Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Pott, Aloise, Aloisia, Aloyse, Alouise, geb. Winkler von Forazest, Foracest

* 23. Apr. 1815 in Wien, † 15. Mai 1882 in Graz, Pianistin und Komponistin. Ihre musikalische Begabung wurde von den musikliebenden Eltern überdurchschnittlich stark gefördert: Schon als Kind erlernte sie das Klavierspiel bei Carl Czerny (1791–1857), erhielt Kompositionsunterricht bei Adalbert Gyrowetz (1763–1850) und anschließend bei dem Violoncellisten und Beethoven-Freund Joseph Linke. Zeitgenossen rühmten neben der Bravour ihres Musizierens auch die „Tiefe und Gewandtheit im Vortrage“ (Schilling, Das musikalische Europa, S. 273). Ihre Spezialität war das Beethovensche Œuvre, welches sie mit besonderer Exzellenz zu interpretieren wusste und welches „man in solcher geistigen und technischen Vollendung nur höchst selten hört“ (Schilling Supplement). Überliefert ist das Lob des Pianisten Adolf Henselt angesichts ihrer Interpretation von Beethovens Kreuzersonate (gemeinsam mit dem Geiger August Pott): „,Etwas Vollendeteres lässt sich nicht denken! [...] Bei einer Frau eine solche Kraft des Geistes, so wie eine solche physische Kraft, und verbunden mit einer solchen Zartheit‘ habe er nicht vermutet zu hören“ (Schilling Supplement, S. 347).

Der Respekt vor der Komponistin war nicht minder groß: „Sie besitzt ein reizendes Compositionstalent und tüchtige Kenntnisse, ja, sie schreibt sogar ihre Fuge“ (ebd.). Darüber hinaus erwähnen die zeitgenössischen Lexika Klaviermusik, Lieder, eine Messe und drei Streichquartette – „lauter Werke, die wahrhaft musicalischen Werth haben“ (Schilling, Das musikalische Europa, S. 273). Keines davon ist im Druck erschienen. Im Nachlass einer Ururenkelin, deren Vorfahren Anfang des 20. Jahrhunderts nach England übersiedelten, hat sich ein Impromptu für Klavier erhalten, das ebenso kraftvoll wie elegant ist. Seine pianistische Brillanz und musikalische Geschmeidigkeit legen nahe, dass der Respekt, den die Zeitgenossen der Komponistin und Interpretin Aloise Pott zollten, gerechtfertigt scheint.

Am 24. Jan. 1837 heiratete die Künstlerin den bekannten Violinvirtuosen und Louis-Spohr-Schüler August Pott (1806–1883) und zog mit ihm in die Residenzstadt Oldenburg. Dort hatte Pott bereits 1832 eine Hofkapelle gegründet, die rasch einen ausgezeichneten Ruf erwarb und auch dem lokalen bürgerlichen Konzertleben maßgebliche Impulse verlieh. Als ebenbürtige Duopartnerin ihres Mannes geschätzt, trat Aloise Pott überwiegend in Wohltätigkeitsveranstaltungen an die Öffentlichkeit (z. B. Wien 1833) und musizierte solistisch und gemeinsam mit ihrem Gatten auf dessen Konzertreisen an den Höfen Kopenhagens, Stockholms, Dessaus und Weimars sowie öffentlich 1844 in London, 1848 in Oldenburg und 1858 in Amsterdam.

Als im Dez. 1860 dem Pensionierungsgesuch ihres – künstlerisch respektierten, persönlich oft umstrittenen – Mannes stattgegeben wurde, zog die Familie Pott nach Österreich und ließ sich schließlich in Graz nieder. Das Ehepaar hatte fünf Söhne und zwei Töchter.

 

 

LITERATUR

Familienarchiv Anne Litten, Suffolk.

Staatsarchiv Oldenburg, AKZ.312, Nr. 23.

Schilling, Gaßner, Schla/Bern, Wurzbach, Paul, Fétis, MGG 1, New Grove 1, Cohen, MGG 2000, New Grove 2001, OeML

Gustav Schilling (Hrsg.), Das Musikalische Europa, oder Sammlung von durchgehends authentischen Lebens-Nachrichten über jetzt in Europa lebende ausgezeichnete Tonkünstler, Musikgelehrte, Componisten, Virtuosen, Sänger & c. & c. In alphabetischer Ordnung, Speyer 1842.

Gustav Klemm, Die Frauen. Culturgeschichtliche Schilderungen des Zustandes und Einflusses der Frauen in den verschiedenen Zonen und Zeitaltern, 6 Bde., Bd. 5, Dresden 1859.

Georg Linnemann, Musikgeschichte der Stadt Oldenburg, Oldenburg 1956.

Genealogisches Handbuch des Adels, Limburg an der Lahn 2002.

Kadja Grönke, „August Pott (1806–1883) und die großherzogliche Hofkapelle in Oldenburg“, in: Oldenburger Jahrbuch 108 (2008), S. 95–115.

 

Bildnachweis

Grönke 2008, S. 97

 

Markus Gärtner/Kadja Grönke

 

© 2010 & 2015 Freia Hoffmann