Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

EichenwaldEichenwald-Papendiek, Papendick-Eichenwald, Ida Iwanowna Ivanovna

Transliteration: Ėjhenval’d(-Papendik), Ida Ivanovna

* 1842 vermutlich bei Tilsit, † 1917 (Ort unbekannt), Harfenistin, Harfenlehrerin. Die Schwester des Pianisten und Klavierlehrers Gustav Adolph Papendick (1839–1908) wurde in Berlin vom Harfenvirtuosen Ludwig Konstantin Grimm (1821–1882) ausgebildet und konzertierte seit ihrer Kindheit. Sie erinnerte sich: „Mein erstes Konzert gab ich in Berlin mit 11 Jahren. Danach war ich fünf Jahre unterwegs mit Konzerten“ (Brief an Nikolai Kaschkin, zit. nach Lomtev/Sinzig 2002, S. 38). 1854 bemerkte der Rezensent der „Neuen Berliner Musikzeitung“: „Auch die kleine Harfenspielerin Ida Papendik hat auf der Harfe bemerkenswerthe Fortschritte gemacht. Dem Vernehmen nach beabsichtigt der Vater der talentvollen Kinder nach Amerika überzusiedeln“ (Bock 1854, S. 403). Dazu kam es jedoch nicht. Denn im Rahmen einer erfolgreichen Tournee mit ihrem Bruder besuchte die 14-Jährige auch Weimar, wo Franz Liszt ihr eine Empfehlung für St. Petersburg ausstellte (NZM 1856 II, S. 71). Dieser Empfehlung folgte die Künstlerin vier Jahre später, nachdem sie zunächst noch die ausgedehnte Tournee mit ihrem Bruder abgeschlossen hatte. Dabei wurde das Duo in Danzig „vom entzückten Publikum mit Beifall überhäuft“ (Bock 1856, S. 367f.). 1860 hieß es: „Ihr Ton ist nicht bedeutend, [...] die Technik zwar rapide, jedoch nicht immer unfehlbar, aber Alles in Allem ist ihr Spiel von einschmeichelnder Poesie, so dass man ihr gern und theilnehmend folgt“ (Bock 1860, S. 86). Und 1861 bestätigte man ihr in derselben Zeitschrift: „Sie behandelt die Harfe mit solidester Virtuosität, aber dabei mit einer Poesie, welche die schönen Eigenthümlichkeiten dieses Instruments rein und duftig zum Bewusstsein bringt“ (Bock 1861, S. 53). 1861 wurde die in Russland unter ihrem Ehenamen Eichenwald bekannte Harfenistin nach erfolgreichen Petersburger Konzertauftritten Mitglied zunächst des Petersburger Marientheaters, zwischen 1864 und 1901 dann Soloharfenistin des Moskauer Bolschoi-Theaters. Von 1875 bis 1906 hatte sie eine Professur am Moskauer Konservatorium inne; zu ihren Schülern zählten Natalja Sokolowskaja, Klementina Baklanowa, M. Tarasowa, N. Anisimowa und W. Lukin.

Als Mitglied des Kreises deutschstämmiger Musiker, die das Konzertleben der alten Zarenstadt wesentlich mitprägten, war „unsere famose Harfenistin“ (Signale 1883, S. 519) Ida Eichenwald gut bekannt mit den bedeutendsten Künstlern ihrer Zeit; auch Peter Tschaikowsky erwähnt sie in seinen Tagebüchern. Anlässlich ihrer Aufführung des Harfenkonzerts op. 42 des Harfenisten und Komponisten Elias Parish-Alvars im achten Konzert der Russischen Musikgesellschaft in Moskau kommentiert der Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“: „Frau E.-Papendiek, Lehrerin am Conservatorium sowie Solistin des k. Hoftheaters, ist eine so vorzügliche Harfenvirtuosin, wie man sie selten findet. Daher war der ihrer Aufgabe gezollte ungewöhnliche Beifall selbstverständlich“ (NZfM 1876, S. 214). Auch außerhalb ihrer neuen Heimat fand ihr Spiel regelmäßig große Zustimmung. Über einen Auftritt in Berlin heißt es: „Sie steht schon seit langer Zeit [...] in dem Ruf einer ausgezeichneten Harfenistin, die die außerordentlichsten Schwierigkeiten mühelos und mit seltener Sicherheit ausführt und in ihrem Vortrag große musikalische Intelligenz mit feinem Geschmack vereint. Zu bedauern bleibt so glänzenden Eigenschaften gegenüber nur Eins: die trostlose Beschaffenheit der Harfenliteratur im Allgemeinen. [...] Parish-Alvars und wieder Parish-Alvars sammt dem unvermeidlichen ‚Sylphentanz‘ von Godefroid mußte man heute wohl oder übel, in Ermangelung eines Besseren, mit stiller Resignation über sich ergehen lassen. Compositionen dieser Gattung können eben nur durch die glänzendste Wiedergabe einigermaßen genießbar gemacht werden, wie es an diesem Abend der Fall war, wo das Publicum sogar in enthusiastischer Stimmung den Saal verließ“ (Signale 1881, S. 537).

Am 6. Nov. 1895 feierte Ida Eichenwald ihr vierzigjähriges Künstlerjubiläum mit einem Konzert in Moskau und gab am 15. Okt. 1896 im Saal der Moskauer Adelsgesellschaft ihr Abschiedskonzert als Solistin. Aus diesem Anlass präsentierte sie ihre Tochter und Schülerin, die Harfenistin Nadeshda (Nedda) Eichenwald, zum ersten Mal der musikalischen Öffentlichkeit. Als Harfenistin scheint sich Nadeshda Eichenwald jedoch nicht durchgesetzt zu haben; sie wurde später, dem Vorbild ihrer Schwester Margarita Alexandrowna Eichenwald (verheiratete Treswinskaja, 1866–1948?) folgend, Sängerin. Ida Eichenwald hatte außerdem einen Sohn, den Komponisten und Dirigenten Anton Alexandrowitsch Eichenwald (1875–1952).

Da sich das Harfenspiel Ida Eichenwalds durch eine „ausgezeichnete Technik, verbunden mit einem äußerst schönen vollen Ton und einer eleganten Phrasierung“ (Dulova 1975, S. 102, zit. nach Lomtev/Sinzig 2002, S. 37), auszeichnete und Rezensenten ihr bescheinigten, „die besonders durch Parish-Alvars geschaffene moderne Technik ihres Instruments nach jeder Richtung hin vollkommen“ zu beherrschen und durch ihren geschmackvollen Vortrag die Mängel des Instruments vergessen zu lassen (Bock 1881, S. 132f.), erscheint es nur folgerichtig, dass auch das erhaltene Lehrprogramm für ihre Harfenklassen am Moskauer Konservatorium großen Wert auf eine geläufige Technik legt. Eichenwald folgt dabei der Unterrichtsliteratur von Karl Oberthür und Nicolas Ch. Bochsa mit dem Ziel, ihren Schülerinnen und Schülern ein solides Fundament für das Spiel im Opern- und im Sinfonieorchester zu vermitteln.

 

LITERATUR

Bock 1854, S. 403; 1855, S. 13; 1855, S. 19; 1856, S. 115; 1856, S. 367f., 1860, S. 86; 1861, S. 53; 1876, S. 269; 1876, S. 277; 1881, S. 132f.

NZfM 1856 II, S. 71; 1860 II, S. 51; 1872, S. 246; 1874, S. 451; 1876, S. 173, 214; 1876, S. 235; 1881, S. 192; 1882, S. 106

Signale 1870, S. 393; 1876, S. 278; 1876, S. 374; 1876, S. 422; 1880, S. 461; 1880, S. 598; 1881, S. 537; 1883, S. 429, S. 519 f.; 1895, S. 888, S. 980

Mendel

V. Dulova, Iskusstvo igry na arfe [Die Kunst des Harfenspiels], Moskau 1975.

Peter Tschaikowsky, Die Tagbücher, hrsg. von Ernst Kuhn, Berlin 1992.

Ernst Stöckl, Musikgeschichte der Rußlanddeutschen, Dülmen 1993.

Denis Lomtev, An der Quelle. Deutsche Musiker in Russland. Zur Entstehungsgeschichte der russischen Konservatorien, Lage-Hörste 2002.

Denis Lomtev, Deutsche Musiker in Russland. Zur Geschichte der Entstehung der russischen Konservatorien, Sinzig 2002.

Denis Lomtev u. Klaus-Peter Koch, Deutsches Musiktheater in Russland, Lage-Hörste 2003.

Klaus-Peter Koch, Deutsche Musiker in Sankt Petersburg und Moskau, in: Musik und Migration in Ostmitteleuropa, hrsg. von Heike Müns, München 2005, S. 339–406.

 

Bildnachweis

Lomtev, Sinzig 2002, S. 37.

 

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