Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

LieLiéLee, Erika, ErikkaErica, verh. Nissen, Nissen LieLie Nissen,Nissen-LieLie-Nissen 

17. Jan. 1845 in Kongsvinger, † 24. Okt. 1903 in Christiania (heute Oslo), Pianistin. Ihre Eltern waren der Jurist Michael Strøm Lie und seine Frau Ingeborg Birgitte Røring Møinichen. Bis zu Erikas 15. Lebensjahr erhielt diese allein von Familienmitgliedern musikalischen Anfangsunterricht, was später dazu führte, dass der „Musical Standard“ sie als „only an amateur“ (Musical Standard 1873 I, S. 57) bezeichnete. Um 1850 zog die Familie nach Christiania, wo die jugendliche Pianistin ein Jahr lang von Halfdan Kjerulf (1815–1868) ausgebildet wurde. Die Zeitung „Verdens Gang“ berichtet, sie habe zu dieser Zeit ihren ersten öffentlichen Auftritt in einem Konzert des Geigers Ole Bull absolviert (Verdens Gang, 17. Aug. 1884). Ab 1861 studierte sie zusammen mit ihrer Schwester Ida bei Theodor Kullak (1818–1882) an dessen „Neuer Akademie der Tonkunst“ in Berlin, wo sie nach Meinung der „Neuen Berliner Musikzeitung“ einen „keineswegs weiblichen, doch reizend innigen Anschlag“ (Bock 1864, S. 83) lernte. Hier entwickelte die Pianistin auch ihre Vorliebe für die Klavierkonzerte von Frédéric Chopin, die sie in den Akademiekonzerten mehrfach spielte und für deren Vortrag, welcher „sich namentlich durch die höchste Zartheit und Sauberkeit der Passagen auszeichnete“ (Bock 1865, S. 108), sie von der musikalischen Presse gelobt wurde. Als fortgeschrittene Schülerin gab sie selbst an Kullaks Akademie Klavierunterricht. 1866 schloss Erika Lie ihr Studium ab und gab, da sie nach Norwegen zurückzukehren gedachte, auf Anraten ihres Lehrers ein Abschiedskonzert in Berlin. Die „Signale für die musikalische Welt“ lobten: Zur „künstlerischen Mitgift der Spielerin gehören namentlich eine sorgfältige, den feinsten Contouren der Aufgabe sich anschmiegende Behandlung des Tons, musterhafte Klarheit und Sauberkeit der Figuration, endlich eine bis ins kleinste Theil durchsichtige Gliederung des Vortrags“ (Signale 1866, S. 421). Die „Allgemeine musikalische Zeitung erkannte zudem eine „ungemein saubere Technik und feinfühlige Nüancierung (AmZ 1866, S. 170).

 

Lithographie von Hans Christian Olsen, ca. 1884.

 

Im Jan. 1868 gab Erika Lie ein Konzert in Kopenhagen, „das sehr stark besucht war, fast alle Billets waren verkauft. Die junge Dame zeigte diesen Abend wiederum, daß sie großes Talent und außerordentliche Fertigkeit hat. Namentlich spielte sie das Concert für Piano No. 1 in Bmoll [recte: e-Moll] von Chopin und die von Weber componirte und von Liszt instrumentirte Polonaise, die in ihrem vorigen Concert am meisten gefiel, ausgezeichnet. Weniger ansprechend war die Rhapsodie über ungarische Nationaltänze von Liszt (Signale 1868, S. 134). Im Sommer 1869 gab die Pianistin erstmals eine – wenig besuchte – Matinee in den Londoner Hanover Square Rooms. Die englische Presse reagierte dennoch freundlich: „The lady played Beethoven’s trio in B flat major, with Herr [Ludwig] Straus and Signor [Alfredo] Piatti in a spirited manner. She also played Chopin’s Ballade in F major, giving evidence of versatility of style, delicacy of touch, and correctness of execution (MusW 1869, S. 462). Ein Jahr später war die Künstlerin wieder in Dänemark und vertrat kurzzeitig die Professur des Pianisten August Hendrik Windings (1835–1899) am Kopenhagener Konservatorium.

1871/72 unternahm Erika Lie eine Tournee durch Deutschland, die sie von Leipzig aus nach Hamburg, Frankfurt a. M., Schwerin und Braunschweig führte. Am 14. Dez. 1871 trat sie erstmals bei den Leipziger Gewandhauskonzerten auf. Der Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“, der die Künstlerin noch nicht kannte und auch über ihre Ausbildung im Dunkeln tappte, attestierte dennoch sogleich „Elasticität, Feinheit des Anschlags, schönen, glockenartigen Ton sowie Kraft und Fülle“, die Erika Lie „je nach der darzustellenden Situation zu entfalten (NZfM 1871, S. 494) wusste. Geradezu begeisterte Vokabeln fand der „Musical Standard“ und beschreibt Erika Lie als „Scandinavian meteor“ und eine „rapidly gaining European celebrity“, die – gerade in Bezug auf Chopin – „may be considered without a rival of her own sex, and with few superiors amongst those of the opposite sex, for the sentiment, grace and genius she displays is not to be surpassed; and her touch, execution and technical proficiency leave nothing but praise to be offered (Musical Standard 1872 I, S. 28f.). Am 20. Jan. 1872 wirkte die Pianistin an einer Kammermusik-Soiree im Gewandhaus mit. Dabei gefiel der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ besonders ihr Duo zusammen mit Carl Reinecke. Sie spielten eine vierhändige Mozart-Sonate, und Erika Lie habe diese „sehr exact und mit feinem Verständnisse ausgeführt. Weniger gut fand sich Fräul. Lie mit dem Clavierpart des grossen Trios für Pianoforte, Violine und Violoncell (Op. 97) von Beethoven ab; dieser grosse Meister verlangt ein viel tieferes Eingehen in seine Werke, als es die sonst sehr anerkennenswerthe Pianistin zu vermögen scheint (AmZ 1872, Sp. 100). Die „Neue Zeitschrift für Musik“ indes hält fest, die Künstlerin beweise auch dieses Mal, „daß sie fühlt was sie spielt, daß ihr sozusagen jeder Ton aus dem Herzen strömt und folglich auch alle Herzen sympathisch berührt (NZfM 1872, S. 52). In Hamburg spielte sie im siebten Philharmonischen Konzert am 16. Febr. Chopins zweites Klavierkonzert op. 21 sowie die Variations sérieuses op. 54 von Mendelssohn. Die „Signale“ berichten: „Hervorragend in jeder Beziehung sind die pianistischen Leistungen des Fräulein Erika Lie aus Stockholm zu nennen, die namentlich Chopin’s Fmoll-Concert mit außerordentlicher Bravour, untadelhafter Technik und durchgeistigtem Ausdruck spielte. Die Variations sérieuses von Mendelssohn büßten an Wirkung durch ein übertrieben schnelles Tempo ein (Signale 1872, S. 228). Die „Neue Zeitschrift für Musik“ führt weiter aus: Viel besser gefiel die Pianistin Frl. Erika Lie aus Stockholm; schon die ersten Tacte des Chopin’schen Concertes liessen voraussehen, dass man es hier mit einer hervorragenden Kraft zu thun habe. Und in der That besitzt Frl. Lie nicht nur eine ganz brillante Technik, sondern auch unzweifelhafte geistige und musikalische Begabung. Ihr Anschlag ist ungemein elastisch, stets klangschön und bei vieler Kraft doch niemals hart; damit verbindet sie eine erstaunliche Gewandtheit auch im complicirtesten Passagenwerke, welches stets anstrengungslos, mit Eleganz und im leichtesten Wurfe herauskommt, während überall, auch in vielstimmigen Partien, die gleiche tadellose Sauberkeit und Klarheit sowie eine außerordentliche rhythmische Schärfe und Bestimmtheit herrschen. Aller Vortragsnüancen weiß sich Frl. L. mit Verständniß, Anmuth und Geschmack zu bedienen. Chopin’s Individualität scheint ihrer Natur besonders zu entsprechen, daher konnte es kaum überraschen, daß sie dieselbe Richtung des Vortrages auch in den Mendelssohn’schen Variationen verfolgte, wiewohl diese eine wesentlich andere Auffassung erfordern. Auch diese Variationen gab Frl. Lie technisch ebenso vollkommen und ebenso sorgsam und fein durchgebildet im ganzen Detail; jedoch ging sie hierin für den Charakter des Werkes etwas zu weit (NZfM 1872, S. 133). Ihr Konzert in Schwerin beeindruckte offenbar den Korrespondenten der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“; jedenfalls ließ er es sich nicht nehmen, auf „diese bedeutende Künstlerin ganz besonders aufmerksam“ (AmZ 1872, Sp. 787) zu machen. In Braunschweig, wo die Pianistin im Dez. konzertierte, fiel besonders ihr kräftiger Anschlag positiv auf. „Hätten wir die Pianistin Erika Lie nur gehört und nicht auch gesehen, ihr Spiel würde uns wohl kaum verrathen haben, dass sie eine Dame sei, so energisch und charaktervoll fasste sie Alles an. Allerdings kam auch die zarte Seite des Vortrages zu ihrem Rechte, und besonders das Adagio des Chopin’schen F-moll-Concertes wurde mit unendlicher Grazie und Feinheit hingehaucht, aber der Grundzug ihres Spiels war doch das sichere kräftige Erfassen des musikalischen Inhalts und diese Bemerkung drängte sich um so mehr auf, als die letzten Künstlerinnen, die wir am Piano hörten, Fräulein [Anna] Essipoff, Frau → [Sara] Heinze und Fräulein [Emma] Brandes, sich eher der entgegengesetzten Seite zuneigten (Bock 1872, S. 398). Im Dez. 1872 kehrte Erika Lie nach Leipzig zurück und wirkte am 14. des Monats im zehnten Gewandhauskonzert mit. Sie spielte Beethovens 4. Klavierkonzert op. 58, und dieses Mal war die Künstlerin auch der „Neuen Zeitschrift für Musik“ bekannt: „Sie wieder zu begrüßen in ungleich entwickelterer künstlerischer Reife war uns ein werthvolles Ereigniß. Worin der Zauber ihres Spieles beruht, ist schwer zu beschreiben. Die durchweg abgerundete Technik, die Zartheit und Kraft des Anschlags, die sinnige Auffassungsweise etc. zeichnen sie nicht allein vor Vielen aus; vielmehr ist es die Poesie echtester Weiblichkeit, welche ihr Spiel durchweht, und sie drückt ihm den Stempel unnachahmlicher Eigenart auf (NZfM 1873, S. 11).

Am 14. Apr. 1874 heiratete Erika Lie den Mediziner und Physiker Oscar Egede Nissen. Das Ehepaar bekam 1878 eine Tochter, die nach der Mutter Erika genannt wurde. Der Sohn Karl kam ein Jahr später zur Welt. Die Ehe hielt bis 1895. Ihre Konzerttätigkeit führte Erika Lie fort, trat teils unter den ihrem Geburtsnamen, teils unter dem Doppelnamen Lie Nissen oder Nissen Lie (mit und ohne Bindestrich) auf.

Im Jahr 1877 tourte sie wieder durch Deutschland und trat im Jan. ein weiteres Mal bei den Gewandhauskonzerten in Leipzig auf, diesmal mit dem 5. Klavierkonzert Beethovens. Die „Signale“ waren mit der Interpretation unzufrieden und wandten in bekannter Diktion ein, dass Erika Nissen „in dem Beethoven’schen Concerte hin und wieder die nötige physische und psychische Wucht vermissen ließ (wie denn überhaupt dieses Concert wohl nur äußerst selten von weiblicher Seite seine vollständige Bemeisterung finden dürfte) (Signale 1877, S. 65). Die Tournee führte weiter nach Bremen, wo die Pianistin „nach mehrjähriger Pause“ am 6. Febr. zu hören war; diesbezüglich bestätigen die „Signale“ eine offenbar schon vorher geäußerte Einschätzung: „In der That erschien das Spiel der Dame nicht nur von hoher technischer Vollendung, sondern enthält auch den seltenen Reiz wirklicher Anmuth, und einer hohen, durchgeistigten Wiedergabe des musikalischen Inhalts (Signale 1877, S. 309).

Danach werden Erika Nissens Auftritte sporadischer, da sie sich „as a concertpianist and teacher in Christiania (Baker 1919) niederließ. Indes zog es sie immer wieder nach Kopenhagen, wo sie 1891 konzertierte. In Berlin spielte sie am 18. Jan. 1889 Edvard Griegs Klavierkonzert unter der Leitung des befreundeten Komponisten (welcher ihr seine Suite Aus Holbergs Zeit op. 40 widmete). Die „Musikpädagogischen Blätter“ schwärmen, hier sei „alles erfreulich, das schöne, wirkungsvolle Werk, die ausgezeichnete Direction und die echt künstlerische, glänzende Wiedergabe der Frau Lie-Nissen. Eine hochbedeutende Künstlerin, die in ihrer Heimat auch als Lehrerin in höchstem Ansehen steht, trat uns gegenüber (Musikpädagogische Blätter 1889, S. 40). Seit den 1890er Jahren scheint Erika Nissen nicht mehr international präsent gewesen zu sein, sie wirkte jedoch weiterhin in den skandinavischen Ländern, wie eine Konzertanzeige für das Musikfest Bergen 1898 belegt (Fritzsch MW 1898, S. 349).

 

Erika Lie, Gemälde von Erik Werenskiold, ca. 1890.

 

LITERATUR

AmZ 1866, S. 170, 179; 1871, Sp. 781, 814; 1872, Sp. 100, 180, 324, 787; 1873, Sp. 205, 844; 1877, Sp. 46, 222, 253f.; 1881, Sp. 94

Bock 1864, S. 83; 1865, S. 108; 1866, S. 93, 133; 1868, S. 169; 1870, S. 39, 71; 1871, S. 407; 1872, S. 70, 71, 77, 110, 389, 397f.; 1886, S. 186

Dwight’s Journal of Music 1872, S. 175f.

Fritzsch MW 1889, S. 84; 1898, S. 349

Leipziger Illustrirte Zeitung 1. Juli 1882

The Monthly Musical Record 1872, S. 8, 37; 1873, S. 19, 160; 1877, S. 25; 1898, S. 170

Musical News 1891, S. 141

The Musical Standard 1872 I, S. 28f., 128, 167; 1873 I, S. 57; 1881 I, S. 366; 1897 II, S. 133f.

Musikpädagogische Blätter 1889, S. 40; 1891, S. 196

MusT 1907, S. 644

MusW 1869, S. 462; 1871, S. 834; 1872, S. 155; 1887, S. 811

NZfM 1862 I,  S. 106, 130; 1865, S. 33, 174, 226; 1866, S. 119, 142; 1868, S. 15, 66; 1870, S. 71; 1871, S. 484f., 494; 1872, S. 51f., 98, 112, 126, 126, 133, 146, 177, 427, 471, 515, 526, 527; 1873, S. 11, 15, 25, 207; 1874, S. 84, 108; 1877, S. 39, 52, 53, 72, 96, 455; 1878, S. 39; 1883, S. 559; 1884, S. 495; 1888, S. 313

Signale 1866, S. 421; 1867, S. 982; 1868, S. 134, 168f., 953; 1870, S. 270, 279; 1872, S. 35, 62, 73, 92, 100, 108, 125, 170, 218, 228, 234, 245, 267, 275, 294, 314, 452, 471, 699, 871, 872; 1873, S. 12, 20, 30, 61, 77, 93, 259; 1877, S. 85, 93, 101, 124, 236, 248, 266, 269, 309, 325, 357, 397, 421; 1878, S. 225; 1881, S. 246, 326; 1882, S. 292

Verdens Gang 17. Aug. 1884

Violin Times 1901, S. 100

Mendel, Altmann

Bakers Biographical Dictionary of Musicians, hrsg. von Alfred Remy, New York und Boston 1919.

Josef Sittard, Geschichte des Musik- und Concertwesens in Hamburg vom l4. Jahrhundert bis auf die Gegenwart, Altona und Leipzig 1890.

A. Ehrlich [d. i. Albert Payne], Berühmte Klavierspieler der Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1893.

 

Bildnachweis

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bd/Erika_Nissen.png, Zugriff am 25. März 2011.

http://no.wikipedia.org/wiki/Fil:Erik_Werenskiold_-_Erika_Nissen.jpg, Zugriff am 25. März 2011.

 

Markus Gärtner

 

© 2011 Freia Hoffmann