Elternhaus wurde regelmäßig musiziert, das Mädchen erhielt ab dem fünften Lebensjahr Geigenunterricht.

Von 1866 bis 1872 studierte Natalie Lechner am Wiener Konservatorium im Hauptfach Violine und im Nebenfach Klavier. Sie nahm hier, gemeinsam mit ihrer Schwester Ellen, an den Orchesterübungen des damaligen Leiters des Konservatoriums, Joseph Hellmesberger (d. Ä., 1828–1893), teil.  In einem Nachruf heißt es später: „Sie war Musikerin, aus der Geigenschule des Wiener Konservatoriums hervorgegangen, eignete sich dann, wenn auch indirekt, die Schule Joachims an“ (Nachruf von Maria Komorn-Rebhahn, Der Merker 1918, S. 325). Vermutlich wird damit, neben der Hervorhebung der Bedeutung Joachims, auf das Zusammenspiel mit Marie Soldat-Roeger, einer seiner Schülerinnen, angespielt.

Am 27. Dez. 1875 fand die von den Eltern arrangierte Hochzeit mit Alexander Emil Bauer (1836–1921) statt. Der verwitwete Hofrat brachte drei minderjährige Töchter von elf, acht und einem Jahr mit in die Ehe. Beruflich war er als Professor an der Technischen Hochschule Wien tätig. Die Ehe wurde am 19. Juni 1885 in beiderseitigem Einverständnis geschieden. Von 1895 bis 1913 war Natalie Bauer-Lechner als Bratscherin im berühmten Frauen-Streichquartett von Marie Soldat-Roeger. Neben Soldat-Roeger (1. Violine) spielten hier die Geigerin Ella Finger-Bailetti und die Cellistin Lucy Campbell, bzw.  ab 1903 Leontine Gärtner. Sein Debütkonzert gab das Quartett am 11. März 1895 mit einem Konzert im Wiener Bösendorfersaal. Innerhalb weniger Jahre erreichte das Ensemble einen großen Bekanntheitsgrad. Dies war sicherlich der Tatsache zu verdanken, dass es sich um ein reines Frauenquartett handelte. Doch lässt sich  den Rezensionen über das Ensemble entnehmen, dass dieses auf hohem  professionellen Niveau spielte.

 

Photographie 1895.

 

Anlässlich des ersten Auftritts in Berlin bemängelt der Rezensent der NZfM, das Zusammenspiel sei „besonders in der Intonation nicht ganz tadellos“, der Ton ist ihm zu wenig „poetisch, verklärt, genug, es klingt Alles noch zu ungehobelt, zu kratzig“ (NZfM 1897, S. 76). In demselben Jahr erfährt aber auch „Frau Lechner-Bauer am Bratschenpult“ eine besondere Würdigung für ihren „wundervoll weichen und vollen Ton“ (Die Redenden Künste1896/1897, S. 591). Zwei Jahre später bereits spricht die NZfM von dem „vortheilhaft bekannten Soldat-Röger-Damen-Streichquartett“ ( NZfM 1899, S. 377).

Die Konzerte in Wien wurden zu einer regelmäßigen Einrichtung. Konzertreisen führten das Quartett nach Italien (Nizza 1900) und England (1903, 1906). Wenn auch Marie Soldat-Roeger und die Cellistin Lucy Herbert Campbell insofern die wichtigsten Mitglieder des Quartettes waren, als sie immer wieder häufig solistisch auftraten, so waren doch die Taktsicherheit und die Tonqualität Stärken, die immer wieder an der Bratscherin gelobt wurden (vgl. Kühnen, S. 64).

 

Ca. 1903, Photographie von Anton Huber, Wien.

 

Das Programm setzte sich anfänglich hauptsächlich aus Klassikern zusammen. Zum Eröffnungskonzert erklangen Haydns Streichquartett C-Dur op. 74 Nr. 1 und Mendelssohns Streichquartett Es-Dur op. 44. Weiterhin zählten regelmäßig Werke von Mozart, Brahms, Schubert, Tschaikowsky u. a. zum Repertoire. Durch die Mitwirkung von anderen Künstlern wurden die Programme immer wieder erweitert, sodass auch Werke in anderen und auch größeren Besetzungen zur Aufführung kommen konnten. Solistisch trat Natalie Bauer-Lechner weitaus seltener auf. Bekannt ist ein Violaabend in der Reihe der Konzerte der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien am 14. Dez. 1909.

Bereits am Konservatorium hatte die Musikerin die Bekanntschaft Gustav Mahlers gemacht. Von 1890 bis zu dessen Verlobung mit Alma Schindler verband die beiden ein enges Verhältnis. Natalie Bauer-Lechner begleitete den Komponisten auf dessen Reisen, assistierte bei Proben und war ihm eine professionelle Gesprächspartnerin. Spätestens die Veröffentlichung der sogenannten Mahleriana machte die Musikerin auch als Schriftstellerin bekannt. Der zunächst ausschnittsweise anonym publizierte Text basiert auf einem nicht mehr erhaltenen Tagebuch der Jahre 1890 bis 1912 und spielt in der Mahler-Forschung eine bedeutende Rolle.

Ihre weiteren Schriften zeigen Natalie Bauer-Lechner als eine vielseitig interessierte und engagierte Frau. Im Jahr 1907 erschien ihre Schrift Fragmente. Gelerntes und Gelebtes. 1918 engagierte sie sich gegen den Krieg und veröffentlichte eine Schrift über den Krieg. Außerdem erschienen eine Reihe feministischer Artikel. Ihre Erinnerungen an Gustav Mahler wurden 1923 vom Ehemann ihrer Nichte herausgegeben.

 

Photographie 24. Nov. 1919.

 

 

SCHRIFTEN

Mahleriana, s.l., s.d.

Fragmente. Gelerntes und Gelebtes, Wien 1907.

Erinnerungen an Gustav Mahler, Leipzig 1923.

 

LITERATUR

Der Klavier-Lehrer 1897, S. 78

Der Merker 1909, Bd. 1, Nr. 1, S. III; 1910, Bd. 1, Nr. 2, S. III; 1911, Bd. 2, Nr. 5, S. III; 1913, Bd. 4, Nr. 1, S. 196; 1918, Bd. 9, Nr. 2, S. 441–442; 1921, Bd. 12, Nr. 1, S. 17; 1921, Bd. 12, Nr. 3, S. 325–327

MusT 1903, S. 188; 1906, S. 262

NZfM 1897, S. 76; 1899, S. 377; 1900, S. 109

Die Redenden Künste. Leipziger Konzertsaal 1896/97, S. 591

Signale 1895, S. 153, 421

Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft 1899/1900, S. 233

MGG 1, Art. „Wien“

Herbert Killian, Gustav Mahler in den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner, Hamburg 1984.

Barbara Kühnen, „Marie Soldat-Roeger (18631955)“, in:  Die Geige war ihr Leben. Drei Geigerinnen im Portrait (= Frauentöne 4)hrsg. von Kay Dreyfus, Margarethe Engelhardt-Krajanek u. Barbara Kühnen, Strasshof 2000, S. 13–98.

Martina Bick, „Natalie Bauer-Lechner“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=lech1858, Zugriff am 2. Apr. 2013.

Andreas Michalek, „...schreiben Sie Mahler keine dummen Briefe..." Gustav Mahler und Rosa Papier, Wien 2014.

Film

Meine Zeit wird kommen - Gustav Mahler in den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner, Dokumentarfilm ORF 2010, http://www.youtube.com/watch?v=lgeAHeYevOg, Zugriff am 2. Apr. 2013.

Bildnachweis

Bilder aus dem Familien-Album Hinterberger, http://www.raschberg.com/de/album.html, Zugriff am 17. Mai 2013; mit freundlichem Dank an Johannes Hinterberger.

 

Claudia Schweitzer

 

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